Archiv der Kategorie: Spiritualität

sich dienen lassen

Vor Kurzem fuhr ich mit dem Zug zurück nach Hause, stieg am Benrather Bahnhof aus und wollte schnell zu meinem Fahrrad. Auf einem erhöhten Absatz seitlich der Bahnhofstreppe saß ein Obdachloser, der seine Dienste als Schuputzer anbot. So stand es auf dem Pappschild, das er neben seinen fein säuberlich geordneten Utensilien aufgestellt hatte (sechs verschiedene Schuhcremes mit jeweils einem Lappen und einem Pinsel). Kein Kunde.

Schuhputzer kenne ich in Deutschland eigentlich nur aus Erich-Kästner-Büchern, sie gehören für mich also zum 20er- und 30er-Jahre-Inventar. Arme Menschen, die um ihr täglich Brot bangen müssen. Schuheputzen teilt die Welt klar in „oben“ und „unten“ ein, man sieht es ja an dem knienden Schuputzer sehr deutlich.

Warum lasse ich mir nicht die Schuhe putzen? Die Antwort ist einfach : Mir ist das irgendwie zu doof. Hat das Schuheputzenlasssen nicht etwas total Herablassendes? Gerade weil „oben“ und „unten“ so offensichtlich wird? Müsste ich mich nicht viel eher dafür einsetzen, dass in Deutschland kein Obdachloser Schuheputzen muss? Und was denken bloß die vorübergehenden Passanten?

Weil beides zwar gegen das Schuheputzen spricht, mich aber nicht wirklich überzeugt hat, drehe ich um und lasse mir die Schuhe putzen.

Ich sitze tatsächlich „oben“ auf dem Schemel, der mir fast wie ein Thron vorkommt – und muss damit nun klarkommen. Der Schuhputzer hockt vor mir gebückt, rutscht auf den Knien hin und her und erledigt seine Dienstleistung. Er macht seine Arbeit professionell, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er das gerne tut. Mein Job dabei ist: sich bedienen lassen. Oder mit  spiritueller Konotation: sich dienen lassen.

Darum ging es also, das war das Unbehagen. Sich dienen lassen ist unbaheglich. Vor allem dann, wenn der nächste Regionalexpress gerade angekommen ist und knapp hundert Menschen an mir vorbei ziehen, alle ganz nah und alle, die gucken, gucken mich an, nicht den Schuhputzer. Der macht ja schließlich nur seinen Job. Aber wer ist denn der, der sich da seine Schuhe putzen lässt?

Das Gespräch mit dem Schuhputzer war interessant, die Schuhe so gut geputzt wie nie, der Schuhputzer hat etwas verdient ohne zu betteln – und ich musste noch lange über dieses merkwürdige Phänomen des sich dienen lassens nachdenken. Warum ist das so ein merkwürdiges Gefühl?

Ich könnte das Ganze jetzt spirituell überhöhen (ja, die eine oder andere Bibelstelle ist mir dazu tatsächlich in den Sinn gekommen), aber das lasse ich an dieser Stelle lieber. Da kann jeder seine eigene Erfahrungen machen. Aber eine Sache ist mir noch aufgefallen: Es gibt doch beim „diakonischen Lernen“ im Konfiunterricht oder in Einführungskursen für Freiwilligendienste oft diese „Erfahrungsübung“, sich in einen Rollstuhl zu setzen und durch die Stadt zu rollen um dann später die gemachten Erfahrungen im Ton tiefer Betroffenheit gemeinsam zu reflektieren. So gut gemeint die Idee dahinter ist, ich mag dieses Spielchen absolut nicht. Ich schlage eine andere Art von Perspektivwechsel vor: Liebe Leute, die ihr helfen wollt, lasst euch erstmal die Schuhe putzen.

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Sich dienen lassen ist eine eher ungewohnte Erfahrung. Man kann sie durchaus beim Schuheputzenlassen machen.

Vorstellungskraft

Felix von Leitner („fefe“) hat in der FAZ vom 13.09.2013 seine „Stark-Trek-Theorie“ vorgestellt. Und die geht so: Warum gibt es aufklappbare Handys, USB-Speichersticks, Tablets, Computer mit Spracheingabe oder Google Glass? Ganz einfach: Weil das alles Dinge sind, die ein paar Jahrzehnte zuvor bereits in der Welt von Star Trek gezeigt wurden.

