Archiv der Kategorie: Kampagnen

Kampagnen- und Teilhabefähigkeit

Die Caritas haut eine geniale Kampagne nach der anderen raus, Respekt! Seit Jahresanfang läuft nun mit „Kein Mensch ist perfekt“ die dritte Caritas-Kampagne der Teilhabeinitiative.

Der Deutsche Caritasverband (DCV) widmet sich von 2009 bis 2011 verstärkt dem Thema Teilhabe-Gerechtigkeit. Dazu gibt es drei Jahreskampagnen: Menschen am Rande (2009), Menschen im Alter (2010) und Menschen mit Behinderungen (2011). Aber anstatt nun betroffenheitsheischend die Benachteiligungen in den Vordergrund zu rücken, werden Teilhabemöglichkeiten und -schwierigkeiten zum Thema gemacht. Es geht dann nicht mehr um Obdachlose, sondern um die „sozialen Manieren“ in der Gesellschaft. Es geht dann nicht mehr um alte Menschen, sondern um die „Experten fürs Leben“. Es geht nicht mehr um behinderte Menschen, sondern um die Frage nach einem perfekten Leben.

Die Kampagnen wollen natürlich in die Gesellschaft hinein wirken, aber auch in die eigenen Einrichtungen:

„Die Caritas möchte sowohl die Öffentlichkeit als auch den eigenen Verband für das Teilhabe-Thema gewinnen. […] Es gilt, Teilhabe als strategisches Ziel in allen Einrichtungen und Diensten der Caritas zu verankern – und sie auf vielfältige Art zu verwirklichen.“

Und damit überwindet die Caritas den bei Wohlfahrtsverbänden oft zu hörenden Doppelansatz von „individueller Notlinderung“ und „struktureller Notbekämpfung“, von „Therapie“ und „Politik“, von Verhaltensänderung auf der einen und Verhältnisänderung auf der anderen Seite. Es kommt nämlich eine dritte Dimension hinzu: die Änderung der eigenen Organisationen. Um Teilhabe-Förderer zu werden, müssen sich die Wohlfahrtsorganisationen selbst verändern, sie müssen sich zu Teilhabe-Agenturen entwickeln.

Dazu gehört es bei der Caritas, jede Kampagne mit einem eigenen Blog zu unterstützen. Einfach mal ein bisschen Zeit nehmen und zum Beispiel hier stöbern. Gut, dass es sie gibt, die Caritas.

edit 2011-11-27: Nach dem Relaunch der Caritas-Seiten habe ich die Links wieder aktualisiert…

Social-Spots

An dieser Stelle einmal alle (mir bekannten) Social-Spots von Diakonie und Caritas hintereinander. Pardon: untereinander. Ohne Kommentar – es kann sich ja jeder selbst ein Bild machen…

Armut trifft vor allem Kinder (DW-EKD) Benachteiligung durch Armut

Ein Wintermärchen (Diakonie Düsseldorf) Obdachlosigkeit

Krystina (DW-EKD) Menschenhandel und Zwangsprostitution

Et voilà… die Spots aus dem Hause Caritas

Sprechende Wohnung (Caritas Deutschland) Alte Menschen

Urwissen / Soziale Manieren (Caritas Deutschland) Obdachlosigkeit

Achten statt ächten (Caritas Deutschland) Jugendliche

Armut kann man abschaffen (Caritas Österreich) Armut

Kälte ist kein Kinderspiel (Caritas Österreich) Nothilfe Osteuropa

Social Fighters

Was kann man tun, um im sozialen/diakonischen Bereich genügend Nachwuchs zu bekommen? Am Image dieses Berufsfeldes arbeiten, ist eine Antwort, auf die man gegenwärtig immer häufiger stößt. Die Diakonie hat zum Beispiel letztes Jahr Vidoes zu „Berufen in der Diakonie“ produzieren lassen.

Bei der Diskussion von Berufsbildern finde ich zwei Aspekte besonders interessant. Zum einen: Was für ein Berufs-„Bild“ liegt den Vorstellungen zugrunde? Von welchen Bildern, Images, Klischees oder Idealen lässt man sich selbst – bewusst oder unbewusst – leiten? Und die zweite Frage: Wie wird dabei mit weiblichen und männlichen Rollenbildern umgegangen? Das ist ja gerade für den sozialen Bereich eine spannende und nicht unwichtige Frage. Was wird also diesbezüglich bei sozialen Berufen kommuniziert?

Beim österreichischen Boys Day habe ich nun folgendes Video gefunden: Die Social Fighters. Okay, klingt etwas martialisch, aber ich finde das irgendwie gut. Schaut selbst:

Werbung und Kampagnen

Jeden Morgen geht’s mit dem ICE nach Hannover. Und fast jeden Morgen sehe ich eines dieser beiden Plakate.

Um mal ganz ehrlich zu sein: Ich möchte gar nicht so gern an die linke Dame denken. Nicht weil ich saure Drops nicht mag (und sie davon gleich mehrere im Mund hat), sondern weil ich einfach nicht gern an Leute denke, die mich mit einem Vorwurf garniert zum an sie denken auffordern.Und wie gehe ich mit dem Appell der rechten Dame um? So schnell geht das mit Freundschaften nicht. Während die erste Dame vorwurfsvoll dreinschaut, blickt mich die zweite devot an. Die Intention ist bei beiden Plakaten billig: Ich soll mich betroffen fühlen. Auch der Slogan „Menschlichkeit braucht Unterstützung“ ist weitestgehend gehaltfrei.

