Archiv der Kategorie: Spiritualität

Diakonisches Liedgut (2)

Seit dem ich vor zwei Jahren hier einmal der Frage nachgegangen in, ob es so etwas wie ein „diakonisches Liedgut“ gibt, suche ich weiter danach. Mir geht es dabei um Lieder, die einer diakonische Spiritualität Ausdruck verleihen. Und ehrlich gesagt: Meine Ausbeute ist eher gering.

Das liegt daran, dass ich an dieser Stelle sehr streng bin. Es gibt zwar eine Menge Lieder, die Diakonisches berühren. Aber etliche ergehen sich dann leider in Betroffenheitslyrik. Und es gibt viele Lieder, die mir einfach zu sehr gotthatalleliebunddiesonnescheintauchbaldwiederfürdich sind.

Singen kann eine sehr tiefe Wirkung haben. Denn das, was man singt – zumindest wenn man es oft singt – sickert in einen ein. Daher mache ich es mir schwer und suche nach den Perlen. Und hier sind nun drei weitere Lieder mit dem Prädikat „diakonisch wertvoll“: ein Bekanntes, eine Umdichtung, ein Neues.

Selig seid ihr

„Selig seid ihr“ ist ein alter Piet Janssens-Klassiker. Der Text ist von Friedrich Karl Barth und Peter Horst.

1. Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.
Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.

Es ist ein diakonisches Programm: einfaches Leben, Lasten teilen, lieben, gütig sein, Leid wahrnehmen, bei der Wahrheit bleiben, Frieden machen und Unrecht spüren. Angelehnt ist der Text an die  Seligpreisungen (Matthäus 5). Es findet sich im katholischen Gotteslob und in vielen Regionalteilen evangelischer Gesangbücher.

Ein bisschen stört mich das wiederkehrende „wenn“, denn es kann temporal oder konditional verstanden werden. Letzters fände ich theologisch nicht ganz passend. Man kann es umschiffen, indem man statt dem „wenn“ immer ein „die“ singt.

Von Gott will ich nicht lassen

Marita Lersner hat im Zusammenhang mit Christian Herwartz‘ Straßenexerzitien vier neue Strophen auf die Melodie von „Von Gott will ich nicht lassen“ gedichtet. Wenn ich es richtig sehe, wird zunächst die erste Strophe des Originals gesungen, dann schließen sich die neuen Strophen an. Hier ihre zweite Strophe:

2. Auf Gott will ich vertrauen,
weil er so menschlich ist.
Er will auf Menschen bauen,
die man sonst oft vergisst.
Für ihn sind Schiefe schön,
die Ausgegrenzten wichtig,
Und die Verwirrten richtig,
die Lahmen werden gehn.

Die Neudichtung beschreibt wie das Original unsere Gottergebenheit, allerdings nüchterner und (in meinen Augen) auch angemessener. Mir gefällt der Text sehr gut, die Kombination der ersten Strophe („führt mich durch alle Straßen“) mit den vier neuen finde ich gelungen.

Suchet das Beste, das Beste der Stadt

Bei Liedern, die bewusst als Diakonie-Songs geschrieben werden, bin ich ja immer recht skeptisch. Mir ist da bisher einfach noch nichts Gutes begegnet. Es gibt aber eine Ausnahme: „Suchet das Beste, das Beste der Stadt“. Das Lied war für mich eine Überraschungsentdeckung:

Suchet das Beste, das Beste der Stadt.
Aufmerksam fragt, was sie jetzt nötig hat.
Jeder Mensch zählt, denn Gott sieht jeden an.
Betet, das sein Geist die Stadt prägen kann.
Betet für Frieden. Gerechtigkeit liebt.
Lebt aus dem Geist, den uns Christus gibt.

Die einzelnen Strophen sind dann quasi die Vertonung des Leitbilds der Berliner Stadtmission. Natürlich gefällt mir, dass es eine Art „Gemeinwesendiakonie-Song“ ist. Bemerkenswert ist die Haltung gegenüber der Stadt: Einerseits fragen, was sie nötig hat, andererseits für sie beten. Konkrete Hilfen werden dann in den Strophen aufgezählt, aber der Refrain macht klar: die christlichen Grundtätigkeiten sind fragen und beten.

