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Was ist Diakonie? (#10)

Im diakonischen Bereich wird oft erwähnt, dass die Diakonie zwei wichtige Funktionen erbringe, nämlich Dienstleistung und Anwaltschaft – also das Anbieten sozialer Dienstleistungen und das anwaltschaftliche Eintreten für die Rechte Marginalisierter. Doch beschreibt diese Doppelfunktion wirklich hinreichend das Spektrum diakonischen Handelns? Fehlt da nicht was?

Das Funktionen-Doppel von Dientsleistung und Anwaltschaft trifft es in meinen Augen nicht so richtig. Dabei geht es mir gar nicht darum, dass beide Funktionen gerne und oft kritisiert werden – das Erbringen diakonischer Dienstleistungen führt unweigerlich zu der Kritik, dass die Diakonie eh nur das tue, was sie bezahlt bekomme und der Anwaltschaftlichkeit wird vorgeworfen, dass sie vor allem Eigeninteressen des Trägers diene; zudem müsse man fragen, woher eigentlich das Mandat zum anwaltlichen Tätigsein komme, es handele sich viel eher um ein „angemaßtes Mandat“.

Ich finde an dieser Doppelfunktion vor allem schwierig, dass sie de facto zu einem Dualismus wird: einerseits gibt es da die durchökonomisierte Dienstleistungserbringung, andererseits das gesellschaftspolitische „anwaltschaftliche“ Engagement der Diakonie, das gern als die „eigentliche“ diakonische Aufgabe angesehen wird. Die Anwaltsfunktion wird so zu einer Chiffre für all das Gute, Wahre und Schöne der Diakonie – bleibt damit allerdings auch diffus. Die (gesellschafts-)politische Funktion der Diakonie ist aber breiter und facettenreicher, als es der Begriff „Anwaltschaftlichkeit“ hergibt.

Anwaltschaftlichkeit muss daher meines Erachtens präzisiert werden. Zum einen spreche ich lieber von Interessenvertretung, das kommt mit etwas weniger Pathos daher. Und zum anderen braucht es über das Eintreten für die Interessen bestimmter Gruppen hinaus auch noch eine gesamtgesellschaftliche Funktion: das Bemühen um eine solidarische und gerechte Gesellschaft im Ganzen. Daher gefällt mir auch die Trias gut, die die Caritas immer wieder nutzt, um ihr Selbstverständnis zu beschreiben: Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter.

Die Solidaritätsstiftung explizit als dritte Funktion zu bennen, finde ich sehr einleuchtend. Zum einen schon allein deshalb, weil Dreiermodelle grundsätzlich mehr Eleganz haben als Zweiermodelle (bzw. de facto-Dualismen). Zum anderen aber auch, weil es eben einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Anwaltschaftlichkeit/Interessenvertretung und Solidaritätsstiftung gibt. Er liegt in dem, worauf sich diese beiden Funktionen beziehen: Bei Anwaltschaft/Interessenvertretung geht es immer um die Durchsetzung von Partikularinteressen, bei der Solidaritätsstiftung um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es sind zwei verschiedene Bezugspunkte.

Doch in meinen Augen fehlt da immer noch etwas. Es gibt es noch eine weitere, vierte Funktion, die bisher in der Reflexion über die Diakonie bisher kaum auftaucht: die Funktion des Gemeinschaftsbilders.

Der Begriff der Gemeinschaft ist manchmal etwas romantisch aufgeladen und gerade in kirchlichen und diakonischen Szenen hat er hin und wieder etwas merkwürdige Konnotationen – mir ist daher eigentlich der englische Begriff der Community etwas lieber, denn es geht um die ganze Breite dessen, was „Community“ sein kann: Gemeinschaften, Gemeinden, Gemeinwesen, aber auch Szenen oder Netze.

Die Funktion des Gemeinschaftsbilders / des Community-Buildings ist noch nicht durch die anderen drei Funktionen abgedeckt. Und in meinen Augen ist sie auch gerade für die Diakonie wesentlich. Die Diakonie hat eben auch die Funktion, zu verbinden und zu vernetzen, Sozialkapital aufzubauen und Zugehörigkeiten zu ermöglichen. Es geht um angemessene und gelingende Formen von Vergemeinschaftung, es geht darum, „Communities“ (mit) zu ermöglichen, (mit) zu pflegen, und (mit) zu entwickeln. Die Zugehörigkeiten zu „Communities“ und das Eingebundensein in ihnen ist eben nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern hat einen Wert in sich – sowohl für den Einzelnen, wie für die Gesellschaft im Ganzen.

Interessant finde ich, dass ich auf die Funktion des Communty-Buildungs ja bereits in der Bratislava-Erklärung gestoßen bin (…wenn ich es recht sehe, ist diese auf osteuropäischen Erfahrungen aufbauende Erklärung bei uns völlig unbekannt – was schade ist!). Und in einem Blogbeitrag von Brigitte Reiser habe ich den Hinweis auf eine etwas anders formulierte Funktionen-Trias von Nonprofitorganisationen gefunden, die ebenfalls die Community-Dimension als grundlegend ansieht. Auch in Reisers erweitertem Modell (sie führt Beteiligung/Partizipation als vierte Dimension ein), bleibt die Community-Funktion selbstverständlich bestehen.

