Archiv der Kategorie: Kirchengemeinde

Handbuch Ehrenamt

Die Diakonie in Düsseldorf hat ihr umfangreiches Ehrenamtshandbuch überarbeitet und in der nun dritten Auflage herausgegeben. Es will Leitfaden, Standardbeschreibung und Nachschlagewerk sein (S. 5). und wird diesem Anspruch mehr als gerecht. Die Autorin Ursula Wolter hat (gemeinsam mit ihren Co-Autoren) eine Arbeitshilfe der Premiumklasse vorgelegt.

13 Schritte eines Freiwilligenmanagements werden vorgestellt – von „Aufgaben beschreiben“ über „begleiten und beraten“ bis zum „Abschied nehmen“ – und mit einer Vielzahl hilfreicher Modelle unterfüttert. Neben all den Klassikern zu Gruppenphasen, Konfliktmodellen oder Typen von Ehrenamtlichen finden sich in dem Handbuch auch Gesprächsleitfäden zu den verschiedensten Anlässen, ein Zehn-Minuten-Qualitäts-Test und zahlreiche Checklisten.

Das Besondere dieses Handbuchs ist aber, dass es sich direkt auf das Ehrenamt in Kirche und Diakonie bezieht. Das geschieht überaus gekonnt. So findet sich in diesem Handbuch auch Einiges, was über die Vielzahl an Arbeitshilfen zu diesem Thema hinausgeht. Ein eigenes Kapitel zum Ehrenamt in Kirche und Diakonie (S. 84-90), Praxisbeispiele für den diakonischen und den kirchlichen Teil (S. 92-102, S. 93-107), Reflexionen zur spirituellen Dimension ehrenamtlichen Engagements (S. 35ff, S. 86f, S. 90).

Einige Abschnitte beziehen sich direkt auf die Düsseldorfer Situation, es ist aber trotzdem eine durch und durch universell einsetzbare Arbeitshilfe. Interessant ist zum Beispiel der Abschnitt „Initiativen unter dem Dach eines Wohlfahrtsverbands“ (S. 65-66):

„Als Verband der Wohlfahrtspflege schafft die Diakonie Düsseldorf fortlaufend unterschiedliche Zugangswege zum Ehrenamt. Wie das Freiwilligenmanagement ehrenamtliches Engagement ermöglicht, ist hinreichend beschrieben worden, nicht aber, wie es sich mit dem Engagement verhält, das Bürgerinnen und Bürger unaufgefordert anbieten, weil sie einen Bedarf im Gemeinwesen sehen. Dazu entwickelt die Diakonie Düsseldorf Konzepte und begleitende Strukturen, wie eine engagierte Gruppe oder eine Initiative in einen Wohlfahrtsverband integriert oder mit ihm assoziiert werden kann und wie solche Verbindungen mit den Fachkonzepten vereinbart werden können.“ (S. 65)

Und weil das Ganze aus dem Hause der Diakonie in Düsseldorf kommt, ist es auch noch äußerst ansprechend gestaltet.

Ursula Wolter: Ehrenamt. Das Qualitätshandbuch Freiwilligenmanagement am Beispiel Diakonie und Kirche, Diakonie Düsseldorf Verlag, 29,90 €.

Von fetten und von mageren Jahren

Die Politikwissenschaftler Frank Walter und Johanna Klatt haben eine Studie zum Engagement von Menschen mit wenig Geld und niedrigem Bildungsgrad vorgelegt: die Entbehrlichen der Bürgergesellschaft. Zivilgesellschaft und freiwilliges Engagement sind vor allem bürgerliche Programme, für unsere Gesellschaft ist es aber von großer Bedeutung, dass und wie sich Menschen, die nicht zu dieser Schicht zählen, engagieren.

Es gibt ein Interview, in dem die beiden Autoren ihre Thesen vorstellen. Ich will hier nur auf einen Aspekt eingehen. Der kommt im Video ab 12’40, die zentrale Aussage ist:

Die nächsten fünfzehn Jahre werden Partizipationsjahre. (13’33)

In den nächsten fünfzehn Jahren wird es also zu einem Boom an bürgerschaftlichem Engagement kommen. Diakonie und Kirche werden in diesem Fahrwasser mitschwimmen und es genießen, denn sie sind in großem Maße die Profiteure. Das ist gut, und das sollen sie auch. Die meiner Meinung nach wirklich spannende Frage ist dann allerdings:

Was kommt danach?

Was kommt nach diesen fünfzehn fetten Engagement-Jahren? Ein Abflauen an ehrenamtlichen Engagement wird besonders die treffen, die sich immer mehr auf diese Ressource eingestellt haben, also gerade auch Kirche und Diakonie. Staatliche Sozialtransfers werden weiter abgebaut sein, so dass ein Wegfallen der Engagement-Ressource die Diakonie noch stärker in die Opfer-Rolle treibt: „Keiner gibt uns etwas, dabei sind wir doch so wichtig!“ Die Kirche wird versuchen, besonders ihre Homebase der mittleren und oberen Mittelschicht und des Bildungsbürgertums zu verteidigen. Gerade wenn die Engagementpotenziale in diesem Segment geringer werden, wird es anspruchsvolle Programme geben, um die entsprechenden Leute zu binden.

Unter der Voraussetzung, dass Walter und Klatt recht haben, heißt es daher: Nutzt die nächsten fünfzehn fetten Jahre für die darauf folgenden mageren Jahre! Konkret: Engagament darf in den nächsten anderthalb Jahrzehnten nicht bloß als ein Nullsummenspiel betrachtet werden, nämlich in dem Sinne, dass das ehrenamtliche Engagement einfach die zurückgehenden finanziellen Mittel ersetzt. Dann würde diese Ressource bloß verkonsumiert werden. In den kommenden fetten Jahren muss vor allem in die „Ressource Engagement“ selbst investiert werden.

