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Fureai Kippu

Ein kompliziert klingendes Wort für eine einfache Sache: Fureai Kippu ist ein japanisches Unterstützungssystem auf Tauschbasis. Menschen, die andere Menschen pflegen oder betreuen, bekommen eine Gutschrift über den Umfang dieser Betreuungsleistung, die sie dann später wieder in eine Betreuungsleistung zurücktauschen können. Die Idee hierzu hatte Anfang der 1990er Jahre Tsutomu Hotta, ein ehemaliger Minister und Staatsanwalt, vor dem Hintergrund der immer älter werdenden japanischen Gesellschaft.

„Das bestechend Einfache daran: Eine Stunde ist eine Stunde ist eine Stunde – ein völlig inflationssicheres Geld also. Interessant ist, dass die Japaner sich mittlerweile lieber für einen der freiwilligen „Stundenkräfte“ als für professionelle Dienstleister entscheiden, weil Erstere eine größere Motivation mitbringen.“ (Margrit Kennedy in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung)

Die Idee des Fureai Kippu kann man unter drei verschiedenen Perspektiven diskutieren: Als Beispiel für eine Komplementärwährung, als Beispiel für die Monetarisierung im Ehrenamt und als Beispiel für einen innovativen Ansatz bei der Erbringung sozialer Dienstleistungen:

  • Die Idee von Komplementärwährungen übt immer wieder eine Faszination aus. Im Unterschied zu den zahlreichen Regionalwährungen ist der Fureai Kippu hingegen eine Sektoralwährung.
  • Im Zusammenhang mit der steigenden Bedeutung von bürgerschaftlichem/ freiwilligem/ehrenamtlichem Engagement wird zunehmend – und äußerst kontrovers – diskutiert, ob solch ein Engagement finanziell vergolten werden sollte. Das Zentrum für Zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze) hat eine Studie zu den Monetarisierungstendenzen vorgelegt, in der fünf Monetarisierungsformen unterschieden werden, eben auch Zeitkonten (hier gibt es auf S. 7 eine hilfreiche Überblicksgrafik).
  • In den Debatten zur Zukunfts- und Leistungsfähigkeit des Sozialstaats wird immer wieder nach hoffnugsvollen „sozialen Innovationen“ gesucht. Gemeint sind weniger neue Geschäftsfelder als viel mehr innovative Ansätze, das Soziale neu zu denken. Hoffnungen werden auf die Zivilgesellschaft gesetzt – mal sind sie überzogen, mal ideologisch überfrachtet. Aber grundsätzlich liegt hier ein großes Potenzial.

Hier nun die Details zum Fureai Kippu-System, die im Netz verfügbar sind (und nicht auf japanisch):

  • Die Fureai Kippu-Gutschriften werden angespart und können zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingelöst werden. Die Gutschriften können aber auch verschenkt bzw. auf andere übertragen werden. Dies ist vor allem interessant, wenn Menschen entfernt lebenden Angehörigen diese Leistungen zugute kommen lassen wollen.
  • Träger dieses Systems sind mittlerweile knapp 400 NPOs, die sich dem System anschließen, es steht also keine Zentralorganisation im Mittelpunkt. Wohl aber gibt es zwei Rechnungstellen, die wie Banken funktionieren.
  • Währungseinheit ist eine Stunde Service. „There are different rates applied to different services (e.g. one hour of shopping or reading is credited with one Fureai Kippu, but help in body care is valued at two Fureai Kippu for each hour of service)“ (Lietaer/Hallsmith: Community Currency Guide, S. 3). Anscheinend können Gutschriften aber auch  zu einem bestimmten Kurs käuflich erworben werden.
  • Beim Fureai Kippu scheint es weniger darum zu gehen, staatliche oder professionelle Systeme zu ersetzen, sondern die Menschen stärker zu motivieren, einander zu helfen. Dafür spricht auch schon der Begriff selbst: „Fureai“ bedeutet wohl in etwa „gegenseitiger Kontakt“, Kontakt im Sinne von „Berührung“. („Kippu“ heißt übrigens Gutschrift.)
  • In der englischsprachigen Wikipedia finde ich noch die Information interessant, dass das Fureai Kippu-System auch in China eingeführt wird/werden soll (allerdings mit dem Hinweis, dass diese Aussage nicht belegt ist). Aus dem polnischen Wikipedia-Eintrag geht leider nicht hervor, ob es ein spezielles Interesse in Polen am Fureai Kippu gibt (Danke, Katrin).