Gerade für die Diakonie ist die Gemeinschaftsfunktion im Grunde nicht neu (man denke nur an die Anstalten, Häuser und Wohngruppen, an Kommunitäten, Basisgemeinschaften und diakonische Gemeinschaften, aber auch an das (zaghafte) Experimentieren mit Genossenschaften. Als das war schon immer nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein Grundanliegen der Diakonie, deshalb erstaunt es mich ein wenig, dass ein Community-Buildung bisher nicht als eigenständige Grundfunktion von Diakonie diskutiert wird.

Man könnte auch einmal darüber nachdenken, ob nicht gerade die konfessionellen Wohlfartsverbände ein besonderes Interesse an der Community-Funktion haben müssten. Zum einen ist das Christentum keine individuelle Erlösungsreligion, sondern eine auf Gemeinschaft angelegte Religion, und zum anderen ist die ganze Kirchen- und Diakoniegeschichte ja voll von Erfahrungen und Experimenten mit Sozialformen – erfolgreichen und gescheiterten.

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Diakonie ist nicht nur Dienstleister, Anwalt und (nicht zu vergessen!) Solidaritätsstifter, sondern auch Gemeinschaftsbilder.

„Neue Gemeindeformen“ und ihre Bedeutung für die Diakonie

Die aktuelle Ausgabe 1/2013 der Zeitschrift “Praktische Theologie” hat den Schwerpunkt “Neue Formen von Gemeinde”. Ich zähle nun nicht zu den Insidern der Gemeinde-Entwicklung, aber mir scheint es doch gegenwärtig ein gewisses Interesse daran zu geben, wie und was Gemeinde sein kann. Also ein sehr aktuelles Thema. Und – ist das nun erstaunlich oder ist es das nicht? – ein äußerst ergiebiges Thema für diakonische Entdeckungen.

Lange Zeit schien das Thema “Gemeinde” vom Tisch zu sein. Kirche organisiert sich halt in Gemeinden, aber wer innovativ sein will, der sollte sich dann doch lieber von der Gemeinde fernhalten. Innovation ist woanders. Das fordert natürlich auch eine Gegenbewegung heraus, bei der alles daran gesetzt wird, dass Gemeinde so innovativ wie möglich daherkommt. Bevorzugte Vokal ist dabei “frisch” (und weil das so altbacken klingt, nennt man es lieber “fresh”).

Das Positive an dem Schwerpunktheft der Praktischen Theologie ist in meinen Augen, dass man sich nicht von den euphemistischen, aber letztlich doch inhaltlich unbestimmten Schlagworten “alternativer” oder “fresh”er Ansätze leiten lässt. Sondern es geht um die nüchtern klingende, aber äußerst spannende Grundfrage: Wie funktioniert eigentliche (christliche) Vergemeinschaftung? Dazu werden sieben Gemeinden vorgestellt. Diese sind:

Die Schilderungen der Gemeinde(forme)n sind anregend zu lesen und es lohnt sich, über die anschließenden systematisierenden Überlegungen von Ralph Kunz und Uta Pohl-Patalong nachzusinnen. Zwei Gedanken gingen mir dabei immer wieder durch den Kopf:

Die Frage nach der diakonischen Dimension der (neuen) Gemeindeformen

Kunz und Pohl-Patalong betonen, dass die vorgestellten Gemeinden deutliche diakonische Bezüge haben – seien sie explizit oder implizit:

“Auffallend häufig finden sich bei den vorgestellten Gemeindemodellen ein gesellschaftliches Engagement in Solidarität mit benachteiligten Menschen. Die St. Lukas-Kirche in Gelsenkirchen und die Mitenand-Arbeit in Basel leben von diesem Motiv, aber es findet sich bei allen anderen in unterschiedlicher Weise, sei es als sozialdiakonisches Arbeitsfeld ‘Haltestelle LUX’, das sozial benachteiligte Jugendliche fördert, sei es als Auseinandersetung mit gesellschaftlichen Fragen wie in der Stadtkirche Dortmund oder als Forum für die aktuellen Fragen im Stadtteil wie im Ökumenischen Forum HafenCity, sei es als konkrete diakonische Arbeit im Quartier in der Gellertkirche Basel” (Kunz/Pohl-Patalong, S. 34).