„Das alles liegt daran, dass „Star Trek“ fast zehn Jahre lang im Fernsehen lief. Diese Zeit war die Kindheit der Menschen, die heute im Silicon Valley und anderswo Dinge erfinden. Um Dinge zu erfinden, muss man sie sich vorstellen können. Daher fällt Science-Fiction in unserer Gesellschaft ein besonders hoher Stellenwert zu. Science-Fiction schafft Bilder, schafft Vorstellungen. Die Ingenieure bauen sie dann.“

Nur was man sich vorstellen kann, kann man umsetzen. Was nicht im Bereich der eigenen Vorstellungskraft liegt, ist nicht machbar. Dieser einfache Gedanke ist ein wichtiger Schlüssel für die Gestaltung von Welt und des eigenen Lebens. Im Grunde ist es eine spirituelle Weisheit. Und das Nutzbarmachen dieser Weisheit ist gerade auch für diakonisches Arbeiten von großer Bedeutung.

Ein einfaches Beispiel: Wenn Menschen für ehrenamtliches Engagement gewonnen werden sollen, müssen diese eine Vorstellung davon haben, was das ist (das wissen viele Menschen tatsächlich nicht, jedenfalls nicht im Konkreten!) und dass dies irgendwie positiv oder sinnvoll ist. Ohne dies gibt es kein Engagement, da können die Rahmenbedingungen noch so gut sein. Das klingt zu banal? Das mag sein. Aber ich frage mich immer wieder, wer eigentlich dieses furchtbare Wort „Freiwilligenmanagement“ erfunden hat. Denn Freiwillige lassen sich nicht „managen“ – aber von Bildern leiten. Statt „Freiwilligenmanagement“ bräuchte es also viel eher so etwas wie „Bildbearbeitung“.

Ähnlich ist es beim Empowerment. Empowerment funktioniert nicht über irgendwelche Tools und Techniken (auch wenn es unzählige davon gibt) und schon gar nicht übers „Motivieren“. Empowerment bedeutet im Kern: Ich (der „Empowerer“) habe ein Bild von dir (dem „Empowerten“), das größer ist als das, das du selbst von dir hast. Und ich versuche, dass dieses Bild in dich einsickert und unterstütze dich dann dabei, dass du es Gestalt werden lassen kannst. Für Letzteres sind manche der Tools und Techniken dann auch ganz hilfreich. Entscheidend ist aber das erste: das Vorhandensein eines großen (und trotzdem angemessenen) Bildes. Wer das als Sozialarbeiter nicht hat (es ist in jedem Einzelfall anders, klar), der verliert sich in wirkungslosen Techniken und belegt irgendwann eine Fortbildung zu heilsversprechenden Motivationstricks. Schade – oder wohl eher tragisch.

Ich belasse es einmal bei diesen beiden Beispielen, der Grundgedanke ist sicherlich klar geworden. Zurück zu der Ausgangsthese von Felix von Leitners Star-Trek-Theorie. Das eine ist ja die Vorstellungsfähigkeit an und für sich, das andere, dass ausgerechnet Star Trek so wirkmächtig gewesen ist (zumindest was Compuertechnik und Ingenieurskunst angeht – und auch der unbedachte Umgang mit Daten! Darum geht es von Leitner eigentlich in seinem FAZ-Artikel. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Fass).

„Als einziges Science-Fiction-Programm zeigte „Star Trek“ eine Zukunft, die zwei Bedingungen erfüllte: Sie war realistisch genug, um sich selbst in dieser Welt sehen zu können, und sie war grundsätzlich positiv. Die gezeigte Welt war erstrebenswert. […] Und so hat „Star Trek“ einer Generation von zukünftigen Ingenieuren ein Zukunftsbild gezeigt, auf das diese jetzt hinarbeiten, bewusst oder unbewusst.“

Das ist ein wichtiger Punkt: Wirkmächtige Bilder müssen natürlich ein überschießendes Moment haben (sonst wären sie langweilig), aber sie müssen dabei auch in einem bestimmten Maße realistisch sein. Und sie müssen erstrebenswert, positiv sein. Nur so kann ich mich selbst in diesem Bild sehen. Das ist ja fast schon eine Gebrauchsanweisung!

