Archiv der Kategorie: Gemischtwaren

Diakonisches Liedgut (2)

Seit dem ich vor zwei Jahren hier einmal der Frage nachgegangen in, ob es so etwas wie ein „diakonisches Liedgut“ gibt, suche ich weiter danach. Mir geht es dabei um Lieder, die einer diakonische Spiritualität Ausdruck verleihen. Und ehrlich gesagt: Meine Ausbeute ist eher gering.

Das liegt daran, dass ich an dieser Stelle sehr streng bin. Es gibt zwar eine Menge Lieder, die Diakonisches berühren. Aber etliche ergehen sich dann leider in Betroffenheitslyrik. Und es gibt viele Lieder, die mir einfach zu sehr gotthatalleliebunddiesonnescheintauchbaldwiederfürdich sind.

Singen kann eine sehr tiefe Wirkung haben. Denn das, was man singt – zumindest wenn man es oft singt – sickert in einen ein. Daher mache ich es mir schwer und suche nach den Perlen. Und hier sind nun drei weitere Lieder mit dem Prädikat „diakonisch wertvoll“: ein Bekanntes, eine Umdichtung, ein Neues.

Selig seid ihr

„Selig seid ihr“ ist ein alter Piet Janssens-Klassiker. Der Text ist von Friedrich Karl Barth und Peter Horst.

1. Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.
Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.

Es ist ein diakonisches Programm: einfaches Leben, Lasten teilen, lieben, gütig sein, Leid wahrnehmen, bei der Wahrheit bleiben, Frieden machen und Unrecht spüren. Angelehnt ist der Text an die  Seligpreisungen (Matthäus 5). Es findet sich im katholischen Gotteslob und in vielen Regionalteilen evangelischer Gesangbücher.

Ein bisschen stört mich das wiederkehrende „wenn“, denn es kann temporal oder konditional verstanden werden. Letzters fände ich theologisch nicht ganz passend. Man kann es umschiffen, indem man statt dem „wenn“ immer ein „die“ singt.

Von Gott will ich nicht lassen

Marita Lersner hat im Zusammenhang mit Christian Herwartz‘ Straßenexerzitien vier neue Strophen auf die Melodie von „Von Gott will ich nicht lassen“ gedichtet. Wenn ich es richtig sehe, wird zunächst die erste Strophe des Originals gesungen, dann schließen sich die neuen Strophen an. Hier ihre zweite Strophe:

2. Auf Gott will ich vertrauen,
weil er so menschlich ist.
Er will auf Menschen bauen,
die man sonst oft vergisst.
Für ihn sind Schiefe schön,
die Ausgegrenzten wichtig,
Und die Verwirrten richtig,
die Lahmen werden gehn.

Die Neudichtung beschreibt wie das Original unsere Gottergebenheit, allerdings nüchterner und (in meinen Augen) auch angemessener. Mir gefällt der Text sehr gut, die Kombination der ersten Strophe („führt mich durch alle Straßen“) mit den vier neuen finde ich gelungen.

Suchet das Beste, das Beste der Stadt

Bei Liedern, die bewusst als Diakonie-Songs geschrieben werden, bin ich ja immer recht skeptisch. Mir ist da bisher einfach noch nichts Gutes begegnet. Es gibt aber eine Ausnahme: „Suchet das Beste, das Beste der Stadt“. Das Lied war für mich eine Überraschungsentdeckung:

Suchet das Beste, das Beste der Stadt.
Aufmerksam fragt, was sie jetzt nötig hat.
Jeder Mensch zählt, denn Gott sieht jeden an.
Betet, das sein Geist die Stadt prägen kann.
Betet für Frieden. Gerechtigkeit liebt.
Lebt aus dem Geist, den uns Christus gibt.

Die einzelnen Strophen sind dann quasi die Vertonung des Leitbilds der Berliner Stadtmission. Natürlich gefällt mir, dass es eine Art „Gemeinwesendiakonie-Song“ ist. Bemerkenswert ist die Haltung gegenüber der Stadt: Einerseits fragen, was sie nötig hat, andererseits für sie beten. Konkrete Hilfen werden dann in den Strophen aufgezählt, aber der Refrain macht klar: die christlichen Grundtätigkeiten sind fragen und beten.