Für Kunz und Pohl-Patalong weisen diese neuen Gemeindeformen “neue Mischungen von Sozialität, Spiritualität und Solidarität” auf (S. 35). Das Mischungsverhältnis der sozialen, spirituellen und solidarischen Dimension macht dann den Charakter der Gemeinde aus. Und ich mag mich täuschen, aber mir scheint, dass sich bei den Diskursen rund um das Diakonische der Kirche im Laufe der Jahre der Klang geändert hat. Ein gewisses Pathos, das oft mit diakonischer Arbeit einherging (etwa: Diakonie als Gerechtigkeitsarbeit, die nicht nur gegen den Kapitalismus, sondern auch noch gegen die Kirche kämpfen muss), verebbt zunehmend. Ein neues Interesse an Spiritualität, Kontemplation oder Liturgie scheint gerade nicht – wie in der diakonischen Szene oft befürchtet – die Diakonie zu verdrängen. Sie wird im Gegenteil neu entdeckt; etwas unaufgeregter, aber mit durchaus radikalem Potenzial.

Vielleicht ist das aber auch eine etwas überschießende Interpretation von mir, mag sein…

Und andersrum: Die Frage nach der Gemeinschaftsdimension in der Diakonie

Es ging mir aber noch etwas Zweites durch den Kopf. Die Frage nach angemessenen Sozialformen und die Erkenntnisse der beschriebenen Vergemeinschaftungsprozesse sind auch für die Diakonie in ihrer institutionalisierten Variante spannend.

Meine These – die ich in Vorträgen schon gelegentlich betont, aber hier im Blog noch nicht dargestellt habe (wird nachgeholt!) – ist, dass Diakonie vier Grundfunktionen hat. Und damit eine mehr als das gängige Dreier-Modell mit Dienstleistung, Interessensvertretung (oft als „Anwaltschaftlichkeit“ bezeichnet) und Solidaritätsstiftung. Die vierte Funktion ist die der Gemeinschaftsbildung. Für mich ist auch die Pflege von Sozialkapital, die Beheimatung in kleineren und größeren Kollektiven, das Bemühen ums Dazuzugehören oder das Aufbauen von Netzwerken eine Grundfunktion der Diakonie.

Dazu gehört auch das Suchen und Ausprobieren von immer wieder neuen, angemessenen Sozialformen und das Wahrnehmen und Reflektieren von Vergemeinschaftungsprozessen. Auch deshalb sind die 7 + 1 Artikel dieser PrTh-Ausgabeauch für die Diakonie interessant.

Um die Dortmunder Stadtkirche St. Petri bildet sich eine eigene Szene, in der es immer wieder zur der überraschend-irritierenden Erkenntnis kommt, dass man in St. Petri gar nicht eintreten kann – denn rechtlich ist sie eben gar keine eigenständige Gemeinde. Weil man aber gerne irgendwo eintreten möchte, gründet man halt einen Förderverein. Auch um die Hamburger Kirche der Stille gruppiert sich eine Szene. Gemeinschaft wird gesucht, aber der Begriff „Gemeinde“ wird vermieden – zu viele negative Konnotationen schwingen mit. Die Alternative lautet dann „spirituelles Zuhause“. Bei der Jugendkirche LUX geht es um Beziehungen in Teams und Kleingruppen, die zusammen ein Netzwerk bilden. Dies führt zur Nutzung des „Community“-Begriffs, der sowohl das soziale Phänomen als auch dessen theologische Deutung aufnimmt. Die gemeinwesendiakonisch ausgerichtete Lukas-Gemeinde in Gelsenkirchen orientiert sich an „gelebter Nachbarschaft“; das Verhältnis der Sozialformen „Gemeinde“ und „Gemeinwesen“ wird mit „Nachbarschaft“ auf den Punkt gebracht. Auch das Ökumenische Forum HafenCity knüpft an die Idee eines Nachbarschafts- bzw. Begegnungsortes an, gemeinschaftliche Dynamik entfaltet sich zudem durch eine Kommunität und eine Hausgemeinschaft. Die missionarisch ausgerichtet und von Willow Creek geprägte Gellertkirche in Basel besteht aus einem Geflecht von über hundert (!) verschiedenen Kleingruppen; die zwei zentralen Gottesdiensten haben für landeskirchliche Verhältnisse Großveranstaltungscharakter. Und wiederum ganz andere Sozialformen bilden sich in der vor allem von Migrant/innen getragenen Mitenand-Bewegung in Basel. Eine Arbeit, die entdeckt hat, dass inklusive Ideen unter erschwerten Bedingungen möglich werden können, wo integrative Ansätze eben nicht möglich sind. Besondere Formate sind ein babel-artiger Gottesdienst ohne gemeinsame Sprache, ein sonntäglicher Begegnungsraum und eine eigene Art von Gemeindefreizeit.

Diakonie war immer wieder dann innovativ, wenn sie das Potenzial bestimmter Community-Arten entdeckt hat und zum wesentlichen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht hat: Kommunität, Verein, Anstalt, Haus(-Familie), Wohngruppe, vereinzelt auch die Genossenschaft oder die Hausgemeinschaft, neuerdings die Nachbarschaft. Unter diesem Gesichtsprunkt birgt eine Debatte um neue Gemeindeformen durchaus auch noch Einiges an Potenzial für die Diakonie.

