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Diakonisches Engagement

Nachdem ich das Dossier zum ehrenamtliches Engagement zusammengestellt habe, möchte ich jetzt noch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema „Engagement“ anbringen – ich beschränke mich dabei auf den diakonischen Kontext. Ein guter Ausgangspunkt ist dafür das folgende Zitat:

„Es wird in Zukunft nicht ausreichen, mehr Menschen für mehr ehrenamtliche Tätigkeiten zu gewinnen, sondern es geht um eine völlig neue Grundhaltung zum zivilgesellschaftlichen Engagement. Wir werden unsere Lebensqualität nur erhalten können, wenn wir Menschen aller Generationen, Kulturen und Milieus aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beteiligen. Wir müssen sie motivieren, Verantwortung für das Miteinander in Nachbarschaft und Wohnumfeld zu übernehmen“

So formuliert es die Imagebroschüre Miteinander anders Quartiere neu gestalten (PDF) des Evangelischen Zentrums für Quartierentwicklung, einem gemeinsamen Netzwerk der Diakonie RWL und der Evangelischen Erwachsenenbildung Nordrhein.

Ein guter Ansatz. Es geht dann in erster Linie gar nicht so sehr um die Perfektionierung von organisatorischen oder organisationalen Aspekten des Freiwilligenmanagements, sondern es geht um einen anderen Blick auf das, was wir „Engagement“ nennen. Engagement ist zuerst und vor allem ein Akt der Weltgestaltung. Engagement ist das Gestalten von Lebensverhältnissen – die eigenen und die anderer – um die Welt etwas lebenswerter zu machen.

Vor diesem Hintergrund bin ich überrascht, von welchem Engagementverständnis eine Expertengruppe des Diakonie-Bundesverbandes ausgeht, die sich mit der Weiterentwicklung des diakonischen Engagements beschäftigt hat. Soeben sind ihre „10 Thesen zur Weiterentwicklung von Freiwilligem Engagement“ veröffentlicht worden, in der die Konsequenzen aus der aktuellen Diakonie-Ehrenamtsstudie formuliert werden. Kurz gesagt sind es recht allgemeine Wohlfahtsverbands-Thesen, die den gegenwärtigen Stand der Engagementforschung wiedergeben. Das ist durchaus solide, aber da es ja um die Weiterentwicklung diakonischen Engagements gehen soll, erstaunt mich dann doch, wie „traditionell“ dort ehrenamtliches Engagement gedacht wird:

  • Freiwilliges Engagement wird in in dem Papier ausschließlich als ein Handeln für andere verstanden, für die „Nutzer“ diakonischer Dienste. Diakonisches Engagement meint also die klassische Fürsorge der Ehrenamtlichen, die denen helfen, die sich im Gesellschaftsranking weiter unten befinden.
  • Zudem bleibt freiwilliges Engagement in den „10 Thesen“ ausschließlich dem „Dienstleistungs-Paradigma“ verhaftet. Das ist zum Teil verständlich, da sich die zugrundeliegenden empirischen Erkenntnisse ja auf das Engagement in diakonischen Einrichtungen beziehen. Aber „Diakonie“ kann auch als Teil zivilgesellschaftlicher Bewegung verstanden werden. Daher sollte ein gesellschaftspolitisches Engagement zumindest Erwähnung finden. Und wie verhalten sich freie/private christliche Initiativen als eine wichtige diakonische Engagementform zur Verbands- und Einrichtungs-Diakonie? Ich bekomme den Eindruck, dass diakonisches Engagament jenseits diakonischer Organisationen nicht wirklich relevant sei.
  • Und drittens fehlt die Auseinandersetzung mit „engagementfernen“ Gruppen. In der 6. These ist lediglich zaghaft von „ferneren Zielgruppen“ die Rede. Doch für mich wäre dies ein Grundanliegen der Diakonie: das freiwillige Engagement aus der „Nische“ der bürgerlichen Mittelschicht herauszuholen. Das Potenzial dazu hätte die Diakonie durchaus – gerade auch im Unterschied zu Kirchengemeinden!

Alles in allem gewinne ich den Eindruck: In der Diakonie scheint es hauptsächlich eine Form des freiwilligen Engagements zu geben, nämlich unentgeltlich Fürsorge zu leisten. Das ist nicht schlecht (keinesfalls!), es ist aber eine Verengung von dem, was „Engagement“ bedeuten kann. Und es beschreibt halt den status quo diakonischen Engagements – nicht dessen Weiterentwicklung.