Musik und Text stammen von Gerold Vorländer, lange Jahre Kölner Pfarrer und jetzt in der Leitung der Berliner Stadtmission. Auf seinem Blog findet sich ein ein Ausschnitt aus der Notation. Ansonsten gibt es das Lied leider weder textlich noch akkustisch im Netz, einzige Möglichkeit ist der Kauf einer CD für wenig Geld – die aber anscheinend vergriffen ist.

tl;dr
Drei weitere Lieder, die ich allen ans Herz lege, die nach diakonischer Spiritualität in geistlichen Liedern suchen: Selig seid ihr; Von Gott will ich nicht lassen (in der Neudichtung von Marita Lersner); Suchet das Beste, das Beste der Stadt.

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Diakonie-Verständnisse entbanalisieren

Mir fällt hin und wieder auf, dass die Bilder, Begriffe und Ideen, was Diakonie ist, oft recht oberflächlich sind. Diakonisches Handeln? Es geht irgendwie ums Helfen, christlich halt. Und erschreckend oft geht das in die Richtung von „nett, nah, menschlich“. Und ich frage mich dann: Wie will man eigentlich diakonisches Profil implementieren, diakonische Indikatoren bestimmen oder diakonisches Handeln ausbilden, wenn es nur ein sehr diffuses Verständnis davon gibt, was Diakonie ist, was sie ausmacht, worin sie besteht?

Dahinter liegt ein tieferes Problem: Es fehlt eine Art „Praxistheorie der Diakonie“, es gibt wenig konzeptionell ausgearbeitete Diakonie-Ansätze, auf die man diesbezüglich zurückgreifen kann. In der Systematischen Theologie wird Diakonie gerne vernachlässigt – oder sie wird schlicht auf Ethik reduziert. Und die Diakoniewissenschaft ist stark biblisch-exegetisch und kirchengeschichtlich geprägt oder – sozusagen auf der anderen Seite vom Pferde fallend – betriebswirtschaftlich-managerial orientiert.

Natürlich gibt es gute Ansätze, interessante Theorien und spannende Debatten in der und über die Diakonie. Aber selten reichen sie über die Spähre, in der sie entstanden sind, hinaus. Diakoniewissenschaftliche Debatten bleiben meist in der akademischen Filterblase, Diakoniemanagementansätze haben ihren eigenen Entstehungs- und Reflexionsort und in den einzelnen Handlungsfeldern geben fachliche Konzepte aus den verschiedensten Referenzdisziplinen den Takt vor. Und was ist die  gemeinsame diakonische Klammer? Wie gesagt: Irgendwas mit Helfen. Nett, nah, menschlich. Prima.

Wie kann man sich über Diakonie inhaltlich verständigen, ohne in Plattheiten oder Floskeln stecken zu bleiben? Wie kann man zum Kern der Diakonie vordringen, und das auf möglichst einfachem Wege?

Ich habe gute Erfahrungen mit zwei Fragen gemacht. Sie können dazu beitragen, die leitenden Diakonie-Verständnisse zu klären, meist sogar deutlich zu vertiefen und ab und an (kleine) Brücken zwischen den angesprochenen Sphären zu schlagen.

Die Frage nach der Absicht der Diakonie

Ein guter und für mich bewährter Ansatzpunkt ist das Nachdenken über die Absicht der Diakonie. Was will Diakonie? Was soll diakonisches Handeln? Die gängigen Antworten wie Helfen oder Unterstützen sind zu allgemein. Außerdem beschreiben sie ja den Weg und nicht das Ziel. Konkreter wird es, wenn man fragt: Wozu soll die Unterstützung denn dienen? Woraufhin geschieht Diakonie? Etwas anders formuliert könnte man fragen: Was für eine Art Arbeit ist diakonisches Handeln? Geht es um Armutsbekämpfungsarbeit? Um Beheimatungsarbeit? Soll es eher um Heilungsarbeit oder um Leidlinderungsarbeit gehen? Meine persönlichen Favoriten sind Teilhabeermöglichungsarbeit und Berufungsentdeckungsarbeit.

Erst wenn man es so zuspitzt, zeigen sich die möglichen Absichten. Und erst wenn man eine Absicht hat, kann man das entsprechende Profil dazu entwickeln. Der zentrale Begriff der beabsichtigten Absicht ist zugleich der (systematisch-)theologische Zentralbegriff, den es dann für den Diakoniealltag zu entfalten gilt.

Die Frage nach der Absicht lenkt zudem den Blick von der Motivation zur Voluntion. Diese Unterscheidung finde ich auch didaktisch sehr hilfreich. Bei beidem geht es darum, was einen treibt: Bei der Motivation steht das Warum im Vordergrund (und ist daher rückwärtsgewandt), bei der Voluntion das Woraufhin (und zielt in die Zukunft). Letzteres ist meines Erachtens deutlich gehaltvoller.

