Weiter auf der Wolke

Mir geht die Sache mit der Diakonie-Kampagne immer noch nach. Und ich überlege, was es genau ist, das mich so beschäftigt.

Die Kommentare des Diakonie-Campaigners im ersten Blogbeitrag und der Text vom Diakonie-Präsidenten auf dessen Blog lassen bei mir sehr viele Fragen offen. Aber ich will jetzt kein Rechthabenwollen-Pingpong in den Kommentaren hier oder dort spielen. Das bringt nix. Deshalb dieser zweite Artikel, bei dem es mir ausschließlich ums Grundsätzliche geht.

Eine Vorbemerkung: Ich bin kein Campaigner, kein Fundraiser, kein Öffentlichkeitsarbeiter. Ich bin diesbezüglich nicht vom Fach. Aber seitdem ich als kleiner Junge Werbung guckte, liebe ich sie. Und später im Kino war ich nicht nur ein Abspannsitzenbleiber, sondern auch ein Werbungsvorspanngenießer. Will sagen: Rezeptionsästhetisch bin ich sehr wohl vom Fach.

Man kann (eigentlich) nicht nicht politisch sein.

Erschrocken bin ich über den Ansatz, dass der Diakonie Bundesverband seit Jahren völlig unpolitische Jahreskampagnen fährt. Denn eigentlich kann man nicht nicht politisch sein – jedenfalls nicht als großer Sozialverband. Unpolitisch zu sein ist somit – ungewollt – auch eine politische Aussage.

Gerade das Care-Thema ist ein hochpolitisches: Die Neudefinition des Pflegebegriffs. Die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme und die damit verbundenen Fragen der Generationengerechtigkeit und der Geschlechtergerechtigkeit. Die Entlohnung des Pflegepersonals. Die gesellschaftliche Anerkennung von Pflegearbeit. Die völlig ungeklärte Frage, was mit den steigenden Zahlen an demenzerkrankter Menschen auf uns alle zukommen wird.

Es gibt wohl kaum ein Thema, das politisch so (auf)geladen ist wie die Pflege. Das heißt nicht, dass immer jede Aussage zu dem Thema ein politisches Statement sein muss. Nein, muss es nicht. Aber wenn eine Jahres(!)kampagne(!) eines der größten (!) Sozial(!)verbände des Landes eine Botschaft hat, die ungefähr in die Richtig geht wie „Natürlich ist es hart, aber das wird durch ein Lächeln entloht“, dann ist das eben nicht nicht politisch. Denn es ist nicht die Aussage der Mitarbeiterin XY (die selbstverständlich diese Meinung vertreten kann!), sondern es ist die Aussage der Diakonie-Kampagne.

Das Thema der Diakonie ist sie selbst

Was zum Kuckuck ist die Botschaft der Kampagne? Dass eine Hebamme den Job macht, wie eine Hebamme ihren Job macht? Dass ein Erzieher in einer Kita so arbeitet, wie man sich die Arbeit eines Erziehers in der Kita vorstellt? Dass man einen Einblick bekommt, wie eine Werkstatt für behinderte Menschen aussieht, egal welchen Trägers?

Ich erkenne folgende Botschaft: Die Diakonie hat verschiedene Arbeitsfelder, dort arbeiten Diakonie-Mitarbeitende und die machen einen tollen Job. Ja, das stimmt alles drei. Und?

Was ist das Thema der Diakonie-Kampagne? Die Diakonie selbst.

Thema sind nicht die Klienten, Nutzer oder Patienten. Sie sind Staffage (und stören zum Glück auch nicht großartig). Thema ist auch nicht ein gängiges Hilfeverständnis (Ermöglichung von Teilhabe, Kampf für eine inklusive Gesellschaft etc.). Und Thema ist schon gar nicht, strukturell oder gesellschaftspolitisch etwas voranzubringen.

Stattdessen sollen die Mitarbeitenden gewürdigt und in den Mittelpunkt gerückt werden. Ich bin der Letzte, der das nicht will! Aber dafür wäre wohl ein Rudigramm passender. Und in einer Image-Kampagne wünsche ich mir Aussagen, die nicht ausschließlich auf die Helfer fokussieren (jedenfalls nicht jahrelang!), sondern auf den Sinn, warum es diesen Verband gibt.