Musik und Text stammen von Gerold Vorländer, lange Jahre Kölner Pfarrer und jetzt in der Leitung der Berliner Stadtmission. Auf seinem Blog findet sich ein ein Ausschnitt aus der Notation. Ansonsten gibt es das Lied leider weder textlich noch akkustisch im Netz, einzige Möglichkeit ist der Kauf einer CD für wenig Geld – die aber anscheinend vergriffen ist.

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Drei weitere Lieder, die ich allen ans Herz lege, die nach diakonischer Spiritualität in geistlichen Liedern suchen: Selig seid ihr; Von Gott will ich nicht lassen (in der Neudichtung von Marita Lersner); Suchet das Beste, das Beste der Stadt.

Herzlich Willkommen, Kollege!

Es ist natürlich (sehr) vermessen, einen Präsidenten als Kollegen zu bezeichnen. Aber da der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie in der letzten Woche das Bloggen begonnen hat, konnte ich mir das als dienstältester Diakonie-Blogger nicht verkneifen.

Also: Ulrich Lilie bloggt. Und so heißt auch das Diakonie-Präsidenten-Blog.

Zwei Vorteile hat solch ein Blog-Auftritt: Natürlich steht dem Präseidenten das ganze Potpourri der Diakonie-Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung, aber der Präsident kann so unmittelbarer und persönlicher kommunizieren. Darüber hinaus gibt es über die Kommentarfunktion einen direkten Rückkanal zum Präsidenten, und zwar grundsätzlich für jedermann/frau. Beides ist begrüßenswert, und so kann man den Präsidenten und die Diakonieöffentlichkeitsarbeitsleute nur beglückwunschen und ihnen aus vollem Herzen viel Erfolg wünschen. Solch eine Art von Kommunikation – direkter, persönlicher, responsiver – brauchen wir!

Inwiefern das gelingt – wir werden es sehen.

Herzlich Willkommen!

tl;dr
Der Diakonie-Präsident hat das Bloggen begonnen. Gute Sache.

Fastenzeit

AD2014Heute am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Fasten scheint im Trend zu liegen – begrüßenswert, finde ich.

So gibt es eine regelrechte Rennaissance des Fastens, gerade auch im evangelischen Bereich. Die Aktion „7 Wochen ohne“ begann Mitte der 1980er Jahre in Hamburg als private, aber von der evangelischen Kirche unterstützte Bewegung, die rasch populär wurde und seit nunmehr 20 Jahren vom Gemeinschaftswerk evangelischer Publizistik der EKD betreut wird. Aus dem Kreise der Hamburger Initiatoren entstand zudem der Verein „Andere Zeiten e.V.“, der später eine eigene Fastenaktion ins Leben rief: „7 Wochen anders leben“.

Die Idee ist einfach: auf scheinbar unentbehrliche Substanzen (Fleisch, Alkohol, Kaffee, Süßes…) oder eingeschliffene Gewohnheiten wird bewusst verzichtet. Die Faszination des Fastens liegt in zwei besonderen Wirkungen: Der Verzicht führt nicht ausschließlich zu einem Mangelerleben (was ja auf der Hand liegt), sondern paradoxer Weise auch zur Erfahrung von Fülle. Und der zunächst äußere Prozess des Weglassens beeinflusst innere Prozesse. Verzicht kann zur Fülle führen und Äußeres wirkt auf Inneres das sind die beiden spirituellen Dynamiken des Fastens. Das macht das Fasten aus.