Was ist damit gemeint? Hier ein paar Gedanken von mir, sicherlich noch nicht alles zu Ende gedacht…:

Gerade die von Walter und Klatt angesporchenen „Entbehrlichen“ müssen in den Fokus der Engagement-Strategien rücken: Sie stellen das eigentliche Potenzial dar – wenn sie denn in der Lage sind, sich entsprechend zu engagieren. Genau das ist die künftige Agenda von Kirche und Diakonie: sich um diese Menschen kümmern und sie befähigen, sich engagieren zu können, und sie inspirieren, sich einbringen zu wollen, gerade auch zu ihrem eigenen Nutzen. Dazu passt gut die folgende Aussage:

Und insofern fehlen gerade so die großen integrativen Klammern, die also auch diejenigen von unten mitnehmen. Weil dazu brauchen Sie eine bestimmte Weltanschauung. (15’45)

Das ist ja wohl nicht nur ein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit dem ganzen Zaun: das geht nicht ohne eine Weltanschauung! Sich Engagieren wollen und können braucht Bilder, warum das gut und wichtig ist. Das Christentum hat diese Bilder (andere natürlich auch), bitteschön!

In meinen Augen heißt das, dass Kirchengemeinden viel stärker Menschen in das kirchliche Engagement einbinden, die in kirchlicher Logik sonst nur die Adressaten dieses Engagements sind. Und es heißt auch: Prioritäten setzen bei der Jugendarbeit, bei der Jugendarbeit und bei der Jugendarbeit. Da lernt man, sich zu engagieren. Die Erfahrungen, die man dort nicht gemacht hat, kann man nicht nachholen. Und diejenigen, die sich jetzt oder in den nächsten fünfzehn Jahren engagieren, sind allesamt Leute, die aus (kirchlicher oder nicht-kirchlicher) Jugendarbeit kommen. Kann ich jetzt gerade nicht belegen, aber ich meine, dass das stimmt.

Und die Diakonie? Was kann sie in den fetten Jahren tun, um die Engagament-Ressourcen grundlegend zu stärken? Sie muss sich selbst engagieren, nämlich für eine gesunde Zivilgesellschaft. Und dazu gehören vor allem Debatten, Diskurse und politische Partizipation. Diakonische Einrichtungen müssen zu Diskussionsrunden einladen, niederschwellige Bildungsangebote anbieten, komunalpolitisches Agenda-Setting betreiben, im Wahlkampf Stellung beziehen, mit Bürgerinitiativen kooperieren oder selbst welche (mit-)gründen, und so weiter und so weiter… Oder anders formuliert: Sie dürfen über den Customer Value ihrer Dienstleistungen nicht den Public Value ihres Auftrags vergessen. Diakonie darf eben nicht einfach nur zivilgesellschaftliche Ressourcen nutzen, sondern muss selbst in sie investieren.

Das klang jetzt ja alles sehr nach dem „Wort zum Sonntag“. Ja, irgendwie schon.

Siehe auch meine Beiträge Das Gesellschaftsbetriebssystem und Nicht können, nicht wollen, nicht gefragt sein.

Diakonischer Gemeindemehrwert

Der Church Urban Fund, eine von der Anglikanischen Kirche gegründete Organisation zur Armutsbekämpfung in Großbritannien (siehe auch hier), hat ein Tool entwickelt, mit dem man den Wert einer Kirchengemeinde für das Gemeinwesen bemessen kann: das Church Community Value Toolkit. Es geht also um den Mehrwert (den Nutzen, die Ausstrahlung,…) für die „Community“ (das deutsche Wort Gemeinwesen wirkt neben dem englischen Community immer etwas dröge, finde ich).

Das Tool ist wirklich interessant und gut gemacht. Vier Dimensionen werden sehr detailliert abgefragt: Menschen, Aktivitäten, Geld, Gebäude. Das Ganze wird – klar strukturiert – miteinander verrechnet, so dass man darstellen kann, wie sich der Wert der Kirchengemeinde für die Community beläuft. Eine Excel-Tabelle wird auch gleich noch mitgeliefert. (Die Angelsachsen sind halt so pragmatisch… eine deutsche Organisation würde da erstmal lange debattieren, ob der Wert einer Kirchengemeinde überhaupt berechenbar ist. Who cares.)

Neben der Rechnerei gibt es noch einen zweiten Teil des Tools. Dort geht es darum, die Besonderheiten der Kirchengemeinde zu entdecken und zu bewerten. Dabei gilt auch hier: immer bezogen auf die Wirkung der gemeindlichen Arbeit. Den Besonderheiten der Gemeinde kann man auf die Spur kommen, wenn man sich fragt, welche Aufgaben die Kirchengemeinde in welchem Maße leistet. Im Abschnitt Identifying and valuing your distinctivness werden 22 potenzielle Aufgaben von Kirchengemeinden genannt. Diese Aufgaben soll man nun der Reihe nach durchgehen und sich dabei fragen, inwiefern die Kirchengemeinde diesen Aufgaben nachkommt. Dazu gibt es jeweils eine fünfstufige Skala, von „nicht sehr viel“ bis „sehr“. Dies allein ist schon gut. Aber bei jeder Aufagbe soll man zusätzlich noch die Frage beantworten:

  • „Welche lokale Organisation leistet dies Ihrer Meinung nach besser als Ihre Kirchengemeinde?“

Eine sehr pfiffige Frage. Erstens kann solch ein Vergleich die eigenen Einschätzungen realistischer machen, zweitens reflektiert man automatisch mit, wen es noch so alles im Stadtteil gibt.