Die Frage nach dem Wirken (in) der Diakonie

Eine weitere Idee, wie man sich der Frage nach dem Kern der Diakonie nähern kann, ist das Nachdenken über die Wirkung in der Diakonie, genauer gesagt: dem Wirken. Dieser Ansatz ist abstrakter als der erste, die Frage mag anfangs etwas irritieren. Ich kann aber versichern, dass es sich lohnt, ihr nachzugehen.

Wirkung darf hier nicht einfach als Ergebnis verstanden werden (etwa als „impact“ oder „outcome“), oder als Effekt (samt Rezepten, wie die Wirkung zu erzielen sei), sondern als ein Prozess des Wirkens. Ich schlage einmal fünf Begriffe für solche Wirkungen vor: Heilung, Versöhnung, Befreiung, Ermächtigung und Wandlung. Sie sind nicht trennscharf, aber von ihrer Dynamik her doch unterschiedlich genug. Diesen (oder ähnlichen) Wirkdynamiken gilt es nachzugehen.

Können diese Begriffe vielleicht beschreiben, was geschieht, wenn Diakonie geschieht? Und wenn ja: Was passiert da eigentlich genau, was (und wie) vollzieht sich da? Wer oder was ist denn da überhaupt am Wirken? Interessant auch: Wir können diese Dynamiken – also Kräfte, Energien – nicht machen, aber können wir denn zumnidest mit ihnen umgehen? Welches Wissen und, ja, welche „Praxistheorie“ halten 2000 Jahre Christentum hier bereit?

Wenn man sich solchen Fragen stellt, ist man auf einer guten Spur. Weil man weit weg ist vom gängigen Diakonie- und Sozialpolitik-Sprech. Vielleicht stellt sich auch ein Unbehagen ein, sich ernsthaft dieser Frage auszusetzen. Ist das nicht zu groß, zu pathetisch, zu aufgeladen?  Ich glaube ja mittlerweile, dass von „Diakonie“ eher zu klein als zu groß gedacht wird. Und genau das könnte vielleicht ganz hilfreich sein: Diakonie nicht zu banalisieren, sondern tiefer zu denken.

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Diakonie läuft immer wieder Gefahr, zu banal gedacht zu werden. Doch dann bleibt Diakonie hinter dem zurück, was sie ist. Die Fragen nach der Absicht und der Wirkung der Diakonie können helfen, dass Diakonie-Verständnis (für das eigene Handeln, die Profilentwicklung oder in der diakonischen Bildung) zu vertiefen.

Fußwaschung

Die Fußwaschung, wie sie im 13. Kapitel des Johannes-Evangeliums beschrieben wird, wird ja auch gerne als „diakonisches Sakrament“ oder „Sakrament der Diakonie“ bezeichnet. Ich finde, das ist nicht so ganz richtig, weil die Fußwaschung damit diakonisch vereinnahmt wird. Das Diakonische an der Fußwaschung ist ein wichtiger Aspekt, keine Frage, aber darin geht dieses „Sakrament“ eben nicht auf.

Viel interessanter finde ich die Frage, ob dieser Ritus nicht tatsächlich als ein Sakrament gelten könnte. Genau dazu habe ich etwas auf meinem Blog MARTHORI geschrieben. Nicht auf diakonisch.de, auch aus dem Grund, um die Fußwaschung nicht diakonischer zu machen als sie ist. Ich habe ja Lust, sie erstmal  sakramentaler zu macher. Da aber vielleicht trotzdem einige diakonisch.de-Leser Interesse an dieser Idee haben, verlinke ich meinen Beitrag: Hier geht’s lang!

Die Inklusions-Denkschrift der EKD

Ende Januar ist die Orientierungshilfe der EKD zur Inklusion [PDF] erschienen. In Anlehnung an eine viel beachtete Rede von Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1993 trägt sie den Titel: Es ist normal, verschieden zu sein.

Mir gefällt die Denkschrift. Kurz auf den Punkt gebracht: Sie ist unaufgeregt gut. Sie hat keinen moralinen oder pathetischen Duktus, sondern sie ist fachlich solide, theologisch nüchtern (und nicht katechetisierend) und liest sich auch noch recht flüssig.