Deshalb finde ich so manche Fastenaktion auch etwas sonderbar. Allen voran die EKD-Aktion „Sieben Wochen ohne“, bei der ich von Jahr zu Jahr das Gefühl habe, dass man sich immer etwas besonders Schlaues ausdenken möchte. Dieses Jahr: „Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“. Merkwürdig finde ich es deshalb, weil es die beiden Fasten-Dynamiken genau auf den Kopf stellt: Es wird nicht etwas weggelassen oder reduziert, sondern etwas mehr (bzw. bewusster) gemacht. Zudem wird bei einem inneren Prozess angesetzt (dem Bewusstsein), nicht bei einem äußeren (dem Verhalten). Kann man machen. Aber mit Fasten hat das wenig zu tun. Wirklich pfiffig und ganz im Sinne des Fastens wäre es genau andersrum gewesen: Mal sieben Wochen nicht selbst denken! Kann man als evangelische Kirche natürlich nicht machen, schon klar. Völlig schräg wird es aber dann, wenn auf evangelisch.de alberne Banalitäten à la „Adam und Eva aßen einen Apfel!“ als „falsche Gewissheiten“ entlarvt werden. Ein Wissens-Häppchen ist etwas anders als Gewissheit.

7wochen_ohne_gwDa lob ich mir den Mut der Fastenaktion des evangelischen Zentrums für Predigtkultur: Pfarrer und Pfarrerinnen sollten in der Fatsenzeit in ihren Predigten auf eine Auswahl gängiger theologischer Begriffe verzichten – sieben Wochen ohne große Worte. Eine gute Idee gegen grassierende Logorrhoe (Wortdurchfall), auch wenn es Kritik an der Umsetzung gibt. Meine Meinung habe ich im Blog von Phillip Greifenstein kundgetan, lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Karsten Dittmann.

Mittlerweile gibt es die unterschiedlichsten Ideen und Aktionen . Eine besonders ambitionierte Verzichtsaktion ist das Auskommen mit dem Hartz-IV-Regelsatz (siehe auch hier). Eine andere Idee ist das Autofasten. Oder das Energiefasten (unter dem lustigen Titel: „Klimafasten“). Interessante Idee ist auch das Klamotten- bzw. Modefasten. Und natürlich ist das digitale Fasten nicht zu vegessen.

Zu den klassischen Motiven – Fasten als religiöse Praxis oder als gesundheitliche Maßnahme (Heilfasten) – gesellt sich also ein neues Motiv hinzu: Fasten als konsumkritisch-alternativer Lebensstil (Einfaches Leben).

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Fasten berührt die paradoxen Zusammenhänge von Mangel/Fülle und Inneres/Äußeres. Und neben religiösen oder gesundheitlichen Gründen ist auch ein „einfaches Leben auf Probe“ ein wesentliches Motiv. Gute Sache.

UPDATE 2014-03-05: Ich füge jetzt noch ein paar Blogartikel hinzu, die ich sehr zum Lesen empfehle:

UPDATE 2014-03-05, zum Zweiten: Jetzt habe ich gar nichts zu meinem Fasten gesagt. Ich faste Schokolade und Milchprodukte. Durch Zufall habe ich auf WDR2 ein Interview mit Atilla Hildmann gehört, dem Shootingstar der veganen Küche (den ich bisher gar nicht kannte, was auch daran liegt, dass ich vegane Küche bisher noch nicht kannte. Jedenfalls nicht wirklich). Ich fand seine engagierte aber gleichzeitig unverkrampfte Art so erfrischend, dass ich prompt sein Kochbuch zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Auf Fleisch und Milchprodukte gleichzeitig verzichten kann ich nicht, also probiere ich eine Variante davon aus. Man könnte auch sagen, ich mache 7 Wochen vegan mit Fleisch.

Ich bin übrigens öfter an meinen Fastenvorhaben gescheitert, als dass sie „hundertprozentig“ geklappt hätte. Trotzdem mach ich weiter.

Ich finde es auch gut, die Passionszeit besonders zu gestalten. Aber das hat für mich wie gesagt nichts mit Fasten zu tun, sondern mit der Fastenzeit als Zeitabschnitt. Ich habe mir dieses Jahr wieder Anselm Grüns „Das Kreuz“ vorgenommen (das ist ein älteres Buch von Grün aus der Reihe Münsterschwarzacher Kleinschriften. Soll heißen: Da kommen weder Engel noch Wellnesstüdelü vor). Ich habe das Buch vorher in 40 Abschnitte eingeteilt, ein paar Abschnitte bleiben außen vor, so dass es jeden Tag ca. eine dreiviertel Seite Lesepensum ist. Das geht auch gut im RE5.