Hier nun die Aufgaben:

  • Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen aktivieren, sich kennen zu lernen
  • Menschen, die oft ausgeschlossen sind, willkommen heißen
  • Menschen helfen, Sinnvolles in den gesellschaftlichen Veränderungen zu entdecken
  • Menschen helfen zu entdecken, wie die Wohngegend verbessert werden kann
  • Menschen helfen, besser Kontrolle über ihr Leben zu bekommen
  • Trauende Menschen unterstützen
  • Menschen ermutigen oder befähigen, sich im Gemeinwesen ehrenamtlich zu engagieren
  • Menschen helfen, zuversichtlich im Beginn ihrer Ehe zu sein
  • Einen Raum/Platz anzubieten, in dem Menschen ihrer Spiritualität Ausdruck verleihen können
  • Menschen helfen, die Werte zu reflektieren, die ihr Leben stützen
  • Menschen helfen, eine Absicht in ihrem Leben zu entdecken („sense of purpose“??)
  • Menschen in persönlichen Krisen beistehen
  • Menschen helfen, einander zu vergeben
  • Menschen helfen, eine breitere Erfahrung des Lebens zu bekommen
  • Menschen helfen, einander so wahrzunehmen, wie sie sind
  • Unterstützung leisten in emotional aufgeladenen Situationen (wie nationale oder lokale Krisen)
  • Menschen aktivieren, ihr Leadership-Potenzial zu entdecken
  • Menschen helfen, spezifische Fähigkeiten auszubilden (wie z.B. öffentliches Reden)
  • Menschen helfen, Dinge zu bearbeiten, die sie herunterziehen
  • Kindern und Jugendlichen helfen, ihren eigenen Glauben zu erforschen und zu entwickeln
  • Kindern und Jugendlichen helfen, ein Gefühl von Verantwortung und Achtsamkeit gegenüber anderen zu entwickeln
  • Freigiebig, fröhlich und hoffnungsvoll sein, dass es eine Wirkung auf andere hat.

Man kann nun sicherlich noch viele andere Aufgaben formulieren (oder die vorgeschlagen neu arrangieren, zusammenfassen, differenzieren). Die fünfstufige Skala würde ich etwas anders übertragen, denn es sollte meiner Meinung nach auch die Möglichkeit geben, „gar nicht“ anzugeben (die niedrigste Stufe in dem Tool ist „nicht sehr viel“ – vielleicht ist das aber auch britisches Understatement und meint im Deutschen „gar nicht“). Also, ich schlage vor: „gar nicht“ – „kaum“ – „etwas“ – „ziemlich“ – „sehr“.

Sich einmal klar zu machen, was eine Kirchengemeinde an diakonischem Impact leistet, ist wirklich lohnenswert. Wenn darüber hinaus entdeckt wird, ob oder dass die Gemeinde ein faktisches Alleinstellungsmerkmal hat (bzw. wo eine Gemeinde etwas minderbemittelt ist), ist das ausgesprochen wertvoll.

By the way: Auf der Seite des Church Urban Funds gibt es noch eine Menge mehr an Nützlichem zu entdecken. Stöbern lohnt sich!

Vier Formen kirchengemeindlicher Diakonie

Gut strukturierte Typologien gefallen mir ja immer. In der katholischen „Diakonia“ stieß ich auf Daniel Wiederkehrs Ansatz, der vier Formen „gelebter Diakonie“ in Kirchengemeinden vorstellt. Grundlage für seine Typenbildung ist eine empirische Studie in der Schweiz. Wiederkehr nennt folgende vier Typen:

  • Heimat
  • Herberge
  • Sozialcenter
  • Politforum

Diese vier Typen werden in einer 2×2-Matrix angeordnet mit den Koordinaten Hilfeverständnis (individulle Hilfe — strukturelle Hilfe) und Zielhorizont (Solidarität innerhalb der Gemeinde — Dienst an der Gesellschaft).

Ein schönes Modell zur Reflexion diakonischer Aktivitäten in der Kirchengemeinde. Nachzulesen in: Daniel Wiederkehr: Und sie lebt doch, die Diakonie! Pfarrei als Raum diakonischen Wirkens, Diakonia 39 (2008), 292-298.

Nicht können, nicht wollen, nicht gefragt sein

Wie kann gesellschaftliche Teilhabe gelingen? In dem man sich einbringt, mitmacht, dabei ist, engagiert ist… Soviel ist klar. Interessant ist es, die Frage umzudrehen: Warum beteiligen sich Menschen nicht? Eine bekannte (nicht mehr ganz neue) amerikanische Studie zur Frage politischer Partizipation bringt die mögliche Antwort gut auf den Punkt:

„We focus on three factors to account for political activity. We suggested earlier that one helpful way to understand the three factors is to invert the usual question and ask instead why people do not become political activists. Three answers come to mind: because they can’t; because they don’t want to; or because nobody asked. In other words, people may be inactive because they lack resources, beacause the lack psychological engagement with politics, or because they are outside of the recruitment networks that brings people into politics. Our analysis of the sources of political participation will focus on all three factors – resources, engagement, and recruitment – which we combine into what we label the Civic Voluntarism Model“ (Verba/Schlozman/Brady: Voice and Equality 1995: 269).

Warum engagieren sich Menschen nicht? Weil sie’s nicht können, weil sie’s nicht wollen, weil sie niemand gefragt hat. Wenn dies stimmt (und empirisch spricht Einiges dafür), liegt hier der Schlüssel zur Teilhabeförderung:

  • Menschen befähigen, partizipieren zu können (siehe hierzu auch ein Essay des Politikwissenschaftlers Frank Walter auf SPIEGELonline),
  • in Menschen die Idee wecken, dass Partizipation eine Bedeutung hat (für sie selbst, für ihr eigenes Leben)
  • und Menschen (schlicht und einfach) bitten, fragen oder bedrängen, sich zu beteiligen.