Hier haben natürlich gerade die großen spirituellen Traditionen einiges an Erfahrung zu bieten. Allerdings nicht, weil sie die einzigen wären, die solche Bilder hätten oder weil sie besonders positive Bilder hätten (beides ist nicht zwingend der Fall), sondern weil sie wie kaum jemand anderes Erfahrung damit haben, wie Bilder „funktionieren“. Schon das deutsche Wort „Bildung“ macht dies deutlich: Etymologisch geht das Wort auf die christlich-mystische Praxis zurück, bei der der das Bild Christi so lange „imaginiert“ wird, bis es die anderen Bilder im Menschen überschrieben hat („înbildung“ hat das Meister Eckhart genannt). Das Arbeiten mit Imaginationen, die Nutzbarmachung der Vorstelllungskraft und das Entwickeln von positiven Zukunftsbildern ist ein zutiefst spirituell aufgeladener Prozess.

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Man kann nur das tun, von dem man eine Vorstellung hat. Glücklich der, der auf Menschen trifft, die einem lebensförderliche Bilder von der Welt oder gar von sich selbst zeigen. An dieser Stelle können sich soziale Arbeit (bzw. Therapie) und spirituelle Traditionen befruchten.

Diakonisches Liedgut

Singen ist identitätsstiftend. In bestimmten Gruppen und Szenen wird ein ganz bestimmtes Liedgut gesungen (oder eben auch nicht). Das schafft während des Singens ein Gefühl von Zugehörigkeit, und es verursacht oft Jahre oder Jahrzehnte später noch einen Schauer, wenn man das eine oder andere Lied wieder hört. Philipp Greifenstein hat vor einiger Zeit seine „Hitparade“ neuer geistlicher Lieder zusammengestellt. Da sind ja ein paar Schätzchen dabei, Mann… Manche sprechen in dem Zusammenhang auch gern von „neuem geistlosen Liedgut“ – stimmt in vielen Fällen ja (leider) auch.

Wie sieht es denn eigentlich  mit dem Singen in der Diakonie aus? Ist die Diakonie ein Sangesnährboden? Hmm, das kann man nicht wirklich beantworten. Das liegt vor allem daran, dass die Diakonie zu „groß“ und damit zu unspeziell ist. Ein „typisches“ Liedgut gibt es immer nur in thematisch begrenzten Szenen – und wohl kaum in einer ganzen Branche. Deshalb gibt es auch keine „Diakonie-Hymne“. Und Lieder über die Diakonie finde ich recht bemüht, um es einmal vorsichtig auszudrücken… Siehe zum Beispiel hier oder hier.

Anstatt über die Diakonie zu singen, kann man natürlich auch singend dem Ausdruck verleihen, was sich im diakonischen Handeln spirituell vollzieht.

Gibt es Lieder, die in besonderem Maße eine „diakonische Spiritualität“ ausdrücken? Das ist natürlich Geschmackssache. Und Glaubenssache. An dieser Stelle möchte ich daher einfach einmal meine drei Favoriten gesungener diakonischer Spiritualität vorstellen.

Bleibet hier, und wachet mit mir

Das erste Lied ist ein Taizé-Lied: Bleibet hier, und wachet mit mir.

Eines der großen Missverständnisse in der Diakonie ist es, Diakonie vorschnell mit Aktion gleichzusetzen: Da, wo zupackend geholfen und getan wird, ist Diakonie. Diakonie als helfende Aktion ist oft das Selbstbild der Engagierten. Diakonie kann sich aber (gerade!) auch in purer Präsenz zeigen. Einfach gegenwärtig sein, da sein, da bleiben. Mein Diakonik-Lehrer hat die Trias bleiben – wachen – beten (Mk 14, 34+38), die in diesem Lied vertont wird, immer als den eigentlichen diakonischen Dreiklang bezeichnet. Er hat wohl recht.

