Archiv der Kategorie: Gemeinwesendiakonie

ruhiger, tiefer, klarer

Welche Rolle können Kirche und Diakonie konkret vor Ort im Quartier bzw. ganz grundsätzlich in der Zivilgesellschaft spielen? Brigitte Reiser hat hierzu in einem Blogbeitrag aktuelle Literatur zusammengetragen.

In den dort verlinkten Texten entdecke ich zwei Tendenzen, die mir auch schon häufiger in der Debatte um Gemeinwesenorientierung und dem Verhältnis von Kirche/Zivilgesellschaft aufgefallen sind: die kirchlich-selbstreferentielle Behauptung, wie groß das Potenzial der Kirche sei und den Alarmismus, dass die Kirche jetzt ganz schnell Dieses oder Jenes zu tun habe, um nicht völlig von der Bildfläche zu verschwinden.

All dies führt bei mir immer mehr zu dem Eindruck, dass die Diskurse, ob und wie sich Kirche zivilgesellschaftlich ausrichten sollte, letztlich doch recht zäh sind. (Oder liege ich hier falsch?)

Drei Hinweise, wie man die Debatte angehen kann.

Vom Alarmismus zum Presencing

Sehr oft wird behauptet, wie wichtig eine Öffnung der Kirche zum Quartier/zum Gemeinwesen/zur Zivilgesellschaft sei – was ja durchaus richtig ist. Allerdings fällt mir dabei häufig ein alarmierenden und moralisierenden Unterton auf. Alarmismus („Schnell, schnell!“) und Moralismus („Die Kirche ist nicht mehr Kirche, wenn sie nicht…!“) sind in den meisten Fällen schlechte Ratgeber.

Wie kann es gelingen, etwas in Ruhe aber gleichzeitig mit Kraft und Commitment zu tun? Es gibt hier zwar kein Patentrezept, aber zumindest eine Herangehensweise, die ich für sehr vielversprechend halte. Es ist die Theorie U von C. Otto Scharmer. Man muss sich ein bisschen einfuchsen (ich gestehe, dass ich seine Ideen anfangs nicht so recht kapiert habe). Eine wirklich gute Einführung in die Theorie U, noch dazu mit Hinweisen zur kirchlichen Organisationsentwicklung, bietet Karl-Heinz Knöss in der Zeitschrift für Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung (Heft 14, 2014, S- 28-35).

Die Idee: Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen Veränderung stattfinden kann. Bei der gängigen Herangehensweise versucht man von der Herausfordeurng direkt zur Aktion zu kommmen. Doch umso tiefer man in den „U-Prozess“ eintaucht, umso gehaltvoller und nachhaltiger werden die Veränderungsprozesse. Auf der tiefsten Ebene liegt das Presencing – eine Verbindung aus presence (anwesend) und sensing (einfühlend). Das ist das Gegenteil von Aktionismus und gleichzeitig der Grund, aus dem heraus wirklich Neues entstehen kann. Gerade für den kirchlichen Kontext ist die Theorie U wirklich ein wunderbarer Ansatz!

Interessant finde ich auch, dass Scharmer die Ebene, auf dem das Presencing liegt, mit dem Willen in Verbindung bringt. Das führt mich direkt zum nächsten Punkt: dem Wollen.

Weniger Sollen und mehr Wollen

Kirchengemeinden sind verhältnismäßig autonom. Merkwürdigerweise nutzen viele Gemeinden kaum die Chance, selbst zu bestimmen, was sie machen wollen. Man will gar nichts, sondern macht das, was man immer schon gemacht hat. Die Haltung, etwas zu wollen ist in vielen Gemeindeleitungen eher schwach ausgeprägt – dabei werden gerade die Gemeinden, die etwas wollen, als attraktiv wahrgenommen.

Es gibt ein schönes Essay von Ella Luna zu den „Crossroads of Should & Must“: Es geht um den Unterschied zwischen den Dingen, die wir tun sollen und denen, die uns so wichtig sind, dass wir sie einfach tun müssen (Müssen wird hier als etwas Positives verstanden, das man von dem moralisch-appellativen Sollen unterscheiden muss. Ich würde an dieser Stelle daher Ella Lunas „Must“ lieber mit Wollen als mit Müssen übersetzen, um nicht missverstanden zu werden.)

All die Gedanken sind nicht wirklich neu, aber Ella Luna hat sie gut auf den Punkt gebracht. Ihr geht es darum, die eigene Berufung zu finden, aber ich denke, dass man ihre Ideen genauso gut auf kollektive Akteure übertragen kann. Wie wäre es, sich auf einem Gemeindeleitungswochenende einmal an diesem Essay abzuarbeiten: Was sind all die Dinge, die wir als Gemeinde tun sollten und was sind die Dinge, die wir wirklich tun wollen? Und das schließt ausdrücklich ein, sich gegen etwas zu entscheidenn, etwas bewusst nicht zu wollen. In vielen Gemeindekonzeptionen und -leitbildern entdecke ich (viel zu) viel Sollen und (viel zu) wenig Wollen.

Bessere Differenzierung des Erfahrungswissens

Ein gängiger Fehler – der mir auch häufig passiert – ist es, von „der“ Kirchengemeinde zu sprechen. Es gibt aber grundverschiedene Typen von Kirchengemeinden.