Das sind verhältnismäßig unaufregende Möglichkeiten, aber ich denke, sie treffen es sehr genau. Diese Gedanken habe ich kürzlich in einem Vortrag zum Thema „Sozialkapital“ aufgegriffen.

Mittlerweile bin ich im Blog von Brigitte Reiser auf ein Modell gestoßen, das fünf Dimensionen aufweist, die stark an die drei genannten Aspekte erinnern, nun aber aus der Sicht von Organisationen gesehen, die Beteiligungsmöglichkeiten bieten (möchten): das CLEAR-Modell von Pratchett/Durose/Lowndes.

Partizipation kann gelingen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Can do: Man muss fähig sein, partizipieren zu können
  • Like to: Man muss ein eigenes Anliegen haben, warum man partizipieren will
  • Enable to: Organisationen müssen Beteiligungsmöglichkeiten bieten
  • Asked to: Man muss aktiv um Beteiligung gebeten werden
  • Responded to: Die Beteiligungsmöglichkeiten bietende Organisation muss auch auf die Beteiligung reagieren.

Gemeinde und Stadtteil wahrnehmen: drei Arbeitshilfen

Ich möchte auf drei Arbeitshilfen hinweisen, die für gemeinwesendiakonisch Engagierte recht nützlich sein können. Sie bieten etliches praktisches Material, besonders hervorheben möchte ich aber jeweils einen Fragebogen, mit dem man die Situation von Kirchengemeinden und ihren Stadtteilen strukturiert in den Blick nehmen kann.

Der Praxisimpuls „Diakonisches Handeln in Kirchengemeinde und Kirchenbezirk“ (2006) bezieht sich auf einen schon einige Jahre zurückliegenden Prozess der Württembergischen Landeskirche, um das Zusammenspiel von Gemeindediakonie und Einrichtungsdiakonie zu verbessern. Prozess und Projektstudie werden in dem Papier vorgestellt und bieten etliche gute Anregungen. Besonders hinweisen möchte ich auf den „Erhebungsbogen zur Bestandsaufnahme der diakonischen Gemeindearbeit“ (S. 38-56).

Die Arbeitshilfe „Wir alle sind berufen zur Caritas“ (2010) der Diözese Rottenburg-Stuttgart will für diakonisches Handeln in der Kirchengemeinde sensibilisieren, angefangen von einem „diakonischen Blick“ bis zur Einrichtung eines Caritas-Ausschusses in der Gemeinde. Hilfreich ist hier die „Wahrnehmungsmatrix“ (S. 34), bei der die Kategorien für den evangelischen Bereich etwas angepasst werden müssen.

Die dritte Arbeitshilfe leitet zur Wahrnehmung der Gemeinde und ihres Umfelds an: „Die eigene Gemeinde mit ihrem Umfeld wahrnehmen. Anregungen zur Lebensraumanalyse“ (2010), ebenfalls von der Diözese Rottenburg-Stuttgart herausgegeben. Es gibt konkrete Ausarbeitungen für einen Gemeinderundgang, zur Arbeit mit den Sinus-Milieus oder zur Nutzung des Demographieberichts der Bertelsmann Stiftung. Diakonische Fragen stehen nicht im Mittelpunkt, werden aber natürlich berührt. Hilfreich ist der Fragebogen zur Selbstwahrnehmung der eigenen Gemeinde (S. 32-35).

UPDATE 2011-12-30: …und als vierte sehr empfehlenswerte Arbeitshilfe sei natürlich noch auf das Church Community Value Toolkit hingewiesen, das ich hier im Blog auch erwähne (und zwar in seiner Gänze, nicht nur in dem von mir besprochenen Ausschnitt).

Handbuch „Gemeinde & Diakonie“

Es ist ein Dauerbrenner in der Diakonie-Praxis und -Wissenschaft: Wie kann Diakonie in der Gemeinde erlebt und gestaltet werden? Wie kann das Zusammenspiel von Kirchengemeinden und Einrichtungsdiakonie verbessert oder überhaupt erst begonnen werden?

Hans Höroldt, Diakoniepfarrer in Leverkusen, und Volker König, verantwortlich für diakonisches Profil im Diakonie-Landesverband Rheinland-Westfalen-Lippe, haben zu diesem Thema ein Handbuch herausgegeben: Gemeinde & Diakonie: erleben – verstehen – gestalten. Knapp zwanzig Texte hält der anprechend gestaltete Band bereit, von biblischen Grundlagen über praktische Anknüpfungsmöglichkeiten im Gemeindealltag bis hin zu strategischen Überlegungen.

Einige inhaltliche Stichpunkte möchte ich kurz benennen: Die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten setzen oft bei den Unterschiedlichkeiten von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen an, gerade dadurch können sich die jeweiligen Stärken entfalten. Auch stößt man in dem Handbuch immer wieder auf die Grundhaltung, dass Kirchengemeinden mit ihrem diakonischen Engagement nicht nur etwas für andere leisten, sondern auch für sich selbst: Das Erleben und das Gestalten von Diakonie bietet gute Ansatzmöglichkeiten für die Gemeindeentwicklung. Und schließlich zieht sich wie ein roter Faden der Gedanke durch die verschiedenen Texte des Handbuchs, dass Kirchengemeinden mit ihrem diakonischen Engagement ein Sozialraum-Akteur sind. Ihr Handeln bezieht sich damit auch immer auf den Ort, den Raum, das Viertel.

