ruhiger, tiefer, klarer

Welche Rolle können Kirche und Diakonie konkret vor Ort im Quartier bzw. ganz grundsätzlich in der Zivilgesellschaft spielen? Brigitte Reiser hat hierzu in einem Blogbeitrag aktuelle Literatur zusammengetragen.

In den dort verlinkten Texten entdecke ich zwei Tendenzen, die mir auch schon häufiger in der Debatte um Gemeinwesenorientierung und dem Verhältnis von Kirche/Zivilgesellschaft aufgefallen sind: die kirchlich-selbstreferentielle Behauptung, wie groß das Potenzial der Kirche sei und den Alarmismus, dass die Kirche jetzt ganz schnell Dieses oder Jenes zu tun habe, um nicht völlig von der Bildfläche zu verschwinden.

All dies führt bei mir immer mehr zu dem Eindruck, dass die Diskurse, ob und wie sich Kirche zivilgesellschaftlich ausrichten sollte, letztlich doch recht zäh sind. (Oder liege ich hier falsch?)

Drei Hinweise, wie man die Debatte angehen kann.

Vom Alarmismus zum Presencing

Sehr oft wird behauptet, wie wichtig eine Öffnung der Kirche zum Quartier/zum Gemeinwesen/zur Zivilgesellschaft sei – was ja durchaus richtig ist. Allerdings fällt mir dabei häufig ein alarmierenden und moralisierenden Unterton auf. Alarmismus („Schnell, schnell!“) und Moralismus („Die Kirche ist nicht mehr Kirche, wenn sie nicht…!“) sind in den meisten Fällen schlechte Ratgeber.

Wie kann es gelingen, etwas in Ruhe aber gleichzeitig mit Kraft und Commitment zu tun? Es gibt hier zwar kein Patentrezept, aber zumindest eine Herangehensweise, die ich für sehr vielversprechend halte. Es ist die Theorie U von C. Otto Scharmer. Man muss sich ein bisschen einfuchsen (ich gestehe, dass ich seine Ideen anfangs nicht so recht kapiert habe). Eine wirklich gute Einführung in die Theorie U, noch dazu mit Hinweisen zur kirchlichen Organisationsentwicklung, bietet Karl-Heinz Knöss in der Zeitschrift für Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung (Heft 14, 2014, S- 28-35).

Die Idee: Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen Veränderung stattfinden kann. Bei der gängigen Herangehensweise versucht man von der Herausfordeurng direkt zur Aktion zu kommmen. Doch umso tiefer man in den „U-Prozess“ eintaucht, umso gehaltvoller und nachhaltiger werden die Veränderungsprozesse. Auf der tiefsten Ebene liegt das Presencing – eine Verbindung aus presence (anwesend) und sensing (einfühlend). Das ist das Gegenteil von Aktionismus und gleichzeitig der Grund, aus dem heraus wirklich Neues entstehen kann. Gerade für den kirchlichen Kontext ist die Theorie U wirklich ein wunderbarer Ansatz!

Interessant finde ich auch, dass Scharmer die Ebene, auf dem das Presencing liegt, mit dem Willen in Verbindung bringt. Das führt mich direkt zum nächsten Punkt: dem Wollen.

Weniger Sollen und mehr Wollen

Kirchengemeinden sind verhältnismäßig autonom. Merkwürdigerweise nutzen viele Gemeinden kaum die Chance, selbst zu bestimmen, was sie machen wollen. Man will gar nichts, sondern macht das, was man immer schon gemacht hat. Die Haltung, etwas zu wollen ist in vielen Gemeindeleitungen eher schwach ausgeprägt – dabei werden gerade die Gemeinden, die etwas wollen, als attraktiv wahrgenommen.

Es gibt ein schönes Essay von Ella Luna zu den „Crossroads of Should & Must“: Es geht um den Unterschied zwischen den Dingen, die wir tun sollen und denen, die uns so wichtig sind, dass wir sie einfach tun müssen (Müssen wird hier als etwas Positives verstanden, das man von dem moralisch-appellativen Sollen unterscheiden muss. Ich würde an dieser Stelle daher Ella Lunas „Must“ lieber mit Wollen als mit Müssen übersetzen, um nicht missverstanden zu werden.)