Ich will auf Plakaten nicht immer lustige Leute sehen und es müssen auch nicht immer positive Botschaften sein. Aber vielleicht ist das auch gar keine richtige Kampagne. Vielleicht ist das schlicht und einfach „Werbung“: „Die Diakonie kümmert sich um Alte und Behinderte – bitte spenden Sie hier: …“

Auch die Caritas hat Flächen im ICE gebucht. Einige Zeit vor den Diakonie-Plakaten entdeckte ich zwei Caritas-Kampagnen: Zuerst „achten statt ächten“, dann „Soziale Manieren“. Und jetzt habe ich gemerkt: Die Caritas macht Kampagnen (zu gesellschaftlichen Themen). Die Diakonie macht Werbung (für ihre Arbeitsbereiche).

edit 2011-11-27: Nach dem Relaunch der Caritas-Seiten Link aktualisiert…

Make Mantra!

Ich mag Leitbilder nicht. Und das ist fast noch untertrieben. Natürlich ist mir klar, dass Leitbilder bewusst normativ sind, dass sie eben nicht die Wirklichkeit beschreiben, sondern ein andere, eine gewünschte, eine zukünftige Wirklichkeit. Aber müssen deshalb Leitbilder und mission statements immer so schrecklich… leitbildhaft sein? Man merkt, dass Leitbildschöpfung in der Regel den Apologetikabteilungen der diakonischen Unternehmen entspringt.

Das Problem bei Leitbildern in der Diakonie ist, dass sie einerseits oft lasch formuliert sind, so dass jeder zustimmen kann – und damit ist jede scharfe Spitze abgebrochen, sie sind letztlich ein stumpfes Schwert. Hejo Manderscheid hat einmal gesagt, Leitbilder kranken daran, dass sie „hoffnungslos richtig“ seien. Und andererseits wirken sie oft überzogen, ohne Kontakt zur Realität des diakonischen Alltags. Der formulierte Anspruch ist kaum erfüllbar – aber die Mitarbeiter möchten ihn meist doch irgendwie erfüllen. Denn sie trifft ja genau diese Sehnsucht des Leitbildes. Gleichzeitig wird immer wieder erlebt, dass Leitbilder als Marketinginstrument, als Identifikationsinstrument oder als Belehrungsinstrument eingesetzt werden. Ich habe mich also entschlossen, nicht viel Leitbildern zu halten und fahre recht gut damit.

Vor einiger Zeit stieß ich nun auf ein Video von Guy Kawasaki. Guy Kawasaki war bei Apple chief evangelist, so eine Mischung aus Vordenker, Sprachrohr und Kommunikator. Guy Kawasaki hält einen ca. 40-minütigen Vortrag vor jungen Unternehmensgründern und gibt sein Erfahrungswissen in geballter Form wieder: Alles worauf man achten muss, wenn man unternehmerisch tätig sein will. Er verdichtet das Ganze zu 10 einfachen Regeln und powerpointet sich recht charmant durch die 40 Minuten.

An zweiter Stelle (ab 6’20) gibt es dann einen Hinweis, der etwas mit Leitbildern zu tun hat. Auch er scheint Leitbilder nicht zu mögen. Und einem Seelenverwandten hört man natürlich gerne zu. Kawasaki unterscheidet zwischen einem Slogan für die Kunden (also nach außen gerichtet) und einem Mantra für die Mitarbeiter (also nach innen gerichtet). „Make Mantra!“ ist seine Aufforderung. Erschaffe ein Mantra.

Ein Mantra? Ich weiß wohl, was ein Mantra ist, aber dieser Begriff an dieser Stelle? Gerade weil dieses Wort für uns im christlichen Bereich so exotisch erscheint, horche ich auf. Wobei natürlich erwähnt werden muss, dass auch das Christentum Mantren kennt und betet (das Herzensgebet ist nichts anderes als ein Mantra). Und genau das ist es: Mantren werden gebetet. Das Credo des Unternehmens muss ich – als Mitarbeiter, nicht als Kunde! – beten können. Mantren müssen benennen, warum ich dort arbeite. Für die Mitarbeiter muss etwas anderes gelten als für die Kunden. Und noch eins ist wichtig: Mantren sind kurz. Guy Kawasaki empfiehlt maximal drei bis vier Wörter. Besser finde ich jedoch folgende Regel: maximal sieben Silben.

Mir fallen sofort zwei „Mantren“ aus dem Bereich der Diakonie ein. Das klassischste aller Diakonie-Mantren ist natürlich die Kurzform des Löhe-Zitats: Mein Lohn ist, dass ich [dienen] darf (6 bzw. 8 Silben). Und dies wurde ja auch tatsächlich gebetsmühlenartig von Diakonissen in der Mutterhaustradition rezitiert. Theologisch finde ich es allerdings problematisch.

Das zweite Mantra, gewiss auch nicht unproblematisch: Stark für andere (5 Silben). Mit einem etwas anderen Akzent als stark für andere wäre das Mantra der französischen Diakonie zu nennen: Une minorité pour les autres (fast schon zu lang, 9 Silben).

Im Nachkriegsdeutschland entstand das Evangelische Hilfswerk, dessen Gründer und Kopf Eugen Gerstenmaier die programmatische Formel „Wichern zwei“ ausgerufen hat. Damit war die gestaltende Liebe im Gegensatz zu Wicherns rettender Liebe gemeint. Beide Formeln könnten durchaus mantrafähig sein.

Im Moment entdecke ich in der Diakonie eine Menge hoffnungslos richtiger Leitbilder. Wäre ein Mantra nicht einmal eine gute Alternative zu einem Leitbild? Könnte man den Grund, hier zu arbeiten, sprachlich zu einem Mantra verdichten? Wie könnte es lauten?

Siehe auch meinen Beitrag Profil-Bild zu diesem Thema.