Und – auch das ist erwähnenswert – sie ist ehrlich gegenüber der eigenen kirchlichen Paxis:

„Die gegenwärtige Sozialgestalt der Kirche in Gemeinde und Diakonie ist jedoch noch weit davon entfernt, ein Inklusionsmotor zu sein. In ihr dominieren soziale Milieus, die meist weder Arme noch Menschen mit Behinderungen umfassen und sich durch die Art der – auch religiösen – Kommunikation vielfach abgrenzen“ (S. 55).

Ausgangspunkt der Denkschrift – wie auch des gesellschaftlichen Diskurses – ist die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Daher hat sie einen deutlichen Schwerpunkt bei der Ermöglichung von Inklusion für behinderte Menschen. In der Denkschrift wird aber auch thematisiert, dass Inklusion darüber hinausgehen muss:

„Dabei ist die Aufgabe der Inklusion von Menschen mit Behinderungen nur eine der Herausforderungen auf dem Weg zu einer diakonischen Kirche – sie unterscheidet sich nicht kategorial von der Herausforderung, von Armut bedrohte Familien, pflegende Angehörige oder Menschen mit Migrationshintergrund als »normale Gemeindeglieder« zu begreifen. Insofern geht es auch nicht in erster Linie darum, weitere Stellen oder Beauftragte zu schaffen oder zusätzliche Programme aufzulegen […]“ (S. 157).

Völlig richtig.

Allerdings würde ich an dieser Stelle gar nicht so sehr die Idee einer „diakonischen Kirche“ betonen. Denn dann könnte Inklusion schnell wieder als diakonisches Dings missverstanden werden. Und das ist es gerade nicht!

Ich spitze es einmal für die Kirchengemeinden zu: Immer, wenn es um „Inklusion“ geht, sollten die Synapsen sofort eine Verbindung zu Gemeindeentwicklung herstellen. Denn wenn man bei dem Thema als erstes (oder auch noch als zweites oder drittes) an Gemeindediakonie denkt, kann das mit der Inklusion nichts werden, dann läuft sie in die falsche Richtung. (Dabei kann natürlich durchaus etwas Gutes herauskommen, aber es hat dann eben wenig mit Inklusion zu tun).

Eine Erklärung liefert die Denkschrift im Grunde selbst:

In der Kirche sammeln sich zwar viele Menschen, die sich für andere einsetzen. Allerdings gelingt es ihnen oft nicht, eine tragfähige Brücke zu Menschen mit Einschränkungen zu schlagen. Paradoxerweise kann gerade diese Haltung eines Engagements »für andere« Kommunikation auf Augenhöhe verhindern. Geschwisterlichkeit gelingt, wo aus dem Engagement »für andere« eine »Kirche mit anderen« wird“ (S. 56).

Gemeinden müssen – um es einmal etwas belehrend zu formulieren – grundsätzlich so inklusiv wie möglich sein, egal, ob sie sich als hochkirchlich oder sozialengagiert verstehen, bildungs- oder kleinbürgerlich orientiert sind, missionarisch oder „diakonisch“ ticken.

Deshalb würde ich das Mantra, dass man von einer Kirche „mit anderen“ zu einer Kirche „für andere“ kommen muss, auch nicht überstrapazieren. Denn bei beiden Formulierungen gibt es eben (immer noch) „die anderen“.

Interessant fand ich eine Idee, von der ich bislang noch nie etwas gehört habe: Dunkelgottesdienste (S. 162-163): Ein Gottesdienst wird in einer völlig abgedunkelten Kirche gefeiert. Ich kann mir vorstellen, dass dies eine kraftvolle spirituelle Erfahrung sein kann – jedenfalls dann, wenn tatsächlich das spirtuelle Erleben im Vordergrund steht und es nicht eine pädagogische Aktion ist, ein versteckter Appell, sich mit „Behinderung“ auseinenderzusetzen.

Denn dann kann Inklusion nicht nur ein Programm zur Barrierefreiheit werden, sondern ein Innovationsmotor der Gemeindepraxis sein. Und damit hat sich die Energierichtung umgekehrt: Kirche macht nicht etwas, um Inklusion zu ermöglichen, sondern die Inklusion trägt dazu bei, Kirche zu ermöglichen.

Okay, das war jetzt doch etwas pathetisch.

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Solide, unaufgeregt und lesenswert: die EKD-Orientierungshilfe zur Inklusion.

Geschichten erzählen

In der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal – eine der vier Bethel-Stiftungen – entstand der Fortbildungskurs „Glaube verstehen – diakonisch handeln“. Dieses diakonische Bildungsangebot wurde strukturell in dem Diakonieunternehmen verankert, so dass insgesamt 1.200 (in Worten: eintausendzweihundert!) Mitarbeitende und Leitende daran teilgenommen haben. Das Konzept wurde nun veröffentlicht und steht zum kostenlosen Download bereit.