Und mit diesen ergänzenden Infos nehme ich jetzt auch noch an Andrea Juchems Blogparade „Fastenzeit AD 2014“ teil.

UPDATE 2014-03-05, zum Dritten: Beim Schreiben des Blogartikels hatte ich gewisse Bauchschmerzen. Und zwar wegen des thematischen Hintergrunds dieses Blogs: Ich blogge ja hier grundsätzlich über diakonische Aspekte. Aber die werden in diesem Beitrag gar nicht reflektiert. Aus einem ganz einfachen Grund: Ich habe einfach kein Packende bekommen.

Bewusst auf etwas Verzichten kann man nur, wenn man grundsätzlich genug von dem hat, worauf man verzichten will. Ansonsten ist das kein Verzicht, sondern Mangel. Oder Not. Ich überlege, ob all die hier erwähnten Fasten-Ideen (und mein persönliches Fasten) nicht ein reines bürgerliches Mittelschichtsphänomen sind. Das macht sie weder schlechter noch besser, aber das sollte man dann zumindest nicht unerwähnt lassen.

Für mich ist dies hier eine wichtige Frage (die ich momentan wirklich nicht beantworten kann): Inwiefern korrelieren (negativ und positiv) religiöse Ideen/Formate/Übungswege mit Marginalisierungserfahrungen. Ja, natürlich korreliert das, klar. Aber wie genau? Und: was wäre demnach sinnvoll: eine kompensatorische oder eine verstärkende Strategie? Wenn das noch zu kryptisch klingt: Ich kann’s grade nicht anders formulieren. Später vielleicht mal mehr.

Und wie surfst du so?

Fabian Maysenhölder (von theopop.de) hat die Blogparade „Und wo surfst du so?“ gestartet. Es geht um den eigenen Medienkonsum in Bezug auf die Frage, ob man sich nur zu Seinesgleichen durchklickt oder ob man sich auch bewusst von anderen Meinungen herausfordern lässt.

Ich habe ziemlich lange an diesem Blogartikel herumgeschrieben – bis ich gemerkt habe, dass es wenig Sinn macht, darzustellen, wo ich mich im Netz bewege und was ich dort alles lese. Das ging dann doch zu sehr in die Richtung „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot“ und trug nichts aus. Ich beschränke mich jetzt auf die Essenz und versuche einige Phänomene zu benennen, die mir wichtig erscheinen. Aus dem „wo surfst du denn?“ wurde damit ein „wie surfst du denn?“.

Vier Dinge sind wichtig:

