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Diakonie-Verständnisse entbanalisieren

Mir fällt hin und wieder auf, dass die Bilder, Begriffe und Ideen, was Diakonie ist, oft recht oberflächlich sind. Diakonisches Handeln? Es geht irgendwie ums Helfen, christlich halt. Und erschreckend oft geht das in die Richtung von „nett, nah, menschlich“. Und ich frage mich dann: Wie will man eigentlich diakonisches Profil implementieren, diakonische Indikatoren bestimmen oder diakonisches Handeln ausbilden, wenn es nur ein sehr diffuses Verständnis davon gibt, was Diakonie ist, was sie ausmacht, worin sie besteht?

Dahinter liegt ein tieferes Problem: Es fehlt eine Art „Praxistheorie der Diakonie“, es gibt wenig konzeptionell ausgearbeitete Diakonie-Ansätze, auf die man diesbezüglich zurückgreifen kann. In der Systematischen Theologie wird Diakonie gerne vernachlässigt – oder sie wird schlicht auf Ethik reduziert. Und die Diakoniewissenschaft ist stark biblisch-exegetisch und kirchengeschichtlich geprägt oder – sozusagen auf der anderen Seite vom Pferde fallend – betriebswirtschaftlich-managerial orientiert.

Natürlich gibt es gute Ansätze, interessante Theorien und spannende Debatten in der und über die Diakonie. Aber selten reichen sie über die Spähre, in der sie entstanden sind, hinaus. Diakoniewissenschaftliche Debatten bleiben meist in der akademischen Filterblase, Diakoniemanagementansätze haben ihren eigenen Entstehungs- und Reflexionsort und in den einzelnen Handlungsfeldern geben fachliche Konzepte aus den verschiedensten Referenzdisziplinen den Takt vor. Und was ist die  gemeinsame diakonische Klammer? Wie gesagt: Irgendwas mit Helfen. Nett, nah, menschlich. Prima.

Wie kann man sich über Diakonie inhaltlich verständigen, ohne in Plattheiten oder Floskeln stecken zu bleiben? Wie kann man zum Kern der Diakonie vordringen, und das auf möglichst einfachem Wege?

Ich habe gute Erfahrungen mit zwei Fragen gemacht. Sie können dazu beitragen, die leitenden Diakonie-Verständnisse zu klären, meist sogar deutlich zu vertiefen und ab und an (kleine) Brücken zwischen den angesprochenen Sphären zu schlagen.

Die Frage nach der Absicht der Diakonie

Ein guter und für mich bewährter Ansatzpunkt ist das Nachdenken über die Absicht der Diakonie. Was will Diakonie? Was soll diakonisches Handeln? Die gängigen Antworten wie Helfen oder Unterstützen sind zu allgemein. Außerdem beschreiben sie ja den Weg und nicht das Ziel. Konkreter wird es, wenn man fragt: Wozu soll die Unterstützung denn dienen? Woraufhin geschieht Diakonie? Etwas anders formuliert könnte man fragen: Was für eine Art Arbeit ist diakonisches Handeln? Geht es um Armutsbekämpfungsarbeit? Um Beheimatungsarbeit? Soll es eher um Heilungsarbeit oder um Leidlinderungsarbeit gehen? Meine persönlichen Favoriten sind Teilhabeermöglichungsarbeit und Berufungsentdeckungsarbeit.

Erst wenn man es so zuspitzt, zeigen sich die möglichen Absichten. Und erst wenn man eine Absicht hat, kann man das entsprechende Profil dazu entwickeln. Der zentrale Begriff der beabsichtigten Absicht ist zugleich der (systematisch-)theologische Zentralbegriff, den es dann für den Diakoniealltag zu entfalten gilt.

Die Frage nach der Absicht lenkt zudem den Blick von der Motivation zur Voluntion. Diese Unterscheidung finde ich auch didaktisch sehr hilfreich. Bei beidem geht es darum, was einen treibt: Bei der Motivation steht das Warum im Vordergrund (und ist daher rückwärtsgewandt), bei der Voluntion das Woraufhin (und zielt in die Zukunft). Letzteres ist meines Erachtens deutlich gehaltvoller.

Die Frage nach dem Wirken (in) der Diakonie

Eine weitere Idee, wie man sich der Frage nach dem Kern der Diakonie nähern kann, ist das Nachdenken über die Wirkung in der Diakonie, genauer gesagt: dem Wirken. Dieser Ansatz ist abstrakter als der erste, die Frage mag anfangs etwas irritieren. Ich kann aber versichern, dass es sich lohnt, ihr nachzugehen.