Im Mittelpunkt steht das Geschichten-Erzählen. In einer festen Gruppe trifft man sich acht mal, bei jedem Treffen werden „Glaubensgeschichten“ und „Arbeits-Alltags-Geschichten“ erzählt. Beides wird aufeinander bezogen („verknüpft“).

Die Kurse boten und bieten ein Forum zum Geschichtenerzählen an. Geschichten als ein Mittel, biblisch/theologische Werteorientierung und Alltagserfahrung der Arbeit zu kommunizieren und zu verknüpfen. Experten aus der Arbeit (Mitarbeitende) trafen sich mit Experten der biblischen Überlieferung (Theologen). Sie verbanden ihre Geschichten, gewannen neue Einsichten und Impulse und entwickelten weiterführende Perspektiven. Die Anregung für dieses Vorgehen stammt aus den Basisgemeinden in Lateinamerika. Aufgrund des Priestermangels dort entstand seinerzeit eine Laienbewegung, die die Bibel unmittelbar aus dem von Armut und Ausgrenzung gekennzeichneten Lebensalltag heraus gelesen und verstanden hat. Sie verknüpften beides, ihren Lebensalltag und biblische Geschichten, fühlten sich gestärkt und ermutigt, gewannen so Impulse für sich selbst und im gesellschaftlichen Umfeld (S. 6).

Das Konzept ist so unspektakulär wie es gut ist: Narrative Theologie meets Korrelationsdidaktik. Es wird also genau das vermieden, woran solche Bildungsangebote immer wieder kranken: Diakonie „vermitteln“ zu wollen. Wer aufmerksam liest, kann entdecken, wie angemessen und bedacht das Konzept entwickelt wurde.

Die Auswahl der acht biblischen Geschichten wird kurz erklärt, sie orientierte sich an zwei Kriterien:

Die Geschichten sind so ausgewählt worden , dass darin Aspekte enthalten sind, die auch in einer weitgehend von kirchlichen Bezügen entfremdeten Gesellschaft mindestens als Begriff eine Rolle spielen (10 Gebote, Nächstenliebe, kirchliche Feste: Weihnachten, Ostern usw.) Oder sie können als gelebte oder gewünschte/ersehnte Erfahrung im Arbeitsalltag der Teilnehmenden auftauchen: Heilung, Integration von Außenseitern, Nächstenliebe, Hilfe und Begleitung in der Begegnung mit Tod bzw. Sterben (S. 11).

Das „Verknüpfen“ der Glaubens- mit den Alltagsgeschichten geschieht mit Hilfe von sieben vorgegebenen Kategorien: Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Enttäuschungen, Begegnungen, Erfolge, Erfahrungen. Allerdings erfährt man wenig darüber, wie dieses Verknüpfens konkret geschieht (ja, ja, das alte Problem der Korrelationsdidaktik). Mich würde interessieren, welche Rolle die genannten Kategorien genau spielen und inwiefern sie sich bewährt haben.

Das Besondere an dem Kurs ist in meinen Augen zum einen der Mut, didaktisch alles auf eine Karte zu setzen: auf das Erzählen von Geschichten, den biblischen wie den eigenen. Und zum anderen ist es die organisatorische Konsequenz, mit der es im Unternehmen umgesetzt wurde.

Jörg Passoth: ,Glauben verstehen – diakonisch handeln‘. Christliche Tradition im Arbeitsalltag der Diakonie. Ein Qualifizierungskurs der
Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Ev. Bildungsstätte für Diakonie und Gemeinde, Bielefeld 2014.

Fastenzeit

AD2014Heute am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Fasten scheint im Trend zu liegen – begrüßenswert, finde ich.

So gibt es eine regelrechte Rennaissance des Fastens, gerade auch im evangelischen Bereich. Die Aktion „7 Wochen ohne“ begann Mitte der 1980er Jahre in Hamburg als private, aber von der evangelischen Kirche unterstützte Bewegung, die rasch populär wurde und seit nunmehr 20 Jahren vom Gemeinschaftswerk evangelischer Publizistik der EKD betreut wird. Aus dem Kreise der Hamburger Initiatoren entstand zudem der Verein „Andere Zeiten e.V.“, der später eine eigene Fastenaktion ins Leben rief: „7 Wochen anders leben“.