Handlungsempfehlungen für die Kirchengemeinde sind daher entweder zu allgemein oder sie treffen für etliche Kirchengemeinden gar nicht zu. Es macht keinen Sinn von der Kirchengemeinde zu sprechen. Andererseits ist es genausowenig sinnvoll, so zu tun, als ob jede der 15.000 evangelischen Gemeinden völlig einzigartig ist. Hilfreich wäre ein gute Gemeinde-Typologie, um das Erfahrungswissen (das es ja zuhauf gibt) besser zu erschließen.

Bislang gibt es wenig Forschung über Kirchengemeinden, daher fehlen entsprechende Theorien und Typologien. Nun hat das SI der EKD im Zuge seines Kirchengemeinde-Barometers eine empririsch gewonnene  Typologie entwickelt, die zehn Gemeindetypen unterscheidet. Ich finde sie nicht ganz so griffig, aber sie ist das solideste, was ich kenne. Wie wäre es, wenn man zum Beispiel die Erfahrungen und Empfehlungen der Kirche-findet-Stadt-Projekte nach dieser Typologie (neu) ordnen würde? Ich kann mir vorstellen, dass das nicht nur das Erfahrunsgwissen besser systematisiert, sondern auch zu eingen Aha-Effekten führt. Vielleicht zeigt sich ja auch, dass gemeinwesenorientierte Ansätze nur in ganz bestimmten Gemeinde-Typen erfolgreich sind. Auch das wäre ein Fortschritt in der Gemeinwesen-Debatte.

tl;dr
Drei Empfehlungen für die Debatte um kirchliche/diakonische Gemeinwesenorientierung: Alarmismus vermeiden und Presencing entdecken; sich weniger vom Sollen und viel mehr vom Wollen leiten lassen; Erfahrungswissen besser differenzieren.

Musikalische Gemeinwesenarbeit

Im forum erwachsenenbildung (Ausgabe 4/2014) bin ich auf einen anregenden Artikel von Julia Koll gestoßen über die „Perspektiven kirchenmusikalischer Erwachsenenbildung“. Was das mit dem Thema dieses Blogs zu tun hat? Einiges. Aber ich muss einen absatzlang ausholen.

Gegenwärtig scheint es in der Kirchenmusik einen gewissen Turn zu geben, „Musik nicht nur als musikalischen Text zu verstehen, sondern vor allem als Musizieren“ (S. 29). Und das gemeinsame Musizieren lässt sich natürlich auch als Bildungsgeschehen verstehen – in kultureller, kognitiver, emotionaler, körperlicher, kommunaler, sozialer, religiöser und kirchlicher Hinsicht. Eine Gefahr kirchenmusikalischer Praxis besteht allerdings darin, Bildungsschranken eher zu verstärken als abzubauen. Denn auch wenn es anders gewollt ist – de facto begünstigen kirchliche Angebote oft Exklusionsmechanismen. Und so stellt Julia Koll am Ende ihre Artikels eine interessante Frage:

Noch viel stärker als bisher könnten allerdings auch produktive Verbindungspunkte zwischen Erwachsenenbildung und musikalischer Gemeinwesenarbeit geschaffen werden – von beiden Seiten aus. Wer spricht gegenwärtig schon von kirchenmusikalischen Potenzialen für die kirchliche Weiterbildungs-, Sozial- und Diakoniearbeit? Bekäme der Bildungsauftrag der Kirchen dadurch nicht einen ganz neuen Klang, einen lebendigeren und gerechteren? (S. 33)

Welches Potenzial hat die Kirchenmusik das Kirchenmusikmachen für die Diakonie? Und wie könnte eine Verbindung von Musikmachen und Gemeinwesenarbeit aussehen? Je nach Blickwinkel kommen mir sehr unterschiedliche Projekte in den Sinn. Diese sind noch keine Antworten auf die genannten Fragen, ab vielleicht sind es erste Anregungen…

Beginne ich meine Suche bei den Kirchengemeinden, fällt mir auf, dass es Gemeinden mit musikalischem Schwerpunkt gibt, die fast schon richtige Musikschulen betreiben. Gute Sache. Ihren Bezug zum Gemeinwesen könnte sie durch eine Entwicklung zum „Jeki-Ritter“ noch deutlich stärken.

Hier können Kirchengemeinde in guter Art und Weise ihren Bildungsauftrag, gemeinwesenorientiertes Engagement, kulturelle Teilhabeförderung und die Pflege der eigenen Tradition miteinander verbinden. Und vielleicht entstehen ja auch genau in dieser Hinsicht durch die Initiative Vision Kirchenmusik der Hannoverschen Landeskirche gute Projekte.

Ganz andere Ideen kommen mir in den Sinn, wenn ich nicht von der Kirchengemeinde her denke, sondern vom Gemeinwesen selbst, vom Quartier, Stadtteil, Veedel oder Kiez. Dann geht es natürlich nicht ums Kirchenmusik-Musizieren. Sondern ums Community Singing beispielsweise. Ob das in Deutschland tatsächlich ein (kommender?) Trend ist, kann ich nicht sagen. Aber es passt durch seinen zielgruppenübergreifenden Ansatz wunderbar zur Gemweinwesenorientierung. Schöne Beispiele hier in Köln sind die Initiative Loss mer singe oder das Kneipensingen wie der Singende Holunder.