Wechselnde Pfade

Das nächste Lied, das ich in besonderer Weise mit einer diakonischer Spiritualität verbinde, ist Wechselnde Pfade. Ich selbst kenne das Lied erst seit drei, vier Jahren. Es ist ein Pilgerlied, fester Bestandteil ist es zudem in der Schöpfungsspiritualitäts-Szene. Ein Video oder Audio habe ich nicht gefunden, aber immerhin die Noten.

Wechselnde_Pfade

Ich finde es einfach (und) schön. Wenige Worte und eine steile theologische Aussage: Alles ist Gnade. Ist es das? Ich singe es zumindest gern. Und seine Wirkung entfaltet es, wenn es – wie das Taizé-Lied Bleibet hier – immer und immer wieder gesungen wird, also mantrisch.

UPDATE 2014-12-20 Na, da habe ich jetzt doch ein Audio gefunden. Und zwar bei Jan Frerichs franziskanischer Lebensschule:

The Servant Song (Brother, Sister Let Me Serve You)

Und schließlich noch ein Lied, das das Dienen aufgreift. Dabei ist Dienen so eine Sache, mit vielen Missverständnissen verbunden – gerade in der Diakonie. „The Servant Song“ hebt das gegenseitige Dienen hervor, um einander christusförmig zu werden. Es hat etwas folkig Leichtes an sich und ist doch eine Hymne. Das Lied hat es mir angetan.

Komponiert hat es der neuseeländische Songwriter Richard Gillard Mitte der 1970er Jahre. Im anglikanischen Kontext ist der Song wohl bekannt, bei uns so gut wie unbekannt. Den Text findet man in den Anmerkungen zu dem YouTube-Video. Ich meine mich an eine Übertragung ins Deutsche von Yotin Tiewtrakul erinnern zu können, in seinem Blog ist sie aber leider nicht mehr.

Nachweise: Bleibet hier, und wachet mit mir: Jacques Berthier, Verlag Ateliers et Presses de Taizé; Wechselnde Pfade: Pilgerlied, Quelle unbekannt Text baltischer Hausspruch, Musik Gerhard Kronberg; The Servant Song (Brother, Sister Let Me Serve You): Richard Gillard, Verlag Marantha Music Inc.

tl;dr
Diese drei Lieder verdichten für mich diakonische Spiritualität auf wunderbare Weise: „Bleibet hier, und wachet mit mir“, „Wechselnde Pfade“ und  „The Servant Song (Brother, Sister let me serve you)“. Singen!

Spirituelle Anamnese

Im Zusammenhang mit der Profilierung diakonischer Arbeit gibt es immer wieder die Forderung, Religion/Spiritualität/Glaube stärker zu thematisieren. Man kann dabei grob zwei Ansätze unterscheiden: Verkündigung und Coping. Das muss sich nicht ausschließen, aber es sind halt zwei verschiedene Intentionen.

Bleiben wir beim Coping: Der Glaube kann eine wirksame gesundheitsförderliche (oder sagen wir besser: eine lebensförderliche) Ressource sein. In diesem Sinne kann Spiritualität gerade in Beratungskontexten sinnvoll zum Thema gemacht werden.

Nun gibt es immer den Einwand, dass Religion nicht verzweckt werden dürfe, und Copingansätze sind natürlich sehr funktional gedacht. Ja, wichtiger Hinweis, aber man sollte das auch nicht überbewerten. Um nun zu ergründen, ob und inwiefern spirituelle Ressourcen genutzt werden können, bietet sich eine „spirituelle Anamnese“ an. Dazu braucht es gute Fragen.

Harald G. Koenig, amerikanischer Psychiater und Leiter eines universitären Zentrums für Spiritualität, Theologie und Gesundheit, schlägt vier Fragen vor. Man muss sie für die Soziale Arbeit etwas umformulieren, da sie aus dem medizinischen Kontext stammen, aber das dürfte ja kein Problem sein.

„1. Geben Ihnen Ihre religiösen bzw. spirituellen Überzeugungen Trost (Comfort), oder verursachen sie Stress?

2. Haben Sie Überzeugungen, die einen Einfluss (Influence) auf ihre medizinischen Entscheidungen haben könnten?

3. Sind Sie Mitglied (MEMber) einer religiösen oder spirituellen Gemeinschaft? Wenn ja, erhalten Sie von ihr Unterstützung?