Wirkung darf hier nicht einfach als Ergebnis verstanden werden (etwa als „impact“ oder „outcome“), oder als Effekt (samt Rezepten, wie die Wirkung zu erzielen sei), sondern als ein Prozess des Wirkens. Ich schlage einmal fünf Begriffe für solche Wirkungen vor: Heilung, Versöhnung, Befreiung, Ermächtigung und Wandlung. Sie sind nicht trennscharf, aber von ihrer Dynamik her doch unterschiedlich genug. Diesen (oder ähnlichen) Wirkdynamiken gilt es nachzugehen.

Können diese Begriffe vielleicht beschreiben, was geschieht, wenn Diakonie geschieht? Und wenn ja: Was passiert da eigentlich genau, was (und wie) vollzieht sich da? Wer oder was ist denn da überhaupt am Wirken? Interessant auch: Wir können diese Dynamiken – also Kräfte, Energien – nicht machen, aber können wir denn zumnidest mit ihnen umgehen? Welches Wissen und, ja, welche „Praxistheorie“ halten 2000 Jahre Christentum hier bereit?

Wenn man sich solchen Fragen stellt, ist man auf einer guten Spur. Weil man weit weg ist vom gängigen Diakonie- und Sozialpolitik-Sprech. Vielleicht stellt sich auch ein Unbehagen ein, sich ernsthaft dieser Frage auszusetzen. Ist das nicht zu groß, zu pathetisch, zu aufgeladen?  Ich glaube ja mittlerweile, dass von „Diakonie“ eher zu klein als zu groß gedacht wird. Und genau das könnte vielleicht ganz hilfreich sein: Diakonie nicht zu banalisieren, sondern tiefer zu denken.

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Diakonie läuft immer wieder Gefahr, zu banal gedacht zu werden. Doch dann bleibt Diakonie hinter dem zurück, was sie ist. Die Fragen nach der Absicht und der Wirkung der Diakonie können helfen, dass Diakonie-Verständnis (für das eigene Handeln, die Profilentwicklung oder in der diakonischen Bildung) zu vertiefen.

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Geschichten erzählen

In der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal – eine der vier Bethel-Stiftungen – entstand der Fortbildungskurs „Glaube verstehen – diakonisch handeln“. Dieses diakonische Bildungsangebot wurde strukturell in dem Diakonieunternehmen verankert, so dass insgesamt 1.200 (in Worten: eintausendzweihundert!) Mitarbeitende und Leitende daran teilgenommen haben. Das Konzept wurde nun veröffentlicht und steht zum kostenlosen Download bereit.

Im Mittelpunkt steht das Geschichten-Erzählen. In einer festen Gruppe trifft man sich acht mal, bei jedem Treffen werden „Glaubensgeschichten“ und „Arbeits-Alltags-Geschichten“ erzählt. Beides wird aufeinander bezogen („verknüpft“).

Die Kurse boten und bieten ein Forum zum Geschichtenerzählen an. Geschichten als ein Mittel, biblisch/theologische Werteorientierung und Alltagserfahrung der Arbeit zu kommunizieren und zu verknüpfen. Experten aus der Arbeit (Mitarbeitende) trafen sich mit Experten der biblischen Überlieferung (Theologen). Sie verbanden ihre Geschichten, gewannen neue Einsichten und Impulse und entwickelten weiterführende Perspektiven. Die Anregung für dieses Vorgehen stammt aus den Basisgemeinden in Lateinamerika. Aufgrund des Priestermangels dort entstand seinerzeit eine Laienbewegung, die die Bibel unmittelbar aus dem von Armut und Ausgrenzung gekennzeichneten Lebensalltag heraus gelesen und verstanden hat. Sie verknüpften beides, ihren Lebensalltag und biblische Geschichten, fühlten sich gestärkt und ermutigt, gewannen so Impulse für sich selbst und im gesellschaftlichen Umfeld (S. 6).

Das Konzept ist so unspektakulär wie es gut ist: Narrative Theologie meets Korrelationsdidaktik. Es wird also genau das vermieden, woran solche Bildungsangebote immer wieder kranken: Diakonie „vermitteln“ zu wollen. Wer aufmerksam liest, kann entdecken, wie angemessen und bedacht das Konzept entwickelt wurde.

Die Auswahl der acht biblischen Geschichten wird kurz erklärt, sie orientierte sich an zwei Kriterien:

Die Geschichten sind so ausgewählt worden , dass darin Aspekte enthalten sind, die auch in einer weitgehend von kirchlichen Bezügen entfremdeten Gesellschaft mindestens als Begriff eine Rolle spielen (10 Gebote, Nächstenliebe, kirchliche Feste: Weihnachten, Ostern usw.) Oder sie können als gelebte oder gewünschte/ersehnte Erfahrung im Arbeitsalltag der Teilnehmenden auftauchen: Heilung, Integration von Außenseitern, Nächstenliebe, Hilfe und Begleitung in der Begegnung mit Tod bzw. Sterben (S. 11).

