Zivilgesellschaftsfähig werden

Der Diakonie-Bundesverband hat einen neuen „Diakonie Text“ veröffentlicht zur Rolle der Diakonie in der kommunalen Daseinsversorgung (Diakonie Texte 06/2012):

„Mit dem vorliegenden Papier will die Diakonie einen Beitrag zur Diskussion liefern, wie trotz dieser engen Rahmensetzungen Sozialpolitik in den Kommunen nachhaltig gestaltet werden kann und welche Rolle und Gestaltungsmöglichkeiten der Diakonie zukommen. […] Auch wenn der finanzielle Rahmen oft als einschränkend erlebt wird, kann er kein Argument dafür sein, auf eine engagierte Mitgestaltung der kommunalen Daseinsfürsorge
zu verzichten“ (S. 3).

Im Mittelpunkt stehen die Perspektiven, wie sich diakonische Träger vor Ort kommunalpolitisch und zivilgesellschaftlich positionieren können (Kapitel 5). Für die örtlichen diakonischen Träger werden ein knappes Dutzend Vorschläge gemacht (es folgen dann noch Vorschläge für die Landes- und Bundesverbandsebene), die mit konkreten Praxisbeispielen untermauert werden. Die Grundbotschaft lautet, dass Diakonische Werke durchaus gesellschaftspolitische Handlungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene haben.

Beim Lesen des Textes hatte ich den Eindruck, dass dieses Papier einen deutlich programmatischen Charakter hat: Hier geht es nicht nur um good practice-Beispiele, hier wird der Weg zu einem zivilgesellschaftlich verankerten Diakonieverständnis beschrieben. Schließlich ist die Diakonie nicht nur Träger von (mehr oder weniger refinanzierten) sozialen Dienstleistungen, sondern ganz besonders auch ein zivilgesellschaftlicher Akteur, der gesellschaftspolitisch Einfluss nehmen und Debatten vorantreiben will, sich als relevante Größe im Sozialraum und als verlässlicher Kooperationspartner der jeweiligen Gebietskörperschaften erweisen möchte.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Diakonische Einrichtungen und Verbände sind einerseits wichtige Akteure in der Zivilgesellschaft – müssen andererseits diese Rolle aber auch immer wieder unter Beweis stellen. Dass diakonische Träger Sozialdiensleistungen professionalisieren und unternehmerisch ausrichten können, wird wohl niemand mehr ernsthaft bezweifeln. Aber beim virtuosen Spielen auf der zivilgesellschaftlichen Klaviatur haben diakonische Träger durchaus noch Nachholbedarf. Dabei darf man Zivilgesellschaft nicht bloß als abzuschöpfendes  Ehrenamtsreservoir missverstehen. Für die Diakonie geht es ganz grundsätzlich darum, ihre eigene „Zivilgesellschaftsfähigkeit zu erhöhen“, wie es das Papier formuliert (S. 15).

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6 Kommentare zu “Zivilgesellschaftsfähig werden”

  1. Interessantes Papier, – was ich aber vermisse:

    Es wird nicht thematisiert, wie wichtig die örtliche Vernetzung über Fachgrenzen hinweg ist, der ganze Text bleibt doch sehr dem Sozialen verhaftet. Dabei entstehen Teilhabemöglichkeiten für die eigene Klientel und die eigene Organisation ja gerade auch dadurch, dass man Türen in andere Bereiche hinein öffnet.
    Die Gemeinwesenorientierung wird eng ausgelegt („Chancen der Zusammenarbeit von Kirchengemeinden und diakonischen Trägern nutzen“, S. 14) – die Beispiele im Anhang sind hier progressiver als der Text vorne.

    Was des weiteren fehlt: die Rolle der Diakonie als Anstifter und Bilder von Kommunikations- und Diskurs-Netzwerken (auch über das Internet), wo im Austausch mit der Bürgerschaft (nicht nur mit der Klientel oder freiwillig Engagierten) über die Ausrichtung des Sozialsektors diskutiert und verhandelt wird (wie gesagt: im Anhang finden sich solche Beispiele, siehe die starken Nachbarschaften in Leipzig).

    Wo kommt zum Ausdruck, dass die Diakonie Teil sozialer Bewegungen werden sollte?