Die Idee ist einfach: auf scheinbar unentbehrliche Substanzen (Fleisch, Alkohol, Kaffee, Süßes…) oder eingeschliffene Gewohnheiten wird bewusst verzichtet. Die Faszination des Fastens liegt in zwei besonderen Wirkungen: Der Verzicht führt nicht ausschließlich zu einem Mangelerleben (was ja auf der Hand liegt), sondern paradoxer Weise auch zur Erfahrung von Fülle. Und der zunächst äußere Prozess des Weglassens beeinflusst innere Prozesse. Verzicht kann zur Fülle führen und Äußeres wirkt auf Inneres das sind die beiden spirituellen Dynamiken des Fastens. Das macht das Fasten aus.

Deshalb finde ich so manche Fastenaktion auch etwas sonderbar. Allen voran die EKD-Aktion „Sieben Wochen ohne“, bei der ich von Jahr zu Jahr das Gefühl habe, dass man sich immer etwas besonders Schlaues ausdenken möchte. Dieses Jahr: „Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“. Merkwürdig finde ich es deshalb, weil es die beiden Fasten-Dynamiken genau auf den Kopf stellt: Es wird nicht etwas weggelassen oder reduziert, sondern etwas mehr (bzw. bewusster) gemacht. Zudem wird bei einem inneren Prozess angesetzt (dem Bewusstsein), nicht bei einem äußeren (dem Verhalten). Kann man machen. Aber mit Fasten hat das wenig zu tun. Wirklich pfiffig und ganz im Sinne des Fastens wäre es genau andersrum gewesen: Mal sieben Wochen nicht selbst denken! Kann man als evangelische Kirche natürlich nicht machen, schon klar. Völlig schräg wird es aber dann, wenn auf evangelisch.de alberne Banalitäten à la „Adam und Eva aßen einen Apfel!“ als „falsche Gewissheiten“ entlarvt werden. Ein Wissens-Häppchen ist etwas anders als Gewissheit.

7wochen_ohne_gwDa lob ich mir den Mut der Fastenaktion des evangelischen Zentrums für Predigtkultur: Pfarrer und Pfarrerinnen sollten in der Fatsenzeit in ihren Predigten auf eine Auswahl gängiger theologischer Begriffe verzichten – sieben Wochen ohne große Worte. Eine gute Idee gegen grassierende Logorrhoe (Wortdurchfall), auch wenn es Kritik an der Umsetzung gibt. Meine Meinung habe ich im Blog von Phillip Greifenstein kundgetan, lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Karsten Dittmann.

Mittlerweile gibt es die unterschiedlichsten Ideen und Aktionen . Eine besonders ambitionierte Verzichtsaktion ist das Auskommen mit dem Hartz-IV-Regelsatz (siehe auch hier). Eine andere Idee ist das Autofasten. Oder das Energiefasten (unter dem lustigen Titel: „Klimafasten“). Interessante Idee ist auch das Klamotten- bzw. Modefasten. Und natürlich ist das digitale Fasten nicht zu vegessen.

Zu den klassischen Motiven – Fasten als religiöse Praxis oder als gesundheitliche Maßnahme (Heilfasten) – gesellt sich also ein neues Motiv hinzu: Fasten als konsumkritisch-alternativer Lebensstil (Einfaches Leben).

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Fasten berührt die paradoxen Zusammenhänge von Mangel/Fülle und Inneres/Äußeres. Und neben religiösen oder gesundheitlichen Gründen ist auch ein „einfaches Leben auf Probe“ ein wesentliches Motiv. Gute Sache.

UPDATE 2014-03-05: Ich füge jetzt noch ein paar Blogartikel hinzu, die ich sehr zum Lesen empfehle:

UPDATE 2014-03-05, zum Zweiten: Jetzt habe ich gar nichts zu meinem Fasten gesagt. Ich faste Schokolade und Milchprodukte. Durch Zufall habe ich auf WDR2 ein Interview mit Atilla Hildmann gehört, dem Shootingstar der veganen Küche (den ich bisher gar nicht kannte, was auch daran liegt, dass ich vegane Küche bisher noch nicht kannte. Jedenfalls nicht wirklich). Ich fand seine engagierte aber gleichzeitig unverkrampfte Art so erfrischend, dass ich prompt sein Kochbuch zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Auf Fleisch und Milchprodukte gleichzeitig verzichten kann ich nicht, also probiere ich eine Variante davon aus. Man könnte auch sagen, ich mache 7 Wochen vegan mit Fleisch.

Ich bin übrigens öfter an meinen Fastenvorhaben gescheitert, als dass sie „hundertprozentig“ geklappt hätte. Trotzdem mach ich weiter.