Gemeinwensenorientierte Ansätze werden hierbei eine wichtige Rolle spielen, das liegt ja bereits auf der Hand. Das Geflecht aus Zellen, Clustern und Netzen (wie in missionarischen oder in jugendkulturellen Gemeinden) könnte gerade für das Gelingen von Teilhabeprozesse eine entscheidende Bedeutung haben (wird meines Wissens aber unter „diakonischer“ Perspektive noch nicht bedacht). Das Phänomen, dass sich sogar in eher losen Szenen Wünsche nach formaler Zugehörigkeit entwickeln, ist vor allem für diakonische Gemeinschaften interessant. Die meines Erachtens wichtigste Brutstätte diakonisch relevanter Sozialformen sind die Migrantengemeinden. Nicht aus einer falsch verstandenen naiven Romantik heraus, sondern weil sie Integrations- und Inklusionsbemühungen noch einmal gegen den Strich bürsten.

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Neue Gemeindeformen haben deutlich diakonische Dimensionen. Und die Diakonie braucht als Gemeinschafts-Bilder den Diskurs um neue Sozialformen.

Inklusionslust

Das Thema Inklusion ist nicht nur in der Diakonie seit einigen Jahren ein Dauerbrenner, es ist mittlerweile auch in der Kirche „in“. Man muss nur einen Blick in die praktisch-theologische Literatur werfen: Johannes Eurich und Andreas Lob-Hüdepohl geben seit 2011 die Reihe Behinderung – Theologie – Kirche bei Kohlhammer heraus, als erster Band erschien Inklusive Kirche. Die Pastoraltheologie hat im März 2012 ein Heft zur Inklusion veröffentlicht, ebenso die Praktische Theologie mit ihrer Ausgabe 03/2012. Jüngst hat Chrismon Rheinland das Themenheft Debatte veröffentlicht, sozusagen als „Futter“ für die rheinische Synode 2013, die hier ihren inhaltlichen Schwerpunkt setzt. Es gibt noch etliche weitere Beispiele, die genannt werden können.

Aber nicht nur Theologie und Kirchenleitung beschäftigen sich mit Inklusion. Auch in den Kirchengemeinden kommt die Inklusionsdebatte an. Ich hatte in letzter Zeit öfter Kontakt mit Menschen aus sehr verschiedenen Gemeinden und ich habe immer wieder gestaunt, dort auf dieses Thema angesprochen zu werden. Meine subjektiven Beobachungen sind zwar nicht verallgemeinerbar, aber allein dass das der Begriff „Inklusion“ überhaupt bekannt ist (man muss sich klar machen, dass es nach wie vor ein Fachwort ist) und es als wichtiges kirchliches Thema identifiziert wird, hat mich positiv überrascht. Denn man muss realistischer Weise bedenken, dass viele Debatten, von denen man meint, dass sie für Kirchengemeinden wichtig seien, nicht unbedingt bis dorthin vordringen. Vieles, was Kirchenleitung, akademische Theologie oder Sozialwissenschaften gerne in den Gemeinden diskutiert sehen würden, findet dort keinen Widerhall. Daher sollte man hier einfach einmal anerkennend feststellen: Inklusion ist ein Thema, das in irgendeiner Art und Weise in Gemeinden resonanzfähig ist.

Woran mag das liegen? Vor circa 30 Jahren hat der Theologe Ulrich Bach für diese Ideen gekämpft, damals noch nicht unter dem Begriff Inklusion und auch mit einem sehr deutlichen Fokus auf der Integration von Menschen mit Behinderung in das Gemeindeleben. Und traurig, aber wahr: Ulrich Bach ist damit gescheitert. Seine Ideen fielen bei Kirchenleitungen und in Kirchengemeinden nicht auf fruchtbaren Boden – auch wenn ihm immer wieder bestätigt wurde, wie recht er damit doch habe. Schaut man sich Bachs Veröffentlichungstitel an, merkt man, dass er zunehmend verbitterter wurde.

Nun ist das Thema nicht kleiner und konkreter geworden (und damit leichter zu packen und besser umzusetzen) – im Gegenteil, es ist umfassender und zum Teil auch diffuser geworden. Und trotzdem setzt auf einmal eine Inklusionslust ein.

Was ist passiert? Einige Jahrzehnte sind vergangen: Die Gesellschaft hat sich verändert, der Fachdiskurs ist weitergegangen, die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde veröffentlicht, und die Inklusionsidee konnte auf Vorläuferkonzepten aufbauen und diese weiterentwickeln. Ohne Normalisierungs- und Integrationsbestrebungen wäre die Inklusions-Idee vielleicht nicht da, wo sie jetzt ist. (Deshalb finde ich es auch immer sehr befremdlich, wenn auf vorausgehende pädagogische Konzepte draufgehauen wird, um so Inklusion im besseren Licht erscheinen zu lassen. Die aus heutiger Perspektive oft als defizitär erscheinenden Ansätze haben viel geleistet: nämlich den Boden beackert und das Feld bestellt. Wenn daher in der Anzeigenkampagne der Aktion Mensch Integration und Exklusion zu Illustrationszwecken auf dieselbe Stufe gestellt werden, um Inklusion von beidem abzuheben, dann finde ich das eine bodenlose Frechheit. Exkurs Ende).

