Archiv der Kategorie: Organisation

Weiter auf der Wolke

Mir geht die Sache mit der Diakonie-Kampagne immer noch nach. Und ich überlege, was es genau ist, das mich so beschäftigt.

Die Kommentare des Diakonie-Campaigners im ersten Blogbeitrag und der Text vom Diakonie-Präsidenten auf dessen Blog lassen bei mir sehr viele Fragen offen. Aber ich will jetzt kein Rechthabenwollen-Pingpong in den Kommentaren hier oder dort spielen. Das bringt nix. Deshalb dieser zweite Artikel, bei dem es mir ausschließlich ums Grundsätzliche geht.

Eine Vorbemerkung: Ich bin kein Campaigner, kein Fundraiser, kein Öffentlichkeitsarbeiter. Ich bin diesbezüglich nicht vom Fach. Aber seitdem ich als kleiner Junge Werbung guckte, liebe ich sie. Und später im Kino war ich nicht nur ein Abspannsitzenbleiber, sondern auch ein Werbungsvorspanngenießer. Will sagen: Rezeptionsästhetisch bin ich sehr wohl vom Fach.

Man kann (eigentlich) nicht nicht politisch sein.

Erschrocken bin ich über den Ansatz, dass der Diakonie Bundesverband seit Jahren völlig unpolitische Jahreskampagnen fährt. Denn eigentlich kann man nicht nicht politisch sein – jedenfalls nicht als großer Sozialverband. Unpolitisch zu sein ist somit – ungewollt – auch eine politische Aussage.

Gerade das Care-Thema ist ein hochpolitisches: Die Neudefinition des Pflegebegriffs. Die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme und die damit verbundenen Fragen der Generationengerechtigkeit und der Geschlechtergerechtigkeit. Die Entlohnung des Pflegepersonals. Die gesellschaftliche Anerkennung von Pflegearbeit. Die völlig ungeklärte Frage, was mit den steigenden Zahlen an demenzerkrankter Menschen auf uns alle zukommen wird.

Es gibt wohl kaum ein Thema, das politisch so (auf)geladen ist wie die Pflege. Das heißt nicht, dass immer jede Aussage zu dem Thema ein politisches Statement sein muss. Nein, muss es nicht. Aber wenn eine Jahres(!)kampagne(!) eines der größten (!) Sozial(!)verbände des Landes eine Botschaft hat, die ungefähr in die Richtig geht wie „Natürlich ist es hart, aber das wird durch ein Lächeln entloht“, dann ist das eben nicht nicht politisch. Denn es ist nicht die Aussage der Mitarbeiterin XY (die selbstverständlich diese Meinung vertreten kann!), sondern es ist die Aussage der Diakonie-Kampagne.

Das Thema der Diakonie ist sie selbst

Was zum Kuckuck ist die Botschaft der Kampagne? Dass eine Hebamme den Job macht, wie eine Hebamme ihren Job macht? Dass ein Erzieher in einer Kita so arbeitet, wie man sich die Arbeit eines Erziehers in der Kita vorstellt? Dass man einen Einblick bekommt, wie eine Werkstatt für behinderte Menschen aussieht, egal welchen Trägers?

Ich erkenne folgende Botschaft: Die Diakonie hat verschiedene Arbeitsfelder, dort arbeiten Diakonie-Mitarbeitende und die machen einen tollen Job. Ja, das stimmt alles drei. Und?

Was ist das Thema der Diakonie-Kampagne? Die Diakonie selbst.

Thema sind nicht die Klienten, Nutzer oder Patienten. Sie sind Staffage (und stören zum Glück auch nicht großartig). Thema ist auch nicht ein gängiges Hilfeverständnis (Ermöglichung von Teilhabe, Kampf für eine inklusive Gesellschaft etc.). Und Thema ist schon gar nicht, strukturell oder gesellschaftspolitisch etwas voranzubringen.

Stattdessen sollen die Mitarbeitenden gewürdigt und in den Mittelpunkt gerückt werden. Ich bin der Letzte, der das nicht will! Aber dafür wäre wohl ein Rudigramm passender. Und in einer Image-Kampagne wünsche ich mir Aussagen, die nicht ausschließlich auf die Helfer fokussieren (jedenfalls nicht jahrelang!), sondern auf den Sinn, warum es diesen Verband gibt.

Die Sache mit der AuthentizitätTM

Authentizität ergibt sich für mich nicht automatisch dadurch, dass „echte Mitarbeiter“ in der Kampagne vorkommen. Sondern einzig und allein, ob die Botschaft authentisch ist. Der in dem Kampagnenvideo vorgeführte Pflegealltag ist beispielsweise völlig unauthentisch – auch wenn es von einer „echten“ Mitarbeiterin, in einer „echten“ Einrichtung mit „echten“ Klienten „in echt“ so gemacht wurde.

Eines ist wichtig: Mir geht es überhaupt nicht um die in den Kampagnenvideos gezeigten Mitarbeiter. Deren Arbeit kann und will ich nicht beurteilen. Ich habe schließlich nur ein Werbefilmchen gesehen, nicht deren Arbeit. Aber die Botschaft dieses Videos kann ich sehr wohl beurteilen. Ich kritisiere an dem Pflege-Video, wie die diakonische Arbeit dargestellt wird, welche Art von Fachlichkeit durch die Gesamtkomposition des Videos vermittelt wird. Ich sage nicht, dass die Pflege-Mitarbeiterin kitschige Arbeit macht. Ich sage aber sehr wohl, dass die Diakonie mit dem Video ganz großen Kitsch abliefert. Das hat mit den Mitarbeitern nur bedingt etwas zu tun. Doch sie hängen jetzt mit drin, mit Klarnamen.