Ich finde es auch gut, die Passionszeit besonders zu gestalten. Aber das hat für mich wie gesagt nichts mit Fasten zu tun, sondern mit der Fastenzeit als Zeitabschnitt. Ich habe mir dieses Jahr wieder Anselm Grüns „Das Kreuz“ vorgenommen (das ist ein älteres Buch von Grün aus der Reihe Münsterschwarzacher Kleinschriften. Soll heißen: Da kommen weder Engel noch Wellnesstüdelü vor). Ich habe das Buch vorher in 40 Abschnitte eingeteilt, ein paar Abschnitte bleiben außen vor, so dass es jeden Tag ca. eine dreiviertel Seite Lesepensum ist. Das geht auch gut im RE5.

Und mit diesen ergänzenden Infos nehme ich jetzt auch noch an Andrea Juchems Blogparade „Fastenzeit AD 2014“ teil.

UPDATE 2014-03-05, zum Dritten: Beim Schreiben des Blogartikels hatte ich gewisse Bauchschmerzen. Und zwar wegen des thematischen Hintergrunds dieses Blogs: Ich blogge ja hier grundsätzlich über diakonische Aspekte. Aber die werden in diesem Beitrag gar nicht reflektiert. Aus einem ganz einfachen Grund: Ich habe einfach kein Packende bekommen.

Bewusst auf etwas Verzichten kann man nur, wenn man grundsätzlich genug von dem hat, worauf man verzichten will. Ansonsten ist das kein Verzicht, sondern Mangel. Oder Not. Ich überlege, ob all die hier erwähnten Fasten-Ideen (und mein persönliches Fasten) nicht ein reines bürgerliches Mittelschichtsphänomen sind. Das macht sie weder schlechter noch besser, aber das sollte man dann zumindest nicht unerwähnt lassen.

Für mich ist dies hier eine wichtige Frage (die ich momentan wirklich nicht beantworten kann): Inwiefern korrelieren (negativ und positiv) religiöse Ideen/Formate/Übungswege mit Marginalisierungserfahrungen. Ja, natürlich korreliert das, klar. Aber wie genau? Und: was wäre demnach sinnvoll: eine kompensatorische oder eine verstärkende Strategie? Wenn das noch zu kryptisch klingt: Ich kann’s grade nicht anders formulieren. Später vielleicht mal mehr.

Diakonie als Übungsweg?

Der christliche Glaube ist in erster Linie eine Transformationspraxis. Und Praxis braucht Übung. Auch wenn Martin Luther betont hat, dass das Leben „nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung“ sei, ist der Protestantismus wohl auch nicht ganz unschuldig daran, dass christlichen Übungswegen oft wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das ändert sich in den letzten Jahren (Gott sei Dank!) wieder, gerade auch im evangelischen Bereich.

28WegeDie beiden Leiter der spirituellen Zentren St. Martin (München) und Eckstein (Nürnberg) in der Bayerischen Landeskirche, Andreas Ebert und Oliver Behrendt, haben ein schönes Büchlein herausgegeben, in dem sie einen Überblick christlicher Übungswege bieten: Christsein üben. 28 Wege spiritueller Praxis. Die Auswahl ist breit, jeder Übungsweg wird auf maximal fünf Seiten kurz skizziert. Man kann blättern und stöbern und entdeckt vielleicht etwas, das man vertiefen möchte. Das Inhaltsverzeichnis kann auch über die Nationalbibliothek eingesehen werden (PDF).

Fasten, Pilgern oder Herzensgebet sind fraglos Übungswege. Trifft das auf die Diakonie ebenso zu? Ja und Nein, ist mein Fazit. Diese Ambivalenz zeigt sich auch schon in dem Titel des Artikels, den der Diakonie-Präsident Bayerns, Michael Bammessel, beigesteuert hat: „Die spirituelle Dimension diakonischen Engagements“.

Michael Bammessel beginnt seine Ausführungen mit der Erzählung von Christopherus: Christopherus ist groß und stark und will einem mächtigen Herren dienen. Er trifft auf einen Einsiedler, der ihm rät, Gott zu dienen. Dazu wären zwei Übungswege erforderlich: Fasten und Gebet. Beides passt nicht so recht zu Christopherus und da schlägt der Einsiedler ihm vor, stattdessen doch Reisende durch eine große Furt zu tragen. Christopherus bekommt also quasi eine diakonische Aufgabe, die er annimmt. Einige Jahre später kommt es dann zu der legendären Christusbegegnung, als er auf einmal in einem Kind, das er auf dem Rücken über den Fluss trägt, Christus erkennt.

