Archiv der Kategorie: Zivilgesellschaft

Diakonie als soziale Bewegung?

Mario Junglas, Direktor des Berlines Büros des Deutschen Caritaverbandes, hat einen inspirierenden Artikel zur Entwicklung der Caritas geschrieben. Die Caritas muss mehr Zivilgesellschaft wagen ist der Titel, erschienen ist er im neue caritas-Jahrbuch 2012. Ich will jetzt nicht übertreiben, aber der Artikel ist schon fast ein kleines Manifest. Und er gilt ohne Abstriche genauso für die Diakonie. Deshalb kann man ohne Weiteres auch immer Diakonie denken, wenn Junglas von Caritas spricht. Und weil der Artikel nicht online verfügbar ist, zitiere ich mal etwas ausführlicher. (UPDATE 2012-04-22: mittlerweile doch online)

Junglas‘ Anliegen ist es, die Caritas stärker als eine soziale Bewegung zu verstehen:

„Für die Caritas der Kirche genügte es lange, als Verein oder Gruppe, als Einrichtung und Dienst antreffbar zu sein. Das ist nicht vorbei, reicht aber nicht mehr aus. Caritas muss soziale Bewegung sein“ (S. 77).

Die Diakonie und die Caritas sehen sich ja immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, aufgrund der öffentlichen Refinanzierung eher ein unselbständiger Teil des Sozialstaats zu sein als ein autonomer Akteur. Und ein anderer, aber ähnlich gelagerter Vorwurf besagt, dass Caritas- und Diakonie-Einrichtungen durch ihre Ausrichtung als Unternehmen eher Teil des Marktes sind. Beiden Vorwürfen ist gemeinsam, dass die konfessionellen Verbände und Einrichtungen gar nicht in dem Maße Zivilgesellschaft sind, wie sie es immer wieder gerne betonen.

„Gerade die kritisierte Staatsnähe und Marktnähe machen aber die Rolle der Caritas als zivilgesellschaftlichen Akteur fragwürdig, trotz der vielen Ehrenamtlichen. Für viele ist die Caritas kein kreativ herausforderndes Gegenüber zu Staat und Wirtschaft, sondern selbst Teil dieser Ordnungen“ (S. 78).

Man könnte nun einfach sagen: Ja, und? Es ist doch eine Menge wert, dass Diakonie und Caritas leistungsstarke Träger (Unternehmen) und gefragte Sozialexperten (Verbände) sind. Dass stimmt und steht auch gar nicht zur Disposition. Denn Verbands- und Trägeraufgabe haben natürlich Vorteile…:

„Die Caritas ist hochverlässlich. Das ist ein Trumpf sowohl bei der Leistungserbringung als auch in der politischen Debatte und in der Lobbyarbeit. Mit der Verlässlichkeit korrespondiert zugleich eine hohe Berechenbarkeit. Von der Caritas sind in der Regel keine Überraschungen zu erwarten. Man kann sich nicht nur auf sie verlassen, man kann sie einkalkulieren.“

… aber auch Nachteile:

„Das kann uninteressant machen für andere innovative, veränderungswillige gesellschaftliche Kräfte und kann die Versuchung schüren, die Caritas einzurechnen ohne sie einzubeziehen. Als Bewegung kann die Caritas verlässlich bleiben, ohne vollständig berechenbar zu sein, weil sie das enge Korsett verbandlichen und unternehmerischen Handelns durch überraschende und herausfordernde Formen und Inhalte sprengt“ (S. 81).

Denn:

Die Caritas „muss auch noch politisch handlungsfähig sein, wenn Expertentum nicht gefragt oder inopportun ist und klassische Lobbyarbeit an ihre Grenzen kommt“ (S. 78).

Mario Junglas möchte in der Caritas also das Bewusstsein stärken, sich deutlicher als soziale Bewegung zu verstehen – das ist gemeint, wenn es im Titel seines Beitrags heißt: „Mehr Zivilgesellschaft wagen“. Aber es geht nicht nur darum, sich als Bewegung zu verstehen, sondern auch die Strukturen der Caritas dementsprechend neu auszurichten. Dabei soll die Handlungslogik der Bewegung nun nicht die beiden anderen Handlungslogiken verdrängen, sondern ergänzen. Die Caritas ist Kirche – und nutzt dazu eben die ganz verschiedenen Handlungs- und Kommunikationsformen einer Institution (Verband), einer Organisation (Unternehmen oder Einrichtung) und einer Bewegung (Zivilgesellschaft). Caritas und Diakonie erweitern also ihre Handlungs-, Kommunikations- und Mitwirkungsformen, wenn sie sich Logik und Instrumentarium sozialer Bewegungen öffnen.