Und wenn zum Beispiel der Mitarbeiter aus dem Spot von der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen zum Schluss des Videos zwischen behinderten und normalen Menschen unterscheidet (wenn auch „in Anführungszeichen“), dann wäre es falsch, diesen Mitarbeiter darauf festzulegen. Niemand redet druckreif. Es ist einzig und allein die Verantwortung der Diakonie, dass dies so über den Äther geht. Es ist ihre Absicht, dies so darzustellen und solche Aussagen zu prägen.

Was sie über die „Authentizität“ hinaus damit beabsichtigt, weiß ich nicht. Aber ich sagte ja bereits, dass sich mir der Sinn der Kampagne nicht erschließt.

Imagekampagnen eines Wohlfahrtsverbands: Was soll das?

Mein größtes Unverständnis bei den Diakonie-Kampagnen ist, wie man die Chancen, die eine Jahreskampagne bietet, damit verspielt, sie als Imagekampagne aufzuziehen. Und das seit Jahren! Wie bereits angedeutet, gefällt mir sehr gut, dass die Caritas Jahr für Jahr thematische Kampagnen fährt (und immer drei davon haben sogar noch ein Meta-Thema, hach!).

Dass einzelne diakonische Einrichtungen Werbefilme drehen und Imagekampagnen machen, ist nachvollziehbar. Genau dort gehört das auch hin. Sie bieten soziale Dienstleistungen an und können sich überlegen, ob sie Werbung machen wollen oder nicht. Jede einzelne Einrichtung kann sich überlegen, welches Image sie beförden möchte, ob sie sich eher altbacken oder progressiv geben möchte, was sie nach vorne und was sie nach hinten rücken möchte. Das kann niemand anderes als sie selbst. Sie sind sogar frei in der Entscheidung, ob sie gute oder schlechte Werbung machen wollen.

Der Bundesverband hat aber eine ganz andere Aufgabe, er ist ja gerade nicht Anbieter von sozialen Dienstleistungen. Er ist gesellschaftlicher und politischer Akteur – im Gegensatz zu den einzelnen Einrichtungen, die – mehr oder weniger – Marktakteure sind. Vielleicht bin ich jung und naiv, aber ich sehe die Existenzberechtigung des Diakonie-Bundesverbandes darin begründet, dass er Themen setzt, politisch interveniert, Druck macht, zivilgesellschaftlich mobilisiert und aktiviert, brennende Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nach vorne treibt. Das sind alles Aufgaben, die wunderbar mit tollen Kampagnen begleitet werden könnten. Aber vielleicht bin ich ja wirklich naiv. Vielleicht ist es ja eine Satzungsaufgabe, Werbung für verschiedene Arbeitsfelder von Mitgliedsorganisationen zu machen.

Nun macht die Diakonie Deutschland anscheinend nicht nur Image-Jahreskampagnen, sondern auch thematische Kampagnen. Ich habe extra nicht gegooglet, sondern ein paar Tage nachgedacht: Ich kann mich an keine einzige erinnern. Sie scheinen nicht sehr auffällig gewesen zu sein. Und das liegt nicht an meinem Gedächtnis. Ich weiß ja sogar noch, wer Ulricke Jokiel ist. Und so etwas bräuchte ich mir wirklich nicht zu merken.

Okay, die Diakonie spielt nicht in derselben Liga wie beispielsweise ein Zentrum für politische Schönheit, das ist mir schon klar. Andererseits: Warum eigentlich nicht?

tl;dr
ach

UPDATE 2015-01-31 Holger Pyka hat sich auf meinen Beitrag „Alles Wölkchen“ bezogen und ist der Frage nach kirchlichen Image-Kampagnen nachgegangen. Sehr lesenswert! Ich verlinke ihn in diesem Beitrag von mir, weil ich hier (wie Holger dort) etwas ausführlicher über Kampagnen-Arbeit nachdenke.

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Alles wölkchen

Mannomannomann, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.

Vielleicht hier: Warum rege ich mich eigentlich auf? Ich glaube, weil mir die Diakonie irgendwie am Herzen liegt und ich schon eine gewisse Identifikation mit diakonischer Arbeit habe. Mit dem, was das Ganze soll.

Worum es geht? Um die neue Image-Kampagne der Diakonie.

Mit ihren Kampagnen hat die Diakonie selten ein glückliches Händchen bewiesen. Aber jetzt übertrifft sie sich noch einmal selbst. Drei Videos der Kampagne sind online. Sie stellen den Arbeitsalltag in einer Kita, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und einem Nagelstudio Pflegezentrum dar.

Hier einmal das Video zum Pflegezentrum:

Das Bild, was ich von Pflege habe, unterscheidet sich fundamental von dem Kitsch, der in dem Imagefilm serviert wird. Ich habe gerlernt: Die Hauptaufgabe einer Pflegefachkraft ist Fotos anschauen und Nägel lackieren. Vor allem Nägel lackieren! Das ist so wesentlich, dass in dem Dreiminüter acht Sequenzen damit gefüllt werden: 0:01; 0:19; 0:30; 0:39; 1:03; 1:59; 2:21; 2:40.