4. Haben Sie weitere (Other) spirituellen Bedürfnisse, um die sich hier jemand kümmern sollte?“ (Harald G. Koenig: Spiritualität in den Gesundheitsberufen. Ein praxisorientierter Leitfaden, Stuttgart 2012, S. 48).

Das Instrument nennt Koenig dann CSI-MEMO-Schema. (Unter (amerikanischen) Medizinern und Psychologen gibt es halt dieses krampfhafte Bemühen, lustige Abkürzungen für die eigenen Tools zu entwickeln, sei’s drum…).

Und Koenig setzt noch einen drauf, er bietet auch noch eine „Ein-Frage-Methode“ an:

„Haben Sie spirituelle Bedürfnisse oder Sorgen im Zusammenhang mit Ihrer Gesundheit?“ (ebd., S. 50).

Wenn man ein bisschen sucht, findet man einige solcher Tools zur „spirituellen Anamnese“. Ich halte davon recht viel.

Spiritualität der Stadt (1): Stadtgebet

Der Beginn einer kleinen Serie zu Aspekten urbaner Spritualität. In der letzten Zeit bin ich auf einige konkrete Ansätze gestoßen, die man alle unter dem Titel „Spiritualität der Stadt“ zusammenfassen könnte. Und all diese Ideen sind interesanter Weise deutlich diakonisch grundiert (jedenfalls in meinen Augen). Deshalb möchte ich sie in loser Reihenfolge vorstellen. Ich beginne mit der Idee des Stadtgebets, ein „wöchentliches Tagezeitengebet“ mit Stadt-Bezug samt städtischer Gebetsgemeinschft.

Ich habe es durch Zufall entdeckt: Stadtgebet – Ermutigung zu einer neuen Gebetsform, von Hans-Heinz Riepe, mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich.

Das Stadtgebet ist ein halbstündiges, wöchentliches Abendgebt (samstags 18:30), mit einer klaren, einfachen Form.

„Themen, Probleme, freudige oder traurige Anlässe und Anliegen der Menschen sollen im „Stadtgebet“ nicht diskutiert, sondern im Gebet vor Gott gebracht werden.“ (S. 19)

Jedes Stadtgebet steht unter einem Thema, das einen Ortsbezug hat. Die Form erinnert mich ein bisschen an das Politische Nachtgebet, aber das Stadtgebet bezieht sich in erster Linie auf die konkreten Anliegen der Menschen vor Ort und scheint mir stärker liturgisch ausgerichtet zu sein.

Dieses Buch gibt die Erfahrungen mit einer neuen Form der Tagzeitenliturgie wieder. „Neu'“an dieser Form sind nicht die einzelnen Elemente (…). Das „neu“ bezieht sich zunächst einmal auf unsere Stadt und dann auch auf den spezifischen Aspekt des „Stadt“gebets. Reizvoll neu waren unsere Erfahrungen mit dem „Sitz im Leben“, den dieses Gebt für die Stadt und in der Stadt hat. Dass ein Gebet Veränderungen in den Gemeinden auslöst und Auswirkungen bis in die Öffentlichkeit unseres Gemeinwesens hinein hat, war bisher jedenfalls keine alltägliche Erfahrung. (…) Ganz aus dem Evangelium und ganz aus der Situation heraus zu beten ist das Anliegen, gemäß der Aufforderung beim Propheten Jeremia (29,7): „Suchet der Stadt Bestes, in die ich euch geführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt auch euer Wohl“ (S. 7).

Das „Stadtgebet“ greift die Tradition des Tagzeitengebets auf, freilich als wöchentliches, nicht als tägliches Gebet. Hans-Heinz Riepe schildert daher in seinem Buch auch einen Aspekt, der für das praktische Gelingen wie für das theologische Verständnis einer solchen Gebetsform wichtig ist:

Da wir hier keine Klostergemeinschaft haben, die den Kern der Betenden stellen könnte, müssen wir in Schwerte eine „Gebetsgemeinschaft Stadtgebet“ neu gründen. Sie soll sicherstellen, dass an jedem Samstagabend das Stadtgebet stattfinden kann. Konkret gesprochen müssten, damit an 50 Samstagen im Jahr jeweils 20 Beter versammelt sind, sich mindestens 250 Gemeindemitglieder verpflichten, 4mal im Laufe des Jahres am Stadtgebet teilzunehmen. Nur wenn die Zahl erreicht wird, macht es Sinn, mit dem Gebet überhaupt zu beginnen, da es sich sonst nach allen Erfahrungen nichtz durchträgt (S. 19).