Ob das schon musikalische Gemeinwesenarbeit ist? Zumindest lohnt es sich bestimmt, in diesen Richtungen zu suchen und weiterzudenken.

Der Sozialstaat, die Sozialarbeit und der ganze Rest

Wolfgang Hinte, der alte Haudegen der Sozialraumorientierung, fasst in knapp 30 Minuten seine Idee von Sozialarbeit zusammen. Was er in diesem Video sagt, ist eben nicht nur die Quintessenz des Sozialraumansatzes, sondern auch eine Art Crashkurs in guter Sozialarbeit: Er inspiriert zu einer genuin sozialarbeiterischen Praxis, nicht zu einer (pseudo-)therapeutischen oder pädagogischen („Die Geschichte der Pädagogik ist eine Geschichte der Niederlagen“). Wäre das Video ein Text, hätte ich wohl jeden einzelnen Satz markiert.

Hier nun die Neujahrsansprache zum real existierenden Sozialstaat, guter Sozialarbeit, und dem ganzen Rest, pardon: der Sozialraumorientierung.

Der Diakonie-Workshop auf dem EKD-Zukunftsforum

Vom 15. bis 17. Mai tagte das EKD-Zukunftsforum in Wuppertal und dem halben Ruhrgebiet. Es richtete sich an die mittlere kirchliche Leitungsebene (also die Superintendent/innen). Es war ein Beitrag zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017, sollte ein bisschen Incentive sein und außerdem wollte das EKD-Reformbüro auch gerne mal einen Kirchentag organisieren.

Zusammen mit Klaus-Joachim Börnke vom Diakonischen Werk Leverkusen, Stabstelle Gemeinde- und Gemeinwesendiakonie, und Cornelia Coenen-Marx vom EKD-Kirchenamt, habe ich einen der 28 Workshops am Freitag geleitet. Es war natürlich kein „Diakonie“-Workshop, wie es in der Blogüberschrift heißt, sondern ein „Kirchengemeinden & diakonische Einrichtungen“-Workshop.

Anstelle eines Recaps über das Zukunftsforum oder über unseren Workshop möchte ich einfach vier kleine Beobachtungen beisteuern, an denen ich hängengeblieben bin.

Der Gemeinwesendiakonie-Diskurs fördert den Gemeindediakonie-Diskurs

Der Workshop hatte seinen Ausgangspunkt bei der Gemeinwesendiakonie-Debatte. Deshalb wurde ich ja auch als Referent angefragt. Im Vorfeld haben wir dann den Workshop auf ein zentrales Thema der Gemeinwesendiakonie zugespitzt, nämlich der Kooperation von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen. Und das war eine gute Entscheidung, denn das Thema stieß auf Interesse.

Mir fällt aber eine grundsätzliche Sache auf: Die Debatte zur Gemeinwesendiakonie – egal wie intensiv und wie flächendeckend sie geführt wird – fördert erstmal die Debatte um Gemeindediakonie. Nicht alles, was sich Gemeinwesendiakonie nennt, ist es auch. Bei nicht wenigen Projekten, bei denen eine Gemeinwesenorientierung behauptet wird, gibt es de facto keine solche. Aber das muss auch gar nicht sein, es ist ja nur eine Debatten-Angebot. Dass diese Debatte dazu führt, dass Gemeinden ihre diakonischen Position um Gemeinwesen klären (das allein ist noch nichts Gemeinwesendiakonisches!), ist sehr gut.  Hervorragend sogar.

Nach dem echten Alleinstellungsmerkmal in der Gemeindediakonie suchen!

Bleiben wir bei Thema Gemeindediakonie. Ich habe in den letzten Jahren zunehmend von tollen diakonische Ideen und Initiativen in Gemeinden gehört. Wer Lust hat, diakonisch gestalterisch tätig zu werden, kann hier wirklich einiges machen. Was mich dann aber immer wieder überrascht, ist, dass sich die Gemeindediakonie oft an der Einrichtungsdiakonie („Unternehmensdiakonie“, „organisierte Diakonie“ etc.) abarbeitet – und sich dann selbst als defizitär erlebt. Um es einmal ganz klar zu sagen: An Refinanzierungen oder sozialberufliche Fachstandards, wie sie in der Einrichtungsdiakonie üblich sind, kommt die Gemeindediakonie nicht heran. Punkt. Deshalb darf man das aber auch gerade nicht vergleichen! Die Gemeindediakonie muss viel selbstbewusster ihre möglichen Alleinstellungsmerkmale ausspielen. Okay, dazu muss man sie natürlich erst einmal kennen.

Welches Alleinstellungsmerkmal bieten gemeindediakonische Initiativen und Projekte? Jetzt bitte nicht sagen, dass in der Gemeinde alles empathischer, näher, wärmer oder zuwendender (kurz: nächstenliebenderer) sei. Das ist Quatsch. Das Besondere an der Gemeindediakonie ist auch nicht das ehrenamtliche Element. Denn wenn man das betont, begibt man sich schnell wieder auf die schiefe Ebene der Abgrenzung zur „hauptamtlichen“ Einrichtungsdiakonie – und definiert sich schon wieder über bzw. gegen diese.