Und was wohl auch zutrifft: Die Gesellschaft ist politisch korrekter geworden. Man kann einfach nicht gegen Inklusion sein. An dieser Stelle befremdet mich die Debatte um Inklusion aber auch immer wieder. Denn der Diskurs ist in meinen Augen äußerst euphemistisch angelegt, kritische Töne hört man selten. Die Angst, sich durch etwas Kritisches ins moralische Unrecht zu setzen, ist anscheinend groß.

Anders gesagt: Dafür sein kostet mich erst einmal nichts und ich zeige außerdem noch, dass ich einer von den Guten bin. Das ist aber leider wenig hilfreich. Wenn man nach der Rolle von Kirchengemeinden fragt, ist es daher vielleicht ganz sinnvoll, drei Ebenen zu unterscheiden: Die Ebene der Inklusions-Idee, die Ebene der Inklusions-Praxis und die des Inklusions-Diskurses.

Was können Kirchengemeinden nun tun?

Gemeinden haben zweierlei zu bieten: Die Kirche kann das Evangelium und die Inklusions-Idee miteinander in Beziehung bringen. Das liegt zum einen natürlich nahe, zum anderen sind da sicherlich auch noch Entdeckungen zu erwarten. Und die Kirchengemeinden können bei der Inklusions-Praxis herum experimentieren. Sie sind zu nichts verpflichtet, sondern können aus ihrem eigenen Antrieb Dinge ausprobieren, etwas besser machen, Erfahrungen sammeln. Das muss nicht gleich flächendeckend sein und es müssen auch keine Leuchtturmprojekte sein. Sondern einfach hier und da eine Idee gut umsetzen.

Beides ist sehr viel wert. Sich in der Inklusions-Debatte zu verausgaben ist hingegen nicht nötig. Kirchliche Resolutionen oder Bekenntnisse zur Inklusion verändern nichts. Und hat irgendjemand überhaupt noch den Überblick, wozu oder wogegen sich die Kirche in den letzten 50 Jahren alles bekannt hat!?

Zurück zur Praxis. Was sollte man bedenken, wenn man das Thema anpacken will? Vier kurze Hinweise:

  • Die Inklusionsidee sollte nicht auf das Thema Behinderung begrenzt werden. In diakonischen Einrichtugen ist dies hingegen oft der Fall, Kirchengemeinden sollten sich meiner Meinung nach an einem weiten Inklusionsverständnis orientieren.
  • Man sollte sich den Tendenzen verwehren, einer political correctness anheim zu fallen. Sobald p.c. um sich greift, ist die gute Idee verloren. Denn dann setzen Denkverbote ein. Wenn beispielsweise Kirchengemeinden bei dem Thema unbehaglich zu Mute ist (warum auch immer), dann sollen sie das sagen dürfen. Vielleicht haben sie etwas Wichtiges mitzuteilen.
  • Inklusion ist etwas Strukturelles bzw. eine Haltung, eine Kultur. Inklusion bedeutet nicht, Hilfsangebote für andere zu machen. Die Wahrnehmung muss entdiakonisiert werden.
  • Und das bedeutet schließlich: Nichts für andere machen, sondern füreinander machen. Und das geht nur miteinander. Will sagen: Inklusion bedeutet, mit der Beteiligung ernst zu machen.

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Die Inklusionsidee kommt in den Kirchengemeinden an und löst Resonanz aus. Jetzt sind gute Ideen gefragt, keine Resolutionen oder Denkverbote

Ein gemeinsames Drittes

Umso mehr ich über diakonisches Profil nachdenke, desto wichtiger wird mir eine Sache: Das Potenzial von kirchlichen und diakonischen Einrichtungen liegt darin, sich (wesentlich deutlicher) als Beteiligungsorganisationen zu verstehen. Diakonie und Kirche sind eben nicht nur Anbieter oder Dienstleister (das bleiben sie natürlich weiterhin), sondern sie sind vor allem Beteiliger. Für Kirchengemeinden bedeutet dies dann, ihre „Angebote“ daraufhin zu untersuchen, inwiefern sie Beteiligungsprozesse ermöglichen, für diakonische Einrichtungen gilt dies entsprechend für ihre „Maßnahmen“.

Wie kann das gelingen? Zunächst einige Überlegungen für Kirchengemeinden – für diakonische Einrichtungen sieht das etwas anders aus, dazu schreibe ich ein andernmal etwas.

Will man eine Kirchengemeinde im Sinne von Teilhabe oder Beteiligung diakonisch profilieren, lautet die zentrale Leitfrage eben nicht: Gibt es einen Hilfebedarf? Sondern: Gibt es eine „gemeinsames Drittes“? Das meint: Gibt es eine gemeinsame Identifikationsmöglichkeit, jenseits der üblichen Rollen, die Beteiligung überhaupt erst ermöglicht?