Engagement wird zu schnell als unentgeltliche Dienstleistung verstanden – und das ist leider eine konzeptionelle Sackgasse. Denn Engagement meint erst einmal schlicht und einfach den persönlichen Einsatz für etwas. Engagement ist die Art der Anstrengung, Lebensverhältnisse zu einem besseren zu kehren, die über den „normalen“beruflichen oder familiären Einsatz hinausgeht.

In meinen Augen sind vor allem zwei Aspekte wichtig:

  • Freiwilliges Engagement sollte nicht ausschließlich als unentgeltlicher Fürsorgedienst verstanden werden.
  • Freiwilliges Engagament muss viel stärker ein gesamtgesellschaftliches Phänomen werden, es geht also um die Ausdehnung auf zur Zeit noch „engagementferne“ Gruppen – damit sind diejenigen gemeint, die in einem traditionellen Verständnis nur als Engagement-Empfänger verstanden werden.

Gut gebrüllt, Löwe. Aber wie kann das gelingen? Drei Hinweise dazu:

Stichwort „Geben und Nehmen“: Rund um den Keywork-Ansatz stößt man immer wieder auf eine interessante Engagement-Kette: Ich für mich – Ich mit anderen für mich – Ich mit anderen für Andere – Andere für mich. Dieses Konzept unterschiedlicher Engagement-Phasen geht auf Sylvia Kade zurück. Die klinischen Grenzen zwischen Geben und Nehmen werden organischer. Ich halte dies für ein sehr fruchtbares Engagementverständnis.

Stichwort „engagementferne Gruppen“: Eine wichtige Gruppe für die Engagementförderung sind Menschen mit Migrationshintergrund. Mittlerweile gibt es vielfältige Ansätze, auf diese Menschen verstärkt zuzugehen und ihre Ressourcen zu nutzen – wie zum Beispiel das Konzept der Stadtteilmütter oder eigens entwickelte Fortbildungen für „Menschen aus aller Welt“, die sich gerne in ihrem Umfeld engagieren wollen, aber auf kulturelle Engagementhindernisse stoßen. Eine bislang völlig vernachlässigte Gruppe Engagierter sind Menschen mit Behinderungen. Allein das Wort „Behinderung“ scheint schon Engagement-Bedarf zu signalisieren – und eben nicht Engagement-Bereitschaft. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Projekt „selbstverständlich freiwillig“ der Diakonie Hamburg, das Menschen mit Behinderung unterstützt, selbst freiwillig tätig zu werden. Schwierig scheint es gegenwärtig vor allem zu sein, Menschen in prekären und marginalisierten Lebenssituationen für ein Engagement zu gewinnen. Wie können sie gestärkt werden, in dem sie sich selbst engagieren? Mir ist hierzu wenig bekannt.

Stichwort „Welt gestalten“: Wenn man freiwilliges Engagement in erster Linie als die Gestaltung der (eigenen und fremden) Lebensumstände versteht, kann man in der eingangs zitierte Broschüre „Miteinander anders Quartiere neu gestalten“ eine interessante Haltung entdecken. Das Evangelische Zentrum für Quartierentwicklung möchte in seinen Beratungen und Fortbildungen die Menschen ermutigen, selbst initiativ zu werden und ihre Gestaltungskraft zu entdecken. In der Imagebroschüre werden daher Impulse aus der Kunst aufgegriffen. Genannt werden Joseph Beuys mit seiner Idee der „sozialen Plastik“, die Schaffensweise von Pina Bausch und die Installation „Frühbeet der Ideen“ des Objektkünstlers Ilya Kabakov. Und warum? Wenn es darum geht, Welt zu gestalten, liegt es doch nahe, sich von Leuten inspirieren zu lassen, die in anderer Art und Weise gestalterisch tätig sind. Das wird alles nur ganz kurz angerissen, aber diese Haltung gefällt mir.

Sicherlich gibt es noch eine Menge mehr Stichworte, die man hier aufführen könnte. Aber so in diese Richtung könnte ich mir eine Weiterentwicklung diakonischen Engagements vorstellen.

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Die Weiterentwicklung des freiwilligen diakonischen Engagements ist für die Diakonie ein zentrales Thema. Das braucht viel Engagement.

Neues Dossier zum ehrenamtlichen Engagement

Das vierte diakonisch.de-Dossier ist nun online. Ich habe einmal alles zusammengestellt, was mir an Netz-Ressourcen zum diakonischen und kirchlichen ehrenamtlichen Engagement in die Hände gefallen ist (nun ja, manches musste ich auch mühsam suchen…).