Wirft man einen Blick in die Leitbilder von Diakonie (DW-EKD) und Caritas (DCV), kann man eine wundersame Entdeckung machen. Der katholische Verband betont ausdrücklich sein Verständnis als soziale Bewegung, bei dem evangelischen Verband ist dieser Gedanke nicht ganz so deutlich ausgeprägt. Man hätte es ja gerade anders herum erwarten können…

Im Leitbild des Deutschen Caritasverbandes heißt es im Abschnitt zum Organisationsprofil:

„(16) Der Deutsche Caritasverband ist Teil der Sozialbewegung. (…) (19) Er unterstützt den ehrenamtlichen caritativen Einsatz in Pfarrgemeinden, Verbänden, Gruppen und Initiativen. (…) (21) Er fördert die Idee einer Sozialbewegung und arbeitet mit sozial engagierten Menschen, Initiativen und Organisationen zusammen an der Verwirklichung einer solidarischen Gesellschaft“ (Leitbild Caritas, Abschnitt III).

Eine vergleichbare Aussage im Leitbild Diakonie lautet:

„Durch unsere Arbeit in den Kirchengemeinden, Diensten und Einrichtungen sind wir Menschen nahe. Selbsthilfegruppen und Initiativen finden bei uns ihren Raum.“ (Leibild Diakonie, 6.These).

Darüber hinaus steckt der Gedanke der Sozialbewegung noch in den Erläuterungen zur 4. These („Wir sind aus einer lebendigen Tradition innovativ“) als historische Wurzel und zur 8. These („Wir setzen uns ein für das Leben in der einen Welt“) bezogen auf das ökumenische Engagement der Diakonie. Überspitzt gesagt heißt das: Diakonie ist soziale Bewegung, aber hauptsächlich damals und woanders.

Man muss nun natürlich beachten, dass es sich hierbei lediglich um die papierene Wirklichkeit handelt, die faktische kann noch einmal ganz anders aussehen. Wie steht es mit der Idee der sozialen Bewegung in der Diakonie, unabhängig von vorhandenen oder nicht vorhandenen Leitbildformulierungen? 2006 ist ein Diakonie-Text erschienen mit dem aussagekräftigen Titel: „Kirchliche Soziale Arbeit und soziale Bewegung – eine Nichtbeziehung?“ (Diakonie Texte 12/2006). Diakonie und soziale Bewegung scheinen also eher ein Gegenüber zu sein. Daher geht Franz Segbers genau der richtigen Frage nach, wenn er sich in seinem Vortrag, der der Publikation zugrunde liegt, mit der Diakonie als soziale Bewegung beschäftigt. Segbers These lautet:

„Es reicht nicht aus, die halbierte Modernisierung der sozialwirtschaftlichen Dienstleistungsfunktion lediglich durch eine Professionalisierung der anwaltschaftlichen Funktion zu überwinden. (…) Erst wenn die Diakonie sich zivilgesellschaftlich definiert, kann sie in angemessener Weise auf die neue Sozialstaatlichkeit reagieren (…) Eine Diakonie, die nicht steckengeblieben ist in einer halbierten Modernisierung, wird zivilgesellschaftliches Engagement mit dem Ziel fördern, demokratische Strukturen zu beleben und Ausschlussprozesse zu verhindern“ (Franz Segbers: Diakonie als soziale Bewegung, Diakonie Texte 12/2006, S. 13, 13, 15).

Aus Mario Junglas‘ Plädoyer kann man zudem schließen, dass es mit der Caritas als soziale Bewegung auch noch nicht so weit sein kann, denn er wirbt schließlich leidenschaftlich dafür, sich dementsprechend neu auszurichten.

„Dass die Caritas (Teil der) soziale(n) Bewegung, „Bewegungsorganisation“ sein soll, ist eine alte, noch einzulösende Forderung ihres Selbstverständnisses. Ohne euphorisch zu sein, kann man feststellen: Die Zeiten waren dafür noch nie so günstig wie heute“ (S. 82).

Wie gesagt: eine lesenswerte Inspiration!