An dieser Stelle muss die Diakonie doch auch ihre Mitarbeitenden schützen. Es ist zwar schön, dass die Protagonistin viel lacht, aber das, was fachlich rüberkommt, ist an Naivität kaum zu überbieten. Die junge Frau wird völlig vorgeführt.

Die anderen beiden Spots sind ganz okay. Okay im Sinne von nicht peinlich. Aber reicht okaysein für Kampagnenarbeit?

Ich frage mich, warum seit Jahren immer das gleiche Kampagnenschema gefahren wird: Die Diakonie hat verschiedene Arbeitsfelder und die Leute da sind nett. Das ist die Botschaft.

Warum gibt es keine thematischen Kampagnen (wie bei der Caritas)? Warum gibt es keine Fokussierung auf aktuelle gesellschaftliche Probleme (wie bei der Caritas)? Und warum gibt es einfach keine guten Kampagnen (wie bei der Caritas)?

Eine Antwort habe ich auf diese Fragen: Die Diakonie nennt das Ganze richtiger Weise ja eine Imagekampagne der Diakonie. Es soll also gar nicht um Agenda Setting, Themenmanegement, politische Positionierung, inhaltliche Substanz und gesellschaftlichen Diskurs gehen. Es soll einfach das Image der Diakonie aufgehübscht werden.

So kann man natürlich auch den gesellschaftlichen und kirchlichen Auftrag verstehen, den man hat.

Ich geh dann mal zur Diakonie rüber und lass mir die Nägel machen.

tl;dr
Alles wölkchen in der Diakonie.

P.S.: Hintergrund zu den Caritas-Kampagnen gibt es hier.

UPDATE 2015-01-28: Ich habe noch ausführlicher zur Kampagne gebloogt.

Geschichten erzählen

In der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal – eine der vier Bethel-Stiftungen – entstand der Fortbildungskurs „Glaube verstehen – diakonisch handeln“. Dieses diakonische Bildungsangebot wurde strukturell in dem Diakonieunternehmen verankert, so dass insgesamt 1.200 (in Worten: eintausendzweihundert!) Mitarbeitende und Leitende daran teilgenommen haben. Das Konzept wurde nun veröffentlicht und steht zum kostenlosen Download bereit.

Im Mittelpunkt steht das Geschichten-Erzählen. In einer festen Gruppe trifft man sich acht mal, bei jedem Treffen werden „Glaubensgeschichten“ und „Arbeits-Alltags-Geschichten“ erzählt. Beides wird aufeinander bezogen („verknüpft“).

Die Kurse boten und bieten ein Forum zum Geschichtenerzählen an. Geschichten als ein Mittel, biblisch/theologische Werteorientierung und Alltagserfahrung der Arbeit zu kommunizieren und zu verknüpfen. Experten aus der Arbeit (Mitarbeitende) trafen sich mit Experten der biblischen Überlieferung (Theologen). Sie verbanden ihre Geschichten, gewannen neue Einsichten und Impulse und entwickelten weiterführende Perspektiven. Die Anregung für dieses Vorgehen stammt aus den Basisgemeinden in Lateinamerika. Aufgrund des Priestermangels dort entstand seinerzeit eine Laienbewegung, die die Bibel unmittelbar aus dem von Armut und Ausgrenzung gekennzeichneten Lebensalltag heraus gelesen und verstanden hat. Sie verknüpften beides, ihren Lebensalltag und biblische Geschichten, fühlten sich gestärkt und ermutigt, gewannen so Impulse für sich selbst und im gesellschaftlichen Umfeld (S. 6).

Das Konzept ist so unspektakulär wie es gut ist: Narrative Theologie meets Korrelationsdidaktik. Es wird also genau das vermieden, woran solche Bildungsangebote immer wieder kranken: Diakonie „vermitteln“ zu wollen. Wer aufmerksam liest, kann entdecken, wie angemessen und bedacht das Konzept entwickelt wurde.

Die Auswahl der acht biblischen Geschichten wird kurz erklärt, sie orientierte sich an zwei Kriterien:

Die Geschichten sind so ausgewählt worden , dass darin Aspekte enthalten sind, die auch in einer weitgehend von kirchlichen Bezügen entfremdeten Gesellschaft mindestens als Begriff eine Rolle spielen (10 Gebote, Nächstenliebe, kirchliche Feste: Weihnachten, Ostern usw.) Oder sie können als gelebte oder gewünschte/ersehnte Erfahrung im Arbeitsalltag der Teilnehmenden auftauchen: Heilung, Integration von Außenseitern, Nächstenliebe, Hilfe und Begleitung in der Begegnung mit Tod bzw. Sterben (S. 11).

Das „Verknüpfen“ der Glaubens- mit den Alltagsgeschichten geschieht mit Hilfe von sieben vorgegebenen Kategorien: Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Enttäuschungen, Begegnungen, Erfolge, Erfahrungen. Allerdings erfährt man wenig darüber, wie dieses Verknüpfens konkret geschieht (ja, ja, das alte Problem der Korrelationsdidaktik). Mich würde interessieren, welche Rolle die genannten Kategorien genau spielen und inwiefern sie sich bewährt haben.