All die Gedanken sind nicht wirklich neu, aber Ella Luna hat sie gut auf den Punkt gebracht. Ihr geht es darum, die eigene Berufung zu finden, aber ich denke, dass man ihre Ideen genauso gut auf kollektive Akteure übertragen kann. Wie wäre es, sich auf einem Gemeindeleitungswochenende einmal an diesem Essay abzuarbeiten: Was sind all die Dinge, die wir als Gemeinde tun sollten und was sind die Dinge, die wir wirklich tun wollen? Und das schließt ausdrücklich ein, sich gegen etwas zu entscheidenn, etwas bewusst nicht zu wollen. In vielen Gemeindekonzeptionen und -leitbildern entdecke ich (viel zu) viel Sollen und (viel zu) wenig Wollen.

Bessere Differenzierung des Erfahrungswissens

Ein gängiger Fehler – der mir auch häufig passiert – ist es, von „der“ Kirchengemeinde zu sprechen. Es gibt aber grundverschiedene Typen von Kirchengemeinden.

Handlungsempfehlungen für die Kirchengemeinde sind daher entweder zu allgemein oder sie treffen für etliche Kirchengemeinden gar nicht zu. Es macht keinen Sinn von der Kirchengemeinde zu sprechen. Andererseits ist es genausowenig sinnvoll, so zu tun, als ob jede der 15.000 evangelischen Gemeinden völlig einzigartig ist. Hilfreich wäre ein gute Gemeinde-Typologie, um das Erfahrungswissen (das es ja zuhauf gibt) besser zu erschließen.

Bislang gibt es wenig Forschung über Kirchengemeinden, daher fehlen entsprechende Theorien und Typologien. Nun hat das SI der EKD im Zuge seines Kirchengemeinde-Barometers eine empririsch gewonnene  Typologie entwickelt, die zehn Gemeindetypen unterscheidet. Ich finde sie nicht ganz so griffig, aber sie ist das solideste, was ich kenne. Wie wäre es, wenn man zum Beispiel die Erfahrungen und Empfehlungen der Kirche-findet-Stadt-Projekte nach dieser Typologie (neu) ordnen würde? Ich kann mir vorstellen, dass das nicht nur das Erfahrunsgwissen besser systematisiert, sondern auch zu eingen Aha-Effekten führt. Vielleicht zeigt sich ja auch, dass gemeinwesenorientierte Ansätze nur in ganz bestimmten Gemeinde-Typen erfolgreich sind. Auch das wäre ein Fortschritt in der Gemeinwesen-Debatte.

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Drei Empfehlungen für die Debatte um kirchliche/diakonische Gemeinwesenorientierung: Alarmismus vermeiden und Presencing entdecken; sich weniger vom Sollen und viel mehr vom Wollen leiten lassen; Erfahrungswissen besser differenzieren.

5 Jahre diakonisch.de

Kurz vor der Sommerpause ist diakonisch.de 5 Jahre alt geworden. Zeit einmal kurz innezuhalten und zurückzublicken.

Los ging es vor 5 Jahren mit diesem Beitrag: Make Mantra! Ich mag den Beitrag immer noch. Und ein kleines bisschen steht er sogar programmatisch für das, worum es mir bei diakonisch.de geht: Den Kern von Diakonie klar und einfach (aber trotzdem nicht flach) auszudrücken.

Bisher sind 153 Beiträge online (dies ist nun der 154.). Am meisten aufgrufen wurde Wichern drei. Auf Platz zwei kommen dann die Gedanken zu Fureai Kippu. Dies ist gleichzeitig der Artikel, der am regelmäßigsten besucht wird, und das seit gut vier Jahren. Überrascht hat mich, dass es auf Platz 3 das Diakonische Liedgut geschafft hat. Und in der Was ist Diakonie?-Reihe ist der Artikel zur osteuropäischen Bratislava-Erklärung der mit Abstand beliebteste Artikel.