Wenn Gemeinden ihre diakonische Dimension stärken wollen, wird sehr schnell in den Kategorien von „Hilfe-Subjekten“ und „Hilfe-Objekten“ gedacht. Die Gemeinde als Diakonie-Subjekt sucht nach Hilfe-Objekten, denen sie ihre Hilfe zuteil werden lassen kann. Das Diakonische einer Gemeinde kann aber gerade darin liegen, die Menschen eben nicht so sehr durch das Suchraster der Hilfsbedürftigkeit zu betrachten. Kirchengemeinden sind keine Sozialagenturen oder Wohlfahrtsverteilstellen – sondern Gemeinden.

Es ist viel wert, wenn die gängigen Einteilungen in Helfende und Geholfenen, in (vermeintlich) Starke und (vermeintlich) Schwache, in Priviligierte und Benachteiligte, in „Bürgerliche“ und „Marginalisierte“ an einer Stelle nicht relevant sind. Oder sagen wir realistischer: wenn diese Einteilungen mal nicht ganz so bestimmend sind. Denn die genannten Dualismen sind wirkmächtig und lassen sich nicht so einfach überwinden. Sie werden zu einem gewissen Grad immer bestehen bleiben, selbst dann, wenn man dies nicht will. Einfaches Wegmachen funktioniert nicht, und schlicht zu behaupten, diese diese Einteilungen theologisch gar nicht bestehen, hilft auch nicht weiter (auch wenn es natürlich stimmt).

Das Gemeindeleben müsste so ausgerichtet sein, dass diese unheilvollen Unterscheidungen unrelevant werden, zumindest zu einem gewissen Grad. Wie soll das gehen? In dem man eben ein „gemeinsames Drittes“ sucht, also ein Etwas, das gemeinsame Identifikation stiften kann.

Als solches bietet sich natürlich der Wohnort an: Das gemeinsame Stadtviertel, die Nachbarschaft, das Dorf, wofür es sich gemeinsam zu engagieren gilt. Deshalb ja auch meine Vorliebe für die Gemeinwesendiakonie.

Ein ganz anderes „gemeinsames Drittes“ ist zum Beispiel Musik, und zwar in erster Linie das gemeinsame Musikmachen. Der Musikgeschmack, das Musikhören, trennt. (Nicht ohne Grund ist die Vorliebe für bestimmte Musikstile ein entscheidender Milieu-Indikator.) Gemeinsames Musizieren (ob vokal oder instrumental) ist etwas Anderes. Denn das eint.

Und ein wiederum ganz anders geartetes „gemeinsames Drittes“ wären geteilte spirituelle Bedürfnisse oder Fragen. Doch mir scheint, dass „Marginalisierte“ mit ihren religiöse Fragen kaum wahr- und ernst genommen werden. Sie werden schnell in die Schublade der Hilfsbedürftigkeit gesteckt, was bei vielen gemeindlich Engagierten oft gleichbedeutend ist mit materieller Hilfsbedürftigkeit. Und bevor die Nicht-Bürgerlichen einen Schritt in die Kirche machen können, werden sie schon von einem fürsorglich denkenden Gemeindemitglied in die Kleiderkammer im Gemeindehaus umgeleitet. Was sollten Arme denn auch sonst von der Kirche wollen? Das mag polemisch klingen, aber so ist es doch oft.

Natürlich gibt es noch etliche weitere „gemeinsame Dritte“. Das Entscheidende ist, dass sie die Möglichkeit zur Rollenidentifikation bieten, in meinen Beispielen also als Stadtteilbewohner, als Musizierende, als spirituell Interessierte – und erst darüber ergibt sich dann Beteiligung. Damit kann Teilhabe aus der karitativen Falle befreit werden.

Es lohnt sich, zunächst einmal in diese Richtung zu denken, wenn man eine Gemeinde diakonisch profilieren möchte.

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Kirchengemeinden sind keine Sozialagenturen – sondern Gemeinden. Gemeinsame Identifikation stiften ist besser als „helfen“

Das Zürcher Diakoniekonzept

Die reformierte Kirche im Kanton Zürich hat ihr neues Diakoniekonzept veröffentlicht. Ich kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen! (Hier gibt es das PDF).

Das Zürcher Diakonie-Konzept ist eine gut strukturierte und ansprechend gestaltete Orientierungshilfe für die Diakonie der Kirchengemeinden. Von Grundsatzfragen bis hin zu konkreten Reflexionshilfen bietet das Papier einen Rundumschlag zur Organisation der Gemeindediakonie, fundiert und substanziell. Beispielsweise ist mir bisher kaum solch ein erkenntnisreicher Schweinsgalopp durch die Diakoniegeschichte begegnet. Auch die vier diakonischen Arbeitsweisen sind zwar äußerst knapp, aber gut (S. 48). Respekt.