Das „Verknüpfen“ der Glaubens- mit den Alltagsgeschichten geschieht mit Hilfe von sieben vorgegebenen Kategorien: Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Enttäuschungen, Begegnungen, Erfolge, Erfahrungen. Allerdings erfährt man wenig darüber, wie dieses Verknüpfens konkret geschieht (ja, ja, das alte Problem der Korrelationsdidaktik). Mich würde interessieren, welche Rolle die genannten Kategorien genau spielen und inwiefern sie sich bewährt haben.

Das Besondere an dem Kurs ist in meinen Augen zum einen der Mut, didaktisch alles auf eine Karte zu setzen: auf das Erzählen von Geschichten, den biblischen wie den eigenen. Und zum anderen ist es die organisatorische Konsequenz, mit der es im Unternehmen umgesetzt wurde.

Jörg Passoth: ,Glauben verstehen – diakonisch handeln‘. Christliche Tradition im Arbeitsalltag der Diakonie. Ein Qualifizierungskurs der
Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Ev. Bildungsstätte für Diakonie und Gemeinde, Bielefeld 2014.

Und wie surfst du so?

Fabian Maysenhölder (von theopop.de) hat die Blogparade „Und wo surfst du so?“ gestartet. Es geht um den eigenen Medienkonsum in Bezug auf die Frage, ob man sich nur zu Seinesgleichen durchklickt oder ob man sich auch bewusst von anderen Meinungen herausfordern lässt.

Ich habe ziemlich lange an diesem Blogartikel herumgeschrieben – bis ich gemerkt habe, dass es wenig Sinn macht, darzustellen, wo ich mich im Netz bewege und was ich dort alles lese. Das ging dann doch zu sehr in die Richtung „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot“ und trug nichts aus. Ich beschränke mich jetzt auf die Essenz und versuche einige Phänomene zu benennen, die mir wichtig erscheinen. Aus dem „wo surfst du denn?“ wurde damit ein „wie surfst du denn?“.

Vier Dinge sind wichtig:

  • Ein ganz wesentlicher Teil meines Online-Lesepensums besteht aus Blogbeiträgen. Ich glaube, dass sich mein Wahrnehmungshorizont in den letzten Jahren in erster Linien durch Blogs geweitet hat. Private Blogs sind für mich ein unverzichtbares Gegengewicht zur Vierten Gewalt geworden. Ich lese Nischenblogs daher mit gleicher Aufmerksamkeit, wie die Artikel und Beiträge klassischer Verlagshäuser – wenn mich denn das jeweilige Thema interessiert.
  • Es gibt einige Seiten im Netz, die ich selbst recht regelmäßig ansteuere und mehr oder weniger flächendeckend abgrase. Bei allen anderen Artikeln, die ich lese, lande ich direkt über Empfehlungen – und das sind zum größte Teil die Empfehlungen meiner Twitter-Timeline. Daneben spielen auch noch ein paar abonnierte Newsletter eine Rolle. Die Kombination aus Empfehlendem und Empfohlenem entscheidet zu einem großen Teil darüber, was ich dann tatsächlich lese.  Und ich bin manchmal erstaunt, wo ich da so lande…
  • Neben den genannten Lese-Empfehlungen meiner Timeline sind Agenturen bzw. Aggregatoren wichtig. Auch hier ist Twitter wieder eine große Hilfe: Für den kirchlichen Bereich bin ich beispielsweise mit dem European Protestant News Network (#epnn bzw. @leuenberg) und Relinews (@Relinews) gut bedient. Das EPNN bringt Agenturmeldungen aus dem (europäischen) ökumenischen Kontext – und das sind fast alles Sachen, die ich über andere Kanäle nicht mitbekomme (Danke, Thomas!). Relinews bündelt etliche Pressedienste (Danke, Fabian!) wie evangelisch.de, epd-Pressemitteilungen oder idea.de. Idea mag ich natürlich nicht (das wundert jetzt keinen, oder?), aber so laufen trotzdem idea-Meldungen in meine Timeline.
  • Wer nicht twittert oder wer nicht via Twitter verlinkt wird, rutscht bei mir schnell aus dem Aufmerksamkeitshorizont heraus. Das ist doof. Trotzdem will ich jetzt keinen kulturpessimistischen Einwand hören („Siehst du, so gefährlich ist das Leben in deiner Blase! Verlässt dich nur auf Twitter, wenn du selbst recherchieren würdest, würde dir das nicht passieren!“ – so in der Art), denn das ist Quatsch. Genau das Gegenteil ist der Fall: Durch die praktische Mischung von dem Vertrauen auf Empfehlungen gefolgt von dem Minimalaufwand eines enziges Klicks ist ganz schön viel in meine Aufmerksamkeit hineingerutscht – mein (Wahrnehmungs-)Horizont hat sich also enorm geweitet. Das gilt natürlich nur für Inhalte, die online verfügbar sind und die über Twitter vernehmbar sind.