Die Idee bei diesem Blog ist es, grundsätzlich über Diakonie und diakonisches Handeln nachzudenken – und zwar möglichst handlungsfeldübergreifend. Das ist nicht ganz leicht, weil ich hier keine Fachdiskurse der zig verschiedenen Arbeitsbereiche wiederholen will, mich aber auch nicht in abstrakten Meta-Diskursen ergehen will. Dies ist kein Wissenschaftblog, sondern, nun ja, Infotainment im positiven Sinne.

Am Herzen liegt mir, eine einfache, aber gehaltvolle Idee von diakonischem Handeln zu entwickeln oder über die Grundfunktionen der Diakonie nachzudenken. Oft waren die Blogbeiträge Selbstklärungsarbeit, so zum Beispiel bei der Frage, wie man den großen Begriff „Teilhabe“ für diakonische Handeln handhabbar machen kann.

Ich versuche immer wieder den Kern der Diakonie freizulegen. Ich mag es, darüber nachzudenken, ob man diakonisches Handeln operationalisieren kann oder zu welchen Paradoxien es führt. Und selbst grundsätzlich Übelegungen sollten auch einen praktischen Nutzen aufweisen.

Wichtig finde ich, die diakonischen Formate und Akteure weiterzuentwickeln: Diakonie zum Beispiel stärker als eine soziale Bewegung zu begreifen oder nach neuen Ansätzen diakonischen Engagements zu suchen. Und daher auch mal kräftig den Kopf über die Diakonie zu schütteln.

Oft waren es die eher beiläufigen Beobachtungen, in denen bedeutsame diakonische Essentials liegen: der Zusammenhang von für/mit, der Unterschied von verzehrendem und vermehrendem Teilen, der Perspektivwechsel des Dienens oder die soziale Gestalt einer Tafel. All das mag ich.

Kirchengemeinden haben noch einmal ganz andere Zugänge und  Möglichkeiten ihres Diakonischseins. Den Diskurs um das Verhältnis von institutioneller Diakonie und Kirchengemeinde(-diakonie) habe ich hier bewusst nicht geführt, er macht nur auf einer Metaebene Sinn. Zudem ist diese Debatte stark von narzisstischen Kränkungen geprägt, lenkt also vom Eigentlichen eher ab. Interessiert haben mich immer die nicht ganz so offensichtlichen diakonischen Ideen, das können ganz einfache oder auch ambitioniertere Ideen sein.

Immer wieder gibt es hier Themen, die gesellschaftliche Entwicklungen beschreiben, auf die – wie auch immer – diakonisch zu reagieren ist. Herzblut ging hier in die Ausführungen zur Shareconomy, zur Digitalisierung und zur Teilhabeförderung.

Zum Abschluss sollen noch zwei Artikel genannt werden, die mir selber viel Spaß gemacht haben – ein ganz alter und ein ganz neuer.

Bloggen macht Arbeit. Aber Arbeit ist ja nichts anderes als sichtbargemacht Liebe (Khalil Gibran). In diesem Sinne!

tl;dr
diakonisch.de ist 5 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag gibt es einen Schnelldurchgang durch 25 Blogartikel.

 

Diakonisches Liedgut (2)

Seit dem ich vor zwei Jahren hier einmal der Frage nachgegangen in, ob es so etwas wie ein „diakonisches Liedgut“ gibt, suche ich weiter danach. Mir geht es dabei um Lieder, die einer diakonische Spiritualität Ausdruck verleihen. Und ehrlich gesagt: Meine Ausbeute ist eher gering.

Das liegt daran, dass ich an dieser Stelle sehr streng bin. Es gibt zwar eine Menge Lieder, die Diakonisches berühren. Aber etliche ergehen sich dann leider in Betroffenheitslyrik. Und es gibt viele Lieder, die mir einfach zu sehr gotthatalleliebunddiesonnescheintauchbaldwiederfürdich sind.