Mit Hilfe des Diakonie-Konzepts sollen Kirchengemeinden in die Lage versetzt werden, ihr eigenes Diakonieprofil zu entwickeln. Daher gefällt mir besonders, dass zunächste einmal einige wichtige Dimensionen geklärt werden. Die wesentlichen sind:

  • Rolle der Diakonie: Diakonie als Pionieren, als Stellvertreterin, als ergänzende Kraft (S. 35),
  • Aktionsradien: lokal, übergemeindlich, weltweit (S. 33-34),
  • Akteure: freiwillig Engagierte, Kirchenpfleger, Sozialdiakonat und Pfarramt (S. 49-51),
  • Zielgruppen: Menschen in vielfältigen Lebensformen, Jugendliche und junge Erwachsene, ältere Menschen und Hochbetagte (S. 29-31),
  • Kernthemen: Gesundheit und Wohlergehen, Existenz und Arbeit, Zugehörigkeit und Teilhabe (S. 37-41),
  • Kulturen: Kultur der Wertschätzung, Kultur der Gestaltung, Kultur der Gastfreundschaft (s. 37-41).

Als zentrales Tool wird eine „Zwölffeldertafel“ (S. 28) entwickelt, in der Zielgruppen, Kernthemen, Kukturen und Aktionsradien zusammengefasst werden. Das überzeugt mich allerdings nicht so ganz, denn die Matrix wirkt doch recht konstruiert (als Konzept gut, aber als Reflexionstool scheint sie mir dann überfrachtet).

Das Thema Teilhabe müsste meiner Meinung nach wesentlich stärker ausgearbeitet werden: Wie steht es um die Teilhabegerechtigkeit in der Schweiz? Welche Teilhabemöglichkeiten bieten Kirchengemeinden? Vielleicht wirkt sich auf die Formulierung solch eines Konzeptes dann ja doch aus, dass wir uns in einer der reichsten Regionen Europas befinden…?!

Dafür hat das Zürcher Papier an einer anderen Stelle deutliche Stärken: Diakonie wird in dem Papier als kirchliches Handlungsfeld verstanden, das sich strategisch ausrichtet und sich nicht über moralinsauren Aktionismus behauptet. Gerade das ist wichtig, um innerkirchlich auch tatsächlich ernstgenommen zu werden. Ein Weltretter- und Wir-sind-die-Guten-Image, das sich bemerkenswert häufig in diakonischen Positionspapieren wiederfindet (natürlich nicht offensichtlich, aber doch als wahrnehmbarer Subtext), macht Diakonie eher lächerlich. Das Zürcher Papier ist dagegen frei von  Betroffenheitspathos. Dafür bietet es aber einen sehr konkreten Vorschlag zum Umfang von Personalstellen (S. 56-58) und einen Ansatz zur Verhältnisbestimmung von Pfarramt und Sozialdiakonat (S. 52).

Davon kann man sich eine Scheibe abschneiden!

Was ist Diakonie? (#9)

Ein weiterer Impuls, um zu beschreiben, was Diakonie im Kern ausmacht: Ich bin auf eine Formulierung von Gerhard K. Schäfer gestoßen, die ich so vorher noch nicht gehört habe und die mir sehr gefällt. Es geht dabei ums (Gemeinde-)Wachstum – aber etwas gegen den Strich gebürstet.

In der evangelischen Kirche wird seit einigen Jahren gerne von „wachsenden Gemeinden“ gesprochen, auch die Wendung „Wachsen gegen den Trend“ ist recht beliebt. Ein Grund dafür ist sicherlich die gleichnamige Studie von Wilfried Härle, in der Härle und Mitarbeiter/innen Gemeinden untersuchen, „mit denen es aufwärts geht“ (so der Untertitel). Nach der Lektüre das Bandes drängt sich der Schluss auf, dass hauptsächlich die mehr oder weniger gut bürgerlichen Mittelschichtsgemeinden Wachstumspotenzial haben (sollte man sich also hierauf konzentrieren und sich lieber gleich von armutsorientierter Gemeindearbeit verabschieden, die zudem auch noch „Unruhe“ ins Gemeindeleben bringt?). Gerhard K. Schäfer kommt zu dem Schluss, dass der Band in diakonischer Hinsicht „ziemlich ernüchternd“ sei.

Und er führt weiter aus:

„Diakonische Initiativen scheinen nicht dazu zu führen, dass Gemeinden gegen den Trend wachsen und dass es mit ihnen aufwärts geht. Vielleicht geht es aber auch bei diakonischen Prozessen nicht primär darum, gegen den Trend zu wachsen. Und durch Diakonie geht es in der Tat nicht in erster Linie aufwärts, sondern seitwärts, zu den Rändern, und in einem qualifizierten Sinne nach unten. Aber gerade so eröffnen sich Perspektiven auftragsorientierter Gemeindearbeit.“ (Gerhard K. Schäfer, Pilotprojekt: GemeindeSchwester. Gesichtspunkte und Impulse,  Fachtag Gemeindeschwester, Manuskript, 26.05.2012, S. 6).