Von fetten und von mageren Jahren

Die Politikwissenschaftler Frank Walter und Johanna Klatt haben eine Studie zum Engagement von Menschen mit wenig Geld und niedrigem Bildungsgrad vorgelegt: die Entbehrlichen der Bürgergesellschaft. Zivilgesellschaft und freiwilliges Engagement sind vor allem bürgerliche Programme, für unsere Gesellschaft ist es aber von großer Bedeutung, dass und wie sich Menschen, die nicht zu dieser Schicht zählen, engagieren.

Es gibt ein Interview, in dem die beiden Autoren ihre Thesen vorstellen. Ich will hier nur auf einen Aspekt eingehen. Der kommt im Video ab 12’40, die zentrale Aussage ist:

Die nächsten fünfzehn Jahre werden Partizipationsjahre. (13’33)

In den nächsten fünfzehn Jahren wird es also zu einem Boom an bürgerschaftlichem Engagement kommen. Diakonie und Kirche werden in diesem Fahrwasser mitschwimmen und es genießen, denn sie sind in großem Maße die Profiteure. Das ist gut, und das sollen sie auch. Die meiner Meinung nach wirklich spannende Frage ist dann allerdings:

Was kommt danach?

Was kommt nach diesen fünfzehn fetten Engagement-Jahren? Ein Abflauen an ehrenamtlichen Engagement wird besonders die treffen, die sich immer mehr auf diese Ressource eingestellt haben, also gerade auch Kirche und Diakonie. Staatliche Sozialtransfers werden weiter abgebaut sein, so dass ein Wegfallen der Engagement-Ressource die Diakonie noch stärker in die Opfer-Rolle treibt: „Keiner gibt uns etwas, dabei sind wir doch so wichtig!“ Die Kirche wird versuchen, besonders ihre Homebase der mittleren und oberen Mittelschicht und des Bildungsbürgertums zu verteidigen. Gerade wenn die Engagementpotenziale in diesem Segment geringer werden, wird es anspruchsvolle Programme geben, um die entsprechenden Leute zu binden.

Unter der Voraussetzung, dass Walter und Klatt recht haben, heißt es daher: Nutzt die nächsten fünfzehn fetten Jahre für die darauf folgenden mageren Jahre! Konkret: Engagament darf in den nächsten anderthalb Jahrzehnten nicht bloß als ein Nullsummenspiel betrachtet werden, nämlich in dem Sinne, dass das ehrenamtliche Engagement einfach die zurückgehenden finanziellen Mittel ersetzt. Dann würde diese Ressource bloß verkonsumiert werden. In den kommenden fetten Jahren muss vor allem in die „Ressource Engagement“ selbst investiert werden.

Was ist damit gemeint? Hier ein paar Gedanken von mir, sicherlich noch nicht alles zu Ende gedacht…:

Gerade die von Walter und Klatt angesporchenen „Entbehrlichen“ müssen in den Fokus der Engagement-Strategien rücken: Sie stellen das eigentliche Potenzial dar – wenn sie denn in der Lage sind, sich entsprechend zu engagieren. Genau das ist die künftige Agenda von Kirche und Diakonie: sich um diese Menschen kümmern und sie befähigen, sich engagieren zu können, und sie inspirieren, sich einbringen zu wollen, gerade auch zu ihrem eigenen Nutzen. Dazu passt gut die folgende Aussage:

Und insofern fehlen gerade so die großen integrativen Klammern, die also auch diejenigen von unten mitnehmen. Weil dazu brauchen Sie eine bestimmte Weltanschauung. (15’45)

Das ist ja wohl nicht nur ein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit dem ganzen Zaun: das geht nicht ohne eine Weltanschauung! Sich Engagieren wollen und können braucht Bilder, warum das gut und wichtig ist. Das Christentum hat diese Bilder (andere natürlich auch), bitteschön!

In meinen Augen heißt das, dass Kirchengemeinden viel stärker Menschen in das kirchliche Engagement einbinden, die in kirchlicher Logik sonst nur die Adressaten dieses Engagements sind. Und es heißt auch: Prioritäten setzen bei der Jugendarbeit, bei der Jugendarbeit und bei der Jugendarbeit. Da lernt man, sich zu engagieren. Die Erfahrungen, die man dort nicht gemacht hat, kann man nicht nachholen. Und diejenigen, die sich jetzt oder in den nächsten fünfzehn Jahren engagieren, sind allesamt Leute, die aus (kirchlicher oder nicht-kirchlicher) Jugendarbeit kommen. Kann ich jetzt gerade nicht belegen, aber ich meine, dass das stimmt.