Hier geht’s zum Dossier Ehrenamtliches Engagament!

Bis auf den Freiwilligensurvey, dem Flaggschiff der deutschen Engagementforschung, habe ich nur Materialien aufgenommen, die einen spezifischen diakonischen und/oder kirchlichen Bezug haben bzw. die von Kirche und/oder Diakonie herausgegeben wurden. Das soll die Debatte nicht verengen. Ich musste das Dossier einfach begrenzen, und eine spezielle Engagement-Linksammlung von Kirche/Diakonie gab es bisher noch nicht (oder?).

Für den Titel des Dossiers habe ich den klassischen Begriff „ehrenamtliches Engagement“ genommen. Im kirchlichen Bereich ist es nach wie vor der gängige Terminus (Seidelmann 2012, S. 10). Im diakonischen Kontext findet man zunehmend Formulierungen, die die „Freiwilligkeit“ in den Vordergrund stellen. Hier gibt es aber auch einen fließenden Übergang zu den Freiwilligendiensten, die ich im Dossier nicht berücksichtigt habe (das wäre noch einmal eine ganz neue Linkliste). Auch deshalb bin ich einfach beim Klassiker „Ehrenamt“ geblieben. Die Wahl des Begriffs ist also keine politische, sondern eine pragmatische.

Ich hoffe, dass der Service gefällt!

Tauschnetzwerke im Freiwilligenmanagement

Dies ist ein Beitrag zur NPO-Blogparade „Freiwilliges Engagement attraktiver machen — aber wie?!“, die von Brigitte Reiser und Hannes Jähnert gehostet wird. Ich habe mich dazu mit Brigitte Reiser vom Blog nonprofits-vernetzt unterhalten. Hier sind unsere gemeinsamen Gedanken:

Martin Horstmann (MH): Wie kann man freiwilliges Engagement attraktiver machen?

Brigitte Reise (BR): Engagement wäre für viele attraktiver, wenn man sich credits erarbeiten könnte, die man einer hilfsbedürftigen Person in einer anderen Stadt oder Gemeinde wiederum in Form von freiwilligem Engagement durch andere zukommen lassen könnte. Denn die gestiegene gesellschaftliche Mobilität führt doch dazu, dass viele Familien und Bekanntenskreise getrennt sind. Man kann aufgrund dieser räumlichen Trennung hier nicht so helfen, wie man gerne möchte.  Wenn ich aber wüsste, dass mein Engagement in einer Stadt über Umwege und indirekt auch einer hilfsbedürftigen Person in einer anderen Kommune zugute kommt, – dann wäre dies doch ein sehr attraktiver (und tröstlicher) Gedanke.

MH: Das klingt ja nach einem Tauschring-Konzept. Ich engagiere mich an einer Stelle und bekomme an anderer Stelle – vielleicht sogar für jemand anderes, ganz woanders – wiederum freiwillig erbrachte Leistungen. Eine wunderbare Idee, finde ich. So etwas gibt es übrigens schon. Ich bin einmal bei einer Recherche auf „Fureai Kippu“ gestoßen. Ein ehrenamtliches Unterstützungssystem in Japan, mit dem Schwerpunkt auf Pflege, das als Tauschring mit Zeitkonten konzipiert ist.

BR: Ja, man könnte freiwilliges Engagement tatsächlich mit der Idee von Tauschnetzwerken kombinieren.  Allerdings kämpfen viele Tauschringe mit ähnlichen Schwierigkeiten: zu klein, überaltert, zu wenig Beteiligung usw. Das liegt ganz stark an der der lokalen Begrenztheit dieser Netze. Ein interessanter Blickwechsel könnte also sein: weg vom Raum, hin zum Träger! Man müsste überlegen, wie man innerhalb von Trägern – oder Trägergemeinschaften, aber das liegt eher noch weit in der Zukunft – solche Tauschsysteme etablieren kann.

MH: Und das pfiffige an dieser Idee wäre es dann, dass man diese Idee ins Freiwilligenmanagement der beteiligten Träger einbindet. Also: Wir kombinieren das Freiwilligenmanagement mit der Tauschnetzwerk-Idee. Und entgrenzen das ehrenamtliche Tauschnetz in dreifacher Hinsicht: Erstens kann über Zeitkonten das Einspeisen und Abrufen von Engagement zeitlich auseinanderfallen, zweitens ist In- und Output nicht auf eine bestimmte Region begrenzt und drittens könnte man ja auch noch überlegen, ob dies nicht auch noch bereichsübergreifend funktionieren könnte.