Bei der Zusammenstellung von Internetseiten, Newslettern, Blogs und Twitteraccounts sind mir zwei Kriterien wichtig:

  • Informationsbreite: Ich möchte Kanäle dabei haben, über die ich Informationen bekommen, an die ich selbst eher nicht gekommen wäre. Ich will gut informiert sein, was bei mir in erster Linie bedeutet: Ich will breit informiert sein, will einen möglichst umfassenden Überblick über die Debatten und Diskurse haben, die für mich relevant sind. Breite ist mir dabei wichtiger als Tiefe. In den Bereichen, wo mir Informationstiefe wichtig ist, kenne ich mich selbst so gut aus, dass ich weiß, wie und wo ich an die Details komme.
  • Inspirationsquelle: Ich freue mich über inspirierende Dinge, Ansichten, Ideen. Inspiration bedeutet dabei aber nicht zwangsläufig Innovatives und Progressives, das kann auch Traditionelles und Konservatives sein. Wichtig dabei ist, dass ich mich überraschen lassen können muss. Was erwartbar ist, bietet wenig Inspiration. Ein kleines Beispiel dazu: Eigentlich ist Publik Forum eine Zeitschrift, die mir inhaltlich recht nahe steht. Aber Duktus und Sound der Beiträge sind für mich mittlerweile zu erwartbar geworden. Ich muss nur die Überschrift lesen und weiß, was im Artikel steht. Das unterscheidet sich dann auch nicht mehr so doll von der Men’s Health. Da kennt man nach dem Durchlauf eines Probeabos ja auch sämtliche Inhalte.

Soviel zu meinem Surfverhalten. Die spannende dahinterliegende Frage – und so verstehe ich Fabians Intention der Blogparade – ist ja nun, ob ich mich von „andersartigen“ Meinungen im positiven Sinne beeinflussen lasse. Oder ob ich mich selbstgewählt abschotte und nur meine eigenen Ansichten perpetuiere.

Ich finde schon, dass ich recht häufig bei Quellen lande, die ganz und gar nicht zu „Meinesgleichen“ zählen. Die Verweildauer ist dort natürlich nicht immer sehr hoch – und wenn doch, dann aufgrund der schon erwähnten Empfehlungen. Doch nur weil ich „woanders lande“, dort, wo ich nicht unbedingt meine Meinung wiederfinde, heißt das ja noch lange nicht, dass mich die dortigen Argumente überzeugen (oder dass sie langsam, peu à peu, bei mir einsickern). Wenn man ehrlich ist, wird wohl eher das Gegenteil der Fall sein: Umso mehr ich auf Andersartiges stoße, desto mehr fühle ich mich in meiner Sicht der Dinge bestätigt – inklusive der Erkenntnis, dass ich eben von lauter Deppen umgeben bin.

Denn neben der mir oft nicht bewussten algorithmengesteuerten Filterblase und meiner sehr bewusst selbstkonstruierten Netzwelt (Twitter-Timeline etc.) gibt es ein noch ein weit wichtigeres Phänomen: Interesse leitet Wahrnehmung. Das, was mich interessiert, nehme ich wahr. Was nicht, nicht. Wenn man frisch verliebt ist in jemanden, der, sagen wir, ein rotes Auto hat, sieht man doch tatsächlich überall rote Autos. Wer Homosexuelle für den Untergang des Abendlandes hält, fixiert seine Aufmerksamkeit darauf und entdeckt gleichzeitig unentwegt Indizien für den Untergang des Abendlandes.

Die Kombination aus (meist unbewusster) Filterblase und (ebenfalls meist unbewusster) interessengeleiteter Wahrnehmung führt leicht zu Engstirnigkeit und Rechthaberei. Zudem haben sich in jeder Szene bestimmte Lieblingsnarrative (bzw. bestimmte Tabus) etabliert. Im diakonisch-sozialen Bereich hört man zum Beispiel gerne die Position „Hartz IV ist schlecht“, Indizien dafür finden sich daher auch zuhauf. Ich konstruiere meine Wahrnehmung so, dass sie am Ende genau das liefert, worin ich bestätigt werden will.