Mir gefällt das sehr. Und zwar deshalb, weil hier zwei gute Ideen zusammenkommen und beide ernst genommen werden: lokaler Bezug bzw. urbaner Kontext und liturgisch klare Form, inklusive Gebetsgemeinschaft.

Solch eine Gebetsform kann eine Bereicherung für gemeinwesendiakonische Ansätze sein. Und umgekehrt: Gemeinwesendiakonisches Engagement bereichert solch eine liturgische Form durch die Kenntnis der konkreten Anliegen des Ortes. Eine nicht zu lang dauerende und klare Form bietet zudem die Chance, dass Menschen, die bisher wenig oder keine kirchlichen Bezüge haben, Kirche und Gebet (neu) entdecken können.

Diakonische Evolution

1971 erschien von Gerhard Noske „Die beiden Wurzeln der Diakonie“ (nur noch antiquarisch erhältlich). Noske beschreibt darin zwei Quellen, aus denen sich diakonisches Handeln speist. Oder um im Bild Noskes zu bleiben: Diakonie lebt aus dem Zusammenwirken „zweier weitverästelter Wurzeln“. Der eine Wurzelstrang ist der menschliche Hilfstrieb, der andere die Hilfe im Kraftbereich des Christusglaubens. Auch wenn für Noske Letzteres das „spezifische Wesensmerkmal“ der Diakonie ist, stellt er doch klar, dass Diakonie aus dem Zusammenwirken beider Wurzeln erwächst.

So Manches an Noskes Ausführungen wirkt heute etwas befremdlich, das Besondere ist aber, dass Noske eben von zwei Wurzeln ausgeht, dass er neben christologischen Begründungen auch schöpfungstheologische Motive heranzieht. Die Begründung des Selbstverständnisses der Diakonie begann sich zu wandeln bzw. zu erweitern. Heute rücken schöpfungstheologische Reflexionen wesentlich stärker in den Vordergrund, zuletzt noch einmal sehr deutlich von Heinz Rüegger und Christoph Sigrist herausgearbeitet.

In dieser Argumentation kommt man dann über kurz oder lang zu der Frage, ob der Mensch grundsätzlich ein sorgendes und pflegendes Wesen ist, also bereits in seinem Bauplan ein “diakonischer” Trieb angelegt ist, oder ob Zuwendung über die pure Arterhaltung hinaus immer nur ein Phänomen in bestimmten historischen und situativen Nischen gewesen ist.

Anders gefragt: Ist “Diakonie” – nicht als Organisation sondern als Handlungsmotiv verstanden – ein konstitutiver Zug des Menschseins oder ist sie eher so etwas wie dessen Gegenprogramm, weil der Mensch grundsätzlich egoistisch angelegt ist? Michael Blume sieht durch die Evolutionsforschung eindeutig die erstere These bestätigt:

“Auch evolutionswissenschaftlich halte ich den Sozialdarwinismus für schlichtweg falsch. Der Mensch wurde, wie schon Darwin zu Recht erkannte, gerade in seiner Evolution zum “sozialen Tier” und konnte sich nur so – in vertrauensvoller Gemeinschaft – zu einem (einigermaßen) intelligenten Lebewesen mit langer Kindheit und also gegenseitiger Abhängigkeit entwickeln. Ohne mitmenschliche Diakonie (wörtlich: Dienst), ohne Caritas (wörtlich: Nächstenliebe) hätte sich auch kein Homo sapiens sapiens entwickeln können.”