Das Besondere an dem Kurs ist in meinen Augen zum einen der Mut, didaktisch alles auf eine Karte zu setzen: auf das Erzählen von Geschichten, den biblischen wie den eigenen. Und zum anderen ist es die organisatorische Konsequenz, mit der es im Unternehmen umgesetzt wurde.

Jörg Passoth: ,Glauben verstehen – diakonisch handeln‘. Christliche Tradition im Arbeitsalltag der Diakonie. Ein Qualifizierungskurs der
Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Ev. Bildungsstätte für Diakonie und Gemeinde, Bielefeld 2014.

Der Diakonie-Workshop auf dem EKD-Zukunftsforum

Vom 15. bis 17. Mai tagte das EKD-Zukunftsforum in Wuppertal und dem halben Ruhrgebiet. Es richtete sich an die mittlere kirchliche Leitungsebene (also die Superintendent/innen). Es war ein Beitrag zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017, sollte ein bisschen Incentive sein und außerdem wollte das EKD-Reformbüro auch gerne mal einen Kirchentag organisieren.

Zusammen mit Klaus-Joachim Börnke vom Diakonischen Werk Leverkusen, Stabstelle Gemeinde- und Gemeinwesendiakonie, und Cornelia Coenen-Marx vom EKD-Kirchenamt, habe ich einen der 28 Workshops am Freitag geleitet. Es war natürlich kein „Diakonie“-Workshop, wie es in der Blogüberschrift heißt, sondern ein „Kirchengemeinden & diakonische Einrichtungen“-Workshop.

Anstelle eines Recaps über das Zukunftsforum oder über unseren Workshop möchte ich einfach vier kleine Beobachtungen beisteuern, an denen ich hängengeblieben bin.

Der Gemeinwesendiakonie-Diskurs fördert den Gemeindediakonie-Diskurs

Der Workshop hatte seinen Ausgangspunkt bei der Gemeinwesendiakonie-Debatte. Deshalb wurde ich ja auch als Referent angefragt. Im Vorfeld haben wir dann den Workshop auf ein zentrales Thema der Gemeinwesendiakonie zugespitzt, nämlich der Kooperation von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen. Und das war eine gute Entscheidung, denn das Thema stieß auf Interesse.

Mir fällt aber eine grundsätzliche Sache auf: Die Debatte zur Gemeinwesendiakonie – egal wie intensiv und wie flächendeckend sie geführt wird – fördert erstmal die Debatte um Gemeindediakonie. Nicht alles, was sich Gemeinwesendiakonie nennt, ist es auch. Bei nicht wenigen Projekten, bei denen eine Gemeinwesenorientierung behauptet wird, gibt es de facto keine solche. Aber das muss auch gar nicht sein, es ist ja nur eine Debatten-Angebot. Dass diese Debatte dazu führt, dass Gemeinden ihre diakonischen Position um Gemeinwesen klären (das allein ist noch nichts Gemeinwesendiakonisches!), ist sehr gut.  Hervorragend sogar.

Nach dem echten Alleinstellungsmerkmal in der Gemeindediakonie suchen!

Bleiben wir bei Thema Gemeindediakonie. Ich habe in den letzten Jahren zunehmend von tollen diakonische Ideen und Initiativen in Gemeinden gehört. Wer Lust hat, diakonisch gestalterisch tätig zu werden, kann hier wirklich einiges machen. Was mich dann aber immer wieder überrascht, ist, dass sich die Gemeindediakonie oft an der Einrichtungsdiakonie („Unternehmensdiakonie“, „organisierte Diakonie“ etc.) abarbeitet – und sich dann selbst als defizitär erlebt. Um es einmal ganz klar zu sagen: An Refinanzierungen oder sozialberufliche Fachstandards, wie sie in der Einrichtungsdiakonie üblich sind, kommt die Gemeindediakonie nicht heran. Punkt. Deshalb darf man das aber auch gerade nicht vergleichen! Die Gemeindediakonie muss viel selbstbewusster ihre möglichen Alleinstellungsmerkmale ausspielen. Okay, dazu muss man sie natürlich erst einmal kennen.

Welches Alleinstellungsmerkmal bieten gemeindediakonische Initiativen und Projekte? Jetzt bitte nicht sagen, dass in der Gemeinde alles empathischer, näher, wärmer oder zuwendender (kurz: nächstenliebenderer) sei. Das ist Quatsch. Das Besondere an der Gemeindediakonie ist auch nicht das ehrenamtliche Element. Denn wenn man das betont, begibt man sich schnell wieder auf die schiefe Ebene der Abgrenzung zur „hauptamtlichen“ Einrichtungsdiakonie – und definiert sich schon wieder über bzw. gegen diese.

Das, was die Gemeindediakonie meines Erachtens wirklich ausmacht, ist ihre (potenzielle) Subversivität. Kirchengemeinden sind (mit einigen landeskirchlichen Unterschieden) unglaublich autonom. Kirchengemeinden können machen was sie wollen – zumindest in einem gewissen Rahmen. Und dieser Rahmen ist viel größer, als es den meisten Kirchenvorstehern bewusst ist (das ist zumindest meine Beobachtung). Gemeinden können anbieten, wozu anderen Organisationen der Mut fehlt. Sie sind schließlich nicht von Fördermitteln abhängig.