Und wodurch kann sich mein leitendes Wahrnehmungsinteresse ändern? Einfach mal andere Seiten im Netz anklicken – dadurch ändert sich nix. Genausowenig funktioniert es, jemand anderen von etwas überzeugen zu wollen, was seine Wahrnehmungseinstellung komplett in Frage stellen würde. Da nützen auch „wissenschaftliche Studien“ oder „Evidenzbasierung“ nicht viel.

Ich glaube, eine Veränderung kann nur durch zweierlei eintreten: Zum einen durch intensive Diskussionen mit engagierten und trotzdem gelassenen Leuten, die eine andere Position vertreten als ich. Der „Sokratische Dialog“ scheint mir hier ein geeignetes Instrument zu sein, kombiniert mit einer ordentlichen Portion Herzenswärme. Zum anderen dadurch, dass ich irgendwann/irgendwie merke, dass meine Karte von der Welt und die Welt doch nicht so recht zusammenpassen. Dass meine Position weniger austrägt, als ich bisher glaubte, dass sie nicht mehr so nützlich ist – für mich. Hierfür ist eins wichtig: Ehrlichkeit mit sich selbst. Aber sich selbst ernstnehmen ist auch nicht immer einfach…

Ob diese Überlegungen hilfreich sind?

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Durch die Digitalisierung war es noch nie so einfach, einen weiten (Informations-)Horizont zu bekommen. Doch was ich sehen will, liegt weiterhin an mir selbst.

Eine Blaupause fürs diakonische Profil

Hoffnung_LebenVor kurzem ist die überarbeitete Neuauflage von Hoffnung leben – Evangelische Anstöße zur Qualitätsentwicklung erschienen. Herausgeber ist der evangelische Kita-Fachverband im Rheinland. Und bei den dort zu findenden Anstößen geht es logischer Weise um die Profilentwicklung in evangelischen Kindergärten.

Doch das Buch ist so gut, dass es nicht nur für Kita-Mitarbeiternde, -Leitungen und -Fachberater/innen interessant ist, sondern für alle, die sich mit diakonischem Profil beschäftigen. Man muss dann ein bisschen um die Ecke denken, aber das sollte ja eigentlich keine Schwierigkeit darstellen.

Das Buch beginnt mit einer biblisch-theologischen Grundorientierung. Es wird dargestellt, was die Bibel von Gott, vom Menschen, vom Zusammenleben und vom Sinn des Lebens erzählt. Dazu gibt es jeweils biblische Impulse, Anregungen zur Weiterarbeit und pädagogische Zuspitzungen. Das Ganze macht 30 Seiten aus und ist damit sowohl fundierter als auch konkreter als so manche andere diakonische Materialhilfe.

Der zweite Teil ist der Hauptteil des Buches, hier wird die konzeptionelle Grundlage für die Profilentwicklung gelegt. Diese besteht in „fünf Ebenen – vier Aspekten – acht Grundmerkmalen“. Auch wenn man jetzt noch nicht weiß, was sich dahinter genau verbirgt, wird zumindest schon klar: Hier wird sehr strukturiert vorgegangen. Um diese Struktur geht es mir, gleich mehr dazu.

Im dritten Kapitel bietet das Autoren-Team noch einen weiteren Reflexionsschritt. Religiöse Erziehung/Bildung kann sich in verschiedenen Gestaltformen zeigen. Kunst, Raum, Zeit, Beziehungen, Körper/Sinne, Feste/Rituale, Erzählen, Stille/Gebet werden hier genannt und noch einmal konkretisiert.

Zurück zum Hauptteil des Buches mit den Ebenen, Aspekten und Merkmalen. Folgendes ist damit gemeint:

  • Die Ebenen: Hier geht es um fünf verschiedene Handlungssebenen: (1) die der Kinder untereinander, (2) die der Kooperation mit den Eltern, (3) die Ebene der Mitarbeitenden untereienander, (4) die Träger-Ebene und schließlich (5) die Ebene der Gesellschaft.
  • Die Aspekte: Aspekte beschreiben den“Sitz im Leben“ des Inhaltlich-Religiösen: (1) die religiöse Dimension in der Erziehung, (2) die Begegnung mit christlichen Inhalten, (3) die Kooperation von Kirchenegmeinde und Kita und (4) das interreligiöse Miteinander.
  • Die Grundmerkmale: Grundmerkmale sind die theologischen Essentials, die in dem Arbeistfeld eine besondere Relevanz haben. Während die theologische Grundorientierung im ersten Kapitel biblisch-theologisch angelegt war, stellen die Grundmerkmale quasi den systematisch-theologischem Kern dar. Für das Arbeitsfeld der Kitas nennen die Autoren acht solcher Essentials/Grundmerkmale: (1) Grundvertrauen, (2) Selbständigkeit, (3) Verantwortungsbewusstsein, (4) Grenzen, Schuld, Vergebung, (5) Neugier, (6) Sinn für Geheimnisvolles, (7) Phantasie und Kreativität und (8) Hoffnung.