  • Ein ganz wesentlicher Teil meines Online-Lesepensums besteht aus Blogbeiträgen. Ich glaube, dass sich mein Wahrnehmungshorizont in den letzten Jahren in erster Linien durch Blogs geweitet hat. Private Blogs sind für mich ein unverzichtbares Gegengewicht zur Vierten Gewalt geworden. Ich lese Nischenblogs daher mit gleicher Aufmerksamkeit, wie die Artikel und Beiträge klassischer Verlagshäuser – wenn mich denn das jeweilige Thema interessiert.
  • Es gibt einige Seiten im Netz, die ich selbst recht regelmäßig ansteuere und mehr oder weniger flächendeckend abgrase. Bei allen anderen Artikeln, die ich lese, lande ich direkt über Empfehlungen – und das sind zum größte Teil die Empfehlungen meiner Twitter-Timeline. Daneben spielen auch noch ein paar abonnierte Newsletter eine Rolle. Die Kombination aus Empfehlendem und Empfohlenem entscheidet zu einem großen Teil darüber, was ich dann tatsächlich lese.  Und ich bin manchmal erstaunt, wo ich da so lande…
  • Neben den genannten Lese-Empfehlungen meiner Timeline sind Agenturen bzw. Aggregatoren wichtig. Auch hier ist Twitter wieder eine große Hilfe: Für den kirchlichen Bereich bin ich beispielsweise mit dem European Protestant News Network (#epnn bzw. @leuenberg) und Relinews (@Relinews) gut bedient. Das EPNN bringt Agenturmeldungen aus dem (europäischen) ökumenischen Kontext – und das sind fast alles Sachen, die ich über andere Kanäle nicht mitbekomme (Danke, Thomas!). Relinews bündelt etliche Pressedienste (Danke, Fabian!) wie evangelisch.de, epd-Pressemitteilungen oder idea.de. Idea mag ich natürlich nicht (das wundert jetzt keinen, oder?), aber so laufen trotzdem idea-Meldungen in meine Timeline.
  • Wer nicht twittert oder wer nicht via Twitter verlinkt wird, rutscht bei mir schnell aus dem Aufmerksamkeitshorizont heraus. Das ist doof. Trotzdem will ich jetzt keinen kulturpessimistischen Einwand hören („Siehst du, so gefährlich ist das Leben in deiner Blase! Verlässt dich nur auf Twitter, wenn du selbst recherchieren würdest, würde dir das nicht passieren!“ – so in der Art), denn das ist Quatsch. Genau das Gegenteil ist der Fall: Durch die praktische Mischung von dem Vertrauen auf Empfehlungen gefolgt von dem Minimalaufwand eines enziges Klicks ist ganz schön viel in meine Aufmerksamkeit hineingerutscht – mein (Wahrnehmungs-)Horizont hat sich also enorm geweitet. Das gilt natürlich nur für Inhalte, die online verfügbar sind und die über Twitter vernehmbar sind.

Bei der Zusammenstellung von Internetseiten, Newslettern, Blogs und Twitteraccounts sind mir zwei Kriterien wichtig:

  • Informationsbreite: Ich möchte Kanäle dabei haben, über die ich Informationen bekommen, an die ich selbst eher nicht gekommen wäre. Ich will gut informiert sein, was bei mir in erster Linie bedeutet: Ich will breit informiert sein, will einen möglichst umfassenden Überblick über die Debatten und Diskurse haben, die für mich relevant sind. Breite ist mir dabei wichtiger als Tiefe. In den Bereichen, wo mir Informationstiefe wichtig ist, kenne ich mich selbst so gut aus, dass ich weiß, wie und wo ich an die Details komme.
  • Inspirationsquelle: Ich freue mich über inspirierende Dinge, Ansichten, Ideen. Inspiration bedeutet dabei aber nicht zwangsläufig Innovatives und Progressives, das kann auch Traditionelles und Konservatives sein. Wichtig dabei ist, dass ich mich überraschen lassen können muss. Was erwartbar ist, bietet wenig Inspiration. Ein kleines Beispiel dazu: Eigentlich ist Publik Forum eine Zeitschrift, die mir inhaltlich recht nahe steht. Aber Duktus und Sound der Beiträge sind für mich mittlerweile zu erwartbar geworden. Ich muss nur die Überschrift lesen und weiß, was im Artikel steht. Das unterscheidet sich dann auch nicht mehr so doll von der Men’s Health. Da kennt man nach dem Durchlauf eines Probeabos ja auch sämtliche Inhalte.

Soviel zu meinem Surfverhalten. Die spannende dahinterliegende Frage – und so verstehe ich Fabians Intention der Blogparade – ist ja nun, ob ich mich von „andersartigen“ Meinungen im positiven Sinne beeinflussen lasse. Oder ob ich mich selbstgewählt abschotte und nur meine eigenen Ansichten perpetuiere.

Ich finde schon, dass ich recht häufig bei Quellen lande, die ganz und gar nicht zu „Meinesgleichen“ zählen. Die Verweildauer ist dort natürlich nicht immer sehr hoch – und wenn doch, dann aufgrund der schon erwähnten Empfehlungen. Doch nur weil ich „woanders lande“, dort, wo ich nicht unbedingt meine Meinung wiederfinde, heißt das ja noch lange nicht, dass mich die dortigen Argumente überzeugen (oder dass sie langsam, peu à peu, bei mir einsickern). Wenn man ehrlich ist, wird wohl eher das Gegenteil der Fall sein: Umso mehr ich auf Andersartiges stoße, desto mehr fühle ich mich in meiner Sicht der Dinge bestätigt – inklusive der Erkenntnis, dass ich eben von lauter Deppen umgeben bin.