Doch wenn ich ehrlich bin, fällt mir beim Stichwort „Subversivität in der Kirchengemeinde“ nur das mancherorts wirklich mutige Auftreten in Sachen Kirchenasyl ein. Aber sonst? Die Gemeindediakonie sollte eine subversive Diakonie sein. Denn genau das ist ihr Alleinstellungsmerkmal.

„Nicht Häuser erhalten, sondern füllen!“

Kommen wir nun – leider – zu einem recht unsubverisven Thema: die kirchliche Gebäudenutzung. „Nicht Häuser erhalten, sondern füllen!“ Das sagte eine Teilnehmerin und mir gefiel diese Parole. Der Hintergrund ist altbekannt. Es ging darum, dass bestimmte diakonische Angebote nur nach hartem Kampf (oder gar nicht) im Gemeindehaus (bzw. in der Kirche) gemacht werden können, weil die Kerntruppe, die sich im Gemeindehaus eingerichtet hat, das Haus und die Einrichtung verteidigt, als wäre es ihr Eigentum. Ja, leider immer wieder ein Dauerbrenner. Im weiteren Verlauf wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass sämtliche gemeindliche Ressourcen (von den Häusern bis zur Bestuhlung) aus Kirchensteuermitteln stammen und sie damit im Grunde allen Kirchenmitgliedern gehören.

Mir fiel wieder ein, dass das Wort „Parochie“ eigentlich Aufenthalt in der Fremde ohne Bürgerrechte (!) bedeutet. Man hat Gastrecht, aber kein Heimrecht. Das Grundthema der Gemeinde müsste daher Gastfreundschaft sein – und nicht Beheimatung. Gemeindehäuser – oder überhaupt kirchliche Häuser – sollten nicht heimelich gemacht werden sondern gastfreundlich. Und das bedeutet: multifunktional, barrierefrei, zielgruppenübergreifend (im besten Falle zielgruppenverbindend, aber wir wollen ja nicht gleich mit dem schwierigsten anfangen…).

Vielleicht sollte man eine Art Nichtbelegungsabgabe einführen: Für jede Stunde Leerstand eines Gemeindehauses muss die Gemeinde eine Zwangsabgabe an die Landeskirche zahlen. Das Geld kommt dann den Gemeinden zugute, die Geld für innovative Nutzungsformen benötigen.

„Das Ganze mal systemisch betrachten!“

Ein letzter Gedanke, etwas ganz anderes: Ein weiteres Statement, an dem ich hängengeblieben bin, war der Hinweis, dass man das Verhältnis von Kirche und Diakonie (im weitesten Sinne) systemisch betrachten müsste. Stimmt. In der Diskussion war damit eine ganzheitliche Sicht gemeint (was jetzt noch nicht sehr spannend ist), aber das löste bei mir folgende Frage aus (die ich durchaus sehr spannend finde):

Warum nutzt man in der Kirche nicht viel stärker System-Aufstellungen? Warum stellt man Gebäudenutzungen, kirchlich-diakonische Verhältnisbestimmungen, Alleinstellunsgmerkmale, Konflikte, Ideen und Inspirationen nicht auf? In vielen Bereichen gehören System-Aufstellungen zum Standard, in der Kirche nicht. Stattdessen clustern wir in der Gemeindeberatung immer noch Moderatorenkärtchen, bitte!

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Hintergründe von bestimmten systemischen Schulen/Traditionen durchaus mit christlicher Theologie vereinbar sind. Und ich kenne da eine gute Systemaufstellerin mit theologischem Background. Wer etwas damit anfangen kann: Anfragen gerne an mich!

 

Followerpower

Es gibt gerade einen interessanten Diskurs im Netz zur Frage nach dem Verhältnis von Social Media und dem Selbstverständnis der Wohlfahrstverbände – dabei geht es hauptsächlich um die Caritas, aber der gesamte Diskurs ist gut auf die Diakonie übertragbar. Markus Lahrmann, Chefredakteur der Zeitschrift „Caritas in NRW“ hat einen Beitrag verfasst mit dem Titel: „Social Media verändern Struktur und Selbstverständnis von Verbänden“. Ein wichtiger Aspekt in dem Artikel ist die geringe Followerpower der Caritas. Darauf reagierte Robert Schedding – Social Media- und Caritas-Insider – mit einer Replik und beschreibt, dass es um die Followerpower der Caritas gar nicht so schlecht bestellt ist.

Ich empfehle diese lesenswerten Artikel jetzt nicht den Social-Media-Experten bei der Diakonie oder den anderen Wohlfahrstverbänden, denn die wissen das ja schon. Die Debatte greift meines Erachtens tiefer, sie macht etwas deutlich, was über digitale Vernetzung hinausgeht: Es geht um die Identifikation der Mitarbeitenden mit den großen Verbänden. Und es geht um die Frage, wie man Macht aufbauen, pflegen und nutzen kann. Das, was ich in diesen Texten lese und worüber immer wieder nachdenke – jenseits von Social Media – will ich hier kurz skizzieren.