Die Sache mit der AuthentizitätTM

Authentizität ergibt sich für mich nicht automatisch dadurch, dass „echte Mitarbeiter“ in der Kampagne vorkommen. Sondern einzig und allein, ob die Botschaft authentisch ist. Der in dem Kampagnenvideo vorgeführte Pflegealltag ist beispielsweise völlig unauthentisch – auch wenn es von einer „echten“ Mitarbeiterin, in einer „echten“ Einrichtung mit „echten“ Klienten „in echt“ so gemacht wurde.

Eines ist wichtig: Mir geht es überhaupt nicht um die in den Kampagnenvideos gezeigten Mitarbeiter. Deren Arbeit kann und will ich nicht beurteilen. Ich habe schließlich nur ein Werbefilmchen gesehen, nicht deren Arbeit. Aber die Botschaft dieses Videos kann ich sehr wohl beurteilen. Ich kritisiere an dem Pflege-Video, wie die diakonische Arbeit dargestellt wird, welche Art von Fachlichkeit durch die Gesamtkomposition des Videos vermittelt wird. Ich sage nicht, dass die Pflege-Mitarbeiterin kitschige Arbeit macht. Ich sage aber sehr wohl, dass die Diakonie mit dem Video ganz großen Kitsch abliefert. Das hat mit den Mitarbeitern nur bedingt etwas zu tun. Doch sie hängen jetzt mit drin, mit Klarnamen.

Und wenn zum Beispiel der Mitarbeiter aus dem Spot von der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen zum Schluss des Videos zwischen behinderten und normalen Menschen unterscheidet (wenn auch „in Anführungszeichen“), dann wäre es falsch, diesen Mitarbeiter darauf festzulegen. Niemand redet druckreif. Es ist einzig und allein die Verantwortung der Diakonie, dass dies so über den Äther geht. Es ist ihre Absicht, dies so darzustellen und solche Aussagen zu prägen.

Was sie über die „Authentizität“ hinaus damit beabsichtigt, weiß ich nicht. Aber ich sagte ja bereits, dass sich mir der Sinn der Kampagne nicht erschließt.

Imagekampagnen eines Wohlfahrtsverbands: Was soll das?

Mein größtes Unverständnis bei den Diakonie-Kampagnen ist, wie man die Chancen, die eine Jahreskampagne bietet, damit verspielt, sie als Imagekampagne aufzuziehen. Und das seit Jahren! Wie bereits angedeutet, gefällt mir sehr gut, dass die Caritas Jahr für Jahr thematische Kampagnen fährt (und immer drei davon haben sogar noch ein Meta-Thema, hach!).

Dass einzelne diakonische Einrichtungen Werbefilme drehen und Imagekampagnen machen, ist nachvollziehbar. Genau dort gehört das auch hin. Sie bieten soziale Dienstleistungen an und können sich überlegen, ob sie Werbung machen wollen oder nicht. Jede einzelne Einrichtung kann sich überlegen, welches Image sie beförden möchte, ob sie sich eher altbacken oder progressiv geben möchte, was sie nach vorne und was sie nach hinten rücken möchte. Das kann niemand anderes als sie selbst. Sie sind sogar frei in der Entscheidung, ob sie gute oder schlechte Werbung machen wollen.

Der Bundesverband hat aber eine ganz andere Aufgabe, er ist ja gerade nicht Anbieter von sozialen Dienstleistungen. Er ist gesellschaftlicher und politischer Akteur – im Gegensatz zu den einzelnen Einrichtungen, die – mehr oder weniger – Marktakteure sind. Vielleicht bin ich jung und naiv, aber ich sehe die Existenzberechtigung des Diakonie-Bundesverbandes darin begründet, dass er Themen setzt, politisch interveniert, Druck macht, zivilgesellschaftlich mobilisiert und aktiviert, brennende Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nach vorne treibt. Das sind alles Aufgaben, die wunderbar mit tollen Kampagnen begleitet werden könnten. Aber vielleicht bin ich ja wirklich naiv. Vielleicht ist es ja eine Satzungsaufgabe, Werbung für verschiedene Arbeitsfelder von Mitgliedsorganisationen zu machen.