BR: Sehr ambitioniert! Aber vielleicht kann es uns gelingen, für diese Perspektive mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Das könnte eine gute Diskussion in NPOs anstoßen.

MH: Im Grunde wären hier die beiden großen Kirchen mit ihren Wohlfahrtsverbänden die geborenen Trägerorganisationen dafür: Sie verfügen über flächendeckende Strukturen in ganz Deutschland, sie haben sozusagen ein riesiges Filialnetz, sie sind groß und was Freiwilligenmanagement und Ehrenamtskoordination angeht, sind sie mittlerweile gut aufgestellt. Da ist noch Luft nach oben, sicherlich, aber da ist in den letzten Jahren wirklich eine Menge Positives passiert.

BR: Ein anderer Ansatz wäre es, wenn die Idee nicht von einem Träger übernommen und „hochgezogen“ würde – was sicherlich viele Vorteile hätte – sondern wenn es eher eine freie Bewegung ist, ein Konzept, in das sich jeder Träger und jeder Verband, einklinken kann.

MH: Genauso funktioniert es beim Fureai Kippu. Es gibt anscheinend eine „Rechnungsstelle“, aber der Rest läuft dezentral und autonom über hunderte NPOs.

BR: Ja, beide Ansätze sind möglich. Aber schauen wir doch mal auf potentielle  Schwierigkeiten. Was stünde der Idee entgegen?

MH: Ich glaube das größte Problem liegt darin, wenn der Ausgleich nicht „aufgeht“. Es gibt engagementstarke und -schwache Regionen. Das kann man ja an dem Generali-Engagamentatlas gut sehen. Und was ist, wenn zum Beispiel alle Leute ihr Engagement in Kitas reinstecken wollen, aber ehrenamtliche Leistungen im Bereich der Altenhilfe rausbekommen wollen – mal etwas platt gesagt? Vielleicht sollte man doch erst einmal nur Zeit und Raum entgrenzen, sich aber auf einen Sektor bzw. auf ein Arbeitsfeld beschränken.

BR: Und das Problem der unterschiedlichen regionalen Verteilung?

MH: Vielleicht pusht so ein Konzept ja auch die Engagementbereitschaft noch einmal in ungeahnter Weise. Denn das ist ja wirklich ein sehr großer Attraktivitäts-Faktor. Es gibt aber noch eine andere Idee: Man könnte das Ganze ja nicht als tit-for-tat-Tausch aufziehen, sondern eher als Bonussystem. So wie bahn.bonus, zum Beispiel. Das heißt, es gibt einen Bonus-Faktor, für X Stunden bekomme ich nur einen gewissen Prozentsatz davon zurück. Dann würden zumindest die Spitzen abgefedert.

BR: Das gefällt mir. Ich will ja nicht alles eins zu eins verrechnen. Engagement ist ja keine pure Ökonomie, Engagement ist ja immer auch lustbetont und durchaus auch uneigennützig. Ich muss nicht alles wieder „rauskriegen“, das würde ja auch freiwilliges Engagement destruieren. Aber es wäre eine schöne Anerkennung.

MH: Genau! Und haben wir das freiwillige Engagement jetzt attraktiver gemacht?

BR: Absolut! Wir schauen, was draus wird.

Accessibilty als Avantgarde

Die letzten Abende habe ich mich mal durch etliche Videos der re:publica#13-Vorträge geklickt (Überblick über alle verfügbaren Videos hier). Ich mag den gesellschaftspolitischen Fokus der re:publica. Technisch komme ich nicht immer ganz mit, aber das macht nichts, weil das ja nur Details sind. Das Entscheidende sind die gesellschaftlichen Debatten, die dort geführt werden. Natürlich war ich auch ein bisschen auf der Suche nach Interessantem, was für diakonische Arbeit relevant sein kann. Von etlichen Vorträgen, von denen ich mir eben solche Inspiration erhofft hatte, war ich dann aber doch arg enttäuscht (Stichworte unter anderem: Zivilkapitalismus, Welt retten und Tod/Trauer im  Netz)

Fündig geworden bin ich unter anderem bei Tomas Caspers, Mitarbeiter bei Aktion Mensch, der zur Barrierefreiheit gesprochen hat: Innovationsbeschleuniger gesucht! – Wie wär‘s mit Barrierefreiheit?