Das, was die Gemeindediakonie meines Erachtens wirklich ausmacht, ist ihre (potenzielle) Subversivität. Kirchengemeinden sind (mit einigen landeskirchlichen Unterschieden) unglaublich autonom. Kirchengemeinden können machen was sie wollen – zumindest in einem gewissen Rahmen. Und dieser Rahmen ist viel größer, als es den meisten Kirchenvorstehern bewusst ist (das ist zumindest meine Beobachtung). Gemeinden können anbieten, wozu anderen Organisationen der Mut fehlt. Sie sind schließlich nicht von Fördermitteln abhängig.

Doch wenn ich ehrlich bin, fällt mir beim Stichwort „Subversivität in der Kirchengemeinde“ nur das mancherorts wirklich mutige Auftreten in Sachen Kirchenasyl ein. Aber sonst? Die Gemeindediakonie sollte eine subversive Diakonie sein. Denn genau das ist ihr Alleinstellungsmerkmal.

„Nicht Häuser erhalten, sondern füllen!“

Kommen wir nun – leider – zu einem recht unsubverisven Thema: die kirchliche Gebäudenutzung. „Nicht Häuser erhalten, sondern füllen!“ Das sagte eine Teilnehmerin und mir gefiel diese Parole. Der Hintergrund ist altbekannt. Es ging darum, dass bestimmte diakonische Angebote nur nach hartem Kampf (oder gar nicht) im Gemeindehaus (bzw. in der Kirche) gemacht werden können, weil die Kerntruppe, die sich im Gemeindehaus eingerichtet hat, das Haus und die Einrichtung verteidigt, als wäre es ihr Eigentum. Ja, leider immer wieder ein Dauerbrenner. Im weiteren Verlauf wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass sämtliche gemeindliche Ressourcen (von den Häusern bis zur Bestuhlung) aus Kirchensteuermitteln stammen und sie damit im Grunde allen Kirchenmitgliedern gehören.

Mir fiel wieder ein, dass das Wort „Parochie“ eigentlich Aufenthalt in der Fremde ohne Bürgerrechte (!) bedeutet. Man hat Gastrecht, aber kein Heimrecht. Das Grundthema der Gemeinde müsste daher Gastfreundschaft sein – und nicht Beheimatung. Gemeindehäuser – oder überhaupt kirchliche Häuser – sollten nicht heimelich gemacht werden sondern gastfreundlich. Und das bedeutet: multifunktional, barrierefrei, zielgruppenübergreifend (im besten Falle zielgruppenverbindend, aber wir wollen ja nicht gleich mit dem schwierigsten anfangen…).

Vielleicht sollte man eine Art Nichtbelegungsabgabe einführen: Für jede Stunde Leerstand eines Gemeindehauses muss die Gemeinde eine Zwangsabgabe an die Landeskirche zahlen. Das Geld kommt dann den Gemeinden zugute, die Geld für innovative Nutzungsformen benötigen.

„Das Ganze mal systemisch betrachten!“

Ein letzter Gedanke, etwas ganz anderes: Ein weiteres Statement, an dem ich hängengeblieben bin, war der Hinweis, dass man das Verhältnis von Kirche und Diakonie (im weitesten Sinne) systemisch betrachten müsste. Stimmt. In der Diskussion war damit eine ganzheitliche Sicht gemeint (was jetzt noch nicht sehr spannend ist), aber das löste bei mir folgende Frage aus (die ich durchaus sehr spannend finde):

Warum nutzt man in der Kirche nicht viel stärker System-Aufstellungen? Warum stellt man Gebäudenutzungen, kirchlich-diakonische Verhältnisbestimmungen, Alleinstellunsgmerkmale, Konflikte, Ideen und Inspirationen nicht auf? In vielen Bereichen gehören System-Aufstellungen zum Standard, in der Kirche nicht. Stattdessen clustern wir in der Gemeindeberatung immer noch Moderatorenkärtchen, bitte!

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Hintergründe von bestimmten systemischen Schulen/Traditionen durchaus mit christlicher Theologie vereinbar sind. Und ich kenne da eine gute Systemaufstellerin mit theologischem Background. Wer etwas damit anfangen kann: Anfragen gerne an mich!

 

Von Gasthäusern und Herbergen und der Sache mit der Infrastruktur

„Kirche als Gasthaus“ – so lautete der Schwerpunkt der katholischen Fachzeitschrift Diakonia zu Beginn diesen Jahres. Es geht um die Bedeutung von Gastlichkeit und Gasthäusern für das Christentum. Und so habe ich mir diesen Blogbeitrag für das Jahresende aufgehoben, denn das Gasthaus (bzw. die Herberge) ist ja schließlich auch ein weihnachtsaffines Thema…

Ein Artikel hat es mir in der Zeitschrift besonders angetan: „Gasthäuser im Urchristentum. Eine Spurensuche im lukanischen Doppelwerk“ von Markus Lau. Wer – wie ich – noch nicht wusste, wie im Imperium Romanum das Herbergswesen organisiert war und wie die frühe Christenheit ihr eigenes Gastwesen gestaltete, erfährt es dort.