Das Handbuch richtet sich an Preysbyter und engagierte Gemeindemitglieder, wie auch an Mitarbeitende in den Einrichtungen der organisierten Diakonie. Das Buch ist theoretisch fundiert und hat gleichzeitig praktischen Nutzwert, ohne sich in der Beschreibung von Einzelprojekten zu verlieren. Begleitend zum Handbuch soll im Internet eine Material-Fundgrube aufgebaut werden, die die einzelnen Themen und Texte unterstützt (auf die drei Katgeorien erleben, verstehen und gestalten unter Bereichsmenü Dossiers klicken!).

Den Herausgebern ist ein fundiertes wie pragmatisches Handbuch gelungen, das man gern zur Hand nimmt. Das Handbuch kann beim Medienverband Rheinland bestellt werden – oder in jeder Buchhandlung. Es kostet 16,80€.

Die sieben Diakonien

Das Wort Diakonie gibt es natürlich nicht im Plural. Aber mit dieser nicht ganz korrekten Überschrift möchte ich auf die Vielfalt der unterschiedlichen Diakonie-Formen hinweisen. Diakonie ist eben nicht gleich Diakonie. Beispielsweise sind die Gemeinsamkeiten zwischen einer diakonisch orientierten Gemeinde und einem diakonischen Unternehmen recht gering. Beides ist aber Diakonie. Natürlich kann man einen gemeinsamen Nenner formulieren, die Frage ist nur, wie hilfreich dies für Diakoniewissenschaft wie -praxis ist. Die Gefahr liegt darin, dass entweder diesem gemeinsamen Nenner Gewalt angetan wird (um ihn überhaupt formulieren zu können) oder dass die Besonderheiten und Eigenarten der unterschiedlichen Diakonie-Typen vernachlässigt werden (zu Gunsten eines allgemeingültigen Diakonieverständnisses).

Bei der Frage nach dem diakonischen Selbstverständnis hat sich die folgende kleine Diakonie-Typologie als sehr hilfreich erwiesen, mit der ich in letzter Zeit oft gearbeitet habe. Sie ist rein beschreibender Natur, folgt also keinem normativen Ansatz, und ist leicht verständlich. Diese Typologie beschreibt die Organisationsformen, nicht die Aufgaben von Diakonie. All das, was als Diakonie bezeichnet wird, kann man einem der folgenden Akteurstypen zurechnen. Sicherlich kann man dies auch noch feiner unterteilen.

Diakonische Einrichtungen. Dies ist der Diakonietyp, der die öffentliche Wahrnehmung von Diakonie am stärksten prägt. Viele reichen geschichtlich bis in die Gründerzeit der Inneren Mission zurück. Einige entwickelten sich zu „diakonischen Anstalten“, die heute meist als Komplexeinrichtungen bezeichnet werden (es gibt meines Wissens mittlerweile keine diakonische Einrichtung mehr, die in ihrem Namen noch die Bezeichnung „Anstalt“ trägt). Neben den großen Komplexeinrichtungen gibt es eine Vielzahl von diakonischen (Einzel-)Einrichtungen, in der Regel sind sie als e.V., Stiftung oder GmbH organisiert.

Diakonische Gemeinden. Im Gegensatz zum Begriff „Gemeindediakonie“ (der eher normativ ist) wähle ich an dieser Stelle die Bezeichnung „diakonische Gemeinde“. Das diakonische Grundprogramm von Kirchengemeinden ist zwar sehr gering: Fürbitte („diakonisches Gebet“), Kollekte und (Pfarrer-)Diakoniekasse. Aber es gibt eine wachsende Anzahl diakonisch orientierter Gemeinden, die in ihrer ambitionierten Arbeit von den anderen Diakonieformen manchmal unterschätzt werden.

Regionale Diakonische Werke (DWs). Sie bilden die flächendeckende diakonische Grundstruktur. Kernbestandteil sind meist Beratungsstellen. Wesentlich für diesen Diakonie-Typ ist der kommunalpolitische Bezug und die Brückenfunktion zwischen den „organisiert diakonischen“ und „verfasst kirchlichen“ Systmen. Die regionalen Diakonischen Werke unterscheiden sich von Landeskirche zu Landeskirche zum Teil deutlich.

Diakonische Social Business-Organisationen. Zugegeben, der Begriff ist nicht schön, aber ich kenne derzeit keinen besseren. Hierbei handelt es sich um Einzelorganisationen, die von der Initiative von social entrepreneurs leben, also von Menschen mit „Macher-Qualitäten“, die ein soziales Problem mit unternehmerischen Mitteln angehen wollen. Es sind durch und durch unternehmerische Projekte, aber weniger im Sinne von „durchökonomisiert“, sondern im Sinne der eigentlichen Wortbedeutung: etwas unternehmen. Social Business-Organisationen  entwickeln sich oft in zwei Richtungen: Es werden neue Standorte eröffnet und sie vergrößern ihren politischen Einfluss. Sie bleiben dabei ihrem Schwerpunkt treu, etwickeln sich also nicht zu neuen Komplexeinrichtungen. Im freikirchlichen Bereich sind Social Business-Organisationen wesentlich verbreiteter, im „Mainline-Protestantismus“ in Deutschland ist man hier sehr zurückhaltend mit dieser Diakonieform. Meines Erachtens wird dieser Diakonie-Typ aber stark zunehmen, insofern wird sich irgendwann auch die Begriffsfrage klären. Und noch eine letzte Bemerkung: Die in der Gründerzeit der Inneren Mission entstandenen Anstalten und Werke haben aus heutiger Sicht als Social Business-Organisationen begonnen.

Diakonische Fachverbände. Auch Verbände zur politischen Einflussnahme und fachlichen Weiterentwicklung können als  eigenständige Diakonieform gelten. Das Besondere an dieser Diakonie-Form ist, dass sie selbst nicht Träger von konkreten diakonischen Dienstleistungen und Angeboten sind. Aber da die strukturelle Bekämpfung von Not und die Gestaltung von Strukturen durch politische Einflussnahme eine urdiakonische Aufgabe ist, ist das, was diese Verbände machen, selbst auch Diakonie.