Auf die Idee des Fureai Kippu-Systems hat mich Stefan Wiesbrock aufmerksam gemacht durch einen Beitrag im Forum der Fachhochschule der Diakonie (FHdD). Entdeckt hat er sie in einer 3sat-Reportage. Die Informationen habe ich neben den drei Wikipedia-Einträgern (deutsch, englisch, polnisch) von diesen drei Quellen: hier, hier (recht weit unten) und und hier (S. 3).

Welches Interesse könnte die Diakonie an solchen Modellen haben? Wenn sich die Diakonie als Vorantreiber sozialer Innovationen versteht (und nicht nur als Anbieter sozialer Dienstleistungen), sind hier spannende Gedankenexperimente möglich. Wie wäre es, wenn diakonische Träger eine Verrechnungseinheit schaffen, mit der bundesweit Dienstleistungen und Engagement erbracht und eingelöst werden können, von der Kita bis zum Altenheim? Der Aspekt der Komplementärwährung wäre hier bloß ein Nebeneffekt. Im Mittelpunkt stünde die Förderung einer Kultur der Gegenseitigkeit. Die Auswertung des Erfahrungswissen mit dem Fureai Kippu und ähnlichen Systemen kann daher Gold wert sein.

Abschließend nun die 3sat-Reportage (zum Fureai Kippu nur ganz kurz von 1’19“30 – 1’20“30). Hier geht es allerdings ausschließlich um die erste der drei genannten Diskussionsperspektiven, um die der Komplemantärwährungen.

Die sieben Diakonien

Das Wort Diakonie gibt es natürlich nicht im Plural. Aber mit dieser nicht ganz korrekten Überschrift möchte ich auf die Vielfalt der unterschiedlichen Diakonie-Formen hinweisen. Diakonie ist eben nicht gleich Diakonie. Beispielsweise sind die Gemeinsamkeiten zwischen einer diakonisch orientierten Gemeinde und einem diakonischen Unternehmen recht gering. Beides ist aber Diakonie. Natürlich kann man einen gemeinsamen Nenner formulieren, die Frage ist nur, wie hilfreich dies für Diakoniewissenschaft wie -praxis ist. Die Gefahr liegt darin, dass entweder diesem gemeinsamen Nenner Gewalt angetan wird (um ihn überhaupt formulieren zu können) oder dass die Besonderheiten und Eigenarten der unterschiedlichen Diakonie-Typen vernachlässigt werden (zu Gunsten eines allgemeingültigen Diakonieverständnisses).

Bei der Frage nach dem diakonischen Selbstverständnis hat sich die folgende kleine Diakonie-Typologie als sehr hilfreich erwiesen, mit der ich in letzter Zeit oft gearbeitet habe. Sie ist rein beschreibender Natur, folgt also keinem normativen Ansatz, und ist leicht verständlich. Diese Typologie beschreibt die Organisationsformen, nicht die Aufgaben von Diakonie. All das, was als Diakonie bezeichnet wird, kann man einem der folgenden Akteurstypen zurechnen. Sicherlich kann man dies auch noch feiner unterteilen.

Diakonische Einrichtungen. Dies ist der Diakonietyp, der die öffentliche Wahrnehmung von Diakonie am stärksten prägt. Viele reichen geschichtlich bis in die Gründerzeit der Inneren Mission zurück. Einige entwickelten sich zu „diakonischen Anstalten“, die heute meist als Komplexeinrichtungen bezeichnet werden (es gibt meines Wissens mittlerweile keine diakonische Einrichtung mehr, die in ihrem Namen noch die Bezeichnung „Anstalt“ trägt). Neben den großen Komplexeinrichtungen gibt es eine Vielzahl von diakonischen (Einzel-)Einrichtungen, in der Regel sind sie als e.V., Stiftung oder GmbH organisiert.

Diakonische Gemeinden. Im Gegensatz zum Begriff „Gemeindediakonie“ (der eher normativ ist) wähle ich an dieser Stelle die Bezeichnung „diakonische Gemeinde“. Das diakonische Grundprogramm von Kirchengemeinden ist zwar sehr gering: Fürbitte („diakonisches Gebet“), Kollekte und (Pfarrer-)Diakoniekasse. Aber es gibt eine wachsende Anzahl diakonisch orientierter Gemeinden, die in ihrer ambitionierten Arbeit von den anderen Diakonieformen manchmal unterschätzt werden.