Und die Diakonie? Was kann sie in den fetten Jahren tun, um die Engagament-Ressourcen grundlegend zu stärken? Sie muss sich selbst engagieren, nämlich für eine gesunde Zivilgesellschaft. Und dazu gehören vor allem Debatten, Diskurse und politische Partizipation. Diakonische Einrichtungen müssen zu Diskussionsrunden einladen, niederschwellige Bildungsangebote anbieten, komunalpolitisches Agenda-Setting betreiben, im Wahlkampf Stellung beziehen, mit Bürgerinitiativen kooperieren oder selbst welche (mit-)gründen, und so weiter und so weiter… Oder anders formuliert: Sie dürfen über den Customer Value ihrer Dienstleistungen nicht den Public Value ihres Auftrags vergessen. Diakonie darf eben nicht einfach nur zivilgesellschaftliche Ressourcen nutzen, sondern muss selbst in sie investieren.

Das klang jetzt ja alles sehr nach dem „Wort zum Sonntag“. Ja, irgendwie schon.

Siehe auch meine Beiträge Das Gesellschaftsbetriebssystem und Nicht können, nicht wollen, nicht gefragt sein.

Diakonischer Gemeindemehrwert

Der Church Urban Fund, eine von der Anglikanischen Kirche gegründete Organisation zur Armutsbekämpfung in Großbritannien (siehe auch hier), hat ein Tool entwickelt, mit dem man den Wert einer Kirchengemeinde für das Gemeinwesen bemessen kann: das Church Community Value Toolkit. Es geht also um den Mehrwert (den Nutzen, die Ausstrahlung,…) für die „Community“ (das deutsche Wort Gemeinwesen wirkt neben dem englischen Community immer etwas dröge, finde ich).

Das Tool ist wirklich interessant und gut gemacht. Vier Dimensionen werden sehr detailliert abgefragt: Menschen, Aktivitäten, Geld, Gebäude. Das Ganze wird – klar strukturiert – miteinander verrechnet, so dass man darstellen kann, wie sich der Wert der Kirchengemeinde für die Community beläuft. Eine Excel-Tabelle wird auch gleich noch mitgeliefert. (Die Angelsachsen sind halt so pragmatisch… eine deutsche Organisation würde da erstmal lange debattieren, ob der Wert einer Kirchengemeinde überhaupt berechenbar ist. Who cares.)

Neben der Rechnerei gibt es noch einen zweiten Teil des Tools. Dort geht es darum, die Besonderheiten der Kirchengemeinde zu entdecken und zu bewerten. Dabei gilt auch hier: immer bezogen auf die Wirkung der gemeindlichen Arbeit. Den Besonderheiten der Gemeinde kann man auf die Spur kommen, wenn man sich fragt, welche Aufgaben die Kirchengemeinde in welchem Maße leistet. Im Abschnitt Identifying and valuing your distinctivness werden 22 potenzielle Aufgaben von Kirchengemeinden genannt. Diese Aufgaben soll man nun der Reihe nach durchgehen und sich dabei fragen, inwiefern die Kirchengemeinde diesen Aufgaben nachkommt. Dazu gibt es jeweils eine fünfstufige Skala, von „nicht sehr viel“ bis „sehr“. Dies allein ist schon gut. Aber bei jeder Aufagbe soll man zusätzlich noch die Frage beantworten:

  • „Welche lokale Organisation leistet dies Ihrer Meinung nach besser als Ihre Kirchengemeinde?“

Eine sehr pfiffige Frage. Erstens kann solch ein Vergleich die eigenen Einschätzungen realistischer machen, zweitens reflektiert man automatisch mit, wen es noch so alles im Stadtteil gibt.