„Die Barrierefreiheit – das ist auch wieder so ein Thema, wo man immer wieder hört „ach du jeh, müssen wir das jetzt auch noch machen?“ Dabei ist, wenn man sich die Technikgeschichte anguckt, gerade das Thema Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen wirklich ein spannenendes Thema, voll mit Innovationen. Und ich möchte euch gerne heut einmal zeigen, dass dies Innovationen sind, von denen wir heute noch was haben. […] Und ich werde zeigen, dass die meisten Probleme, vor denen Entwickler mobiler Anwendungen für diese Geräte stehen, alte Hüte sind für alle, die sich schon länger mit dem Thema Barrierefreihiet oder Web-Accessibility beschäftigen. […] Und gerade diese Erkenntnisse aus dem Thema Barrierefreiehit bringen entscheidende Vorteile für Menschen mit und ohne Behinderungen […]“ (01’20-02’20)

Das erinnerte mich daran, dass wir ja der Raumfahrttechnologie so Einiges an technologischem Fortschritt im Alltagsleben zu verdanken haben, wie etwa Babynahrung, Akkuschrauber oder Flachbildschirm. Und ebenso ist es mit der Barrierefreiheit. Barrierefreiheit/Accessibility ist also kein Sonderthema für Menschen mit Behinderungen, sondern ein Innovationsmotor für Alltagstechnologie – für uns alle.

Also muss man die Barrierefreiheit als das begreifen was sie wirklich ist: kein Ballast, sondern ein Antreiber für nachhaltige Veränderungen und als echter Motor für Innovationen. […] Es geht nicht darum, auch Menschen mit Behinderungen das Recht zu geben, mitzumachen, sondern es geht darum, ihnen nicht durch falsche Entscheidungen das Recht zu nehmen, bei irgendwas mitzumachen, wo sie eigentlich schon sind. Also keine Sonderlösungen produzieren, sondern gemeinsamen Zugang, der im Idealfall für alle Nutzer gleich funktioniert und von dem im Idealfall auch alle Nutzer etwas haben. (3’10-3’55)

Klingt alles sehr einleuchtend und plausibel. Für mich war trotzdem einiges Neues dabei. Deshalb hier nun das Video zu dem lehrreichen und kurzweiligen Vortrag von Tomas Caspers:

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Accessibility/Barrierefreiheit ist die neue Raumfahrttechnik: Innovationsmotor für technische Entwicklungen und Alltagserleichterungen.

Die Beteiligungsdimension stärken

Nun geht’s weiter mit meiner These: Kirche und Diakonie sollten sich stärker als Beteiliger verstehen und sich nicht ausschließlich auf ihre Rollen als Anbieter oder Dienstleister beschränken. Im letzten Beitrag ging es um Kirchengemeinden, nun stehen die diakonischen Einrichtungen im Vordergrund. Da diese beiden Organisationen doch recht unterschiedlich sind – gerade was Teilhabe und Beteiligung betrifft – kann man beide nicht in über einen Kamm scheren.

Wenn ich betone, dass die Diakonie die Beteiligungsdimension stärken soll, heißt das natürlich nicht, dass dies bisher in der Diakonie nicht vorkäme. Es geht mir einfach darum, diesen Aspekt deutlicher in den Vordergrund zu rücken. Denn die Rolle des Dienstleistungsanbieters oder Maßnahmendurchführers ist aufgrund der öffentlichen Refinanzierung doch wesentlich dominanter als die des Beteiligungsermöglicher. Und gerade die Finanzierungsfrage führt ja auch zu dem springenden Punkt: Haben diakonischen Träger überhaupt entsprechende Handlungsmöglichkeiten?

Das lässt sich pauschal kaum beantworten, aber nicht vergessen werden sollte: Wenn die Diakonie bei der  Beteiligungsdimension zur Ideenlosigkeit neigt, wird dies über kurz oder lang zur Identitätslosigkeit führen. Im Folgenden will ich drei ganz verschiedene Ansätze anreißen, was Beteiligung in der Diakonie bedeuten kann:

Beteiligung von vorne bis hinten: Co-Design diakonischer Handlungsansätze

Im ersten Semester Sozialarbeit lernt man: Die Kunden (Klienten, Nutzer, Betroffene – oder welchen Begriff man auch immer wählen mag) sind bei der Erbringung der Dienstleistung (Unterstützung, Beratung, Zuwendung – oder worum es auch immer gehen mag) zu beteiligen. Die Produktion sozialer Dienstleistungen geht nur gemeinsam mit dem Gegenüber, deshalb spricht man auch von Ko-Produktion. Das ist leicht nachvollziehbar, denn wenn der Andere nicht mitmacht, geht’s einfach nicht. Auch wenn das banal erscheint, neben dem uno-actu-Prinzip zählt dies zu den Grundlagen profesionellen sozialen Handelns.