    Was Marc Boos im Hinblick auf die Caritas schreibt, gilt auch für die Diakonie: wenn letztere sich als zivilgesellschaftlicher Akteur positionieren und “ ein Knoten im Netz vieler Menschen werden möchte, die an sozialen Themen interessiert sind (..) muss sie sich stärker verbinden mit anderen sozialen Playern und offen sein für Impulse von Menschen, die sich (auch mal kritisch) mit den Ideen und Positionen “ der Diakonie auseinander setzen.

  2. Liebe Brigitte Reiser, grundsätzlich haben Sie recht.

    Nicht so sehr im „Sozialen“ verhaftet zu bleiben, ist ein sehr guter Hinweis! Das schaue ich mir nochmal an…

    Auch bei den Hinweisen zur „sozialen Bewegung“ und den „Diskurs-Netzwerken“ stimme ich Ihnen zu. Aber ich habe wohl einen anderen Ausgangspunkt für meine Beurteilung des Papiers: Es gibt – wenn mich nicht alles täuscht – wenige Reflexionen in der Diakonie zu einem diakonischen Selbstverständnis, das zivilgesellschaftlich verortet ist. Vor diesem Hintergrund begrüße ich das Papier sehr.

    Dass da noch eine Menge mehr kommen muss, ist klar. Aber das ist ja auch nicht Anliegen des Papiers, sondern es geht erst einmal darum, einen Diskurs anzuregen, dass/welche Gestaltungsmöglichkeiten örtliche diakonische Träger haben. Und hier entdecke ich in dem Papier, zivilgesellschaftliches Denken langsam „ankommt“.

    Denn man muss sich vor Augen führen: Die DNA der Diakonie besteht (bestand lange Zeit?) in dem Eintreten für einen starken Sozialstaat und die Erbringung professioneller Zuwendung:

    – Es gibt einen breiten (Diskussions-)Strom in der Diakonie, der den Sozialstaat der 1970er Jahre noch immer als das „Eigentliche“ betrachtet (…als das einzige Wahre). Das ist ja nicht grundsätzlich falsch. Aber wir müssen nun schauen, wie wir jenseits von Eden die Diakonie gestalten. Für Viele ist die „Zivilgesellschaft“ dabei allerdings etwas, das skeptisch beäugt wird.
    – Die Diakonie ist von ihrer Genese her eine „Für-Organisation“ – sie ist keine Gewerkschaft, kein Tauschring, keine Genossenschaft. Ihr Gründungsmythos besteht in der aufopferungsvollen Fürsorge. Die Zeiten sind zwar vorbei, aber anstelle dieser „aufopferungsvollen Fürsorge“ ist die „professionelle Vorsorgung“ getreten. „Echte“ Teilhabeansätze (innerhalb des Selbstverständnisses, nicht einfach als Dienstleistung!!) beginnen jetzt erst (so meine Beochtung…).

    Von der Außenwahrnehmung her würde ich auch bestätigen, dass die Caritas an dieser Stelle weiter ist. Auch das könnte mit der Genese des (Verbands-)Katholizismus zu erklären sein… Der (deutsche) Sozialstaat ist grundsätzlich eine protestantische Errungenschaft, der Katholizismus war ihm gegenüber immer recht ambivalent. Deshalb trauert man im Protestantismus dem Sozialstaat auch stärker hinterher… Zivilgesellschaftliches Engagement entspricht zudem eher dem Subsidiaritätsdenken (wie in Quadrogesimo Anno 1931 beschrieben – wobei Subsidiarität auch ihre Schattenseiten hat, man darf sie nicht romantisieren!). Hinzu kommt, dass die Caritas gegenwärtig in dieser Hinsicht recht gut aufgestellt ist (Bsp: Community Organizing).

    Für mich geht es daher erst einmal um einen inner-diakonischen Diskurs. Und wenn hier – über die Zeit – immer mehr zivilgesellschaftliche Muster, Denkfiguren, Versatzstücke einsickern, ist das gut.

  3. Was ich schade finde: dass im wohlfahrtsverbandlichen Bereich solche Diskussions- und Lernprozesse, wie die Diakonie sie nun in Bezug auf das zivilgesellschaftliche Thema führt, immer hinter – nicht gerade verschlossenen, aber doch ziemlich angelehnten – Türen stattfinden, d.h. innerhalb der eigenen kirchlichen und diakonischen Community. Der Rest der Gesellschaft wird nicht einbezogen, die eigene Sicht der Dinge wird nicht mit unterschiedlichen Ansichten von außen konfrontiert. Mir ist es schleierhaft, wie durch solch autopoietisch strukturierte Lernprozesse, die immer um den eigenen Verband kreisen, Neues und Anderes entstehen soll. Ich bin der Überzeugung, dass die Art und Weise, wie der Lernprozess in den Verbänden organisiert ist, abfärbt auf die Lösungen, die man finden wird. Die oben von mir kritisierte Definition der Gemeinwesenorientierung in der Diakoniebroschüre (S.14) legt davon ein erstes Zeugnis ab.