Und jetzt beginnt das mühsame, aber lohnende Geschäft. In der Handreichung wird nun Ebene für Ebene, Aspekt für Aspekt, Merkmal für Merkmal durchgegangen. Mitgerechnet? Richtig, 160 (5 x 4 x 8) „Qualitätsfragen“ werden formuliert und mit jeweils ein, zwei Beispielantworten ergänzt.

Genau dieses Vorgehen gefällt mir – und es ist auf andere diakonische Arbeitsfelder übertragbar. Diese Struktur kann daher durchaus als eine Profil-Blaupause für andere Handlungsfelder dienen – nicht in den Inhalten, aber in der Herangehensweise. Dreierlei muss dann geklärt werden (ich weiche etwas von den verwendeten Begrifflichkeiten ab):

  • Die verschiedenen Bezugsebenen des Handelns: Das geht recht schnell, weil diese sich in den einzelnen Arbeitsfeldern mehr oder weniger von selbst ergeben.
  • Die religiösen Anschlussstellen: Diese sind in den verschiedenen Handlungsfeldern sehr unterschiedlich. Hier muss man schon mehr Reflexionsanstrengung hineinstecken, vielleicht zeigt sich nachher auch, dass manche Aspekte eher schwierig oder auch nicht angemessen sind. An dieser Stelle muss man vielleicht auch einfach eingestehen, dass dies bei Kitas verhältnismäßig einfach ist.
  • Die spirituellen Grundthemen oder -dynamiken des Arbeitsfeldes: Auch das ist nicht ganz so leicht, hier bedarf es solider Erfahrungen des Feldes. Die Kunst – ich sage es immer und immer wieder! – liegt darin, dass diese Essentials gleichermaßen eine „theologische“ wie „fachliche“ Würde habe. Für die theologische Durchdringungen könnten die folgenden beiden Bücher hilfreich sein: Krockauer/Bohlen/Lehner (Hg.): Theologie und Soziale Arbeit, München 2006 (Teil C) und meine Dissertation (Abschnitt 10.3).

Nach dieser Vorarbeit setzt dann die eigentliche Arbeit ein: Alles gegenseitig aufeinander beziehen und sich immer fragen: Was leitet sich hieraus konkret für das diakonische (bzw. christliche) Profil des Handlungsfeldes ab? Für mich ist „Hoffnung leben“ die beste Handreichung, die ich kenne, um diakonisches Profil zu entwickeln. Uneingeschränkte Kaufempfehlung – unabhängig vom Handlungsfeld!

Rheinischer Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. (Hg.): Hoffnung leben. Evangelische Anstöße zur Qualitätsentwicklung, Moers 2013, 16,95€

tl;dr
Auch wenn die konkreten Fragen und Beispiele nicht auf andere Handlungsfelder übertragbar sind, die Herangehensweise ist es: Die Handreichung „Hoffnung leben“ gehört daher auf jeden Profilentwickler-Schreibtisch.

 

Vorstellungskraft

Felix von Leitner („fefe“) hat in der FAZ vom 13.09.2013 seine „Stark-Trek-Theorie“ vorgestellt. Und die geht so: Warum gibt es aufklappbare Handys, USB-Speichersticks, Tablets, Computer mit Spracheingabe oder Google Glass? Ganz einfach: Weil das alles Dinge sind, die ein paar Jahrzehnte zuvor bereits in der Welt von Star Trek gezeigt wurden.

„Das alles liegt daran, dass „Star Trek“ fast zehn Jahre lang im Fernsehen lief. Diese Zeit war die Kindheit der Menschen, die heute im Silicon Valley und anderswo Dinge erfinden. Um Dinge zu erfinden, muss man sie sich vorstellen können. Daher fällt Science-Fiction in unserer Gesellschaft ein besonders hoher Stellenwert zu. Science-Fiction schafft Bilder, schafft Vorstellungen. Die Ingenieure bauen sie dann.“

Nur was man sich vorstellen kann, kann man umsetzen. Was nicht im Bereich der eigenen Vorstellungskraft liegt, ist nicht machbar. Dieser einfache Gedanke ist ein wichtiger Schlüssel für die Gestaltung von Welt und des eigenen Lebens. Im Grunde ist es eine spirituelle Weisheit. Und das Nutzbarmachen dieser Weisheit ist gerade auch für diakonisches Arbeiten von großer Bedeutung.