Wenn man Beteiligung allerdings weiter fasst und als eine grundsätzliche Frage der Kultur und der Haltung versteht, kommt man über kurz oder lang zu der Erkenntnis, dass sich Beteiligung auf den gesamten Unterstützungsprozes beziehen sollte, von vorne bis hinten, inklusive Zieldefinitionen. Statt von Ko-Produktion im oben erwähnten Sinne könnte man dann gar von Co-Design sprechen. Auf diesen Begriff bin ich im Blog von Brigitte Reiser gestoßen – und er bringt diesen ersten Beteiligungs-Ansatz wunderbar auf den Punkt: Das gesamte Unterstützungs“design“ wird ko-produziert. Anspruchsvoll und herausfordernd! Allerdings wird sich dies wohl nicht selten an den (gesetzlich) definierten Vorgaben zur Erbringung der Sozialleistungen stoßen.

Befähigen zur Beteiligung: Eine diakonische Querschnittaufgabe

Die zweite Möglichkeit, die Beteiligunsgdimension zu stärken, setzt ganz anders an. Ausgangspunkt ist, dass Beteiligung bei Lichte betrachtet sehr voraussetzungsreich ist. Es braucht (mindestens) dreierlei: eine Idee davon, dass Beteiligung etwas Sinnvolles ist, die Fähigkeit, sich beteiligen zu können und schließlich die Chance, sich auch tatsächlich konkret einbringen zu können. Andersrum gesagt: Ich beteilige mich nicht, wenn ich überhaupt nicht weiß, was (mir) das bringen soll; ich beteilige mich nicht, wenn ich das Gefühl habe, es nicht zu können; ich beteilige mich nicht, wenn es keine Gelegenheiten gibt, dies zu tun.

Bei allem drei können diakonische Einrichtungen Unterstützung leisten: die Motivation zur Beteiligung wecken, Möglichkeiten bieten, Beteiligung zu „üben“ und helfen, die eigene Beteiligungsform (oder manchmal auch -nische) zu entdecken. Dies wäre die Querschnittaufgabe in sämtlichen diakonischen Handlungsfeldern, sie ist – mehr oder weniger – unabhängig von der „eigentlichen“ Maßnahme selbst.

Die Reflexion der Beteiligungsdimension als standardisiertes Verfahren: Beteiligungs-Mainstreaming

Und schließlich möchte ich noch einen dritten Ansatz nennen, wie mit der Beteiligungsfrage aus der Sicht der Organisation konstruktiv umgegangen werden kann. Die Idee ist simpel, aber gut (wenn sie konsequent umgesetzt wird): Diakonische Träger können eine Art „Beteiligungs-Mainstreaming“ in ihrer Organisation einzuführen. Wie beim Gender-Mainstreaming könnte man bei allem, was man tut, immer die Frage stellen: Welche Konsequenzen hat dies in puncto Beteiligungsmöglichkeiten?

Okay, vielleicht nicht bei allem, was man tut, aber an den entscheidenden Stellen: Bei der Reflexion der Unternehmensstrategie, bei der Entwicklung neuer Unterstützungsmaßnahmen, in Supervision und Teambesprechung. Der Knackpunkt ist also, dass man Beteiligungsprinzipien nicht einfach im Leitbild behauptet, sondern jede einzelne Maßnahme diakonischer Einrichtungen tatsächlich daraufhin überprüft, wie sehr sie Mitgestaltung und Mitentscheidung ermöglichen – oder auch verunmöglichen.

Worum es inhaltlich beim Beteiligungs-Mainstreaming geht, hängt einerseits vom Arbeitsfeld ab und andererseits – freilich – vom eigenen Verständnis, was Beteiligung meint, wie weit sie reicht und wie ernst man sie nimmt. Entscheidend ist nur, hieraus wirklich ein standardisiertes Verfahren in der Organisation zu machen.

Drei sehr unterschiedliche Ansätze, diakonische Einrichtungen stärker als Beteiliger zu entwickeln. Vielleicht ist ja etwas dabei…

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Teilhabebefähigung, Beteiligungsmainstreaming und Co-Design – die Diakonie hat viele Möglichkeiten, die Beteiligung zu stärken

Ein gemeinsames Drittes

Umso mehr ich über diakonisches Profil nachdenke, desto wichtiger wird mir eine Sache: Das Potenzial von kirchlichen und diakonischen Einrichtungen liegt darin, sich (wesentlich deutlicher) als Beteiligungsorganisationen zu verstehen. Diakonie und Kirche sind eben nicht nur Anbieter oder Dienstleister (das bleiben sie natürlich weiterhin), sondern sie sind vor allem Beteiliger. Für Kirchengemeinden bedeutet dies dann, ihre „Angebote“ daraufhin zu untersuchen, inwiefern sie Beteiligungsprozesse ermöglichen, für diakonische Einrichtungen gilt dies entsprechend für ihre „Maßnahmen“.