Singen kann eine sehr tiefe Wirkung haben. Denn das, was man singt – zumindest wenn man es oft singt – sickert in einen ein. Daher mache ich es mir schwer und suche nach den Perlen. Und hier sind nun drei weitere Lieder mit dem Prädikat „diakonisch wertvoll“: ein Bekanntes, eine Umdichtung, ein Neues.

Selig seid ihr

„Selig seid ihr“ ist ein alter Piet Janssens-Klassiker. Der Text ist von Friedrich Karl Barth und Peter Horst.

1. Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.
Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.

Es ist ein diakonisches Programm: einfaches Leben, Lasten teilen, lieben, gütig sein, Leid wahrnehmen, bei der Wahrheit bleiben, Frieden machen und Unrecht spüren. Angelehnt ist der Text an die  Seligpreisungen (Matthäus 5). Es findet sich im katholischen Gotteslob und in vielen Regionalteilen evangelischer Gesangbücher.

Ein bisschen stört mich das wiederkehrende „wenn“, denn es kann temporal oder konditional verstanden werden. Letzters fände ich theologisch nicht ganz passend. Man kann es umschiffen, indem man statt dem „wenn“ immer ein „die“ singt.

Von Gott will ich nicht lassen

Marita Lersner hat im Zusammenhang mit Christian Herwartz‘ Straßenexerzitien vier neue Strophen auf die Melodie von „Von Gott will ich nicht lassen“ gedichtet. Wenn ich es richtig sehe, wird zunächst die erste Strophe des Originals gesungen, dann schließen sich die neuen Strophen an. Hier ihre zweite Strophe:

2. Auf Gott will ich vertrauen,
weil er so menschlich ist.
Er will auf Menschen bauen,
die man sonst oft vergisst.
Für ihn sind Schiefe schön,
die Ausgegrenzten wichtig,
Und die Verwirrten richtig,
die Lahmen werden gehn.

Die Neudichtung beschreibt wie das Original unsere Gottergebenheit, allerdings nüchterner und (in meinen Augen) auch angemessener. Mir gefällt der Text sehr gut, die Kombination der ersten Strophe („führt mich durch alle Straßen“) mit den vier neuen finde ich gelungen.

Suchet das Beste, das Beste der Stadt

Bei Liedern, die bewusst als Diakonie-Songs geschrieben werden, bin ich ja immer recht skeptisch. Mir ist da bisher einfach noch nichts Gutes begegnet. Es gibt aber eine Ausnahme: „Suchet das Beste, das Beste der Stadt“. Das Lied war für mich eine Überraschungsentdeckung:

Suchet das Beste, das Beste der Stadt.
Aufmerksam fragt, was sie jetzt nötig hat.
Jeder Mensch zählt, denn Gott sieht jeden an.
Betet, das sein Geist die Stadt prägen kann.
Betet für Frieden. Gerechtigkeit liebt.
Lebt aus dem Geist, den uns Christus gibt.

Die einzelnen Strophen sind dann quasi die Vertonung des Leitbilds der Berliner Stadtmission. Natürlich gefällt mir, dass es eine Art „Gemeinwesendiakonie-Song“ ist. Bemerkenswert ist die Haltung gegenüber der Stadt: Einerseits fragen, was sie nötig hat, andererseits für sie beten. Konkrete Hilfen werden dann in den Strophen aufgezählt, aber der Refrain macht klar: die christlichen Grundtätigkeiten sind fragen und beten.

Musik und Text stammen von Gerold Vorländer, lange Jahre Kölner Pfarrer und jetzt in der Leitung der Berliner Stadtmission. Auf seinem Blog findet sich ein ein Ausschnitt aus der Notation. Ansonsten gibt es das Lied leider weder textlich noch akkustisch im Netz, einzige Möglichkeit ist der Kauf einer CD für wenig Geld – die aber anscheinend vergriffen ist.