Ein einfaches Beispiel: Wenn Menschen für ehrenamtliches Engagement gewonnen werden sollen, müssen diese eine Vorstellung davon haben, was das ist (das wissen viele Menschen tatsächlich nicht, jedenfalls nicht im Konkreten!) und dass dies irgendwie positiv oder sinnvoll ist. Ohne dies gibt es kein Engagement, da können die Rahmenbedingungen noch so gut sein. Das klingt zu banal? Das mag sein. Aber ich frage mich immer wieder, wer eigentlich dieses furchtbare Wort „Freiwilligenmanagement“ erfunden hat. Denn Freiwillige lassen sich nicht „managen“ – aber von Bildern leiten. Statt „Freiwilligenmanagement“ bräuchte es also viel eher so etwas wie „Bildbearbeitung“.

Ähnlich ist es beim Empowerment. Empowerment funktioniert nicht über irgendwelche Tools und Techniken (auch wenn es unzählige davon gibt) und schon gar nicht übers „Motivieren“. Empowerment bedeutet im Kern: Ich (der „Empowerer“) habe ein Bild von dir (dem „Empowerten“), das größer ist als das, das du selbst von dir hast. Und ich versuche, dass dieses Bild in dich einsickert und unterstütze dich dann dabei, dass du es Gestalt werden lassen kannst. Für Letzteres sind manche der Tools und Techniken dann auch ganz hilfreich. Entscheidend ist aber das erste: das Vorhandensein eines großen (und trotzdem angemessenen) Bildes. Wer das als Sozialarbeiter nicht hat (es ist in jedem Einzelfall anders, klar), der verliert sich in wirkungslosen Techniken und belegt irgendwann eine Fortbildung zu heilsversprechenden Motivationstricks. Schade – oder wohl eher tragisch.

Ich belasse es einmal bei diesen beiden Beispielen, der Grundgedanke ist sicherlich klar geworden. Zurück zu der Ausgangsthese von Felix von Leitners Star-Trek-Theorie. Das eine ist ja die Vorstellungsfähigkeit an und für sich, das andere, dass ausgerechnet Star Trek so wirkmächtig gewesen ist (zumindest was Compuertechnik und Ingenieurskunst angeht – und auch der unbedachte Umgang mit Daten! Darum geht es von Leitner eigentlich in seinem FAZ-Artikel. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Fass).

„Als einziges Science-Fiction-Programm zeigte „Star Trek“ eine Zukunft, die zwei Bedingungen erfüllte: Sie war realistisch genug, um sich selbst in dieser Welt sehen zu können, und sie war grundsätzlich positiv. Die gezeigte Welt war erstrebenswert. […] Und so hat „Star Trek“ einer Generation von zukünftigen Ingenieuren ein Zukunftsbild gezeigt, auf das diese jetzt hinarbeiten, bewusst oder unbewusst.“

Das ist ein wichtiger Punkt: Wirkmächtige Bilder müssen natürlich ein überschießendes Moment haben (sonst wären sie langweilig), aber sie müssen dabei auch in einem bestimmten Maße realistisch sein. Und sie müssen erstrebenswert, positiv sein. Nur so kann ich mich selbst in diesem Bild sehen. Das ist ja fast schon eine Gebrauchsanweisung!

Hier haben natürlich gerade die großen spirituellen Traditionen einiges an Erfahrung zu bieten. Allerdings nicht, weil sie die einzigen wären, die solche Bilder hätten oder weil sie besonders positive Bilder hätten (beides ist nicht zwingend der Fall), sondern weil sie wie kaum jemand anderes Erfahrung damit haben, wie Bilder „funktionieren“. Schon das deutsche Wort „Bildung“ macht dies deutlich: Etymologisch geht das Wort auf die christlich-mystische Praxis zurück, bei der der das Bild Christi so lange „imaginiert“ wird, bis es die anderen Bilder im Menschen überschrieben hat („înbildung“ hat das Meister Eckhart genannt). Das Arbeiten mit Imaginationen, die Nutzbarmachung der Vorstelllungskraft und das Entwickeln von positiven Zukunftsbildern ist ein zutiefst spirituell aufgeladener Prozess.

tl;dr
Man kann nur das tun, von dem man eine Vorstellung hat. Glücklich der, der auf Menschen trifft, die einem lebensförderliche Bilder von der Welt oder gar von sich selbst zeigen. An dieser Stelle können sich soziale Arbeit (bzw. Therapie) und spirituelle Traditionen befruchten.

Jeki-Ritter

Jeki – das ist die Abkürzung für das Projekt Jedem Kind ein Instrument.