Mir fällt schon seit längerer Zeit auf – ich spreche jetzt nur für den diakonischen Bereich, aber ich bin mir sicher, dass meine Überlegungen auch auf andere Verbände übertragbar sind – dass es wenig Identifikation der Mitarbeitenden mit „der Diakonie“ gibt. Man ist Mitarbeiter in der Diakonie, aber nicht Diakonie-Mitarbeiter. Gleichzeitig kann man diesen Mitarbeitern aber gerade nicht fehlende Identifikation mit der Sache, ihrer Arbeit oder ihrem Beruf vorwerfen. Und ich kenne viele Mitarbeitende, die eine hohe Identifikation mit „ihrer“ Einrichtung haben. Etliche würden sich auch für ihren Chef/ihre Chefin teeren und federn lassen. Auch wenn meine Einschätzungen recht verallgemeinernd sind, sind sie glaube ich nicht ganz falsch. Kurz gesagt: Es mangelt nicht an Identifikation mit der diakonischen Arbeit oder Einrichtung, sondern mit „der Diakonie an sich“.

Streng genommen kann das „der Diakonie“ (und hier meine ich jetzt die Diakonie als Verband – also Bundesverband, Landes- und Fachverbände) auch egal sind, denn die Diakonie ist eben kein klassischer Mitgliederverband, so wie beispielsweise der ADAC. Die Diakonie ist der Dachverband und die Lobbyorganisation der Einrichtungen – das sind ihre Mitglieder. Die Mitarbeitenden sind in dieser Logik ja „nur“ die „Mitgliedsmitglieder“ (und selbst das ist ja nicht ganz richtig…).

Aber genau das ist das Problem.

Wie gewinnt man gesellschaftlichen Einfluss und Macht? Mittels dreier Dinge: Masse, Geld, Know How. Am besten ist natürlich, wenn man über alles drei gleichermaßen verfügt, aber das ist unrealistisch. Jedes dieser drei Elemente ist (zumindest theoretisch) in der Lage, die anderen zu kompensieren. Man kann aber auch zwei kombinieren, also Standbein hier, Spielbein dort.

Das, was die Diakonie ausmacht und ihr auch zu politischem Gewicht verhilft, ist ihr Know How (Expertise, Fachlichkkeit) und ihre Masse (28.000 selbständige diakonische Einrichtungen, 988.000 Plätze/Betten; siehe Einrichtungsstatistik 2012). Aber gerade der Faktor „Masse“ ist meines Erachtens noch erheblich ausbaufähig. Nämlich in dem aus Mitarbeitenden in der Diakonie Diakonie-Mitarbeitende werden.

Ein einfaches Beispiel, das die Größenordnung und damit die mögliche Power der Mitarbeitenden deutlich macht: Die drei erfolgreichsten Petitionen beim Deutschen Bundestag waren „Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten“ (134.015 Unterzeichner), die Petition gegen die steigenden Haftpflichtprämien von Hebammen (186.356 Unterzeichner) und die Petition gegen die geplante Tarifreform der GEMA (305.117 Unterzeichner) [Quelle hier]. Die Gesamtmitarbeitendenzahl der diakonischen Beschäftigten liegt bei round about 450.000. Hinzu kommt noch einmal eine Masse an Ehrenamtlichen (Hier gehen die Zahlen auseinander. Die Diakonie-Erhebung geht von 700.000 Ehrenamtlichen aus, die Sonderauswertung des 3. Freiwilligensurveys von 200.000).

Solch eine Masse wird sich niemals auf Knopfdruck ativieren lassen, das ist völlig klar. Mir geht es nur darum, festzustellen, was hier eigentlich für ein unglaubliches Potenzial an purer Masse steckt – und zwar ausschließlich als eigener Homebase! Vielleicht müssten sich die Diakonie-Verbände nicht nur als Vertreter ihrer Mitgliedseinrichtungen verstehen, sondern als Organisationen, die über eine gewaltige Basis verfügen. Und diese Basis muss gepflegt werden.

Deshalb einfach einmal drei Ideen, die dazu beitragen können, die eigene Homebase stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Alle Ideen sind bewusst aus dem „analogen“ Bereich, um zu zeigen, dass es hier nicht ausschließlich um eine digitale Community geht:

  • Der Diakoniepräsident/die Diakoniepräsidentin wird künftig nicht vom Funktionärsproporz (Einrichtungsdiakonie vs. Landesverbandsdiakonie) bestimmt, sondern von den Diakonie-Mitarbeitenden gewählt. Die Wahlbeteiligung wird sicherlich nicht sehr hoch sein, das ist mir auch klar, aber es wäre ein guter symbolischer Schritt, ein neues Selbstverständnis zu kommunizieren.
  • Die Fachverbände wandeln sich zu Mitgliederverbänden. Diakonie-Mitarbeitende können dann in „ihren“ Fachverband eintreten. Der jeweilige Verband vertritt ja die Anliegen des eigenen Arbeitsfeldes, eine gegenseitige Identifikation wäre also durchaus gegeben. Außerdem würde dies die Fachverbände stärken – die momentan eher einen schwierigen Stand im Diakonie-Gefüge haben, die aber meiner Meinung nach die tragende Identifikations- und KnowHow-Macht darstellen (könnten)!
  • Es gibt eine journalistisch hochwertige Zeitschrift, die automatisch alle Diakonie-Mitarbeitende zugestellt bekommen. Eine (neue) Zeitschrift zu lancieren ist sicherlich das Verrückteste, was man machen kann, das weiß ich auch. Aber es hatte ja auch niemand mit dem Erfolg von LandLust gerechnet. Warum also nicht?