Gastlichkeit und Gastfreundlichkeit waren für das frühe Christentum essentiell. Und neben dieser Haltung, sozusagen der „Software“, war dazu auch ein Stück „Hardware“ ganz wichtig, nämlich Orte, wo man sich treffen und versammeln, essen und übernachten konnte. So organisierte die frühe Christenheit in weiten Teilen Europas ein Gastwesen, das für die Ausbreitung dieses neuen Glaubens wichtig war. Und dazu brauchte es eben zweierlei – das Üben von Gastfreundschaft und Gastlichkeit (also eine Haltung) und ein System von Privat- und Gemeindehäusern, Herbergen und Gasthäusern (also eine Infrastruktur).

Über die Bedeutung von Beidem – der Gastfreundlichkeit als Haltung und den Gasthäuser als Infrastruktur – lohnt es sich, noch einmal neu nachzudenken.

Die Revitalisierung der Gastfreundlichkeit als Gemeindekonzept hat der Niederländer Jan Hendriks vorgenommen mit seiner Idee der „Gemeinde als Herberge“. Das möchte ich hier nicht wiederholen. Nur so viel: Ich finde seinen Ansatz gleichermaßen visionär wie bodenständig, er widersetzt sich dem oft als Gegensatz formulierten Schema von „Versorgungskirche“ vs. „Beteiligungskirche“ und ist zudem gemeinwesendiakonisch gut anschlussfähig. Allerdings gibt es eine grundsätzliche Schwierigkeit bei solchen konzeptionellen Gemeindeentwürfen, nämlich den „Was-sollen-wir-denn-noch-alles-machen?“-Effekt.

Vielleicht kann es da eine Erleichterung sein, Kirchengemeinden erst einmal – ganz schlicht – als ein Stück Infrastruktur zu verstehen. Dieser Gedanke kam mir, als mir beim Lesen klar wurde, dass die frühe Christenheit neben dem “öffentlichen” bzw. “privatwirtschaftlichen” Gastwesen noch eine eigene Infratsruktur aufbaute. Wer über eigene Infrastruktur verfügt, ist unabhängig. Das gilt heute wie damals.

Die Kirche unterhält zwar keine Gasthäuser und Herbergen, aber mit ihren Gemeinden hält sie eines der dichtesten „Filial-Netze“ in Deutschland vor.  Sie ist in den besten Lagen präsent – und in den schlechtesten. Schlicht und ergreifend dadurch, dass sie in mehr oder weniger allen Stadtteilen physisch existent ist: mit Gebäuden und Räumen, mit Ausstattung und Equipment, mit Wasser- und Stromanschluss. Überall. Zumindest noch. Das ist doch mal was. Man könnte es auch so formulieren: „It’s the infrastructure, stupid!“

Doch kurioser Weise wird diese 1A-Infrastruktur gar nicht als solche verstanden – sondern im Gegenteil – als Problem. Der Gebäudebestand ist mittlerweile in vielen Gemeinden zu groß und muss in den Griff bekommen werden. Nervenaufreibende Prebyteriumssitzungen mit Entscheidungprozessen, die sich nicht selten über Jahre hinziehen. Kein gesamtkirchlicher Plan, keine Strategie. Raum- und Stadtplaner schlagen oft die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie mitbekommen, welche Filetstücke aufgegeben werden. Im Zuge der Gemeinwesendiakonie-Debatte bringt es Frank Düchting von der Akademie der Nordkirche auf den Punkt: Eine gesamtkirchliche Strategie zur Präsenz der Kirche in der Stadt ist „bei aller Liebe, eine Illusion“ (Die Stadt mitgestalten – Ein Beitrag der Nordkirche, S. 1).

Kirchengemeinden können letztlich machen, was sie wollen. Leider müssen sie auch machen, was sie wollen. Diese Art der Autonomie ist dem Protestantismus merkwürdigerweise heilig (ach, könnte man da oft nur seufzen…). Und so versteht man sich nicht als Steinchen im riesigen Infrastruktur-Mosaik, sondern als überforderte Gebäudemanager. Und bitte keinen Dreck machen! Das hat schon etwas Tragisches.

Ich glaube, dass in den nächsten zehn, zwanzig Jahren ganz neue (oder wieder ganz alte) Formen von Vergemeinschaftung in der Kirche probiert und etabliert werden. Das Konzept von „Gemeinde“ wird sich neu zurechtrütteln – wie genau, muss sich erst noch zeigen. Doch Gemeinde wird sich immer weniger parochial organisieren, da bin ich mir sicher. Aber – und das ist wichtig! – wir haben nun einmal diese parochiale Infrastruktur. Es wäre dumm, sie verkommen zu lasssen. Die Reform der Kirche muss man aufverschiedenen Ebenen führen. Eine davon ist die Frage nach künftigen Gemeinschafts- und Gemeindeformen, nach geistlichen und spirituellen Aufbrüchen. Aber eine ist eben auch, was mit der momentan vorhandenen Infrastruktur geschehen soll. Wozu kann sie mittel- und langfristig dienen? Ideen gibt es da genug.

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Kirchengemeinden sind in nahezu jedem Stadtteil präsent – durch ihre physische Existenz. Diese Art von Infrastruktur gilt es zu schätzen und nicht leichtfertig zu verspielen. Welche Art von „Herbergen und Gasthäusern“ soll, kann, will Kirche langfristig sein?

