Teile und habe teil!

Schon seit längerer Zeit beschäftigt mich die Frage, ob in der Diakonie die Idee des Teilens nicht stärker in den Mitelpunkt gerückt werden müsste. Ich habe noch kein richtiges Packende, aber ich versuche, meine bisherigen Überlegungen niederzuschreiben.

Seit ein paar Jahren wird Sharing zum gesellschaftlichen Trend – also die gemeinsame Nutzung von Dingen und Diensten, in dem man sie miteiander teilt. Wunderbar! Wer sich einmal vor Augen führen möchte, wie weit die Shareconomy mittlerweile reicht, sollte einen Blick auf die Grafik in diesen kurzen Artikel aus dem t3n-Magazin werfen.

Und warum könnte Sharing auch ein Thema für die Diakonie sein? In der Mitte der eben erwähnte Grafik stehen „empowered people“, also genau das, was Diakonie im Grunde erreichen will. Vielleicht könnte eine (neue?) Kultur des Miteinanderteilens ja ein Beitrag sein, eine diakonische Grundaufgabe zu verwirklichen.

Miteinander zu teilen ist schließlich auch ein Kernmotiv des christlichen Glaubens. Doch Kirche und Diakonie – einmal ganz allgemein gesprochen – scheinen wenig Berührungspunkte mit dem gegenwärtigen Trend um Sharing und kollaborativen Konsum zu haben. Und umgekehrt wird eine Kultur des Teilens auch kaum von kirchlicher/diakonischer Seite vorangetrieben. (Oder irre ich mich völlig?)

Bleiben wir im Bereich der organisierten Diakonie. Teilen ist kein Thema – weder als programmatischer Begriff noch als Teil der Lebenswirklichkeit diakonischen Alltags. Ein kurzer Blick in die meistzitierten Diakonie-Texte genügt: Die EKD-Diakoniedenkschrift Herz und Mund und Tat und Leben (1998), der Diakonie-Text Charakteristika einer diakonischer Kultur (2008) und die Standortbestimmung Perspektiven der Diakonie im gesellschaftlichen Wandel (2011) greifen das Motiv des Teilens exakt null mal auf. Das ist kein Vorwurf an diese Papiere, ich will sie einfach nur als Zeugen heranziehen, dass das Thema eben kein Thema ist. Und mir geht es ja genauso: Hier auf diakonisch.de habe ich mich in knapp 150 Blogartikeln nur ein einziges Mal mit dem Teilen beschäftigt.

Dass die Idee des Miteinanderteilens weder im diakonischen Arbeitsalltag noch in der Papier-Produktion von großer Bedeutung ist, hat sicherlich auf stark damit zu tun, dass die politische Grundausrichtung der Diakonie immer eine besondere Art des Teilens favorisiert hat: Teilen als Umverteilen. Gut zu sehen ist das zum Beispiel daran, wie das Motiv des Teilens in der EKD-Teilhabe- bzw. Armutsdenkschrift „Gerechte Teilhabe“ (2006) auftaucht, nämlich als Verweis auf das Sozialwort der Kirchen von 1997: Im Zusammenhang mit der biblischen Option für die Armen  wird an die moralische Verpflichtung der Wohlhabenden erinnert, zu teilen, also etwas vom eigenen Besitz abzugeben (Ziffer 107 im Sozialwort bzw. Ziffer 65 in der EKD-Denkschrift). Dies ist allerdings ein ganz anderes Verständnis von Teilen und hat mit Sharing im Sinne von kollaborativem Konsum nichts zu tun.

Dass die Idee des Miteinanderteilens in der Teilhabe-Denkschrift nicht vorkommt, verblüfft dann doch. Die Denkschrift stellt neben die Verteilungsgerechtigkeit – quasi dem klassischen und über Jahrzehnte auch einzig „legitimen“ Gerechtigkeitsverständnis in Kirche und Diakonie – nun ein weiteres Gerechtverständnis, nämlich das der Teilhabegerechtigkeit. Ich finde das gut und richtig. Teilhabe durch Teilen, das wäre ein schöner Gedanke gewesen. Und so könnte neben dem Teilen als solidarisches Abgeben auch das Teilen als gemeinsames Nutzen einen guten Platz finden. Das Teilen als gemeinsamer Gebrauch von Ressourcen ist ein Möglichkeit – eine, neben vielen anderen! – Teilhabe zu gestalten. Denn unter Teilhabegesichtspunkten hat das Teilen im Sinne des solidarischen Abgebens seine Schattenseiten. Immer dann, wenn es in einer von zwei häufigen, aber glücklosen Varianten daherkommt: als moralischer Apell an die, die mehr haben und als generöses Verzichten der Habenden zugunsten Bedürftiger.