Regionale Diakonische Werke (DWs). Sie bilden die flächendeckende diakonische Grundstruktur. Kernbestandteil sind meist Beratungsstellen. Wesentlich für diesen Diakonie-Typ ist der kommunalpolitische Bezug und die Brückenfunktion zwischen den „organisiert diakonischen“ und „verfasst kirchlichen“ Systmen. Die regionalen Diakonischen Werke unterscheiden sich von Landeskirche zu Landeskirche zum Teil deutlich.

Diakonische Social Business-Organisationen. Zugegeben, der Begriff ist nicht schön, aber ich kenne derzeit keinen besseren. Hierbei handelt es sich um Einzelorganisationen, die von der Initiative von social entrepreneurs leben, also von Menschen mit „Macher-Qualitäten“, die ein soziales Problem mit unternehmerischen Mitteln angehen wollen. Es sind durch und durch unternehmerische Projekte, aber weniger im Sinne von „durchökonomisiert“, sondern im Sinne der eigentlichen Wortbedeutung: etwas unternehmen. Social Business-Organisationen  entwickeln sich oft in zwei Richtungen: Es werden neue Standorte eröffnet und sie vergrößern ihren politischen Einfluss. Sie bleiben dabei ihrem Schwerpunkt treu, etwickeln sich also nicht zu neuen Komplexeinrichtungen. Im freikirchlichen Bereich sind Social Business-Organisationen wesentlich verbreiteter, im „Mainline-Protestantismus“ in Deutschland ist man hier sehr zurückhaltend mit dieser Diakonieform. Meines Erachtens wird dieser Diakonie-Typ aber stark zunehmen, insofern wird sich irgendwann auch die Begriffsfrage klären. Und noch eine letzte Bemerkung: Die in der Gründerzeit der Inneren Mission entstandenen Anstalten und Werke haben aus heutiger Sicht als Social Business-Organisationen begonnen.

Diakonische Fachverbände. Auch Verbände zur politischen Einflussnahme und fachlichen Weiterentwicklung können als  eigenständige Diakonieform gelten. Das Besondere an dieser Diakonie-Form ist, dass sie selbst nicht Träger von konkreten diakonischen Dienstleistungen und Angeboten sind. Aber da die strukturelle Bekämpfung von Not und die Gestaltung von Strukturen durch politische Einflussnahme eine urdiakonische Aufgabe ist, ist das, was diese Verbände machen, selbst auch Diakonie.

Kommunitäre Basisgemeinschaften sind eine nicht zu vergessene Diakonieform. Hier sind es Einzelpersonen oder Familien, die nach alternativen Lebensentwürfen und Sozialformen suchen und sich gemeinschaftlich zusammenschließen. Auch viele Evangelische Kommunitäten haben ein starkes diakonisches Engagement.

Und schließlich stellen die Werke der diakonischen Entwicklungsarbeit eine eigenständige Diakonieform dar, wie Diakonie Katastrophenhilfe, Brot für die Welt, Hoffnung für Osteuropa oder Evangelischer Entwicklungsdienst.

Es gibt vielfache Überschneidungen. In manchen diakonisch engagierten Kirchengemeinden sind Beratungsstellen entstanden, die mittlerweile an die Ausmaße eines kleinen Diakonischen Werkes heranreichen. Einige Diakonische Werke entwickeln sich zu diakonischen Unternehmen und übernehmen auch deren Handlungslogik. Aus kommunitär geprägten Basisgemeinschaften entwickeln sich zum Teil Social Business-Organisationen. Und so weiter, und so weiter…

Die Unterscheidung dieser Typen und die Wertschätzung ihrer Unterschiede helfen falsche Erwartungen zu klären und Missverständnisse auszuräumen. Fragt man nach den Möglichkeiten und Grenzen dieser sieben Typen, sollten vor allem die unterschiedlichen Rollen, Motive und Handlungslogiken reflektiert werden. Anhand dieser Unterschiede werden dann auch die Schwierigkeiten zwischen den einzelnen Diakonieformen, die es zuweilen gibt, deutlich und verständlich. Das bedeutet aber auch, dass jede dieser Diakonieform ein eigenes Selbstverständnis hat. Denn es gibt eben nicht das diakonische Selbstverständnis, sondern ausschließlich kontextbezogene Diakonieverständnisse. Und diese können durchaus in Konkurrenz zu anderen Selbstverständnissen stehen.