Denn neben der mir oft nicht bewussten algorithmengesteuerten Filterblase und meiner sehr bewusst selbstkonstruierten Netzwelt (Twitter-Timeline etc.) gibt es ein noch ein weit wichtigeres Phänomen: Interesse leitet Wahrnehmung. Das, was mich interessiert, nehme ich wahr. Was nicht, nicht. Wenn man frisch verliebt ist in jemanden, der, sagen wir, ein rotes Auto hat, sieht man doch tatsächlich überall rote Autos. Wer Homosexuelle für den Untergang des Abendlandes hält, fixiert seine Aufmerksamkeit darauf und entdeckt gleichzeitig unentwegt Indizien für den Untergang des Abendlandes.

Die Kombination aus (meist unbewusster) Filterblase und (ebenfalls meist unbewusster) interessengeleiteter Wahrnehmung führt leicht zu Engstirnigkeit und Rechthaberei. Zudem haben sich in jeder Szene bestimmte Lieblingsnarrative (bzw. bestimmte Tabus) etabliert. Im diakonisch-sozialen Bereich hört man zum Beispiel gerne die Position „Hartz IV ist schlecht“, Indizien dafür finden sich daher auch zuhauf. Ich konstruiere meine Wahrnehmung so, dass sie am Ende genau das liefert, worin ich bestätigt werden will.

Und wodurch kann sich mein leitendes Wahrnehmungsinteresse ändern? Einfach mal andere Seiten im Netz anklicken – dadurch ändert sich nix. Genausowenig funktioniert es, jemand anderen von etwas überzeugen zu wollen, was seine Wahrnehmungseinstellung komplett in Frage stellen würde. Da nützen auch „wissenschaftliche Studien“ oder „Evidenzbasierung“ nicht viel.

Ich glaube, eine Veränderung kann nur durch zweierlei eintreten: Zum einen durch intensive Diskussionen mit engagierten und trotzdem gelassenen Leuten, die eine andere Position vertreten als ich. Der „Sokratische Dialog“ scheint mir hier ein geeignetes Instrument zu sein, kombiniert mit einer ordentlichen Portion Herzenswärme. Zum anderen dadurch, dass ich irgendwann/irgendwie merke, dass meine Karte von der Welt und die Welt doch nicht so recht zusammenpassen. Dass meine Position weniger austrägt, als ich bisher glaubte, dass sie nicht mehr so nützlich ist – für mich. Hierfür ist eins wichtig: Ehrlichkeit mit sich selbst. Aber sich selbst ernstnehmen ist auch nicht immer einfach…

Ob diese Überlegungen hilfreich sind?

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Durch die Digitalisierung war es noch nie so einfach, einen weiten (Informations-)Horizont zu bekommen. Doch was ich sehen will, liegt weiterhin an mir selbst.

Weiter geht’s

Vielleicht war ich etwas zu voreilig. Vielleicht habe ich auch einfach nur mal eine Blogpause gebraucht.

Ich habe meine diakonisch.de-Zettelkästen durchgeschaut, um sie dann wegzuräumen bzw. auf andere Projekthaufen zu verteilen. Und da habe ich gemerkt, was da noch so alles drin ist und gebloggt werden will. Irgendwie hat man ja auch eine Verantwortung für Ideen, dass sie nicht nur im Stadium der Gedanken bleiben, sondern auch Wort werden. Mal etwas pathetisch ausgedrückt.

Und vielleicht war ich auch etwas kritisch in Bezug auf die recht niedrig ausgeprägte Online-Kultur in der Diakonie. Das ist halt einfach so.

Ach. Weiter geht’s.

Ich hatte ja ein zweites Blog angekündigt. Das wird es auch geben. Das Thema hat sich verfestigt, ich sammle schon länger erste Ideen und bin in das Stadium der Namenssuche eingetreten. Es wird um eine urbane christliche Spiritualität gehen. Details später.