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Drei weitere Lieder, die ich allen ans Herz lege, die nach diakonischer Spiritualität in geistlichen Liedern suchen: Selig seid ihr; Von Gott will ich nicht lassen (in der Neudichtung von Marita Lersner); Suchet das Beste, das Beste der Stadt.

Diakonie-Verständnisse entbanalisieren

Mir fällt hin und wieder auf, dass die Bilder, Begriffe und Ideen, was Diakonie ist, oft recht oberflächlich sind. Diakonisches Handeln? Es geht irgendwie ums Helfen, christlich halt. Und erschreckend oft geht das in die Richtung von „nett, nah, menschlich“. Und ich frage mich dann: Wie will man eigentlich diakonisches Profil implementieren, diakonische Indikatoren bestimmen oder diakonisches Handeln ausbilden, wenn es nur ein sehr diffuses Verständnis davon gibt, was Diakonie ist, was sie ausmacht, worin sie besteht?

Dahinter liegt ein tieferes Problem: Es fehlt eine Art „Praxistheorie der Diakonie“, es gibt wenig konzeptionell ausgearbeitete Diakonie-Ansätze, auf die man diesbezüglich zurückgreifen kann. In der Systematischen Theologie wird Diakonie gerne vernachlässigt – oder sie wird schlicht auf Ethik reduziert. Und die Diakoniewissenschaft ist stark biblisch-exegetisch und kirchengeschichtlich geprägt oder – sozusagen auf der anderen Seite vom Pferde fallend – betriebswirtschaftlich-managerial orientiert.

Natürlich gibt es gute Ansätze, interessante Theorien und spannende Debatten in der und über die Diakonie. Aber selten reichen sie über die Spähre, in der sie entstanden sind, hinaus. Diakoniewissenschaftliche Debatten bleiben meist in der akademischen Filterblase, Diakoniemanagementansätze haben ihren eigenen Entstehungs- und Reflexionsort und in den einzelnen Handlungsfeldern geben fachliche Konzepte aus den verschiedensten Referenzdisziplinen den Takt vor. Und was ist die  gemeinsame diakonische Klammer? Wie gesagt: Irgendwas mit Helfen. Nett, nah, menschlich. Prima.

Wie kann man sich über Diakonie inhaltlich verständigen, ohne in Plattheiten oder Floskeln stecken zu bleiben? Wie kann man zum Kern der Diakonie vordringen, und das auf möglichst einfachem Wege?

Ich habe gute Erfahrungen mit zwei Fragen gemacht. Sie können dazu beitragen, die leitenden Diakonie-Verständnisse zu klären, meist sogar deutlich zu vertiefen und ab und an (kleine) Brücken zwischen den angesprochenen Sphären zu schlagen.

Die Frage nach der Absicht der Diakonie

Ein guter und für mich bewährter Ansatzpunkt ist das Nachdenken über die Absicht der Diakonie. Was will Diakonie? Was soll diakonisches Handeln? Die gängigen Antworten wie Helfen oder Unterstützen sind zu allgemein. Außerdem beschreiben sie ja den Weg und nicht das Ziel. Konkreter wird es, wenn man fragt: Wozu soll die Unterstützung denn dienen? Woraufhin geschieht Diakonie? Etwas anders formuliert könnte man fragen: Was für eine Art Arbeit ist diakonisches Handeln? Geht es um Armutsbekämpfungsarbeit? Um Beheimatungsarbeit? Soll es eher um Heilungsarbeit oder um Leidlinderungsarbeit gehen? Meine persönlichen Favoriten sind Teilhabeermöglichungsarbeit und Berufungsentdeckungsarbeit.

Erst wenn man es so zuspitzt, zeigen sich die möglichen Absichten. Und erst wenn man eine Absicht hat, kann man das entsprechende Profil dazu entwickeln. Der zentrale Begriff der beabsichtigten Absicht ist zugleich der (systematisch-)theologische Zentralbegriff, den es dann für den Diakoniealltag zu entfalten gilt.