Weiterhin geht es natürlich darum, die Social-Media- Kanäle und –Ansätze auszubauen und digitale Community-Pflege zu betreiben. Aber ich glaube nicht, dass das alleine ausreichen wird.

tl;dr
Die Diakonie hat eine gewaltige Homebase: ihre Mitarbeitenden. Die Mitarbeitenden in der Diakonie müssen stärker in den Mittelpunkt der Verbandsselbstverständnisse gerückt werden. Dann kann es auch gelingen, dass sie zu Diakonie-Mitarbeitenden werden und die Followerpower zunimmt. Und die wird mehr denn je gebraucht.

Diakonie operationalisieren

Welche Kriterien müssen eigentlich erfüllt sein, damit Diakonie Diakonie ist? Eine spannende Frage, hinter der sich eine noch grundsätzlichere Frage verbirgt: Kann man Diakonie überhaupt operationalisieren?

Um es kurz zu machen: nein, kann man nicht. Das liegt einfach daran, dass es keine „harte“ Diakonie-Theorie gibt, von der aus man deduzieren könnte. Trotzdem ist die Frage natürlich wichtig und berechtigt, unter welchen Voraussetzungen Diakonie nun auch „wirklich“ als „diakonisch“ gelten kann. Strukturell gesehen ist das noch recht einfach: Wenn eine Einrichtung Mitglied im entsprechenden Landesverband (oder auch im Bundesverband) ist, dann ist sie formaljuristisch „diakonisch“. Interessanter ist natürlich eine inhaltliche Antwort auf diese Frage. Mit einem etwas anderen Akzent – aber mit dem gleichen Grundanliegen – kann man auch fragen, wann eine Einrichtung „christlich“ ist. Und das gilt natürlich ebenso für die Caritas.

Vor zwei Jahren haben Diakonie und Caritas die „Rahmenbedingungen einer christlichen Unternehmenskultur in Caritas und Diakonie“ veröffentlicht. Darin werden die Qualitätsanforderungen zur „Herausstellung des christlichen Identitätsprofils eines Trägers und seiner Einrichtung“ beschrieben:

„Die Rahmenbedingungen einer christlichen Unternehmenskultur beschreiben das spezifisch christliche beziehungsweise kirchliche Profil eines Trägers und seiner Einrichtungen und unterstützen bei der Weiterentwicklung einer christlichen Unternehmenskultur.“ (Diakonie-Fachinformationsdienst vom 18.07.2011)

Der Leitfaden (PDF) und die Audit-Checkliste (PDF) können auf der Seite des Diakonie-Fachinformationsdienstes kostenlos heruntergeladen werden. Inhaltlich entsprechen sie sich natürlich, deshalb sollte man sich gleich der Checkliste zuwenden. Hier sind die einzelnen Qualitätsanforderungen als kurze Statements formuliert, inklusive Kästchen zum Ankreuzen in altbewährter ja-nein-vielleicht-Manier.

Ich mag solche Ansätze. Ich meine jetzt nicht Audits, sondern die Versuche, konkret auf den Punkt zu bringen, worum es inhaltlich geht. Um sich dann auch tatsächlich der schwierigen Frage auszusetzen, ob die Praxis dieser Anforderung standhält.

Wer sich mit der Frage nach dem diakonischen Profil schon einmal beschäftigt hat, wird in der Checkliste nichts aufregend Neues finden – aber darum geht es ja auch nicht. Viele wichtige Aspekte werden benannt, auch wenn das Ganze sprachlich schon recht hölzern daher kommt. Doch bei aller grundsätzlichen Zustimmung finde ich eine Sache etwas schwierig – oder vielleicht sollte ich eher sagen: etwas schade. Denn der konkreten inhaltlichen Frage, was denn nun „diakonisch“ ist oder nicht, kommen auch Leitfaden und Checkliste nicht wirklich viel näher.

Das sollte man sich einmal an einem konkreten Beispiel anschauen: Im Abschnitt 2.1 wird gefragt: „Ist die Gestaltung der Räume, insbesondere der Wohnräume der Kund(inn)en, an den christlichen Werten orientiert und zielt darauf ab, ein wohnliches Ambiente und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen?“Ja, was heißt das denn nun? Würde es christlichen Werten entsprechen, wenn nur Naturmaterialen verwendet wurden (Bewahrung der Schöpfung, you know)? Wenn es viel Platz und Freiraum gibt – oder doch eher eine heimelig-enge Gemütlichkeit? Haben Kawohl-Poster eine höhere christliche Wertigkeit als ästhetisch ansprechende Bilder eines säkularen Verlages? Schwierige Fragen. Und ich meine diese Fragen wirklich ernst. Um welche „christlichen Werte“ geht es und wie schlagen sich diese konkret in der Ästhetik nieder? Ästhetik und Raumgestaltung sind in der Tat sehr wichtige Faktoren – gerade auch für christliches Profil! Nur wie beschreibe und operationalisiere ich dies angemessen? Hier helfen die „Rahmenbedingen“ dann doch nicht weiter. Und so ich habe den Verdacht, dass de facto wohl alles, was irgendwie ordentlich, freundlich, sauber und nett aussieht, als an christlichen Werten orientiert interpretiert werden kann.