Miteinanderteilen ist also eine Art Ressourcenorientierung. Dieser Begriff ist in der Diakonie natürlich nicht unbekannt, im Gegenteil. Spätestens seit der Lebensweltorientierung in der Sozialpädagogik und dem Casemanagement in der Sozialarbeit wurde der Begriff der Ressourcenorientierung zum Mainstream. Die Sache ist ja auch wirklich sehr gut, nur: Der „klassische“ Ansatz der Ressourcenorientierung besteht lediglich darin, die (neu-)entdeckten eigenen Ressourcen selbst zu nutzen – mehr nicht. Ressourcenorientierung im sozialen und therapeutischen Kontext bezeichnet den Shift vom „behandelt werden“ zum „selbst handeln können“. Und der Pfiff ist hierbei, nicht von Fremdressourcen abhängig zu werden, sondern selbst wirksam zu werden. Die Ressourcenorientierung bleibt aber in der Regel genau hier stehen. Die eigenen Ressourcen anderen zur Verfügung zu stellen und gemeinsam zu nutzen, um so selbst wieder ins Teilhabe-Rad einzusteigen, kommt oft gar nicht in den Blick. Genau hier fängt aber Teilhabe an.

Schön und gut, bis hierher. Aber vielleicht ist das auch alles zu euphemistisch. Denn Teilen kann nur der, der auch etwas zu teilen hat. Wenn die Ressourcenentdeckungsarbeit zu dem Ergebnis kommt, dass eben keine (oder unattraktive) Ressourcen vorhanden sind, dann ist es schlecht mit dem Teilen. Menschen, die wirklich nichts teilen können (und eh schon aus den üblichen Wirtschaftskreisläufen herausgefallen sind), werden auch in der Shareconomy nicht gebraucht. Und genau besehen ist das meiste, was unter Sharing firmiert, im Grunde ein Vermietungsgeschäft – es ist also gar kein Teilen im eigentlichen Sinne. Die Shareconomy übt (auf mich) eine unglaubliche Faszination aus – aber man muss auch erkennen, dass sie letztlich nichts weiter ist als Plattform-Kapitalismus.

Wenn ich von der Faszination des Teilens spreche, meine ich das Inkontaktkommen mit anderen, der gemeinsame kollaborative Gebrauch und die Ressourcenschonung – und der Chance, dass Teilen Teilhabe ermöglicht. Die Shareconomy zeigt, welche Kraft eine einfache Idee entwickeln kann. Aber sie schafft neue Probleme. [Wer sich hier vertiefen möchte, dem empfehle ich Stefan Meretz‘ Thesen zur Shareconomy]

Gerade deshalb wäre es doch eine gute Sache, wenn – wieder ganz allgemein gesprochen – in Kirche und Diakonie die Idee des Miteinanderteilens als ein christliches Essentials wiederentdeckt, gepflegt und weiterentwickelt würde.

Und nun komme ich wieder zum Anfang: Die Beobachtung, dass der Aspekt des Miteinanderteilens in der Diakonie gar nicht vorkommt, stimmt nicht ganz. Zwei programmatische Diakonie-Reflexionen heben ihn sogar deutlich hervor – allerdings sind es zwei Papiere (witziger Weise heißen beide „Bratislava-Erklärung“), die hierzulande de facto bedeutungslos sind. In der Bratislava-Erklärung der Konferenz Europäischer Kirchen wird mehrfach auf den diakonischen Wert des Miteinanderteilens hingewiesen. Und die  Bratislava Declaration on Diaconia and Social Exclusion in the Central and Eastern European Region (siehe auch hier im Blog) sieht in der Entwicklung einer Kultur des Teilens sogar eine von fünf zentralen Aufgaben der Diakonie:

“Diaconia works to: […] create a culture based on sharing, respect for diversity and participation […].“

tl;dr
Der gegenwärtige Sharing-Trend ist ambivalent, aber durchaus inspirierend, den christlichen Wert des Miteinanderteilens wieder zu entdecken und stärker in den Blick zu rücken. Denn Miteinanderteilen bedeutet nicht nur Ressourcenschonung oder Mangelausgleich, sondern bietet durch die gemeinschaftliche Kollaboration gerade auch Teilhabe-Möglichkeiten.

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5 Kommentare zu “Teile und habe teil!”

  1. Mit dem ehrenamtliches Engagement in Kirche und Diakonie passiert viel „teilen“, wir verwenden nur nicht diesen Begriff für diese „Teilhabe“.

  2. Stimmt! Guter Gedanke.

    Wichtig ist mir, dass das Teilen grundsätzlich noch mehr in den Blick gerückt wird. Und das heißt dann auch, dass es eben auch um das Teilen derjenigen geht, die gängiger Weise als die Empfänger von geteilten Gaben gesehen werden. Aufs Ehrenamt bezogen: Das Engagement derjenigen, die oft als „Diakonie-Objekte“ gelten, werden zu Diakonie-Subjekten, indem sie sich selbst ehrenamtlich engagieren. Sie Teilen damit etwas von sich und haben teil.

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