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Ein Leben ohne Bloggen ist möglich. Aber sinnlos.

3 Jahre diakonisch.de

Vor genau drei Jahren habe ich das Blog diakonisch.de gestartet, ein Experiment.

Das Blog stelle ich nun ein.

Ich habe in den drei Jahren, in denen ich mich im Bloggen ausprobiert habe, eine Menge gelernt: die Entwicklung des Sounds bzw. der Tonalität des Blogs , die Verfestigung des Denkens beim Schreiben, das mehr oder weniger unterhaltsame Hineinnehmen der (mir unbekannten) Blog-Leser in meine Gedanken. Durchs Bloggen habe ich andere Blogs viel stärker wahrgenommen. Ich habe etliche Blogs mit sozialen oder theologischen Themen intensiv verfolgt, darüber Menschen und Ideen kennengelernt, Debatten und Informationen entdeckt, auf die ich ansonsten nicht gestoßen wäre.

Und das Bloggen war für mich eine wunderbare Möglichkeit, „laut zu denken“. Etliche Ideen sind erst durchs Bloggen entstanden, Vieles kam für mich erst dadurch auf den Punkt.

Ich wurde erstaunlich oft auf diakonisch.de angesprochen, das hat mich sehr gefreut! Allerdings immer auf Tagungen, Workshops, am Telefon. Kommentare und Verlinkungen hielten sich in Grenzen. Meines Wissens sind auch keine ähnlichen Projekte (ob nun als Blog oder nicht) entstanden, die versuchen, die Debatte um die diakonische Identität jenseits von Unternehmens- oder Verbands-PR voranzutreiben. Das war ein kleines bisschen meine Hoffnung bei diesem Projekt. Wie gesagt, es war als Experiment angelegt.

Die Frage nach dem „Kern“ (und den Rändern…) der Diakonie, nach angemessenen Ausdrucksformen, nach zukunftsfähigen Formaten und nach Möglichkeiten von Vergemeinschaftungen treibt mich weiter an. Nur das „laut Denken“ des Bloggens wird erst einmal nicht dazugehören…

Die Ideen und Gedanken in diesem Blog werde ich noch einmal überarbeiten und verdichten, daraus soll eine kleine Publikation entstehen: eine Diakonie-Einführung für Mitarbeitende. Ideen für weitere „diakonische“ (Folge-)Projekte habe ich in der Schublade. Wer informiert werden möchte, schickt mir einfach eine Email (mh // at // diakonisch // punkt // de), dann gibt es zu späterer Zeit Post von mir. Wer möchte, darf mir auch seine Anschrift senden, dann kommt die Beanchrichtung per Postkarte, ganz oldschool (wo gibt es sowas noch!). Analoge Kommunikation scheint ja doch einen gewissen Stellenwert in der Diakonie zu haben…

Es gibt auch bereits eine Idee für ein neues Blog, dort wird es stärker um christlich-spirituelle Themen gehen. Dazu später mehr.

Diakonisches Liedgut

Singen ist identitätsstiftend. In bestimmten Gruppen und Szenen wird ein ganz bestimmtes Liedgut gesungen (oder eben auch nicht). Das schafft während des Singens ein Gefühl von Zugehörigkeit, und es verursacht oft Jahre oder Jahrzehnte später noch einen Schauer, wenn man das eine oder andere Lied wieder hört. Philipp Greifenstein hat vor einiger Zeit seine „Hitparade“ neuer geistlicher Lieder zusammengestellt. Da sind ja ein paar Schätzchen dabei, Mann… Manche sprechen in dem Zusammenhang auch gern von „neuem geistlosen Liedgut“ – stimmt in vielen Fällen ja (leider) auch.