Die Frage nach der Absicht lenkt zudem den Blick von der Motivation zur Voluntion. Diese Unterscheidung finde ich auch didaktisch sehr hilfreich. Bei beidem geht es darum, was einen treibt: Bei der Motivation steht das Warum im Vordergrund (und ist daher rückwärtsgewandt), bei der Voluntion das Woraufhin (und zielt in die Zukunft). Letzteres ist meines Erachtens deutlich gehaltvoller.

Die Frage nach dem Wirken (in) der Diakonie

Eine weitere Idee, wie man sich der Frage nach dem Kern der Diakonie nähern kann, ist das Nachdenken über die Wirkung in der Diakonie, genauer gesagt: dem Wirken. Dieser Ansatz ist abstrakter als der erste, die Frage mag anfangs etwas irritieren. Ich kann aber versichern, dass es sich lohnt, ihr nachzugehen.

Wirkung darf hier nicht einfach als Ergebnis verstanden werden (etwa als „impact“ oder „outcome“), oder als Effekt (samt Rezepten, wie die Wirkung zu erzielen sei), sondern als ein Prozess des Wirkens. Ich schlage einmal fünf Begriffe für solche Wirkungen vor: Heilung, Versöhnung, Befreiung, Ermächtigung und Wandlung. Sie sind nicht trennscharf, aber von ihrer Dynamik her doch unterschiedlich genug. Diesen (oder ähnlichen) Wirkdynamiken gilt es nachzugehen.

Können diese Begriffe vielleicht beschreiben, was geschieht, wenn Diakonie geschieht? Und wenn ja: Was passiert da eigentlich genau, was (und wie) vollzieht sich da? Wer oder was ist denn da überhaupt am Wirken? Interessant auch: Wir können diese Dynamiken – also Kräfte, Energien – nicht machen, aber können wir denn zumnidest mit ihnen umgehen? Welches Wissen und, ja, welche „Praxistheorie“ halten 2000 Jahre Christentum hier bereit?

Wenn man sich solchen Fragen stellt, ist man auf einer guten Spur. Weil man weit weg ist vom gängigen Diakonie- und Sozialpolitik-Sprech. Vielleicht stellt sich auch ein Unbehagen ein, sich ernsthaft dieser Frage auszusetzen. Ist das nicht zu groß, zu pathetisch, zu aufgeladen?  Ich glaube ja mittlerweile, dass von „Diakonie“ eher zu klein als zu groß gedacht wird. Und genau das könnte vielleicht ganz hilfreich sein: Diakonie nicht zu banalisieren, sondern tiefer zu denken.

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Diakonie läuft immer wieder Gefahr, zu banal gedacht zu werden. Doch dann bleibt Diakonie hinter dem zurück, was sie ist. Die Fragen nach der Absicht und der Wirkung der Diakonie können helfen, dass Diakonie-Verständnis (für das eigene Handeln, die Profilentwicklung oder in der diakonischen Bildung) zu vertiefen.

Was ist Diakonie? (#12)

In meiner Was ist Diakonie?-Serie tauchte bislang einer noch gar nicht auf: der barmherzige Mann aus Samarien, der unentwegt in Diakonie-Andachten, -Seminaren und -Debatten zitiert wird. Das liegt daran, weil ich die biblische Erzählung vom „Barmherzigen Samariter“ gar nicht so sehr als Inspirationsquelle für organisierte Diakonie sehe – anscheinend im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Diakonikern.

Es ist eine wunderbare Erzählung, natürlich. Doch das beschriebene Handeln des Samariters hat mit der Tätigkeit in der Diakonie als Erwerbsarbeit erstmal wenig zu tun. Sicher, gerade deshalb kann man sie als moralischen Kontrapunkt einbringen („Sei auch du ein Samariter, fachlich, froh und unverzagt!“). Doch ich erlebe, dass Mitarbeitende in der Diakonie den Kern der Geschichte eh in sich tragen. Daher sollte man besser ganz andere Geschichten erzählen.