Nun macht die Diakonie Deutschland anscheinend nicht nur Image-Jahreskampagnen, sondern auch thematische Kampagnen. Ich habe extra nicht gegooglet, sondern ein paar Tage nachgedacht: Ich kann mich an keine einzige erinnern. Sie scheinen nicht sehr auffällig gewesen zu sein. Und das liegt nicht an meinem Gedächtnis. Ich weiß ja sogar noch, wer Ulricke Jokiel ist. Und so etwas bräuchte ich mir wirklich nicht zu merken.

Okay, die Diakonie spielt nicht in derselben Liga wie beispielsweise ein Zentrum für politische Schönheit, das ist mir schon klar. Andererseits: Warum eigentlich nicht?

tl;dr
ach

UPDATE 2015-01-31 Holger Pyka hat sich auf meinen Beitrag „Alles Wölkchen“ bezogen und ist der Frage nach kirchlichen Image-Kampagnen nachgegangen. Sehr lesenswert! Ich verlinke ihn in diesem Beitrag von mir, weil ich hier (wie Holger dort) etwas ausführlicher über Kampagnen-Arbeit nachdenke.

Alles wölkchen

Mannomannomann, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.

Vielleicht hier: Warum rege ich mich eigentlich auf? Ich glaube, weil mir die Diakonie irgendwie am Herzen liegt und ich schon eine gewisse Identifikation mit diakonischer Arbeit habe. Mit dem, was das Ganze soll.

Worum es geht? Um die neue Image-Kampagne der Diakonie.

Mit ihren Kampagnen hat die Diakonie selten ein glückliches Händchen bewiesen. Aber jetzt übertrifft sie sich noch einmal selbst. Drei Videos der Kampagne sind online. Sie stellen den Arbeitsalltag in einer Kita, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und einem Nagelstudio Pflegezentrum dar.

Hier einmal das Video zum Pflegezentrum:

Das Bild, was ich von Pflege habe, unterscheidet sich fundamental von dem Kitsch, der in dem Imagefilm serviert wird. Ich habe gerlernt: Die Hauptaufgabe einer Pflegefachkraft ist Fotos anschauen und Nägel lackieren. Vor allem Nägel lackieren! Das ist so wesentlich, dass in dem Dreiminüter acht Sequenzen damit gefüllt werden: 0:01; 0:19; 0:30; 0:39; 1:03; 1:59; 2:21; 2:40.

An dieser Stelle muss die Diakonie doch auch ihre Mitarbeitenden schützen. Es ist zwar schön, dass die Protagonistin viel lacht, aber das, was fachlich rüberkommt, ist an Naivität kaum zu überbieten. Die junge Frau wird völlig vorgeführt.

Die anderen beiden Spots sind ganz okay. Okay im Sinne von nicht peinlich. Aber reicht okaysein für Kampagnenarbeit?

Ich frage mich, warum seit Jahren immer das gleiche Kampagnenschema gefahren wird: Die Diakonie hat verschiedene Arbeitsfelder und die Leute da sind nett. Das ist die Botschaft.

Warum gibt es keine thematischen Kampagnen (wie bei der Caritas)? Warum gibt es keine Fokussierung auf aktuelle gesellschaftliche Probleme (wie bei der Caritas)? Und warum gibt es einfach keine guten Kampagnen (wie bei der Caritas)?

Eine Antwort habe ich auf diese Fragen: Die Diakonie nennt das Ganze richtiger Weise ja eine Imagekampagne der Diakonie. Es soll also gar nicht um Agenda Setting, Themenmanegement, politische Positionierung, inhaltliche Substanz und gesellschaftlichen Diskurs gehen. Es soll einfach das Image der Diakonie aufgehübscht werden.

So kann man natürlich auch den gesellschaftlichen und kirchlichen Auftrag verstehen, den man hat.

Ich geh dann mal zur Diakonie rüber und lass mir die Nägel machen.

tl;dr
Alles wölkchen in der Diakonie.

P.S.: Hintergrund zu den Caritas-Kampagnen gibt es hier.