Hier nun die Aufgaben:

  • Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen aktivieren, sich kennen zu lernen
  • Menschen, die oft ausgeschlossen sind, willkommen heißen
  • Menschen helfen, Sinnvolles in den gesellschaftlichen Veränderungen zu entdecken
  • Menschen helfen zu entdecken, wie die Wohngegend verbessert werden kann
  • Menschen helfen, besser Kontrolle über ihr Leben zu bekommen
  • Trauende Menschen unterstützen
  • Menschen ermutigen oder befähigen, sich im Gemeinwesen ehrenamtlich zu engagieren
  • Menschen helfen, zuversichtlich im Beginn ihrer Ehe zu sein
  • Einen Raum/Platz anzubieten, in dem Menschen ihrer Spiritualität Ausdruck verleihen können
  • Menschen helfen, die Werte zu reflektieren, die ihr Leben stützen
  • Menschen helfen, eine Absicht in ihrem Leben zu entdecken („sense of purpose“??)
  • Menschen in persönlichen Krisen beistehen
  • Menschen helfen, einander zu vergeben
  • Menschen helfen, eine breitere Erfahrung des Lebens zu bekommen
  • Menschen helfen, einander so wahrzunehmen, wie sie sind
  • Unterstützung leisten in emotional aufgeladenen Situationen (wie nationale oder lokale Krisen)
  • Menschen aktivieren, ihr Leadership-Potenzial zu entdecken
  • Menschen helfen, spezifische Fähigkeiten auszubilden (wie z.B. öffentliches Reden)
  • Menschen helfen, Dinge zu bearbeiten, die sie herunterziehen
  • Kindern und Jugendlichen helfen, ihren eigenen Glauben zu erforschen und zu entwickeln
  • Kindern und Jugendlichen helfen, ein Gefühl von Verantwortung und Achtsamkeit gegenüber anderen zu entwickeln
  • Freigiebig, fröhlich und hoffnungsvoll sein, dass es eine Wirkung auf andere hat.

Man kann nun sicherlich noch viele andere Aufgaben formulieren (oder die vorgeschlagen neu arrangieren, zusammenfassen, differenzieren). Die fünfstufige Skala würde ich etwas anders übertragen, denn es sollte meiner Meinung nach auch die Möglichkeit geben, „gar nicht“ anzugeben (die niedrigste Stufe in dem Tool ist „nicht sehr viel“ – vielleicht ist das aber auch britisches Understatement und meint im Deutschen „gar nicht“). Also, ich schlage vor: „gar nicht“ – „kaum“ – „etwas“ – „ziemlich“ – „sehr“.

Sich einmal klar zu machen, was eine Kirchengemeinde an diakonischem Impact leistet, ist wirklich lohnenswert. Wenn darüber hinaus entdeckt wird, ob oder dass die Gemeinde ein faktisches Alleinstellungsmerkmal hat (bzw. wo eine Gemeinde etwas minderbemittelt ist), ist das ausgesprochen wertvoll.

By the way: Auf der Seite des Church Urban Funds gibt es noch eine Menge mehr an Nützlichem zu entdecken. Stöbern lohnt sich!

Nicht können, nicht wollen, nicht gefragt sein

Wie kann gesellschaftliche Teilhabe gelingen? In dem man sich einbringt, mitmacht, dabei ist, engagiert ist… Soviel ist klar. Interessant ist es, die Frage umzudrehen: Warum beteiligen sich Menschen nicht? Eine bekannte (nicht mehr ganz neue) amerikanische Studie zur Frage politischer Partizipation bringt die mögliche Antwort gut auf den Punkt:

„We focus on three factors to account for political activity. We suggested earlier that one helpful way to understand the three factors is to invert the usual question and ask instead why people do not become political activists. Three answers come to mind: because they can’t; because they don’t want to; or because nobody asked. In other words, people may be inactive because they lack resources, beacause the lack psychological engagement with politics, or because they are outside of the recruitment networks that brings people into politics. Our analysis of the sources of political participation will focus on all three factors – resources, engagement, and recruitment – which we combine into what we label the Civic Voluntarism Model“ (Verba/Schlozman/Brady: Voice and Equality 1995: 269).

Warum engagieren sich Menschen nicht? Weil sie’s nicht können, weil sie’s nicht wollen, weil sie niemand gefragt hat. Wenn dies stimmt (und empirisch spricht Einiges dafür), liegt hier der Schlüssel zur Teilhabeförderung:

  • Menschen befähigen, partizipieren zu können (siehe hierzu auch ein Essay des Politikwissenschaftlers Frank Walter auf SPIEGELonline),
  • in Menschen die Idee wecken, dass Partizipation eine Bedeutung hat (für sie selbst, für ihr eigenes Leben)
  • und Menschen (schlicht und einfach) bitten, fragen oder bedrängen, sich zu beteiligen.