Kommunitäre Basisgemeinschaften sind eine nicht zu vergessene Diakonieform. Hier sind es Einzelpersonen oder Familien, die nach alternativen Lebensentwürfen und Sozialformen suchen und sich gemeinschaftlich zusammenschließen. Auch viele Evangelische Kommunitäten haben ein starkes diakonisches Engagement.

Und schließlich stellen die Werke der diakonischen Entwicklungsarbeit eine eigenständige Diakonieform dar, wie Diakonie Katastrophenhilfe, Brot für die Welt, Hoffnung für Osteuropa oder Evangelischer Entwicklungsdienst.

Es gibt vielfache Überschneidungen. In manchen diakonisch engagierten Kirchengemeinden sind Beratungsstellen entstanden, die mittlerweile an die Ausmaße eines kleinen Diakonischen Werkes heranreichen. Einige Diakonische Werke entwickeln sich zu diakonischen Unternehmen und übernehmen auch deren Handlungslogik. Aus kommunitär geprägten Basisgemeinschaften entwickeln sich zum Teil Social Business-Organisationen. Und so weiter, und so weiter…

Die Unterscheidung dieser Typen und die Wertschätzung ihrer Unterschiede helfen falsche Erwartungen zu klären und Missverständnisse auszuräumen. Fragt man nach den Möglichkeiten und Grenzen dieser sieben Typen, sollten vor allem die unterschiedlichen Rollen, Motive und Handlungslogiken reflektiert werden. Anhand dieser Unterschiede werden dann auch die Schwierigkeiten zwischen den einzelnen Diakonieformen, die es zuweilen gibt, deutlich und verständlich. Das bedeutet aber auch, dass jede dieser Diakonieform ein eigenes Selbstverständnis hat. Denn es gibt eben nicht das diakonische Selbstverständnis, sondern ausschließlich kontextbezogene Diakonieverständnisse. Und diese können durchaus in Konkurrenz zu anderen Selbstverständnissen stehen.

UPDATE 2012-01-07: Ich habe in letzter Zeit an mehreren Stellen wieder mit dieser Typologie gearbeitet und merke immer mehr, dass tatsächlich eine Form fehlt – wie im Kommentar (s.u.) ja bereits angedeutet: Initiativen und Projektgruppen. Oft entstehen sie in Gemeinden (oder deren Umfeld), sind aber nicht mit diesen gleichzusetzen. Sie sind flüchtiger als die anderen Formen, aber ihre Stärke liegt darin, dass sie oft schneller und flexibler sind und vor allem monothematisch ausgerichtet sind (was sich ja auch gegenseitig bedingt). Umso länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, wie ich sie eigentlich vergessen konnte! Vielleicht lag es an der Siebenerzahl…

Mahlzeit!

Es gibt immer wieder gute Projekte, bei denen man gar nicht so genau sagen kann, ob es sich um „kirchliche“ oder „diakonische“ Ansätze handelt (wobei natürlich diese Unterscheidung selbst schon fraglich ist). Zum Beispiel Ansätze, die an die Wurzeln urchristlicher Mahltraditionen anschließen und gleichzeitig „seelsorgerliche, diakonische und liturgische Dimensionen“ eröffnen (S. 2).

Es geht also ums Essen. Die Zeitschrift Für den Gottesdienst beschreibt drei solcher Projekte.Und da diese Zeitschrift im Bereich der Diakonie wohl eher weniger gelesen wird, möchte ich hier auf diese Mahl-Ausgabe hinweisen. Drei Mahlprojekte werden vorgestellt – eine Mittagstafel, eine Vesperkirche und ein Tischabendmahl –, die in unterschiedlicher Weise das gemeinsame Essen im Kirchenraum in den Mittelpunkt stellen. Es handelt sich um folgende Projekte:

  • die monatliche Mittagstafel „Leib und Seele“, Hannover Gethsemanekirche (S. 26-31),
  • die Vesperkirche in Wasseralfingen (Württemberg) (S. 32-36),
  • das Tischabendmahl am Gründonnerstag, Michaeliskirche Hildesheim (S. 37-42).

Dreierlei macht diese Ausgabe für diakonisch Interessierte interessant: Zunächst einmal die Auswahl von drei ganz unterschiedlichen Mahl-Ideen. Dann die ausführliche Darstellung dieser drei Projekte, mitsamt detaillierten Ablaufplänen. Und schließlich werden in dem ganzen Erfahrungswissen deutlich diakonische Dimensionen reflektiert. Hier nur einige Beispiele:

Zum Beispiel der Versuch, Bedürftigkeit nicht erkennbar werden zu lassen:

„Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Multiplikatoren und verkaufen Essensbons in der Nachbarschaft, in ihrer Straße. Darüber hinaus ist ein Kontingent für spontan entschlossene Menschen eigeplant. Bedürftige Menschen haben über die Diakonin im Vorfeld die Möglichkeit, einen kostenlosen Gutschein zu erhalten. So ist für Außenstehende nicht erkennbar, welcher Gast kostenlos am Mittagstisch teilnimmt. Etwa ein Drittel aller Gäste nehmen diese diakonischen Essensgutscheine in Anspruch“ (Hannover Gethsemane, S. 27).

Oder der Gedanke, dass es nicht darum geht, Arme zu nähren, sondern Würde:

„Die Vesperkirche ist keine Armenspeisung, vielmehr eine zeichenhafte Aktion für die Würde aller Menschen. Wohltätigkeit von oben herab ist nicht die Sache Jesu und wird auch der Würde des Menschen nicht wirklich gerecht“ (Vesperkirche Wasseralfingen, S. 34).