    Ohne einen breiten öffentlichen Diskurs werden die Wohlfahrtsverbände ihre Rolle nicht neu definieren können. Man kann sich nun mal nicht zu einem zivilgesellschaftlichen Akteur weiterentwickeln, ohne in das Gespräch mit dem Gegenüber zu treten, – der Zivilgesellschaft selbst.

    Es ist ein fundamentaler Irrtum, der in den Verbänden vorherrscht: dass Intransparenz bei wichtigen Dingen weiterführe und man so essentielle Fragen wie die eigene Zukunft als zivilgesellschaftlicher Akteur abgeschottet nach außen diskutieren könne. Diese Strategie wird nicht aufgehen, – aber die Weiterentwicklung unserer Zivilgesellschaft erheblich bremsen.

  4. Das ist eine spannende und wichtige Diskussion, danke für die Gedanken! Bei Ihrer Kritik – der ich an vielen Stellen zustimme, aus Selbstreferentialität entsteht keine Innovation – muss man sich aber vor Augen halten, dass es sehr grundsätzliche Kritik ist.

    Das mit den „hinter verschlossenen Türen“ stimmt einerseits (und das trifft sicherlich auf viele Verbände zu), andererseits trifft es nicht ganz den Kern. Denn: Das Papier ist ja nicht DAS zivilgesell. Programm der Diakonie – ich habe mit dem Beitrag einfach nur sagen wollen, dass es ein Papier gibt, neben zahlreichen anderen, das meiner Meinung in eine gute Richtung geht. Ich entdecke darin: a) als örtlicher Träger handlungsfähig sein/bleiben, b) dabei die Frage nach dem Selbstverständnis aufwerfen, c) hier und da Ansätze von zivilgesellschaftlichen Bezügen aufnehmen. Es gibt eine ganze Menge Papiere und Tagungen, wo das nicht passiert.

    Was machen wir mit der Neudefinition der Wohlfartsverbände, die Sie ansprechen? So wie ich er erlebe werden solche Diskurse bisher stark als Verhältnisbestimmung von Staat – Wohlfahrtspflege geführt. Mein Interesse wäre grundsätzlicher Art. Zum Beispiel, die verschiedenen Handlungslogiken diakonischen Organisationen zu klären ( https://diakonisch.wordpress.com/2011/04/17/der-mythos-vom-dritten-sektor-teil-1 ) – um dann zu schauen, wer was wie will.

  5. Ich erlebe die Diskurse über die Neudefinition der Wohlfahrtsverbände genau so wie Sie: die Verbände arbeiten sich hauptsächlich am Staat ab, nicht so sehr an der Zivilgesellschaft.

    Was Ihren Hinweis auf den hybriden Charakter von Nonprofits angeht: die Frage ist, wie unter solchen Bedingungen eine gemeinsame Identität aufrecht erhalten werden kann und wie die verbandlichen Akteure nach außen hin überhaupt handlungsfähig bleiben. Offensichtlich sind die Verbände mit der Hybridität selbst überfordert, denn sie reproduzieren intern die Sektoren Markt-Zivilgesellschaft- Staat nach, indem sie ihre Dienstleistungen in gGmbHs auslagern, den Verein als Hort der Zivilgesellschaft sehen und den Verband analog zum Staat als Steuerer. Mit dem Endergebnis, dass sie als politische Akteure nur eine schwache Rolle spielen.

    Was fehlt, ist eine gemeinsame Klammer für die unterschiedlichen Facetten von Nonprofits. Eine solche Klammer könnte meines Erachtens das Prinzip „civicness“ sein, d.h. die Ausrichtungen aller Bereiche an dem Prinzip der Bürgerschaftlichkeit bzw. der bürgerschaftlichen Kompetenz.

  6. Liebe Frau Reiser, lassen Sie uns da dran bleiben. Im Moment klappt’s gerade zeitlich nicht, aber ich greifen den Faden wieder auf!

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