Wie kann das gelingen? Zunächst einige Überlegungen für Kirchengemeinden – für diakonische Einrichtungen sieht das etwas anders aus, dazu schreibe ich ein andernmal etwas.

Will man eine Kirchengemeinde im Sinne von Teilhabe oder Beteiligung diakonisch profilieren, lautet die zentrale Leitfrage eben nicht: Gibt es einen Hilfebedarf? Sondern: Gibt es eine „gemeinsames Drittes“? Das meint: Gibt es eine gemeinsame Identifikationsmöglichkeit, jenseits der üblichen Rollen, die Beteiligung überhaupt erst ermöglicht?

Wenn Gemeinden ihre diakonische Dimension stärken wollen, wird sehr schnell in den Kategorien von „Hilfe-Subjekten“ und „Hilfe-Objekten“ gedacht. Die Gemeinde als Diakonie-Subjekt sucht nach Hilfe-Objekten, denen sie ihre Hilfe zuteil werden lassen kann. Das Diakonische einer Gemeinde kann aber gerade darin liegen, die Menschen eben nicht so sehr durch das Suchraster der Hilfsbedürftigkeit zu betrachten. Kirchengemeinden sind keine Sozialagenturen oder Wohlfahrtsverteilstellen – sondern Gemeinden.

Es ist viel wert, wenn die gängigen Einteilungen in Helfende und Geholfenen, in (vermeintlich) Starke und (vermeintlich) Schwache, in Priviligierte und Benachteiligte, in „Bürgerliche“ und „Marginalisierte“ an einer Stelle nicht relevant sind. Oder sagen wir realistischer: wenn diese Einteilungen mal nicht ganz so bestimmend sind. Denn die genannten Dualismen sind wirkmächtig und lassen sich nicht so einfach überwinden. Sie werden zu einem gewissen Grad immer bestehen bleiben, selbst dann, wenn man dies nicht will. Einfaches Wegmachen funktioniert nicht, und schlicht zu behaupten, diese diese Einteilungen theologisch gar nicht bestehen, hilft auch nicht weiter (auch wenn es natürlich stimmt).

Das Gemeindeleben müsste so ausgerichtet sein, dass diese unheilvollen Unterscheidungen unrelevant werden, zumindest zu einem gewissen Grad. Wie soll das gehen? In dem man eben ein „gemeinsames Drittes“ sucht, also ein Etwas, das gemeinsame Identifikation stiften kann.

Als solches bietet sich natürlich der Wohnort an: Das gemeinsame Stadtviertel, die Nachbarschaft, das Dorf, wofür es sich gemeinsam zu engagieren gilt. Deshalb ja auch meine Vorliebe für die Gemeinwesendiakonie.

Ein ganz anderes „gemeinsames Drittes“ ist zum Beispiel Musik, und zwar in erster Linie das gemeinsame Musikmachen. Der Musikgeschmack, das Musikhören, trennt. (Nicht ohne Grund ist die Vorliebe für bestimmte Musikstile ein entscheidender Milieu-Indikator.) Gemeinsames Musizieren (ob vokal oder instrumental) ist etwas Anderes. Denn das eint.

Und ein wiederum ganz anders geartetes „gemeinsames Drittes“ wären geteilte spirituelle Bedürfnisse oder Fragen. Doch mir scheint, dass „Marginalisierte“ mit ihren religiöse Fragen kaum wahr- und ernst genommen werden. Sie werden schnell in die Schublade der Hilfsbedürftigkeit gesteckt, was bei vielen gemeindlich Engagierten oft gleichbedeutend ist mit materieller Hilfsbedürftigkeit. Und bevor die Nicht-Bürgerlichen einen Schritt in die Kirche machen können, werden sie schon von einem fürsorglich denkenden Gemeindemitglied in die Kleiderkammer im Gemeindehaus umgeleitet. Was sollten Arme denn auch sonst von der Kirche wollen? Das mag polemisch klingen, aber so ist es doch oft.