UPDATE 2015-01-28: Ich habe noch ausführlicher zur Kampagne gebloogt.

Musikalische Gemeinwesenarbeit

Im forum erwachsenenbildung (Ausgabe 4/2014) bin ich auf einen anregenden Artikel von Julia Koll gestoßen über die „Perspektiven kirchenmusikalischer Erwachsenenbildung“. Was das mit dem Thema dieses Blogs zu tun hat? Einiges. Aber ich muss einen absatzlang ausholen.

Gegenwärtig scheint es in der Kirchenmusik einen gewissen Turn zu geben, „Musik nicht nur als musikalischen Text zu verstehen, sondern vor allem als Musizieren“ (S. 29). Und das gemeinsame Musizieren lässt sich natürlich auch als Bildungsgeschehen verstehen – in kultureller, kognitiver, emotionaler, körperlicher, kommunaler, sozialer, religiöser und kirchlicher Hinsicht. Eine Gefahr kirchenmusikalischer Praxis besteht allerdings darin, Bildungsschranken eher zu verstärken als abzubauen. Denn auch wenn es anders gewollt ist – de facto begünstigen kirchliche Angebote oft Exklusionsmechanismen. Und so stellt Julia Koll am Ende ihre Artikels eine interessante Frage:

Noch viel stärker als bisher könnten allerdings auch produktive Verbindungspunkte zwischen Erwachsenenbildung und musikalischer Gemeinwesenarbeit geschaffen werden – von beiden Seiten aus. Wer spricht gegenwärtig schon von kirchenmusikalischen Potenzialen für die kirchliche Weiterbildungs-, Sozial- und Diakoniearbeit? Bekäme der Bildungsauftrag der Kirchen dadurch nicht einen ganz neuen Klang, einen lebendigeren und gerechteren? (S. 33)

Welches Potenzial hat die Kirchenmusik das Kirchenmusikmachen für die Diakonie? Und wie könnte eine Verbindung von Musikmachen und Gemeinwesenarbeit aussehen? Je nach Blickwinkel kommen mir sehr unterschiedliche Projekte in den Sinn. Diese sind noch keine Antworten auf die genannten Fragen, ab vielleicht sind es erste Anregungen…

Beginne ich meine Suche bei den Kirchengemeinden, fällt mir auf, dass es Gemeinden mit musikalischem Schwerpunkt gibt, die fast schon richtige Musikschulen betreiben. Gute Sache. Ihren Bezug zum Gemeinwesen könnte sie durch eine Entwicklung zum „Jeki-Ritter“ noch deutlich stärken.

Hier können Kirchengemeinde in guter Art und Weise ihren Bildungsauftrag, gemeinwesenorientiertes Engagement, kulturelle Teilhabeförderung und die Pflege der eigenen Tradition miteinander verbinden. Und vielleicht entstehen ja auch genau in dieser Hinsicht durch die Initiative Vision Kirchenmusik der Hannoverschen Landeskirche gute Projekte.

Ganz andere Ideen kommen mir in den Sinn, wenn ich nicht von der Kirchengemeinde her denke, sondern vom Gemeinwesen selbst, vom Quartier, Stadtteil, Veedel oder Kiez. Dann geht es natürlich nicht ums Kirchenmusik-Musizieren. Sondern ums Community Singing beispielsweise. Ob das in Deutschland tatsächlich ein (kommender?) Trend ist, kann ich nicht sagen. Aber es passt durch seinen zielgruppenübergreifenden Ansatz wunderbar zur Gemweinwesenorientierung. Schöne Beispiele hier in Köln sind die Initiative Loss mer singe oder das Kneipensingen wie der Singende Holunder.

Ob das schon musikalische Gemeinwesenarbeit ist? Zumindest lohnt es sich bestimmt, in diesen Richtungen zu suchen und weiterzudenken.