UPDATE 2012-01-07: Ich habe in letzter Zeit an mehreren Stellen wieder mit dieser Typologie gearbeitet und merke immer mehr, dass tatsächlich eine Form fehlt – wie im Kommentar (s.u.) ja bereits angedeutet: Initiativen und Projektgruppen. Oft entstehen sie in Gemeinden (oder deren Umfeld), sind aber nicht mit diesen gleichzusetzen. Sie sind flüchtiger als die anderen Formen, aber ihre Stärke liegt darin, dass sie oft schneller und flexibler sind und vor allem monothematisch ausgerichtet sind (was sich ja auch gegenseitig bedingt). Umso länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, wie ich sie eigentlich vergessen konnte! Vielleicht lag es an der Siebenerzahl…

Gemeinsam für den Stadtteil

Ich bin von Udo Schmälzle auf eine Studie aus NRW aufmerksam gemacht worden, die für die Gemeinwesendiakonie eine Menge brauchbares Erfahrungswissen bereithält: „Gemeinsam für den Stadtteil – Kooperationen von Freier Wohlfahrtspflege und Kommunen zur Stabilisierung benachteiligter Quartiere“ (2004). Die Studie bietet gutes und reichhaltiges Material, auf das die Akteure in der Gemeinwesendiakonie unbedingt einen Blick werfen sollten. Ich habe sie ins Dossier Gemeinwesendiakonie mit aufgenommen.

In der Studie geht es um „Stadtteilprävention“, das meint „einen sozialräumlichen Arbeitsansatz mit dem Ziel, sozialen Entmischungstendenzen in Stadtteilen und der Entstehung benachteiligter Quartiere entgegenzuwirken“ (S. 183). Mehrere Ansätze werden in der Studie näher beschrieben (S. 145-150; 155-156; 190-192):

  • Erhalt und Ausbau von preisgünstigen Wohnungen im Stadtgebiet
  • Verhinderung von Anreizen für den Wegzug einkommensstärkerer und statushöherer Haushalte
  • Verhinderung der konzentrierten Zuweisung von benachteiligten Haushalten
  • Abbau räumlicher Disparitäten zwischen einzelnen Stadtteilen
  • Verbesserung der ökonomischen bzw. materiellen Situation der Bewohner/innen
  • Verbesserung der sozialen Lage der Quartiersbevölkerung
  • Förderung der Partizipation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
  • Verbesserung der Wohnraumversorgung und Wohnungsnotfallprävention
  • Sensibilisierung von Akteuren aus der sozialen Arbeit und Stadtteilbewohner
  • Aktivierung der relevanten Akteure im Stadtteil

Das alles ist nicht deckungsgleich mit der Gemeinwesendiakonie, aber es gibt viele Schnittmengen und Berührungspunkte.

Auch solche Kleinigkeiten wie die Arbeitsblätter (Kapitel 9.7) gefallen mir, z.B. ein Bogen zur Erfassung der vier verschiedenen Haupttätigkeiten: Einzelfallhilfe, Vernetzung auf Bewohnerebene im Stadtteil, Vernetzung auf institutioneller Ebene im Stadtteil und interne Strukturarbeit. Schlicht und einfach, aber gut (S. 197).

Abschließend noch ein Hinweis aus der Studie, der für Kirche und Diakonie interessant sein dürfte: „Zumindest die kirchlichen Wohlfahrtsverbände haben mit ihren ortsansässigen Gemeinden ein theoretisches Potenzial für ein dauerhaftes Engagement; das Engagement der Gemeinden könnte als dauerhafte ‚selbsttragende Strukturen‘ begriffen werden“ (S. 144). Dies entspricht ja genau meinem Hinweis zur Präsenz im Stadtteil (kritisch dazu siehe S. 186!).

Lokale Ökonomie

„Local work for local people using local resources“ (James Robertson).

So kann man das Schlagwort „lokale Ökonomie“ wohl am prägnantesten zusammenfassen. Lokale Ökonomie ist ein Samelbegriff für unterschiedliche Ansätze wie Soziale Ökonomie, Nachbarschaftsökonomie, solidarische Ökonomie oder Gemeinwesenökonomie. Lokale Ökonomie will die lokalen Wirtschaftskreisläufe stärken, neue Arbeitsmöglichkeiten im Gemeinwesen schaffen und die Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs im Stadtviertel verbessern. Das Ganze soll gelingen, indem die Potenziale innerhalb des Gemeinwesens mobilisiert werden – also Vorrang der endogenen vor den exogenen Ressourcen. Genutzt werden insbesondere die „brachliegenden Fähigkeiten und Kenntnisse in der Bevölkerung – nicht zuletzt unter den Arbeitslosen oder aus sonstigen Gründen für überflüssig Erklärten“ (Karl Birkhölzer).