Was ist Diakonie? (#10)

Im diakonischen Bereich wird oft erwähnt, dass die Diakonie zwei wichtige Funktionen erbringe, nämlich Dienstleistung und Anwaltschaft – also das Anbieten sozialer Dienstleistungen und das anwaltschaftliche Eintreten für die Rechte Marginalisierter. Doch beschreibt diese Doppelfunktion wirklich hinreichend das Spektrum diakonischen Handelns? Fehlt da nicht was?

Das Funktionen-Doppel von Dientsleistung und Anwaltschaft trifft es in meinen Augen nicht so richtig. Dabei geht es mir gar nicht darum, dass beide Funktionen gerne und oft kritisiert werden – das Erbringen diakonischer Dienstleistungen führt unweigerlich zu der Kritik, dass die Diakonie eh nur das tue, was sie bezahlt bekomme und der Anwaltschaftlichkeit wird vorgeworfen, dass sie vor allem Eigeninteressen des Trägers diene; zudem müsse man fragen, woher eigentlich das Mandat zum anwaltlichen Tätigsein komme, es handele sich viel eher um ein „angemaßtes Mandat“.

Ich finde an dieser Doppelfunktion vor allem schwierig, dass sie de facto zu einem Dualismus wird: einerseits gibt es da die durchökonomisierte Dienstleistungserbringung, andererseits das gesellschaftspolitische „anwaltschaftliche“ Engagement der Diakonie, das gern als die „eigentliche“ diakonische Aufgabe angesehen wird. Die Anwaltsfunktion wird so zu einer Chiffre für all das Gute, Wahre und Schöne der Diakonie – bleibt damit allerdings auch diffus. Die (gesellschafts-)politische Funktion der Diakonie ist aber breiter und facettenreicher, als es der Begriff „Anwaltschaftlichkeit“ hergibt.

Anwaltschaftlichkeit muss daher meines Erachtens präzisiert werden. Zum einen spreche ich lieber von Interessenvertretung, das kommt mit etwas weniger Pathos daher. Und zum anderen braucht es über das Eintreten für die Interessen bestimmter Gruppen hinaus auch noch eine gesamtgesellschaftliche Funktion: das Bemühen um eine solidarische und gerechte Gesellschaft im Ganzen. Daher gefällt mir auch die Trias gut, die die Caritas immer wieder nutzt, um ihr Selbstverständnis zu beschreiben: Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter.

Die Solidaritätsstiftung explizit als dritte Funktion zu bennen, finde ich sehr einleuchtend. Zum einen schon allein deshalb, weil Dreiermodelle grundsätzlich mehr Eleganz haben als Zweiermodelle (bzw. de facto-Dualismen). Zum anderen aber auch, weil es eben einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Anwaltschaftlichkeit/Interessenvertretung und Solidaritätsstiftung gibt. Er liegt in dem, worauf sich diese beiden Funktionen beziehen: Bei Anwaltschaft/Interessenvertretung geht es immer um die Durchsetzung von Partikularinteressen, bei der Solidaritätsstiftung um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es sind zwei verschiedene Bezugspunkte.

Doch in meinen Augen fehlt da immer noch etwas. Es gibt es noch eine weitere, vierte Funktion, die bisher in der Reflexion über die Diakonie bisher kaum auftaucht: die Funktion des Gemeinschaftsbilders.

Der Begriff der Gemeinschaft ist manchmal etwas romantisch aufgeladen und gerade in kirchlichen und diakonischen Szenen hat er hin und wieder etwas merkwürdige Konnotationen – mir ist daher eigentlich der englische Begriff der Community etwas lieber, denn es geht um die ganze Breite dessen, was „Community“ sein kann: Gemeinschaften, Gemeinden, Gemeinwesen, aber auch Szenen oder Netze.

Die Funktion des Gemeinschaftsbilders / des Community-Buildings ist noch nicht durch die anderen drei Funktionen abgedeckt. Und in meinen Augen ist sie auch gerade für die Diakonie wesentlich. Die Diakonie hat eben auch die Funktion, zu verbinden und zu vernetzen, Sozialkapital aufzubauen und Zugehörigkeiten zu ermöglichen. Es geht um angemessene und gelingende Formen von Vergemeinschaftung, es geht darum, „Communities“ (mit) zu ermöglichen, (mit) zu pflegen, und (mit) zu entwickeln. Die Zugehörigkeiten zu „Communities“ und das Eingebundensein in ihnen ist eben nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern hat einen Wert in sich – sowohl für den Einzelnen, wie für die Gesellschaft im Ganzen.

Interessant finde ich, dass ich auf die Funktion des Communty-Buildungs ja bereits in der Bratislava-Erklärung gestoßen bin (…wenn ich es recht sehe, ist diese auf osteuropäischen Erfahrungen aufbauende Erklärung bei uns völlig unbekannt – was schade ist!). Und in einem Blogbeitrag von Brigitte Reiser habe ich den Hinweis auf eine etwas anders formulierte Funktionen-Trias von Nonprofitorganisationen gefunden, die ebenfalls die Community-Dimension als grundlegend ansieht. Auch in Reisers erweitertem Modell (sie führt Beteiligung/Partizipation als vierte Dimension ein), bleibt die Community-Funktion selbstverständlich bestehen.