Wenn man sie aber erzählt, reicht es, in die Szenerie der Geschichte einzutauchen und sie nachzuempfinden. Das geht am besten mit einem Bibliolog. Rainer Fischer, Seelsorger im Ev. Krankenhaus Bergisch Gladbach, berichtet davon:

„Erschließt man einen »Klassiker« aus dem biblischen Repertoire diakonischer Vorbilder, die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter, durch einen »Bibliolog« mit Mitarbeitenden aus der Diakonie, bricht diese Spannung regelmäßig in den Beiträgen auf: Dass Priester und Levit (aus beruflichen Gründen?) sich keine Zeit nehmen (können), stößt auf Verständnis, zugleich besteht jedoch eine tiefe Unzufriedenheit mit dieser Situation. Das Versprechen der Selbstkostendeckung, das der Samariter gegenüber dem Gastwirt abgibt, stößt auf Misstrauen und weckt nostalgische Gefühle angesichts gegenwärtiger Fallpauschalen und Arbeitsverdichtung. Die Figur, mit der man sich am besten identifizieren kann, ist immer weniger der spontan handelnde und von seiner eigentlichen Zeitplanung abweichende Samariter, statt dessen projiziert sich das eigene Rollenverständnis auf den entlohnten Wirt – und am allermeisten auf den Esel, dem die ganze Last des Hilfsbedürftigen aufgeladen wird, ohne dass er am Entscheidungsprozess beteiligt ist.“ (Rainer Fischer: Leitbild leben, in: Dehnübungen. Geistliche Leitung in der Diakonie, S. 104/105, Düsseldorf 2015)

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Was ist Diakonie? Samariter- (sehr klassisch) und Wirt- (mittlerweile auch schon klassisch), Priester-, Levit- und Eselsein.

Fußwaschung

Die Fußwaschung, wie sie im 13. Kapitel des Johannes-Evangeliums beschrieben wird, wird ja auch gerne als „diakonisches Sakrament“ oder „Sakrament der Diakonie“ bezeichnet. Ich finde, das ist nicht so ganz richtig, weil die Fußwaschung damit diakonisch vereinnahmt wird. Das Diakonische an der Fußwaschung ist ein wichtiger Aspekt, keine Frage, aber darin geht dieses „Sakrament“ eben nicht auf.

Viel interessanter finde ich die Frage, ob dieser Ritus nicht tatsächlich als ein Sakrament gelten könnte. Genau dazu habe ich etwas auf meinem Blog MARTHORI geschrieben. Nicht auf diakonisch.de, auch aus dem Grund, um die Fußwaschung nicht diakonischer zu machen als sie ist. Ich habe ja Lust, sie erstmal  sakramentaler zu macher. Da aber vielleicht trotzdem einige diakonisch.de-Leser Interesse an dieser Idee haben, verlinke ich meinen Beitrag: Hier geht’s lang!

Die Inklusions-Denkschrift der EKD

Ende Januar ist die Orientierungshilfe der EKD zur Inklusion [PDF] erschienen. In Anlehnung an eine viel beachtete Rede von Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1993 trägt sie den Titel: Es ist normal, verschieden zu sein.

Mir gefällt die Denkschrift. Kurz auf den Punkt gebracht: Sie ist unaufgeregt gut. Sie hat keinen moralinen oder pathetischen Duktus, sondern sie ist fachlich solide, theologisch nüchtern (und nicht katechetisierend) und liest sich auch noch recht flüssig.

Und – auch das ist erwähnenswert – sie ist ehrlich gegenüber der eigenen kirchlichen Paxis:

„Die gegenwärtige Sozialgestalt der Kirche in Gemeinde und Diakonie ist jedoch noch weit davon entfernt, ein Inklusionsmotor zu sein. In ihr dominieren soziale Milieus, die meist weder Arme noch Menschen mit Behinderungen umfassen und sich durch die Art der – auch religiösen – Kommunikation vielfach abgrenzen“ (S. 55).