Wie sieht es denn eigentlich  mit dem Singen in der Diakonie aus? Ist die Diakonie ein Sangesnährboden? Hmm, das kann man nicht wirklich beantworten. Das liegt vor allem daran, dass die Diakonie zu „groß“ und damit zu unspeziell ist. Ein „typisches“ Liedgut gibt es immer nur in thematisch begrenzten Szenen – und wohl kaum in einer ganzen Branche. Deshalb gibt es auch keine „Diakonie-Hymne“. Und Lieder über die Diakonie finde ich recht bemüht, um es einmal vorsichtig auszudrücken… Siehe zum Beispiel hier oder hier.

Anstatt über die Diakonie zu singen, kann man natürlich auch singend dem Ausdruck verleihen, was sich im diakonischen Handeln spirituell vollzieht.

Gibt es Lieder, die in besonderem Maße eine „diakonische Spiritualität“ ausdrücken? Das ist natürlich Geschmackssache. Und Glaubenssache. An dieser Stelle möchte ich daher einfach einmal meine drei Favoriten gesungener diakonischer Spiritualität vorstellen.

Bleibet hier, und wachet mit mir

Das erste Lied ist ein Taizé-Lied: Bleibet hier, und wachet mit mir.

Eines der großen Missverständnisse in der Diakonie ist es, Diakonie vorschnell mit Aktion gleichzusetzen: Da, wo zupackend geholfen und getan wird, ist Diakonie. Diakonie als helfende Aktion ist oft das Selbstbild der Engagierten. Diakonie kann sich aber (gerade!) auch in purer Präsenz zeigen. Einfach gegenwärtig sein, da sein, da bleiben. Mein Diakonik-Lehrer hat die Trias bleiben – wachen – beten (Mk 14, 34+38), die in diesem Lied vertont wird, immer als den eigentlichen diakonischen Dreiklang bezeichnet. Er hat wohl recht.

Wechselnde Pfade

Das nächste Lied, das ich in besonderer Weise mit einer diakonischer Spiritualität verbinde, ist Wechselnde Pfade. Ich selbst kenne das Lied erst seit drei, vier Jahren. Es ist ein Pilgerlied, fester Bestandteil ist es zudem in der Schöpfungsspiritualitäts-Szene. Ein Video oder Audio habe ich nicht gefunden, aber immerhin die Noten.

Wechselnde_Pfade

Ich finde es einfach (und) schön. Wenige Worte und eine steile theologische Aussage: Alles ist Gnade. Ist es das? Ich singe es zumindest gern. Und seine Wirkung entfaltet es, wenn es – wie das Taizé-Lied Bleibet hier – immer und immer wieder gesungen wird, also mantrisch.

UPDATE 2014-12-20 Na, da habe ich jetzt doch ein Audio gefunden. Und zwar bei Jan Frerichs franziskanischer Lebensschule:

The Servant Song (Brother, Sister Let Me Serve You)

Und schließlich noch ein Lied, das das Dienen aufgreift. Dabei ist Dienen so eine Sache, mit vielen Missverständnissen verbunden – gerade in der Diakonie. „The Servant Song“ hebt das gegenseitige Dienen hervor, um einander christusförmig zu werden. Es hat etwas folkig Leichtes an sich und ist doch eine Hymne. Das Lied hat es mir angetan.

Komponiert hat es der neuseeländische Songwriter Richard Gillard Mitte der 1970er Jahre. Im anglikanischen Kontext ist der Song wohl bekannt, bei uns so gut wie unbekannt. Den Text findet man in den Anmerkungen zu dem YouTube-Video. Ich meine mich an eine Übertragung ins Deutsche von Yotin Tiewtrakul erinnern zu können, in seinem Blog ist sie aber leider nicht mehr.

Nachweise: Bleibet hier, und wachet mit mir: Jacques Berthier, Verlag Ateliers et Presses de Taizé; Wechselnde Pfade: Pilgerlied, Quelle unbekannt Text baltischer Hausspruch, Musik Gerhard Kronberg; The Servant Song (Brother, Sister Let Me Serve You): Richard Gillard, Verlag Marantha Music Inc.

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Diese drei Lieder verdichten für mich diakonische Spiritualität auf wunderbare Weise: „Bleibet hier, und wachet mit mir“, „Wechselnde Pfade“ und  „The Servant Song (Brother, Sister let me serve you)“. Singen!