Die Bezugnahme auf „christliche Werte“ taucht öfter auf. Doch so gängig dieser Begriff ist, er ist und bleibt unkonkret. In den „Rahmenbedingungen“ werden die „christlichen Werte“ gerade nicht expliziert, es gibt keine Aussagen dazu, was sie substanziell bedeuten. Die „Rahmenbedingungen“ bedienen sich stattdessen eines kleinen Tricks: Die Audit-Checkliste beginnt mit der Frage, ob im Leitbild der Einrichtung „christliche Grundsätze und Wertvorstellungen“ beschrieben werden. Wenn dann im Folgenden von christlichen Werten die Rede ist, geht es also immer um die Werte, die in dem jeweiligen Leitbild genannt sind. Die Einrichtung wird also an dem eigenen Maßstab gemessen – das ist natürlich gut! – aber damit kann im Grunde alles als „christlicher Wert“ gelten, wenn es der Träger in seinem Leitbild eben so definiert hat, von „missionarisch“ bis „humanistisch“ (um einmal zwei ideologische Schlagwörter zu gebrauchen).

Trotzdem finde ich es gut, der Profil-Frage nach zu gehen, in dem man nach konkreten Operationalisierungen sucht. Wohlwissend, dass es eine „richtige“ Operationalsierung des Diakonischen nicht gibt. Aber der Versuch, diakonische Essentials so konkret wie möglich zu formulieren, ist durchaus lohnend. Vor einigen Jahren haben Lars Charbonnier und ich eine Checkliste (oder genauer gesagt: einen „Test“) für den Einsatz in Seminaren entwickelt, mit dem Mitarbeitende ihre Arbeit beurteilen sollen – unter der Frage, ob auch Diakonie drin ist, wo Diakonie drauf steht.

Der Fokus ist ein ganz anderer als bei den „Rahmenbedingungen einer christlichen Unternehmenskultur“: Die Mitarbeitenden bewerten ihre eigene Arbeit aus subjektiver Sicht – und nicht ein Auditor eine Organisation. Und es gibt nachher auch kein „hop“ oder „top“ wie bei einer Zertifizierung, sondern es geht ausschließlich um den Bildungsgewinn, wenn man gemeinsam im Seminar über die Frage nach dem „Diakonischen“ streitet. Der „Test“ wurde in etlichen Semninaren eingesetzt und kam in der Regel gut an. Damit meine ich nicht, dass die inhaltlichen Aussagen, die unserem Vorschlag zugrunde liegen, durchweg positiv beurteilt wurden, sondern dass der „Test“ immer eine engagierte Diskussion ausgelöst hat. Gerade auch, weil wir mit den einzelnen Items ja durchblicken lassen, was wir unter „diakonisch“ verstehen – und wir nichts gegen Widerspruch oder Bessermachen haben!

Solche Operationalisierungen beruhen letztlich immer auf subjektivem Geschmack – davon können und wollen wir uns überhaupt nicht frei machen. Aber wir werfen einfach einen Vorschlag in den Ring, um zügig in die inhaltlich Diskussion einsteigen zu können. Für die Auswertung hat sich folgendes Verfahren bewährt: Jeder Teilnehmer kreuzt die entsprechende Zustimmung oder Ablehnung an. Dann

  • können Punkte vergeben (0 = trifft nicht zu, 1 = trifft eher nicht zu , 2 = trifft eher zu, 3 = trifft zu) und die Frage diskutiert werden, ob es einen „Mindest-Score“ geben muss, um „diakonisch“ zu sein;
  • kann diskutiert werden, welche Items wichtiger oder weniger wichtig sind;
  • können neue, eigene, bessere Items gesucht und ergänzt oder ausgetauscht werden.

tl;dr
Eine Operationalisierung des inhaltlichen Kerns der Diakonie ist nicht möglich. Aber trotzdem ist es sinnvoll, sich der Anstrengung zu unterziehen, es zu versuchen. Das ist eine gute Klärungsarbeit, durchaus mit einem Bildungsgewinn.

Neues Dossier zum ehrenamtlichen Engagement

Das vierte diakonisch.de-Dossier ist nun online. Ich habe einmal alles zusammengestellt, was mir an Netz-Ressourcen zum diakonischen und kirchlichen ehrenamtlichen Engagement in die Hände gefallen ist (nun ja, manches musste ich auch mühsam suchen…).

Hier geht’s zum Dossier Ehrenamtliches Engagament!

Bis auf den Freiwilligensurvey, dem Flaggschiff der deutschen Engagementforschung, habe ich nur Materialien aufgenommen, die einen spezifischen diakonischen und/oder kirchlichen Bezug haben bzw. die von Kirche und/oder Diakonie herausgegeben wurden. Das soll die Debatte nicht verengen. Ich musste das Dossier einfach begrenzen, und eine spezielle Engagement-Linksammlung von Kirche/Diakonie gab es bisher noch nicht (oder?).

Für den Titel des Dossiers habe ich den klassischen Begriff „ehrenamtliches Engagement“ genommen. Im kirchlichen Bereich ist es nach wie vor der gängige Terminus (Seidelmann 2012, S. 10). Im diakonischen Kontext findet man zunehmend Formulierungen, die die „Freiwilligkeit“ in den Vordergrund stellen. Hier gibt es aber auch einen fließenden Übergang zu den Freiwilligendiensten, die ich im Dossier nicht berücksichtigt habe (das wäre noch einmal eine ganz neue Linkliste). Auch deshalb bin ich einfach beim Klassiker „Ehrenamt“ geblieben. Die Wahl des Begriffs ist also keine politische, sondern eine pragmatische.

Ich hoffe, dass der Service gefällt!