„Der Begriff Lokale Ökonomie ist die Übersetzung des englischen „local economy“ und meint zunächst die Gesamtheit ökonomischen Handelns innerhalb eines geographisch begrenzten Gebiets oder einer Gebietskörperschaft, wie z.B. Städte, Stadtbezirke, Gemeinden. „Lokal“ (lat. locus = Ort) betont in diesem Zusammenhang die Handlung vor Ort, wobei der Ort als Wirtschaftseinheit, als Reproduktionsmöglichkeit und als Ort der Existenzsicherung gesehen wird. Das Gemeinwesen, also ein überschaubarer Raum mit historisch gewachsener Struktur und kultureller Identität , wird nicht als beliebiger Standort gesehen. Das Gemeinwesen ist die „Keimzelle“ einer alternativen Wirtschaftsform im Sinne der Lokalen Ökonomie“ (Judith Knabe).

Eine allgemeine Definition gibt es bisher nicht. Die Diskussion begann in den 1980er Jahren in Großbritannien „und zwar im Zusammenhang der Entwicklung eigenständiger wirtschaftspolitischer Strategien auf kommunaler Ebene („local economic strategies“), getragen von den Stadträten („Metropolitan Councils“) englischer Großstädte (Greater London, Manchester, Merseyside, South and West Yorkshire, West Midlands) als Reaktion auf die zunehmende Arbeitslosigkeit, Verarmung und den Verfall der Innenstädte im Gefolge einer extrem neoliberalen bzw. marktradikalen Wirtschaftspolitik der Thatcher-Ära“ (Karl Birkhölzer). In Deutschland setzte die Diskussion erst später ein, gewinnt aber zunehmend an Fahrt. „Lokale Ökonomie“ erfährt nicht nur in den Ansätzen zur „Sozialen Stadt“ Beachtung, sondern auch grundsätzlich in der Sozialen Arbeit.

Die Redaktion der Internetseite stadtteilarbeit.de hat ihr Material rund um das Thema „lokale Ökonomie“ nun unter einer eigenen Domain zusammengestellt: lokale-oekonomie.de. Die Seite ist absolut empfehlenswert, die Artikel und Materialen sind interessant, instruktiv und inspirierend. Lokale Ökonomie kann der Gemeinwesendiakonie und dem Community Organizing noch einmal neue und kräftige Impulse geben. Besonders spannend finde ich die Verbindung von bürgerschaftlichem und unternehmerischem Handeln. Nun kann man sagen: „Alles nichts Neues, kennen wir doch schon“. Ja, viele Einzelaspekte sind sicherlich nicht neu. Aber manchmal bietet ein Begriff eine neue Blickrichtung. Und mit dieser „lokalen Ökonomie“ lassen sich viele Entdeckungen machen. Allein die Dursicht der verschiedenen Traditionsströme lokaler Ökonomien ist bereits äußerst anregend. Da geht noch was.

Wir sind da

Der ADAC wirbt um neue Mitglieder mit dem einfachen Satz: „Wir sind da“. Schön (und) schlicht.  Das könnte doch auch ein Diakonie-Motto sein (vielleicht sogar ein Mantra?). Es ist nicht aufdringlich und gleichzeitig genau auf den Punkt. Es stellt nicht das Tätigsein in den Vordergrund, sondern das Da-sein.

Im Seminaren zur diakonischen Bildung mache ich gerne Übungen zum Verständnis der eigenen Fachlichkeit. Auf einer Liste mit hundert verschiedenen Umschreibungen für helfendes Handeln findet sich auch das „da sein“. Eine Teilnehmerin dieser Übung hatte „da sein“ als besonders wichtig für ihr eigenes Verständnis von Professionalität ausgewählt und anschließend gesagt: „Das ist ganz schön anstrengend, einfach da zu sein.“ Das ist es. Und meiner Meinung nach ist es auch eine besondere Qualität diakonischer Kompetenz. Also: Präsenz als Kompetenz. Dies führt dann zu der Frage, inwiefern „da sein“ Bestandteil sozialberuflicher Professionalität ist, ob es darüber hinaus geht oder dahinter zurückbleibt. Im Wichern drei-Band von Volker Herrmann und mir entfaltet Andries Baart einige grundlegenden Gedanken zur Präsenz. Ich finde präsenzorientierte Diakonieverständnisse sehr anregend. Die Passgenauedienstleistungsdiakonie ist eine andere Art von Diakonie.