Gerade für die Diakonie ist die Gemeinschaftsfunktion im Grunde nicht neu (man denke nur an die Anstalten, Häuser und Wohngruppen, an Kommunitäten, Basisgemeinschaften und diakonische Gemeinschaften, aber auch an das (zaghafte) Experimentieren mit Genossenschaften. Als das war schon immer nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein Grundanliegen der Diakonie, deshalb erstaunt es mich ein wenig, dass ein Community-Buildung bisher nicht als eigenständige Grundfunktion von Diakonie diskutiert wird.

Man könnte auch einmal darüber nachdenken, ob nicht gerade die konfessionellen Wohlfartsverbände ein besonderes Interesse an der Community-Funktion haben müssten. Zum einen ist das Christentum keine individuelle Erlösungsreligion, sondern eine auf Gemeinschaft angelegte Religion, und zum anderen ist die ganze Kirchen- und Diakoniegeschichte ja voll von Erfahrungen und Experimenten mit Sozialformen – erfolgreichen und gescheiterten.

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Diakonie ist nicht nur Dienstleister, Anwalt und (nicht zu vergessen!) Solidaritätsstifter, sondern auch Gemeinschaftsbilder.

„Neue Gemeindeformen“ und ihre Bedeutung für die Diakonie

Die aktuelle Ausgabe 1/2013 der Zeitschrift “Praktische Theologie” hat den Schwerpunkt “Neue Formen von Gemeinde”. Ich zähle nun nicht zu den Insidern der Gemeinde-Entwicklung, aber mir scheint es doch gegenwärtig ein gewisses Interesse daran zu geben, wie und was Gemeinde sein kann. Also ein sehr aktuelles Thema. Und – ist das nun erstaunlich oder ist es das nicht? – ein äußerst ergiebiges Thema für diakonische Entdeckungen.

Lange Zeit schien das Thema “Gemeinde” vom Tisch zu sein. Kirche organisiert sich halt in Gemeinden, aber wer innovativ sein will, der sollte sich dann doch lieber von der Gemeinde fernhalten. Innovation ist woanders. Das fordert natürlich auch eine Gegenbewegung heraus, bei der alles daran gesetzt wird, dass Gemeinde so innovativ wie möglich daherkommt. Bevorzugte Vokal ist dabei “frisch” (und weil das so altbacken klingt, nennt man es lieber “fresh”).

Das Positive an dem Schwerpunktheft der Praktischen Theologie ist in meinen Augen, dass man sich nicht von den euphemistischen, aber letztlich doch inhaltlich unbestimmten Schlagworten “alternativer” oder “fresh”er Ansätze leiten lässt. Sondern es geht um die nüchtern klingende, aber äußerst spannende Grundfrage: Wie funktioniert eigentliche (christliche) Vergemeinschaftung? Dazu werden sieben Gemeinden vorgestellt. Diese sind:

Die Schilderungen der Gemeinde(forme)n sind anregend zu lesen und es lohnt sich, über die anschließenden systematisierenden Überlegungen von Ralph Kunz und Uta Pohl-Patalong nachzusinnen. Zwei Gedanken gingen mir dabei immer wieder durch den Kopf:

Die Frage nach der diakonischen Dimension der (neuen) Gemeindeformen

Kunz und Pohl-Patalong betonen, dass die vorgestellten Gemeinden deutliche diakonische Bezüge haben – seien sie explizit oder implizit:

“Auffallend häufig finden sich bei den vorgestellten Gemeindemodellen ein gesellschaftliches Engagement in Solidarität mit benachteiligten Menschen. Die St. Lukas-Kirche in Gelsenkirchen und die Mitenand-Arbeit in Basel leben von diesem Motiv, aber es findet sich bei allen anderen in unterschiedlicher Weise, sei es als sozialdiakonisches Arbeitsfeld ‘Haltestelle LUX’, das sozial benachteiligte Jugendliche fördert, sei es als Auseinandersetung mit gesellschaftlichen Fragen wie in der Stadtkirche Dortmund oder als Forum für die aktuellen Fragen im Stadtteil wie im Ökumenischen Forum HafenCity, sei es als konkrete diakonische Arbeit im Quartier in der Gellertkirche Basel” (Kunz/Pohl-Patalong, S. 34).

Für Kunz und Pohl-Patalong weisen diese neuen Gemeindeformen “neue Mischungen von Sozialität, Spiritualität und Solidarität” auf (S. 35). Das Mischungsverhältnis der sozialen, spirituellen und solidarischen Dimension macht dann den Charakter der Gemeinde aus. Und ich mag mich täuschen, aber mir scheint, dass sich bei den Diskursen rund um das Diakonische der Kirche im Laufe der Jahre der Klang geändert hat. Ein gewisses Pathos, das oft mit diakonischer Arbeit einherging (etwa: Diakonie als Gerechtigkeitsarbeit, die nicht nur gegen den Kapitalismus, sondern auch noch gegen die Kirche kämpfen muss), verebbt zunehmend. Ein neues Interesse an Spiritualität, Kontemplation oder Liturgie scheint gerade nicht – wie in der diakonischen Szene oft befürchtet – die Diakonie zu verdrängen. Sie wird im Gegenteil neu entdeckt; etwas unaufgeregter, aber mit durchaus radikalem Potenzial.