Der Natur des Glaubens-Blogger hat für das gerade erschienene Buch Geistesgegenwärtig pflegen (herausgegeben von Johannes Stockmeier, Astrid Giebel und Heike Lubatsch), einen Artikel zur “Pflege und Religiosität in der Naturgeschichte des Menschen” beigesteuert. Dort kommt er zu dem Schluss:

“Die sich immer deutlicher abzeichnende Antwort der modernen Evolutionsforschung hat in sehr direkter Weise mit Erfahrungen der Diakonie zu tun: Es ist das Zeugnis der glaubwürdigen Tat, im evolutionsbiologischen Jargon das “Glaubwürdigkeit steigernde” oder auch einfach “ehrliche Signal” [H. Jospeh 2009]. Menschen schließen sich häufiger den Gemeinschaften an, in denen ein Zusammenhang zwischen gepredigten Ansprüchen und Taten hin zu Verbindlichkeit, Gegegnseitigkeit und, ja, Liebe erkennbar ist. […] Und evolutionär ist das mehr als schlüssig, schließlich gehen wir alle auf Vorfahren zurück, die über viele tausende Generationen hinweg ausreichend richtige Entscheidungen getroffen haben. […] Ja, mit Egoismus, Aggression und Betrug haben Menschen zu kämpfen, noch bevor sie Menschen wurden. Aber nur jene, denen es dennoch immer wieder gelang, auch lebensförderliche Gemeinschaften zu errichten und zu erhalten, gehören zu unseren Vorfahren” (Michael Blume 2012; S. 288, 288, 289).

Diakonie – in einem recht weiten Verständnis – hat den Menschen erst zu dem werden lassen, was er ist. Gerade die Sorge auch für diejenigen Menschen, die für Clan, Sippe oder Kollektiv streng genommen gar keinen Nutzen mehr aufwiesen (wie z.B. alte Kranke), wird wohl ein Grund gewesen sein, sich eben zu diesen Gemeinschaften zu halten. Und von Menschen aus diesen Gemeinschaften stammen wir ab.

Evolutionswissenschaftlich gesehen ist Diakonie in uns angelegt (ob wir dies als Diakonie interpretieren und dann auch so benennen, ist noch einmal eine andere Frage). Ich muss gestehen: Das gefällt mir.

Michael Blume: Pflege und Religiosität in der Naturgeschichte des Menschen, in: Stockmeier/Giebel/Lubatsch (Hg.): Geistesgegenwärtig pflegen, Band 1, Neukirchen-Vluyn 2012, 283-293. Michael Blume stellt seinen Artikel auch als PDF zur Verfügung.

Vom teuren und vom billigen Teilen

In Diakonie und Kirche hat das Motiv des Teilens eine große Bedeutung. Das klassischste aller klassischen Beispiele ist natürlich Martin von Tours, wie er seinen Mantel mit einem Armen teilt. Das Wesentliche an dieser Art des Teilens ist: Das, was der eine hat, hat der andere nicht mehr. Theoretisch gesprochen: Der Mantel ist ein rivales Gut. Es hat sich verzehrt, vermindert – und das ist der Preis des Teilens. Teilen kostet.

Es gibt noch eine andere Variante des Teilens. Sie ist ein Bestandteil der Ein-Klick-Beteiligungs-Trias „Gefällt mir – Kommentieren – Teilen“. Teilen meint hier Verbreiten, und das bedeutet nichts anderes als Vervielfältigen. Mathematisch gesprochen geht es also ums Multiplizieren, das Manteilteilen ist hingegen Dividieren. Zwei völlig verschiedene Arten des Teilens also: Manches verzehrt sich durchs Teilen, Anderes vermehrt sich durchs Teilen.

Kester Brewin hält das Teilen, das einen nichts kostet, für eine verarmte Art des Teilens. Interessanter Gedanke.

„But there’s a sense in which this sort of sharing does not cost me anything. And actually, that’s an impoverished view of what sharing should be about.

In the traditional sense, sharing has also been about hospitality. If I share my food with someone hungry, then that is rivalrous sharing, and that actually costs something. If I share my wealth, my property, my time – these are all things that are costly“ (Kester Brewin).

Das heißt nun nicht, dass nur teures Teilen gutes Teilen ist. Aber billiges Teilen allein ist schon etwas armseelig. Das, was dabei verloren geht, ist die Dimension von Gastfreundschaft (hospitality).