Es gibt aber noch ein weiteres Verständnis von Präsenz, nämlich das der (evtl. flächendeckenden) Versorgungsstruktur. Also: Präsenz als Struktur. Auch diesen Aspekt finde ich bedenkenswert: Wer ist in Deutschland eigentlich flächendeckend „da“? Ich interessiere mich erst einmal für die sichtbaren und ortsgebundenen Strukturen (also die physischen, nicht die virtuellen): Wer ist vor Ort, am besten in allen Stadtteilen, tatsächlich präsent? Paul-Hermann Zellfelder hat den alten Sparkassen-Slogan „Keiner hat mehr: die meisten Filialen“ auf die Kirchengemeinden übertragen. Bleibt zu fragen, welche flächendeckenden Filialstrukturen es noch so gibt in Deutschland. Ich komme auf die folgenden „Wir-sind-da“-Strukturen:

  • Bäckereigeschäfte (45.000; baeckerhandwerk.de)
  • Büdchen, Trinkhallen und Wasserhäuschen (leider finde ich hierzu keine Zahlen, es werden aber wohl weniger als Bäckereien sein)
  • Sparkassen-Filialen (15.685; dsgv.de; allerdings werden hier auch SB-Geschäftsstellen mitgerechnet)
  • Kirchengemeinden (15.471; ekd.de/statistik)
  • Tankstellen (14.410; mwv.de)
  • Postfilialen (14.000; dp-dhl.com)
  • Kindergärten (keine Zahlen gefunden)
  • Grundschulen (keine Zahlen gefunden)

Diese „Versorgungssysteme“ haben einen  flächendeckenden Charakter. Und im Grunde sind sie alle, in ihrer Art und Weise, wichtig für diakonische Arbeit im Sozialraum. Wir sind dann mal da.

Wichern drei

Soeben erschienen: Wichern drei – gemeinwesendiakonische Impulse, herausgegeben von Volker Herrmann und mir, verlegt bei Neukirchener.

„Wichern drei“ – dieses Schlagwort von Theodor Strohm markiert eine neue Phase diakonischen Selbstverständnisses. Es spielt dabei auf einen Ausspruch von Eugen Gerstenmaier an: Mit „Wichern zwei“ bezeichnete Gerstenmaier das diakonische Programm des Evangelischen Hilfswerks in der Nachkriegszeit. Neben dem Wichernschen Gedanken der „rettenden Liebe“ (quasi „Wichern eins“) sollte mit „Wichern zwei“ die „gestaltende Liebe“ stärker in den Blick gerückt werden. 50 Jahre später skizziert Theodor Strohm die Idee von „Wichern drei“, ein Diakonieverständnis, das den Sozialraum in den Mittelpunkt der Reflexion rückt. Auch Wolfgang Huber hat den Begriff „Wichern III“ genutzt (mit einer etwas anderen Ausrichtung – und mit der „drei“ als römischer Ziffer).

Es geht dabei um die stärkere Berücksichtigung der lebensweltlichen Kontexte, den Einbezug von informellen Netzwerken, von Selbsthilfe und bürgerschaftlichem Engagement und die Suche nach neuen Kooperationspartnern, die auch über die Grenzen der kirchlichen und diakonischen Institutionen hinausreichen.

Solch ein diakonisches Grundverständnis stellt nun keine völlig neue Erfindung dar. Allerdings muss man zugestehen, dass die von Theodor Strohm Ende der 1990er Jahre beschriebene Kultur organisierter Diakonie sich de fato erst allmählich durchsetzt. Und so haben Volker Herrmann und ich zehn Jahre nach Theodor Strohms Aufsatz „Wichern drei – auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Sozialen“ (1998) in der diakoniewissenschaftlichen Literatur nach Ansätzen und Gedanken gesucht, die unserer Meinung nach genau die Essentials der Wichern drei-Idee beschreiben.

Hinzu kommt ein Weiteres: Wichern drei entspricht inhaltlich in weiten Teilen der Idee der Gemeinwesendiakonie. Der Diakonie-Text Handlungsoption Gemeinwesendiakonie bezieht sich dann auch explizit hierauf (S. 26). Mit dem Buch „Wichern drei – gemeinwesendiakonische Impulse“ möchten wir nun diese beiden Linien in Beziehung setzen. Wichern drei verstehen wir dabei als diakoniewissenschaftliche Programmatik, die Gemeinwesendiakonie als diakoniepolitische Strategie. Wer sich gerne einen Überblick über die verschiedenen Artikel verschaffen möchte, kann hier das Inhaltsverzeichnis einsehen.