Vielleicht ist das aber auch eine etwas überschießende Interpretation von mir, mag sein…

Und andersrum: Die Frage nach der Gemeinschaftsdimension in der Diakonie

Es ging mir aber noch etwas Zweites durch den Kopf. Die Frage nach angemessenen Sozialformen und die Erkenntnisse der beschriebenen Vergemeinschaftungsprozesse sind auch für die Diakonie in ihrer institutionalisierten Variante spannend.

Meine These – die ich in Vorträgen schon gelegentlich betont, aber hier im Blog noch nicht dargestellt habe (wird nachgeholt!) – ist, dass Diakonie vier Grundfunktionen hat. Und damit eine mehr als das gängige Dreier-Modell mit Dienstleistung, Interessensvertretung (oft als „Anwaltschaftlichkeit“ bezeichnet) und Solidaritätsstiftung. Die vierte Funktion ist die der Gemeinschaftsbildung. Für mich ist auch die Pflege von Sozialkapital, die Beheimatung in kleineren und größeren Kollektiven, das Bemühen ums Dazuzugehören oder das Aufbauen von Netzwerken eine Grundfunktion der Diakonie.

Dazu gehört auch das Suchen und Ausprobieren von immer wieder neuen, angemessenen Sozialformen und das Wahrnehmen und Reflektieren von Vergemeinschaftungsprozessen. Auch deshalb sind die 7 + 1 Artikel dieser PrTh-Ausgabeauch für die Diakonie interessant.

Um die Dortmunder Stadtkirche St. Petri bildet sich eine eigene Szene, in der es immer wieder zur der überraschend-irritierenden Erkenntnis kommt, dass man in St. Petri gar nicht eintreten kann – denn rechtlich ist sie eben gar keine eigenständige Gemeinde. Weil man aber gerne irgendwo eintreten möchte, gründet man halt einen Förderverein. Auch um die Hamburger Kirche der Stille gruppiert sich eine Szene. Gemeinschaft wird gesucht, aber der Begriff „Gemeinde“ wird vermieden – zu viele negative Konnotationen schwingen mit. Die Alternative lautet dann „spirituelles Zuhause“. Bei der Jugendkirche LUX geht es um Beziehungen in Teams und Kleingruppen, die zusammen ein Netzwerk bilden. Dies führt zur Nutzung des „Community“-Begriffs, der sowohl das soziale Phänomen als auch dessen theologische Deutung aufnimmt. Die gemeinwesendiakonisch ausgerichtete Lukas-Gemeinde in Gelsenkirchen orientiert sich an „gelebter Nachbarschaft“; das Verhältnis der Sozialformen „Gemeinde“ und „Gemeinwesen“ wird mit „Nachbarschaft“ auf den Punkt gebracht. Auch das Ökumenische Forum HafenCity knüpft an die Idee eines Nachbarschafts- bzw. Begegnungsortes an, gemeinschaftliche Dynamik entfaltet sich zudem durch eine Kommunität und eine Hausgemeinschaft. Die missionarisch ausgerichtet und von Willow Creek geprägte Gellertkirche in Basel besteht aus einem Geflecht von über hundert (!) verschiedenen Kleingruppen; die zwei zentralen Gottesdiensten haben für landeskirchliche Verhältnisse Großveranstaltungscharakter. Und wiederum ganz andere Sozialformen bilden sich in der vor allem von Migrant/innen getragenen Mitenand-Bewegung in Basel. Eine Arbeit, die entdeckt hat, dass inklusive Ideen unter erschwerten Bedingungen möglich werden können, wo integrative Ansätze eben nicht möglich sind. Besondere Formate sind ein babel-artiger Gottesdienst ohne gemeinsame Sprache, ein sonntäglicher Begegnungsraum und eine eigene Art von Gemeindefreizeit.

Diakonie war immer wieder dann innovativ, wenn sie das Potenzial bestimmter Community-Arten entdeckt hat und zum wesentlichen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht hat: Kommunität, Verein, Anstalt, Haus(-Familie), Wohngruppe, vereinzelt auch die Genossenschaft oder die Hausgemeinschaft, neuerdings die Nachbarschaft. Unter diesem Gesichtsprunkt birgt eine Debatte um neue Gemeindeformen durchaus auch noch Einiges an Potenzial für die Diakonie.

Gemeinwensenorientierte Ansätze werden hierbei eine wichtige Rolle spielen, das liegt ja bereits auf der Hand. Das Geflecht aus Zellen, Clustern und Netzen (wie in missionarischen oder in jugendkulturellen Gemeinden) könnte gerade für das Gelingen von Teilhabeprozesse eine entscheidende Bedeutung haben (wird meines Wissens aber unter „diakonischer“ Perspektive noch nicht bedacht). Das Phänomen, dass sich sogar in eher losen Szenen Wünsche nach formaler Zugehörigkeit entwickeln, ist vor allem für diakonische Gemeinschaften interessant. Die meines Erachtens wichtigste Brutstätte diakonisch relevanter Sozialformen sind die Migrantengemeinden. Nicht aus einer falsch verstandenen naiven Romantik heraus, sondern weil sie Integrations- und Inklusionsbemühungen noch einmal gegen den Strich bürsten.

tl;dr
Neue Gemeindeformen haben deutlich diakonische Dimensionen. Und die Diakonie braucht als Gemeinschafts-Bilder den Diskurs um neue Sozialformen.