Der Sozialstaat, die Sozialarbeit und der ganze Rest

Wolfgang Hinte, der alte Haudegen der Sozialraumorientierung, fasst in knapp 30 Minuten seine Idee von Sozialarbeit zusammen. Was er in diesem Video sagt, ist eben nicht nur die Quintessenz des Sozialraumansatzes, sondern auch eine Art Crashkurs in guter Sozialarbeit: Er inspiriert zu einer genuin sozialarbeiterischen Praxis, nicht zu einer (pseudo-)therapeutischen oder pädagogischen („Die Geschichte der Pädagogik ist eine Geschichte der Niederlagen“). Wäre das Video ein Text, hätte ich wohl jeden einzelnen Satz markiert.

Hier nun die Neujahrsansprache zum real existierenden Sozialstaat, guter Sozialarbeit, und dem ganzen Rest, pardon: der Sozialraumorientierung.

Teile und habe teil!

Schon seit längerer Zeit beschäftigt mich die Frage, ob in der Diakonie die Idee des Teilens nicht stärker in den Mitelpunkt gerückt werden müsste. Ich habe noch kein richtiges Packende, aber ich versuche, meine bisherigen Überlegungen niederzuschreiben.

Seit ein paar Jahren wird Sharing zum gesellschaftlichen Trend – also die gemeinsame Nutzung von Dingen und Diensten, in dem man sie miteiander teilt. Wunderbar! Wer sich einmal vor Augen führen möchte, wie weit die Shareconomy mittlerweile reicht, sollte einen Blick auf die Grafik in diesen kurzen Artikel aus dem t3n-Magazin werfen.

Und warum könnte Sharing auch ein Thema für die Diakonie sein? In der Mitte der eben erwähnte Grafik stehen „empowered people“, also genau das, was Diakonie im Grunde erreichen will. Vielleicht könnte eine (neue?) Kultur des Miteinanderteilens ja ein Beitrag sein, eine diakonische Grundaufgabe zu verwirklichen.

Miteinander zu teilen ist schließlich auch ein Kernmotiv des christlichen Glaubens. Doch Kirche und Diakonie – einmal ganz allgemein gesprochen – scheinen wenig Berührungspunkte mit dem gegenwärtigen Trend um Sharing und kollaborativen Konsum zu haben. Und umgekehrt wird eine Kultur des Teilens auch kaum von kirchlicher/diakonischer Seite vorangetrieben. (Oder irre ich mich völlig?)

Bleiben wir im Bereich der organisierten Diakonie. Teilen ist kein Thema – weder als programmatischer Begriff noch als Teil der Lebenswirklichkeit diakonischen Alltags. Ein kurzer Blick in die meistzitierten Diakonie-Texte genügt: Die EKD-Diakoniedenkschrift Herz und Mund und Tat und Leben (1998), der Diakonie-Text Charakteristika einer diakonischer Kultur (2008) und die Standortbestimmung Perspektiven der Diakonie im gesellschaftlichen Wandel (2011) greifen das Motiv des Teilens exakt null mal auf. Das ist kein Vorwurf an diese Papiere, ich will sie einfach nur als Zeugen heranziehen, dass das Thema eben kein Thema ist. Und mir geht es ja genauso: Hier auf diakonisch.de habe ich mich in knapp 150 Blogartikeln nur ein einziges Mal mit dem Teilen beschäftigt.

Dass die Idee des Miteinanderteilens weder im diakonischen Arbeitsalltag noch in der Papier-Produktion von großer Bedeutung ist, hat sicherlich auf stark damit zu tun, dass die politische Grundausrichtung der Diakonie immer eine besondere Art des Teilens favorisiert hat: Teilen als Umverteilen. Gut zu sehen ist das zum Beispiel daran, wie das Motiv des Teilens in der EKD-Teilhabe- bzw. Armutsdenkschrift „Gerechte Teilhabe“ (2006) auftaucht, nämlich als Verweis auf das Sozialwort der Kirchen von 1997: Im Zusammenhang mit der biblischen Option für die Armen  wird an die moralische Verpflichtung der Wohlhabenden erinnert, zu teilen, also etwas vom eigenen Besitz abzugeben (Ziffer 107 im Sozialwort bzw. Ziffer 65 in der EKD-Denkschrift). Dies ist allerdings ein ganz anderes Verständnis von Teilen und hat mit Sharing im Sinne von kollaborativem Konsum nichts zu tun.