Das sind verhältnismäßig unaufregende Möglichkeiten, aber ich denke, sie treffen es sehr genau. Diese Gedanken habe ich kürzlich in einem Vortrag zum Thema „Sozialkapital“ aufgegriffen.

Mittlerweile bin ich im Blog von Brigitte Reiser auf ein Modell gestoßen, das fünf Dimensionen aufweist, die stark an die drei genannten Aspekte erinnern, nun aber aus der Sicht von Organisationen gesehen, die Beteiligungsmöglichkeiten bieten (möchten): das CLEAR-Modell von Pratchett/Durose/Lowndes.

Partizipation kann gelingen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Can do: Man muss fähig sein, partizipieren zu können
  • Like to: Man muss ein eigenes Anliegen haben, warum man partizipieren will
  • Enable to: Organisationen müssen Beteiligungsmöglichkeiten bieten
  • Asked to: Man muss aktiv um Beteiligung gebeten werden
  • Responded to: Die Beteiligungsmöglichkeiten bietende Organisation muss auch auf die Beteiligung reagieren.

Gemeinde und Stadtteil wahrnehmen: drei Arbeitshilfen

Ich möchte auf drei Arbeitshilfen hinweisen, die für gemeinwesendiakonisch Engagierte recht nützlich sein können. Sie bieten etliches praktisches Material, besonders hervorheben möchte ich aber jeweils einen Fragebogen, mit dem man die Situation von Kirchengemeinden und ihren Stadtteilen strukturiert in den Blick nehmen kann.

Der Praxisimpuls „Diakonisches Handeln in Kirchengemeinde und Kirchenbezirk“ (2006) bezieht sich auf einen schon einige Jahre zurückliegenden Prozess der Württembergischen Landeskirche, um das Zusammenspiel von Gemeindediakonie und Einrichtungsdiakonie zu verbessern. Prozess und Projektstudie werden in dem Papier vorgestellt und bieten etliche gute Anregungen. Besonders hinweisen möchte ich auf den „Erhebungsbogen zur Bestandsaufnahme der diakonischen Gemeindearbeit“ (S. 38-56).

Die Arbeitshilfe „Wir alle sind berufen zur Caritas“ (2010) der Diözese Rottenburg-Stuttgart will für diakonisches Handeln in der Kirchengemeinde sensibilisieren, angefangen von einem „diakonischen Blick“ bis zur Einrichtung eines Caritas-Ausschusses in der Gemeinde. Hilfreich ist hier die „Wahrnehmungsmatrix“ (S. 34), bei der die Kategorien für den evangelischen Bereich etwas angepasst werden müssen.

Die dritte Arbeitshilfe leitet zur Wahrnehmung der Gemeinde und ihres Umfelds an: „Die eigene Gemeinde mit ihrem Umfeld wahrnehmen. Anregungen zur Lebensraumanalyse“ (2010), ebenfalls von der Diözese Rottenburg-Stuttgart herausgegeben. Es gibt konkrete Ausarbeitungen für einen Gemeinderundgang, zur Arbeit mit den Sinus-Milieus oder zur Nutzung des Demographieberichts der Bertelsmann Stiftung. Diakonische Fragen stehen nicht im Mittelpunkt, werden aber natürlich berührt. Hilfreich ist der Fragebogen zur Selbstwahrnehmung der eigenen Gemeinde (S. 32-35).

UPDATE 2011-12-30: …und als vierte sehr empfehlenswerte Arbeitshilfe sei natürlich noch auf das Church Community Value Toolkit hingewiesen, das ich hier im Blog auch erwähne (und zwar in seiner Gänze, nicht nur in dem von mir besprochenen Ausschnitt).

Hybrid-Reflexionen (Der Mythos vom Dritten Sektor, Teil 2)

Wenn man einfach behauptet, die Diakonie sei eine Drittsektor-Organisation, trägt dies nicht viel aus. Man behauptet es halt und je nach Standpunkt ist dies dann richtig oder falsch (wie im ersten Teil dieses Beitrags dargelegt, neige ich Letzterem zu). Ergiebiger ist die Sichtweise, dass diakonische Organisationen staatlich-marktlich-zivilgesellschaftliche Hybride sind, die zwischen diesen drei Handlungslogiken hin- und herschalten.