Und natürlich auch die Verbindung von liturgischer und nährender Funktion des Essens:

„Wir können davon ausgehen, dass in den frühchristlichen Gemeinden das rituelle Abendmahl selbstverständlich mit einem gemeinsamen Essen verbunden war. Das wollen wir heute erlebbar machen und damit das Abendmahl stärker hereinholen in die einfachen Vollzüge unseres Lebens, Essen und Trinken. Nach dem Teilen des Brotes werden wir wirklich essen und trinken, bevor wir den Wein teilen“ (Michaeliskirche Hildesheim, S. 41).

Es gibt viele solcher diakonischen Dimensionen in den Texten zu entdecken. Eine gelungene Zusammenstellung.

Das Heft 71 der Zeitschrift Für den Gottesdienst kann hier bestellt werden.

Diakoniekirchen in Deutschland

Neben den vielen diakonischen Gemeinden – Kirchengemeinden, die sich eine diakonische Grundausrichtung geben – gibt es mittlerweile einzelne Kirchen(gebäude), die als Diakoniekirchen profiliert werden. Dies ist natürlich oft eng an die Gemeinden gebunden, aber die Idee der Diakoniekirchen setzt in erster Linien bei den Gebäuden an. Diakoniekirchen erfüllen meist folgende vier Kriterien:

  • Bezeichnung: es wird explizit die Bezeichnung „Diakoniekirche“ gewählt,
  • Kirchengebäude: Diakoniekirchen weisen ein besonderes Architekturkonzept auf,
  • Angebote: diakonische Angebote werden unmittelbar in die Kirche integriert,
  • Bezug zu diakonischen Trägern: Diakonische Werke oder Einrichtungen des Ortes nutzen die Kirche für Gottesdienste und Veranstaltungen (z.B. Einführungsgottesdienste für neue Mitarbeiter).

Hier einmal eine Liste aller mir bekannten Diakoniekirchen (in alphabetischer Reihenfolge):

Düsseldorf: Diakoniekirche Bergerkirche. Mehr Hintergründe hier (update 2011-11-24)

Frankfurt: Weißfrauen Diakoniekirche Frankfurt

Heidelberg: Evangelische Kappelengemeinde – Diakoniekirche

Mannheim: DiakoniePunkt Luther. Mehr Hintergründe hier, hier und hier.

Offenbach: Diakoniekirche Schlosskirche Offenbach

Wuppertal: Diakoniekirche Wuppertal. Mehr Hintergründe hier.

Ich freue mich über Hinweise auf weitere Diakoniekirchen!

Wir sind da

Der ADAC wirbt um neue Mitglieder mit dem einfachen Satz: „Wir sind da“. Schön (und) schlicht.  Das könnte doch auch ein Diakonie-Motto sein (vielleicht sogar ein Mantra?). Es ist nicht aufdringlich und gleichzeitig genau auf den Punkt. Es stellt nicht das Tätigsein in den Vordergrund, sondern das Da-sein.

Im Seminaren zur diakonischen Bildung mache ich gerne Übungen zum Verständnis der eigenen Fachlichkeit. Auf einer Liste mit hundert verschiedenen Umschreibungen für helfendes Handeln findet sich auch das „da sein“. Eine Teilnehmerin dieser Übung hatte „da sein“ als besonders wichtig für ihr eigenes Verständnis von Professionalität ausgewählt und anschließend gesagt: „Das ist ganz schön anstrengend, einfach da zu sein.“ Das ist es. Und meiner Meinung nach ist es auch eine besondere Qualität diakonischer Kompetenz. Also: Präsenz als Kompetenz. Dies führt dann zu der Frage, inwiefern „da sein“ Bestandteil sozialberuflicher Professionalität ist, ob es darüber hinaus geht oder dahinter zurückbleibt. Im Wichern drei-Band von Volker Herrmann und mir entfaltet Andries Baart einige grundlegenden Gedanken zur Präsenz. Ich finde präsenzorientierte Diakonieverständnisse sehr anregend. Die Passgenauedienstleistungsdiakonie ist eine andere Art von Diakonie.

Es gibt aber noch ein weiteres Verständnis von Präsenz, nämlich das der (evtl. flächendeckenden) Versorgungsstruktur. Also: Präsenz als Struktur. Auch diesen Aspekt finde ich bedenkenswert: Wer ist in Deutschland eigentlich flächendeckend „da“? Ich interessiere mich erst einmal für die sichtbaren und ortsgebundenen Strukturen (also die physischen, nicht die virtuellen): Wer ist vor Ort, am besten in allen Stadtteilen, tatsächlich präsent? Paul-Hermann Zellfelder hat den alten Sparkassen-Slogan „Keiner hat mehr: die meisten Filialen“ auf die Kirchengemeinden übertragen. Bleibt zu fragen, welche flächendeckenden Filialstrukturen es noch so gibt in Deutschland. Ich komme auf die folgenden „Wir-sind-da“-Strukturen:

  • Bäckereigeschäfte (45.000; baeckerhandwerk.de)
  • Büdchen, Trinkhallen und Wasserhäuschen (leider finde ich hierzu keine Zahlen, es werden aber wohl weniger als Bäckereien sein)
  • Sparkassen-Filialen (15.685; dsgv.de; allerdings werden hier auch SB-Geschäftsstellen mitgerechnet)
  • Kirchengemeinden (15.471; ekd.de/statistik)
  • Tankstellen (14.410; mwv.de)
  • Postfilialen (14.000; dp-dhl.com)
  • Kindergärten (keine Zahlen gefunden)
  • Grundschulen (keine Zahlen gefunden)

Diese „Versorgungssysteme“ haben einen  flächendeckenden Charakter. Und im Grunde sind sie alle, in ihrer Art und Weise, wichtig für diakonische Arbeit im Sozialraum. Wir sind dann mal da.