„Diese lebenswahre Geschichte hat einen seelsorgerlichen Zug: Nicht jeder spirituelle Übungsweg muss für jeden Menschen geeignet sein. Die überraschende Botschaft: Auch die ganz praktisch ausgeübte Nächstenliebe kann zu einer unvermutet intensiven Gotteserfahrung führen, und zwar gerade dann, wenn die Hilfe ohne weitergehende Absichten gegeben wurde und die religiöse Dimension gar nicht im Blick war“ (S. 44).

Gottes- und Nächstenliebe, spirituelle Übung und tätiges Engagement, sind miteinander verflochten. Darauf möchte Michael Bammessel hinaus, und da kann man natürlich nur zustimmen. Ich möchte an dieser Stelle zwei Arten der Beziehung unterscheiden:

  • Die Wechselwirkung von spiritueller Übung und diakonischem Engagement: Das Eine führt zum Anderen (nicht ganz, etwas besser gesagt: das Eine kann zum Anderen führen, muss es aber nicht zwingend).
  • Die Balance von spiritueller Übung und diakonischem Engagement: Das Eine braucht das Andere (jedenfalls dann, wenn das Eine in hoher Intensität ausgeführt wird).

Wenn man dies so sieht, dann wird man diakonisches Engagement nur schwer als spirituellen Übungsweg verstehen können. Denn dann ist „Diakonie“ die (Neben-)Bedingung oder die (Neben-)Wirkung eines anderen Übungsweges wie Gebet, Kontemplation, Meditation.

Man kann aber auch aus aus der Erkenntnis, dass sich in diakonischem Engagement eine Christusbegegnung einstellen kann (kann!), eine Übung machen. Selbst wenn ich diese Erfahrung nicht mache, kann ich so tun, als ob mir Christus gegenübersteht:

„In jedem Menschen, dem wir Beistand leisten, ist in geheimnisvoller Weise Christus selbst gegenwärtig. Er ist durch seine Passion, also seinen eigenen Leidensweg, eins geworden mit den Leidenden aller Zeiten. Dieses Wissen gibt jedem diakonischen Engagement eine spirituelle Tiefendimension. Wer es lernt, im anderen Menschen Christus selbst zu sehen, der handelt anders“ (S. 45).

Das wäre dann der diakonische Übungsweg. Absichtslos eine Aufgabe ausführen – ohne eine religiöse Aufladung, ohne die Erwartung, dass etwas „Spirituelles“ dabei passiert – aber in der Haltung, dass der Mensch mir gegenüber Christus ist.

Das Lesen dieses Artikels hatte für mich noch einen weiteren Nebeneffekt, nämlich die Figur des Christopherus stärker in mein diakonisches Blickfeld zu rücken. Ich muss zugeben, dass mir Christopherus als eine diakonische Leitfigur bisher gar nicht so im Sinn war. Leider. Denn es ist eine gute und vor allem sehr passende Geschichte: Auf der Suche sein, was man Sinnvolles tun kann (welchem Herren man dienen will). Eine konkrete Aufgabe ausführen und damit von Nutzen sein. Keine weiteren Absichten damit verbinden. Punkt. Und das Christliche daran? Nun, ob Christopherus religiös war oder nicht, spielt keine tragende Rolle und sein Fährmanndienst zu Fuß kann wohl kaum als religiöse Tat dargestellt werden. Eines Tages begegnet ihm im Anderen Christus, aber völlig unerwartet. All das trifft den Kern diakonischen Engagement (bzw. die Lebenswirklichkeit von Diakonie-Mitarbeitenden) doch wesentlich besser als das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Oder?

P.S.: Während ich dies tippe, sitze ich im Zug nach München, um an dem Symposium zum Herzensgebet (PDF) teilzunehmen, das von den beiden Herausgebern dieses lohnenden Büchleins veranstaltet wird.

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Diakonisches Engagement und spirituelle Übung sind eng miteinander verbunden. Diakonische Praxis und geistliche Übung brauchen einander. Man kann aus den Erfahrungen diakonischen Engagements auch eine christliche Übung ableiten: Christus im Anderen sehen (wollen).

Andreas Ebert/Oliver Behrendt (Hg.): Christsein üben. 28 Wege spiritueller Praxis, München 2012. 14,80 Euro. Darin: Michael Bammessel: Die spirituelle Dimension diakonischen Engagements, S. 44-48.