Natürlich gibt es noch etliche weitere „gemeinsame Dritte“. Das Entscheidende ist, dass sie die Möglichkeit zur Rollenidentifikation bieten, in meinen Beispielen also als Stadtteilbewohner, als Musizierende, als spirituell Interessierte – und erst darüber ergibt sich dann Beteiligung. Damit kann Teilhabe aus der karitativen Falle befreit werden.

Es lohnt sich, zunächst einmal in diese Richtung zu denken, wenn man eine Gemeinde diakonisch profilieren möchte.

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Kirchengemeinden sind keine Sozialagenturen – sondern Gemeinden. Gemeinsame Identifikation stiften ist besser als „helfen“

Jeki-Ritter

Jeki – das ist die Abkürzung für das Projekt Jedem Kind ein Instrument.

„Der Name ist Programm: Jedem Grundschulkind des Ruhrgebiets soll die Möglichkeit offen stehen, ein Musikinstrument zu erlernen, das es sich selbst ausgesucht hat. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Musizieren der Kinder – von der ersten bis zur vierten Klasse. […] Jedem Kind ein Instrument“ ist ein Angebot, die Welt der Musik zu entdecken. Es richtet sich explizit an alle Kinder: Um die Integration unterschiedlichster Gruppen zu gewährleisten, gibt es Möglichkeiten der Beitragsbefreiungen.“

Ich habe keine konkreten Erfahrung mit dem Programm, ich kenne nur die Idee. Und die finde ich genial. Unabhängig von kulturellem Hintergrund und finanziellen Mitteln sollen Kinder die Möglichkeit haben, ein Instrument zu lernen. In der Regel lernt derjenige ein Instrument, in dessen Familie bereits musiziert wird. Gerade deshalb ist es wichtig, dass möglichst alle Kinder die Chance bekommen, in Berührung mit einem Instrument zu kommen. Es geht dabei nicht nur um musikpädagogische Ziele (die anscheinend auch kritisch gesehen werden), sondern es geht gerade auch darum, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Was diese Idee in meinen Augen so wertvoll macht, sind die Erfahrungen, etwas selbst zu machen, etwas zu können, etwas zu gestalten. Ich erkenne dabei: Die Welt ist formbar. Ich bin Urheber. Ich äußere mich und werde gehört. Ich lerne etwas zu wollen.

Jeki ist natürlich auch mit Problemen konfrontiert. Vor allem sind es Ressourcen- und Nachhaltigkeitsprobleme, gerade dann, wenn man das Konzept über das Ruhrgebiet hinaus flächendeckend installieren will. Im aktuellen rot-grünen NRW-Koalitionsvertrag wird die Idee, Jeki auf ganz NRW auszuweiten, skeptisch beurteilt. Dort heißt es:

„Das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ soll überprüft werden. Eine Ausweitung auf ganz Nordrhein-Westfalen ist in der ursprünglichen Ausrichtung des Projektes und der aktuellen finanziellen Lage nicht leistbar. Da musikalische Früherziehung nachweislich einen positiven Einfluss auf Kinder hat, wollen wir ein Konzept für NRW entwickeln, das auf den vielfältigen Ansätzen im Land aufbaut und an dem sich Kitas, Grundschulen und freie Träger beteiligen können.“ (NRWSPD – Bündnis 90/Die Grünen NRW: Koalitionsvertrag 2012 – 2017, S. 160).

Das Jeki-Anliegen ist auch ein kirchliches Anliegen: Teilhabe ermöglichen, Kulturgut pflegen und weitergeben, Selbstwirksamkeit erfahren, in Gemeinschaft die Welt gestalten. Kirchengemeinden können von Jeki profitieren, Jeki kann von Kirchengemeinden profitieren.

Zum Beispiel könnten nordrhein-westfälische Kirchengemeinden der Landesregierung ihre Ressourcen anbieten: Räume und Leihinstrumente. Oder sie könnten (flächendeckende) Angebote für die Kinder machen, die Jeki durchlaufen haben, aber weitermachen wollen. Dort, wo es Jeki nicht gibt, können Kirchengemeinden etwas Ähnliches aufziehen. Know How ist zum Teil da, die Infrastruktur sowieso. Es gibt engagierte Leute in den Gemeinden, die nur allzu gern eine „richtige“ Aufgabe hätten. Man kann sich natürlich auch einfach von dem Jeki-Gedanken anregen lassen und etwas Ähnliches machen, neben Musik gibt es ja noch andere Möglichkeiten kultureller Teilhabe.

Diakonischer geht’s nimmer. Und die Rolle des Jeki-Ritters wäre nicht die schlechteste für eine diakonische Kirche.