„Der Name ist Programm: Jedem Grundschulkind des Ruhrgebiets soll die Möglichkeit offen stehen, ein Musikinstrument zu erlernen, das es sich selbst ausgesucht hat. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Musizieren der Kinder – von der ersten bis zur vierten Klasse. […] Jedem Kind ein Instrument“ ist ein Angebot, die Welt der Musik zu entdecken. Es richtet sich explizit an alle Kinder: Um die Integration unterschiedlichster Gruppen zu gewährleisten, gibt es Möglichkeiten der Beitragsbefreiungen.“

Ich habe keine konkreten Erfahrung mit dem Programm, ich kenne nur die Idee. Und die finde ich genial. Unabhängig von kulturellem Hintergrund und finanziellen Mitteln sollen Kinder die Möglichkeit haben, ein Instrument zu lernen. In der Regel lernt derjenige ein Instrument, in dessen Familie bereits musiziert wird. Gerade deshalb ist es wichtig, dass möglichst alle Kinder die Chance bekommen, in Berührung mit einem Instrument zu kommen. Es geht dabei nicht nur um musikpädagogische Ziele (die anscheinend auch kritisch gesehen werden), sondern es geht gerade auch darum, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Was diese Idee in meinen Augen so wertvoll macht, sind die Erfahrungen, etwas selbst zu machen, etwas zu können, etwas zu gestalten. Ich erkenne dabei: Die Welt ist formbar. Ich bin Urheber. Ich äußere mich und werde gehört. Ich lerne etwas zu wollen.

Jeki ist natürlich auch mit Problemen konfrontiert. Vor allem sind es Ressourcen- und Nachhaltigkeitsprobleme, gerade dann, wenn man das Konzept über das Ruhrgebiet hinaus flächendeckend installieren will. Im aktuellen rot-grünen NRW-Koalitionsvertrag wird die Idee, Jeki auf ganz NRW auszuweiten, skeptisch beurteilt. Dort heißt es:

„Das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ soll überprüft werden. Eine Ausweitung auf ganz Nordrhein-Westfalen ist in der ursprünglichen Ausrichtung des Projektes und der aktuellen finanziellen Lage nicht leistbar. Da musikalische Früherziehung nachweislich einen positiven Einfluss auf Kinder hat, wollen wir ein Konzept für NRW entwickeln, das auf den vielfältigen Ansätzen im Land aufbaut und an dem sich Kitas, Grundschulen und freie Träger beteiligen können.“ (NRWSPD – Bündnis 90/Die Grünen NRW: Koalitionsvertrag 2012 – 2017, S. 160).

Das Jeki-Anliegen ist auch ein kirchliches Anliegen: Teilhabe ermöglichen, Kulturgut pflegen und weitergeben, Selbstwirksamkeit erfahren, in Gemeinschaft die Welt gestalten. Kirchengemeinden können von Jeki profitieren, Jeki kann von Kirchengemeinden profitieren.

Zum Beispiel könnten nordrhein-westfälische Kirchengemeinden der Landesregierung ihre Ressourcen anbieten: Räume und Leihinstrumente. Oder sie könnten (flächendeckende) Angebote für die Kinder machen, die Jeki durchlaufen haben, aber weitermachen wollen. Dort, wo es Jeki nicht gibt, können Kirchengemeinden etwas Ähnliches aufziehen. Know How ist zum Teil da, die Infrastruktur sowieso. Es gibt engagierte Leute in den Gemeinden, die nur allzu gern eine „richtige“ Aufgabe hätten. Man kann sich natürlich auch einfach von dem Jeki-Gedanken anregen lassen und etwas Ähnliches machen, neben Musik gibt es ja noch andere Möglichkeiten kultureller Teilhabe.

Diakonischer geht’s nimmer. Und die Rolle des Jeki-Ritters wäre nicht die schlechteste für eine diakonische Kirche.

Diakonische Lernorte

Unter dem Begriff des „diakonischen Lernens“ hat sich seit Mitte der 1990er Jahre ein Konzept etabliert, das begleitete Schulpraktika im sozialen/diakonischen Bereich („Diakonie praktisch“) mit einer fundierten Vor- und Nachbereitung im Religionsunterricht („Diakonie theoretisch“) verbindet. Zur Debatte um diakonisches Lernen, zum Bildungsverständnis, zu didaktischen Zugängen und methodischen Umsetzungen sei das grundlegende Handbuch „Unterwegs zu einer Kultur des Helfens“ empfohlen. Ein wichtiger organisatorischer Aspekt ist immer die Frage nach den konkreten Lernorten, also den Möglichkeiten, „Diakonie praktisch“ zu erfahren. Einige Landeskirchen bzw. Diakonie-Landesverbände bieten hierzu hilfreiche Zusammenstellungen von Praktikumsmöglichkeiten für das diakonische Lernen an.

Hinweise auf weitere Seiten mit diakonischen Lernorten nehme ich gerne auf!