Dass die Idee des Miteinanderteilens in der Teilhabe-Denkschrift nicht vorkommt, verblüfft dann doch. Die Denkschrift stellt neben die Verteilungsgerechtigkeit – quasi dem klassischen und über Jahrzehnte auch einzig „legitimen“ Gerechtigkeitsverständnis in Kirche und Diakonie – nun ein weiteres Gerechtverständnis, nämlich das der Teilhabegerechtigkeit. Ich finde das gut und richtig. Teilhabe durch Teilen, das wäre ein schöner Gedanke gewesen. Und so könnte neben dem Teilen als solidarisches Abgeben auch das Teilen als gemeinsames Nutzen einen guten Platz finden. Das Teilen als gemeinsamer Gebrauch von Ressourcen ist ein Möglichkeit – eine, neben vielen anderen! – Teilhabe zu gestalten. Denn unter Teilhabegesichtspunkten hat das Teilen im Sinne des solidarischen Abgebens seine Schattenseiten. Immer dann, wenn es in einer von zwei häufigen, aber glücklosen Varianten daherkommt: als moralischer Apell an die, die mehr haben und als generöses Verzichten der Habenden zugunsten Bedürftiger.

Miteinanderteilen ist also eine Art Ressourcenorientierung. Dieser Begriff ist in der Diakonie natürlich nicht unbekannt, im Gegenteil. Spätestens seit der Lebensweltorientierung in der Sozialpädagogik und dem Casemanagement in der Sozialarbeit wurde der Begriff der Ressourcenorientierung zum Mainstream. Die Sache ist ja auch wirklich sehr gut, nur: Der „klassische“ Ansatz der Ressourcenorientierung besteht lediglich darin, die (neu-)entdeckten eigenen Ressourcen selbst zu nutzen – mehr nicht. Ressourcenorientierung im sozialen und therapeutischen Kontext bezeichnet den Shift vom „behandelt werden“ zum „selbst handeln können“. Und der Pfiff ist hierbei, nicht von Fremdressourcen abhängig zu werden, sondern selbst wirksam zu werden. Die Ressourcenorientierung bleibt aber in der Regel genau hier stehen. Die eigenen Ressourcen anderen zur Verfügung zu stellen und gemeinsam zu nutzen, um so selbst wieder ins Teilhabe-Rad einzusteigen, kommt oft gar nicht in den Blick. Genau hier fängt aber Teilhabe an.

Schön und gut, bis hierher. Aber vielleicht ist das auch alles zu euphemistisch. Denn Teilen kann nur der, der auch etwas zu teilen hat. Wenn die Ressourcenentdeckungsarbeit zu dem Ergebnis kommt, dass eben keine (oder unattraktive) Ressourcen vorhanden sind, dann ist es schlecht mit dem Teilen. Menschen, die wirklich nichts teilen können (und eh schon aus den üblichen Wirtschaftskreisläufen herausgefallen sind), werden auch in der Shareconomy nicht gebraucht. Und genau besehen ist das meiste, was unter Sharing firmiert, im Grunde ein Vermietungsgeschäft – es ist also gar kein Teilen im eigentlichen Sinne. Die Shareconomy übt (auf mich) eine unglaubliche Faszination aus – aber man muss auch erkennen, dass sie letztlich nichts weiter ist als Plattform-Kapitalismus.

Wenn ich von der Faszination des Teilens spreche, meine ich das Inkontaktkommen mit anderen, der gemeinsame kollaborative Gebrauch und die Ressourcenschonung – und der Chance, dass Teilen Teilhabe ermöglicht. Die Shareconomy zeigt, welche Kraft eine einfache Idee entwickeln kann. Aber sie schafft neue Probleme. [Wer sich hier vertiefen möchte, dem empfehle ich Stefan Meretz‘ Thesen zur Shareconomy]

Gerade deshalb wäre es doch eine gute Sache, wenn – wieder ganz allgemein gesprochen – in Kirche und Diakonie die Idee des Miteinanderteilens als ein christliches Essentials wiederentdeckt, gepflegt und weiterentwickelt würde.