Sieben Leitfragen zur Profilierung diakonischer Gemeinden

Viele Kirchengemeinden sind diakonisch aktiv. Schön (und) anspruchsvoll. Daher tut es gut, immer einmal wieder innezuhalten und sich gemeinsam zu fragen: Wie und warum machen wir eigentlich das, was wir tun?

Mit den folgenden sieben Fragen lässt sich das diakonische Engagement in Kirchengemeinden gut reflektieren. Jede Frage zielt dabei auf eine wichtige Leitunterscheidung, um den Charakter des diakonischen Engagements zu klären und zu verdeutlichen. Es geht darum zu prüfen: Was verstehen wir eigentlich unter diakonischem Engagement, was wollen wir damit – und wie stellt es sich tatsächlich bei uns dar?

Diakonie als Ausdruck des Evangeliums oder als Abholer zum Evangelium? Als erstes die wohl klassischste aller Fragen in diesem Zusammenhang: Was ist das Christliche an dem diakonischen Engagement? Zeigt es sich gerade darin, dass es dieses diakonische Engagement gibt oder gibt es dieses diakonische Engagement, weil damit für den Glauben geworben werden soll?

Hilfsangebote machen oder Beteiligungsmöglichkeiten bieten? Geht es darum, konkrete Hilfen anzubieten (Tafel, Kleiderkammer, Besuchsdienst, Hausaufgabenhilfe etc.) oder sollen Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden (beispielsweise die Mitarbeit beim Tafelprojekt oder der Lektorendienst mit vorausgegangenem Sprechtraining)?

Armuts-Angebote oder „Armuts-Mainstreaming“? Eine ähnliche Frage wie die vorherige, aber etwas anders akzentuiert. Diakonie wird oft als „Aktion“ verstanden. Die Gemeinde macht dann Angebote für „die Armen“. Die entsprechende Grundfrage lautet aus dieser Perspektive: Welche Hilfen können wir für Bedürftige in unserer Gemeinde oder unserem Stadtteil anbieten? Diakonie kann aber auch als die Ermöglichung von Teilhabe verstanden werden. Dann geht es weniger um „Aktionen“ und es stehen nicht so sehr die einzelnen Hilfsangebote im Fokus. Ähnlich wie beim Gender-Mainstreaming müsste es dann so etwas wie ein „Armuts-Mainstreaming“ geben: Wie sehen unsere (bestehenden) Angebote in den Augen von Menschen mit wenig Geld aus? Wie müssen sie gestaltet werden, dass diese Menschen daran möglichst „barrierefrei“ teilnehmen können? (Zum Beispiel: Warum kostet das Stückchen Kuchen beim Gemeindefest eigentlich etwas, wenn der Kuchen doch von Gemeindemitgliedern gespendet worden ist?!)

Zielgruppenspezifische oder zielgruppenübergreifende Ansätze? Viele Angebote in der Kirchengemeinde richten sich an konkrete Zielgruppen. Das gilt beim diakonischen Engagement erst recht. Aber auch zielgruppenübergreifende Ansätze sind möglich. Ersteres ist oft besser zu managen (und manchmal auch wesentlich effektiver), aber leider auch schnell stigmatisierend. Letzters ist oft gewollt, aber schwieriger zu realisieren.

Sind die Hilfeempfänger bedürftige Menschen im Stadtteil oder Menschen in einem bedürftigen Stadtteil? Bei dieser Frage geht es darum, wie die „Nutzer“ von diakonischen Angeboten in der Gemeinde gesehen werden: Sind es die „Marginalisierten“ und „Mangelwesen“ des Stadtteils? Oder sind es Stadtteilbewohner, wie die anderen Gemeinedemitglieder auch (dies ist eine der wenigen, aber bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen den „Kerngemeinde-Mitgliedern“ und „den Anderen“!)?

Eigene Kenntnis der Not oder Konfrontation mit bisher nicht wahrgenommener Not? Wie kommt eine Kirchengemeinde zu ihrem diakonischen Engagement? In den meisten Fällen möchte sie Notlagen begegnen, mit denen sie konfrontiert wird (manchmal sind diese Notlagen nicht zu übersehen und liegen direkt vor der Tür, manchmal müssen sie auch erst bewusst gesucht werden). Ein anderer Ansatz geht von den eigenen Nöten in der Kirchenegemeinde aus, die dazu führen, dass die Kirchengemeinde sich diakonisch engagiert (zum Beispiel eine Depressions-Selbsthilfegruppe von Gemeindemitgliedern, ein bestehender Senioren-Besuchsdienst, der im Laufe der Zeit über die Grenzen der Gemeindemitglieder ausgeweitet wird etc.).

Engagement nach innen oder nach außen diakonisch? Abschließend noch eine Leitfrage, die in der Praxis diakonischer Kirchengemeinden wahrscheinlich eher unüblich ist: Ist mit Diakonie eine Außen- oder vielleicht auch eine Innendimension der Gemeinde gemeint? Grundsätzlich wird unter Diakonie immer das verstanden, was die Gemeinde nach „Außen“ hin tut. Ein anderes Verständnis geht davon aus, dass Diakonie das ist, wie sich eine Gemeinde in ihrem Inneren selbst verhält. Das erste ist nach außen gerichtete Aktivität, das zweite ist ein innergemeindliches Gestaltungsprinzip.

Die jeweiligen beschrieben Alternativen der sieben Fragen sind nicht „richtig“ oder „falsch“. Sie können aber – im ganz konkreten Kontext vor Ort – mal besser und mal schlechter sein. Dies gilt es herauszufinden. Und das ist sehr viel wert.