Also seitwärts wachsen. Zu den Rändern hin wachsen. Das kann durchaus zu mehr „Tiefe“ im Gemeindeleben führen – auch so könnte man vielleicht ein „qualifiziertes nach unten Wachsen“ verstehen. Das klingt erstmal nach Sprachspielereien, aber das ist es nicht nur. Denn ich höre immer wieder von Menschen aus diakonisch engagierten Gemeinden, dass das Gemeindeleben intensiver wurde, wenn man sich auf Armuts- und Marginalisierungserfahrungen einlässt.

Was ist Diakonie? Seitwärts wachsen. Zu den Rändern hin.

Ich finde das nicht nur eine schöne Formulierung, es kann auch einen neuen Horizont eröffnen.

Spiritualität der Stadt (1): Stadtgebet

Der Beginn einer kleinen Serie zu Aspekten urbaner Spritualität. In der letzten Zeit bin ich auf einige konkrete Ansätze gestoßen, die man alle unter dem Titel „Spiritualität der Stadt“ zusammenfassen könnte. Und all diese Ideen sind interesanter Weise deutlich diakonisch grundiert (jedenfalls in meinen Augen). Deshalb möchte ich sie in loser Reihenfolge vorstellen. Ich beginne mit der Idee des Stadtgebets, ein „wöchentliches Tagezeitengebet“ mit Stadt-Bezug samt städtischer Gebetsgemeinschft.

Ich habe es durch Zufall entdeckt: Stadtgebet – Ermutigung zu einer neuen Gebetsform, von Hans-Heinz Riepe, mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich.

Das Stadtgebet ist ein halbstündiges, wöchentliches Abendgebt (samstags 18:30), mit einer klaren, einfachen Form.

„Themen, Probleme, freudige oder traurige Anlässe und Anliegen der Menschen sollen im „Stadtgebet“ nicht diskutiert, sondern im Gebet vor Gott gebracht werden.“ (S. 19)

Jedes Stadtgebet steht unter einem Thema, das einen Ortsbezug hat. Die Form erinnert mich ein bisschen an das Politische Nachtgebet, aber das Stadtgebet bezieht sich in erster Linie auf die konkreten Anliegen der Menschen vor Ort und scheint mir stärker liturgisch ausgerichtet zu sein.

Dieses Buch gibt die Erfahrungen mit einer neuen Form der Tagzeitenliturgie wieder. „Neu'“an dieser Form sind nicht die einzelnen Elemente (…). Das „neu“ bezieht sich zunächst einmal auf unsere Stadt und dann auch auf den spezifischen Aspekt des „Stadt“gebets. Reizvoll neu waren unsere Erfahrungen mit dem „Sitz im Leben“, den dieses Gebt für die Stadt und in der Stadt hat. Dass ein Gebet Veränderungen in den Gemeinden auslöst und Auswirkungen bis in die Öffentlichkeit unseres Gemeinwesens hinein hat, war bisher jedenfalls keine alltägliche Erfahrung. (…) Ganz aus dem Evangelium und ganz aus der Situation heraus zu beten ist das Anliegen, gemäß der Aufforderung beim Propheten Jeremia (29,7): „Suchet der Stadt Bestes, in die ich euch geführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt auch euer Wohl“ (S. 7).

Das „Stadtgebet“ greift die Tradition des Tagzeitengebets auf, freilich als wöchentliches, nicht als tägliches Gebet. Hans-Heinz Riepe schildert daher in seinem Buch auch einen Aspekt, der für das praktische Gelingen wie für das theologische Verständnis einer solchen Gebetsform wichtig ist:

Da wir hier keine Klostergemeinschaft haben, die den Kern der Betenden stellen könnte, müssen wir in Schwerte eine „Gebetsgemeinschaft Stadtgebet“ neu gründen. Sie soll sicherstellen, dass an jedem Samstagabend das Stadtgebet stattfinden kann. Konkret gesprochen müssten, damit an 50 Samstagen im Jahr jeweils 20 Beter versammelt sind, sich mindestens 250 Gemeindemitglieder verpflichten, 4mal im Laufe des Jahres am Stadtgebet teilzunehmen. Nur wenn die Zahl erreicht wird, macht es Sinn, mit dem Gebet überhaupt zu beginnen, da es sich sonst nach allen Erfahrungen nichtz durchträgt (S. 19).

Mir gefällt das sehr. Und zwar deshalb, weil hier zwei gute Ideen zusammenkommen und beide ernst genommen werden: lokaler Bezug bzw. urbaner Kontext und liturgisch klare Form, inklusive Gebetsgemeinschaft.

Solch eine Gebetsform kann eine Bereicherung für gemeinwesendiakonische Ansätze sein. Und umgekehrt: Gemeinwesendiakonisches Engagement bereichert solch eine liturgische Form durch die Kenntnis der konkreten Anliegen des Ortes. Eine nicht zu lang dauerende und klare Form bietet zudem die Chance, dass Menschen, die bisher wenig oder keine kirchlichen Bezüge haben, Kirche und Gebet (neu) entdecken können.