Und nun komme ich wieder zum Anfang: Die Beobachtung, dass der Aspekt des Miteinanderteilens in der Diakonie gar nicht vorkommt, stimmt nicht ganz. Zwei programmatische Diakonie-Reflexionen heben ihn sogar deutlich hervor – allerdings sind es zwei Papiere (witziger Weise heißen beide „Bratislava-Erklärung“), die hierzulande de facto bedeutungslos sind. In der Bratislava-Erklärung der Konferenz Europäischer Kirchen wird mehrfach auf den diakonischen Wert des Miteinanderteilens hingewiesen. Und die  Bratislava Declaration on Diaconia and Social Exclusion in the Central and Eastern European Region (siehe auch hier im Blog) sieht in der Entwicklung einer Kultur des Teilens sogar eine von fünf zentralen Aufgaben der Diakonie:

“Diaconia works to: […] create a culture based on sharing, respect for diversity and participation […].“

tl;dr
Der gegenwärtige Sharing-Trend ist ambivalent, aber durchaus inspirierend, den christlichen Wert des Miteinanderteilens wieder zu entdecken und stärker in den Blick zu rücken. Denn Miteinanderteilen bedeutet nicht nur Ressourcenschonung oder Mangelausgleich, sondern bietet durch die gemeinschaftliche Kollaboration gerade auch Teilhabe-Möglichkeiten.

Herzlich Willkommen, Kollege!

Es ist natürlich (sehr) vermessen, einen Präsidenten als Kollegen zu bezeichnen. Aber da der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie in der letzten Woche das Bloggen begonnen hat, konnte ich mir das als dienstältester Diakonie-Blogger nicht verkneifen.

Also: Ulrich Lilie bloggt. Und so heißt auch das Diakonie-Präsidenten-Blog.

Zwei Vorteile hat solch ein Blog-Auftritt: Natürlich steht dem Präseidenten das ganze Potpourri der Diakonie-Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung, aber der Präsident kann so unmittelbarer und persönlicher kommunizieren. Darüber hinaus gibt es über die Kommentarfunktion einen direkten Rückkanal zum Präsidenten, und zwar grundsätzlich für jedermann/frau. Beides ist begrüßenswert, und so kann man den Präsidenten und die Diakonieöffentlichkeitsarbeitsleute nur beglückwunschen und ihnen aus vollem Herzen viel Erfolg wünschen. Solch eine Art von Kommunikation – direkter, persönlicher, responsiver – brauchen wir!

Inwiefern das gelingt – wir werden es sehen.

Herzlich Willkommen!

tl;dr
Der Diakonie-Präsident hat das Bloggen begonnen. Gute Sache.

„Jetzt also auch noch Inklusion?“

Für einen Vortrag auf der Inklusionstagung der Evangelischen Akademie Baden habe ich mich noch einmal mit der Frage kirchengemeindlicher Inklusionspraxis beschäftigt. Ich habe das als Diakoniker mit einem möglichst undiakonischen Blick gemacht. Das mag vielleicht merkwürdig formuliert sein, aber wer diesen Blogbeitrag von mir kennt, wird wissen, was ich meine. Ich habe zudem eine weites Inklusionsverständnis, ich verenge es nicht auf die Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

Ein Thema wie „Inklusion“, mit dem sich eine Gemeinde beschäftigt, wird schnell zu einem zusätzlichen Thema für die Gemeinde: „Jetzt also auch noch Inklusion!“ Dabei geht es erst einmal darum, zu fragen: Grenzen wir mit unserer Gemeindepraxis Menschen aus – offen oder verdeckt? Erschweren wir Teilhabemöglichkeiten – bewusst oder unbewusst?

Ein Grundproblem von Inklusionsprozessen ist mir noch einmal deutlich geworden: Wenn ich an der einen Stelle Inklusion fördern will, werde ich mich zwangsläufig für Exklusionen an anderer Stelle entscheiden müssen. Oder besser auf den Punkt: Teilhabeförderung ist immer auch Teilhabebehinderung. Das, was Teilhabe für die einen erleichtert, kann für andere die Teilhabe erschweren.

Aber ich will mich nicht in Paradoxien ergehen. Im Gegenteil, ich möchte, dass die Idee einer inklusiven Gemeinde möglichst leichtfüßig und ausstrahlend daherkommt. Daher lauten meine zwei wichtigsten Leitfragen: Wie kann Inklusion möglichst pragmatisch gelingen? Was kann eine Kirchengemeinde dabei auch wirklich leisten?