Ich stelle nun zwei kleine Reflexionsübungen vor, die sich bewährt haben. Die Grundthese ist: Jede diakonische Einrichtung ist eine Organisation, die aus einer Mischung von staatlichen, marktlichen und zivilgesellschaftlichen Handlungslogiken besteht. Die Anteile sind unterschiedlich ausgeprägt und können auch gleichzeitig wirksam sein. Es gibt kein Entweder/Oder, ebenso wenig gibt gegenseitigen Bedingungen oder Abhängigkeiten (eine stark marktwirtschaftliche geprägte Organisation muss nicht zwangsläufig schwach zivilgesellschaftlich orientiert sein).

Die erste Übung: S-M-Z-Regler. Das Charakteristische (und zugleich das Komplexe) einer diakonischen Einrichtung ist das jeweilige „Mischungsverhältnis“ dieser drei Logiken. Man kann sich dies sehr einfach mit dem Bild eines Mischpults oder eines Equalizers an einer HiFi-Anlage vorstellen. Es gibt drei Regler – S, M und Z – und die Stellung dieser Regler beschreibt – etwas salopp gesagt – wie diese Einrichtung in ihrem Inneren „tickt“.

Und dies ist auch schon die ganze Übung: Beschreibe anhand der drei Regler doch einmal eine Einrichtung, die du kennst – mische sozusagen die Einrichtung ab! Das Ganze aus dem Bauch heraus, es geht nicht um Korrektheit (die auch kaum möglich ist), sondern es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ausgeprägt bzw. wirkmächtig die drei Handlungslogiken sind. Der Wert dieser Übung liegt darin, die Einschätzungen mit anderen auszutauschen, also zu schauen, wie andere die Regler eingestellt haben. In der Regel ergeben sich in der folgenden Diskussion aufschlussreiche Beobachtungen zur eigenen Wahrnehmung, über Selbstbilder, Geschichte, Rahmenbedingungen, Abhängigkeiten und Zusammenhänge der diakonischen Einrichtung.

Am Ergiebigsten ist es, dies auf einzelne Arbeitsbereiche oder kleine Organisationseinheiten anzuwenden. Bei größeren Organisationseinheiten wird es schon schwieriger, ist aber für einen ersten Impuls auch gut möglich. Ich habe diese Methode einmal in einem Vortrag angewendet (siehe Foto), um zu verdeutlichen, dass die verschiedenen Diakonie-Typen wirklich sehr unterschiedlich „ticken“ – und daher unbedingt bei der Frage nach der diakonischen Identität zu unterscheiden sind. Die Idee mit den Reglern geht auf Helmut Wiesenthal zurück (er nutzt das Bild des Mischpults, beschreibt aber andere Regler; ab S. 13).

Die zweite Übung: S-M-Z-Matrix. Diese Übung ist recht ähnlich, nutzt aber anstelle der Regler eine Matrix. Die vier Dimensionen Identität/Selbstbild, Ziele, Ressourcen und Steuerung werden nun auf die drei Handlungslogiken S, M und Z hin abgeklopft. Durch die Unterscheidung dieser Dimensionen kommt man der Komplexität einer diakonischen Organsiation näher als in der ersten Übung. Die vier Dimensionen habe ich von Adalbert Evers übernommen (Literatur siehe im ersten Teil). Hier eine kleine Skizze:

Der Mythos vom Dritten Sektor (Teil 1)

In der Diakonie gibt es einen gern gepflegten Mythos, zu finden in zahlreichen Imagetexten der Diakonie. Er lautet: Die Diakonie ist eine (zivilgesellschaftliche) Dritt-Sektor-Organisation. Ich halte von dieser Behauptung nicht viel, denn sie trägt nicht viel aus.

Es ist meiner Meinung nach fraglich, ob diakonische Einrichtungen tatsächlich so eindeutig zum Dritten Sektor zählen, wie immer wieder gesagt wird. Der Dritte Sektor ist das Sammelbecken für all die klassischen NGOs und NPOs, die nicht zu den Sektoren Staat und Markt zählen, die sich eben jenseits von Markt und Staat bewegen. Doch diese Sektoren sind längst nicht so klar und eindeutig abzugrenzen, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und bei kaum einer Organisation wird dies so deutlich wie bei einer diakonischen Einrichtung.

