Ethische Facetten des Ambient Assisted Living (AAL)

Vor einem Jahr habe ich eine erste Anmerkung zum Ambient Assisted Living (AAL) – also unterstützende Assistenz-Techniken – in diesem Blog veröffentlicht. Drei Dimensionen erscheinen mir bei der Diskussion um AAL wichtig: die technische (was ist möglich?), die diakonische (was bedeutet dies für das diakonische Selbstverständnis?) und die ethische (was und wie ist es sinnvoll?).

Der Ethiker Ulrich H.J. Körtner (Universität Wien) widmet sich in einem Vortrag zu assistiver Technik eben dieser Dimension.

„Als allgemeiner ethischer Grundsatz lässt sich formulieren, dass der Einsatz assistiver Technologien in Medizin und Pflege stets patientenzentriert erfolgen soll. (…) Aus ethischer Perspektive stellt sich sodann die Frage, wie sich beim Einsatz assistiver Technologien die Prinzipien der Selbstbestimmung und der Fürsorglichkeit bzw. Selbstverantwortung und Fremdverantwortung ins rechte Verhältnis setzen lassen.“ (Körtner: Lebensräume und Lebensträume aus ethischer Perpsektive, Zeitschrift Diakonie & Spiritualität, Neuendettelsau, Ausgabe 2/2011, 15-18, S.17).

Körtner führt in dem Vortrag durch die verschiedenen ethischen Facetten des Ambient Assisted Living.  Ethische Überlegungen bleiben dabei nicht bei individualethischen Fragen stehen (Was muss bei nicht zustimmungsfähigen Personen beachtet werden? Wie geht man mit mangelnder Compliance um? etc.), auch sozialethische Aspekte kommen in den Blick. So zum Beispiel vor dem Hintergrund sozialer Gerechtigkeit: Wer soll den Einsatz von AAL-Technologie eigentlich zahlen? Sollen Prinzipien der Verteilungs- oder der Tauchgerechtigkeit bestimmend sein, sollen also Solidar- oder Marktmechanismen den Einsatz von AAL regeln?

Es gibt weitere ethische Überlegungen, die durchaus Sprengkraft haben: „Wie weit haben zum Beispiel Dritte oder die Gesellschaft bzw. die Solidargemeinschaft das Recht, vom Individuum ein bestimmtes Gesundheitsverhalten und einen bestimmten Lebensstil zu verlangen oder gar zu erzwingen?“ (S. 17). Auch grundsätzliche Fragen des Alters und Alterns werden durch AAL-Technologie noch einmal ganz neu gestellt.

Ein Kriterium für ethische Abwägungen leitet Körtner aus der Leiblichkeit des Menschen ab:

„Wo die Leiblichkeit des Menschen, sein Bedürfnis nach Körperkontakt und leibhaftiger Zuwendung missachtet wird, droht der mit assistiven Technologien ausgestattete Lebensraum zum Albtraum zu werden. Wo aber der Mensch in seiner Leiblichkeit, seiner Bedürftigkeit und Verletzlichkeit geachtet wird, können assistive Technologien einen Gewinn an Freiheit und Lebensqualität bringen“ (S. 18).

Körtner schließt mit der Mahnung:

„Assistive Technologien werden ihrem Namen nur dann gerecht, wenn sie eben tatsächlich nur als Unterstützung, nicht aber als Ersatz für menschlichen Zuwendung und Hilfeleistung gedacht sind, als Förderung eines selbstbestimmten Lebens, aber nicht als Verstärkung von Vereinzelung und Vereinsamung.“ (S.18).

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