Den Vortrag kann man hier nachlesen (PDF). Hier eine Kurzversion meiner sieben Impulse:

Kirchliche Inklusionspraxis ist keine Frage der Diakonik, sondern der Kybernetik

Das ist der zentrale Grundsatz für mich. Inklusion ist nicht ein Projekt einer diakonischen Gemeinde, Inklusion ist auch nicht das Hoheitsgebiet der Diakonin oder des Diakonie-Presbyters. Inklusion ist ein Leitmotiv für die Gemeindepraxis an sich – und damit ist es ein Thema der Gemeindeentwicklung und des Gemeindeaufbaus.

Nichts Zusätzliches machen, sondern Bestehendes anders machen

Auf gar keinen Fall ein zusätzliches Angebot machen! Denn de facto ist das meist ein Spezialangebot für eine bestimmte Betroffenengruppe – also exakt das Gegenteil von Inklusion. Einfaches Beispiel: Bitte kein Demenz-Café in der Gemeinde machen – sondern das Gemeinde-Café so machen, dass auch Menschen mit Demenz ohne große Schwierigkeiten daran teilnehmen können!

Inklusionspraxis braucht ein „gemeinsames Drittes“

Im Mittelpunkt der Bemühungen muss etwas Identitätsstiftendes stehen, das die Inklusionsbarrieren überbrückt. Das können gemeinsame Aufgaben, Interessen, Bedürfnissen oder Rollen sein. Nur wenn diese auch tatsächlich (und nicht bloß rhetorisch!) Identität stiften, ist Inklusion möglich. „Begegnung“ alleine reicht nicht.

Inklusionspraxis gelingt leichter, wenn sie einen attraktiven Zusatznutzen (für alle) bietet

Der Klassiker ist hier natürlich die Rampe, die nicht nur dem Rollifahrer sondern auch dem Kinderwagenschieber nützt. Das ist eine gute Denkrichtung für die gesamte Gemeindepraxis: „Wie kann die Beseitigung eines Teilhabehindernisses nicht nur für den unmittelbar Betroffenen, sondern für alle einen Nutzen haben?“ Dann kann Inklusion auch zu einem Selbstläufer werden.

Nicht bei der Haltung beginnen, sondern bei der Praxis

In erster Linie ist Inklusion eine Frage der Praxis. Das was zählt, ist, ob es gelingt, nicht, ob es gut gemeint ist. Zudem ändert Praxis die Haltung, und nicht (wie oft angenommen) umgekehrt. Indem ich eine Praxis ändere und sie einübe ändert sich nach und nach meine Haltung dazu.

Der Versuchung einer unnötigen moralischen Aufladung wiederstehen

Gute Ideen sollten nicht mit moralischen Appellen gefördert werden, denn das löst meist (und in derRegel unterschwellig) Widerstand aus. Weg mit der Moral, weg mit der Betroffenheitsheischerei. Her mit den guten Ideen, die aus sich selbst heraus lebensfähig sind.

Gute Gemeinde-Bilder suchen

Kümmere dich nicht zu sehr um die Idee von Inklusion, sondern vor allem um die Idee von Gemeinde: Was ist, kann und will Gemeinde? Der Ansatz für eine inklusive Gemeinde liegt für mich darin, ob die Gemeinde ein schönes, angemessenes und überzeugendes Bild von christlicher Gemeinschaft hat. Das kann ganz schlicht sein. Aber es muss gut sein.

tl;dr
Inklusion in der Kirchengemeinde ist weder ein zusätzliches Thema noch ein diakonisches Projekt, sondern eine Grundaufgabe der Gemeindeentwicklung.

Noch zwei Hinweise: In der badischen Landeskirche läuft das Projekt „Teilhabe und Inklusion“, das die Inklusion innerhalb der eigenen kirchlichen Strukturen voranbringen will. Die rheinische Landeskirche hat die viel beachtete Orientierungshilfe „Da kann ja jeder kommmen“ veröffentlicht.

 

 

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