Natürlich sind diakonische Organisationen nicht „der Staat“ und auch nicht „der Markt“, aber sie sind eben doch – durch und durch – staatlich und marktlich organisiert. Wenn diakonische Einrichtungen zu einem großen Teil aus Staatstransfers finanziert werden, bestimmte Gesetzesleistungen umsetzen und teilweise sogar einen Versorgungsauftrag haben, sind sie eben keine vom Staat unabhängigen Organisationen (genau dies ist aber Definitionsbestandteil des Dritten Sektors!). Und weiter: Diakonische Einrichtungen agieren auf dem Sozialmarkt, organisieren sich intern marktwirtschaftlich und treten in gegenseitigen Wettbewerb. Die Diakonie ist daher – in ihrer internen Handlunsglogik, in ihren Abhängigkeiten und sogar in ihrem Selbstverständnis – ein Stück Staat und ein Stück Markt. Sie davon ungeachtet als Organisationen jenseits von Markt und Staat dem Dritten Sektor zuzuordnen, ist schon ein gewagtes Unterfangen.

Es gibt einen Ansatz, der tragfähiger ist und vor allem ertragreichere Reflexionen zulässt. Dieser lässt eindeutige sektorale Zuordnungen hinter sich und geht von hybriden Organisationen aus, die verschiedenen Sphären gleichzeitig angehören. In den Sozialwissenschaften wird zunehmend vom Konzept des Hybrids gebraucht gemacht, Hybrid meint:

„Elemente, die ursprünglich mit einer je unterschiedlichen Sphäre assoziiert wurden, verbinden sich miteinander, und zwar innerhalb einer Organisationsform“ (Evers/Ewert 2010: 103).

Bekannt geworden ist der Begriff Hybrid vor allem im Zusammenhang mit Hybrid-Motoren, also bei Autos, die sowohl Verbrennungs- als auch Elektroantrieb besitzen und zwischen beiden, je nach Bedarf, umschalten können. Wenn man dieses Beispiel auf Organisationen im Sozialbereich überträgt bedeutet das: Es gibt Organisationen, die ein Hybrid aus marktlicher, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Handlungslogik darstellen – der Sektor spielt in dieser Perspektive keine große Rolle mehr.

Adalbert Evers, Professor für Dritt-Sektor- und Zivilgesellschaftsforschung an der Universität Gießen, nutzt diese Sichtwiese, um die Eigenarten des sozialen Bereichs zu beschreiben. Evers bezieht sich dabei nicht ausdrücklich auf diakonische Einrichtungen, für sie gilt dies aber meines Erachtens ganz besonders. Diakonie-Organisationen sind dann keine Dritt-Sektor-Organisationen jenseits von Staat und Markt, sondern hybride Gebilde mit sowohl marktlicher, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Handlungslogik.

Im zweiten Teil dieses Beitrags stelle ich zwei einfache Übungen vor, wie diese (neue?) Sichtweise für die Reflexion des diakonischen Selbstverständis genutzt werden kann. Denn leider beraubt sich die Diakonie der eigenen Reflexionsschärfe, wenn sie dem Mythos der Dritt-Sektor-Organisation zu sehr anhängt. Es ist allerdings ein gern gepflegter Mythos. Und so verstrickt sich die Diakonie auch immer mal wieder in einem Zwei-Fronten-Kampf: Auf der einen Seite kämpft sie gegen „den Staat“, auf der anderen Seite gegen „den Markt“. Die Diakonie hält wacker die Stellung dazwischen – mit all den anderen Guten, die weder Staat noch Markt sind – um so ihren Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Armer Krieger Diakonie.

Doch es macht wenig Sinn, die Diakonie immer a priori dem Dritten Sektor zuzuordnen bzw. sie grundsätzlich als zivilgesellschaftlich ausgerichtete Organisation zu sehen – das ist sie auch, aber eben nicht nur. Die Diakonie ist nicht Greenpeace oder Amnesty, die Diakonie besteht aus lauter marktlich-staatlich-zivilgesellschaftlichen Einrichtungen.

Hier noch ein Literaturhinweis: Adalbert Evers/Benjamn Ewert: Hybride Organisationen im Bereich sozialer Dienste. Ein Konzept, sein Hintergrund und seine Implikationen, in: Thomas Klatezki (Hg.): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen, Wiesbaden 2010, 103-128. Und wer lieber schnell Weiterlesen möchte, der sei auf einen einige Jahre älteren Artikel von Adalbert Evers verwiesen, in dem sich auch diese Überlegungen finden (auf englisch).