Ausgangspunkt der Denkschrift – wie auch des gesellschaftlichen Diskurses – ist die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Daher hat sie einen deutlichen Schwerpunkt bei der Ermöglichung von Inklusion für behinderte Menschen. In der Denkschrift wird aber auch thematisiert, dass Inklusion darüber hinausgehen muss:

„Dabei ist die Aufgabe der Inklusion von Menschen mit Behinderungen nur eine der Herausforderungen auf dem Weg zu einer diakonischen Kirche – sie unterscheidet sich nicht kategorial von der Herausforderung, von Armut bedrohte Familien, pflegende Angehörige oder Menschen mit Migrationshintergrund als »normale Gemeindeglieder« zu begreifen. Insofern geht es auch nicht in erster Linie darum, weitere Stellen oder Beauftragte zu schaffen oder zusätzliche Programme aufzulegen […]“ (S. 157).

Völlig richtig.

Allerdings würde ich an dieser Stelle gar nicht so sehr die Idee einer „diakonischen Kirche“ betonen. Denn dann könnte Inklusion schnell wieder als diakonisches Dings missverstanden werden. Und das ist es gerade nicht!

Ich spitze es einmal für die Kirchengemeinden zu: Immer, wenn es um „Inklusion“ geht, sollten die Synapsen sofort eine Verbindung zu Gemeindeentwicklung herstellen. Denn wenn man bei dem Thema als erstes (oder auch noch als zweites oder drittes) an Gemeindediakonie denkt, kann das mit der Inklusion nichts werden, dann läuft sie in die falsche Richtung. (Dabei kann natürlich durchaus etwas Gutes herauskommen, aber es hat dann eben wenig mit Inklusion zu tun).

Eine Erklärung liefert die Denkschrift im Grunde selbst:

In der Kirche sammeln sich zwar viele Menschen, die sich für andere einsetzen. Allerdings gelingt es ihnen oft nicht, eine tragfähige Brücke zu Menschen mit Einschränkungen zu schlagen. Paradoxerweise kann gerade diese Haltung eines Engagements »für andere« Kommunikation auf Augenhöhe verhindern. Geschwisterlichkeit gelingt, wo aus dem Engagement »für andere« eine »Kirche mit anderen« wird“ (S. 56).

Gemeinden müssen – um es einmal etwas belehrend zu formulieren – grundsätzlich so inklusiv wie möglich sein, egal, ob sie sich als hochkirchlich oder sozialengagiert verstehen, bildungs- oder kleinbürgerlich orientiert sind, missionarisch oder „diakonisch“ ticken.

Deshalb würde ich das Mantra, dass man von einer Kirche „mit anderen“ zu einer Kirche „für andere“ kommen muss, auch nicht überstrapazieren. Denn bei beiden Formulierungen gibt es eben (immer noch) „die anderen“.

Interessant fand ich eine Idee, von der ich bislang noch nie etwas gehört habe: Dunkelgottesdienste (S. 162-163): Ein Gottesdienst wird in einer völlig abgedunkelten Kirche gefeiert. Ich kann mir vorstellen, dass dies eine kraftvolle spirituelle Erfahrung sein kann – jedenfalls dann, wenn tatsächlich das spirtuelle Erleben im Vordergrund steht und es nicht eine pädagogische Aktion ist, ein versteckter Appell, sich mit „Behinderung“ auseinenderzusetzen.

Denn dann kann Inklusion nicht nur ein Programm zur Barrierefreiheit werden, sondern ein Innovationsmotor der Gemeindepraxis sein. Und damit hat sich die Energierichtung umgekehrt: Kirche macht nicht etwas, um Inklusion zu ermöglichen, sondern die Inklusion trägt dazu bei, Kirche zu ermöglichen.

Okay, das war jetzt doch etwas pathetisch.

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Solide, unaufgeregt und lesenswert: die EKD-Orientierungshilfe zur Inklusion.

Das Blog rund um die Diakonie