Archiv der Kategorie: Gemischtwaren

Accessibilty als Avantgarde

Die letzten Abende habe ich mich mal durch etliche Videos der re:publica#13-Vorträge geklickt (Überblick über alle verfügbaren Videos hier). Ich mag den gesellschaftspolitischen Fokus der re:publica. Technisch komme ich nicht immer ganz mit, aber das macht nichts, weil das ja nur Details sind. Das Entscheidende sind die gesellschaftlichen Debatten, die dort geführt werden. Natürlich war ich auch ein bisschen auf der Suche nach Interessantem, was für diakonische Arbeit relevant sein kann. Von etlichen Vorträgen, von denen ich mir eben solche Inspiration erhofft hatte, war ich dann aber doch arg enttäuscht (Stichworte unter anderem: Zivilkapitalismus, Welt retten und Tod/Trauer im  Netz)

Fündig geworden bin ich unter anderem bei Tomas Caspers, Mitarbeiter bei Aktion Mensch, der zur Barrierefreiheit gesprochen hat: Innovationsbeschleuniger gesucht! – Wie wär‘s mit Barrierefreiheit?

„Die Barrierefreiheit – das ist auch wieder so ein Thema, wo man immer wieder hört „ach du jeh, müssen wir das jetzt auch noch machen?“ Dabei ist, wenn man sich die Technikgeschichte anguckt, gerade das Thema Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen wirklich ein spannenendes Thema, voll mit Innovationen. Und ich möchte euch gerne heut einmal zeigen, dass dies Innovationen sind, von denen wir heute noch was haben. […] Und ich werde zeigen, dass die meisten Probleme, vor denen Entwickler mobiler Anwendungen für diese Geräte stehen, alte Hüte sind für alle, die sich schon länger mit dem Thema Barrierefreihiet oder Web-Accessibility beschäftigen. […] Und gerade diese Erkenntnisse aus dem Thema Barrierefreiehit bringen entscheidende Vorteile für Menschen mit und ohne Behinderungen […]“ (01’20-02’20)

Das erinnerte mich daran, dass wir ja der Raumfahrttechnologie so Einiges an technologischem Fortschritt im Alltagsleben zu verdanken haben, wie etwa Babynahrung, Akkuschrauber oder Flachbildschirm. Und ebenso ist es mit der Barrierefreiheit. Barrierefreiheit/Accessibility ist also kein Sonderthema für Menschen mit Behinderungen, sondern ein Innovationsmotor für Alltagstechnologie – für uns alle.

Also muss man die Barrierefreiheit als das begreifen was sie wirklich ist: kein Ballast, sondern ein Antreiber für nachhaltige Veränderungen und als echter Motor für Innovationen. […] Es geht nicht darum, auch Menschen mit Behinderungen das Recht zu geben, mitzumachen, sondern es geht darum, ihnen nicht durch falsche Entscheidungen das Recht zu nehmen, bei irgendwas mitzumachen, wo sie eigentlich schon sind. Also keine Sonderlösungen produzieren, sondern gemeinsamen Zugang, der im Idealfall für alle Nutzer gleich funktioniert und von dem im Idealfall auch alle Nutzer etwas haben. (3’10-3’55)

Klingt alles sehr einleuchtend und plausibel. Für mich war trotzdem einiges Neues dabei. Deshalb hier nun das Video zu dem lehrreichen und kurzweiligen Vortrag von Tomas Caspers:

tl;dr
Accessibility/Barrierefreiheit ist die neue Raumfahrttechnik: Innovationsmotor für technische Entwicklungen und Alltagserleichterungen.

Wieder an Bord

So, der Sommer ist rum und hier wird wieder gebloggt. Los geht’s mit 10 neuen Links im Dossier Gemeinwesendiakonie.

Besonders freue ich mich über die Veröffentlichungen der Diakonie Bayern und der Diakonie Hessen und Nassau mit einem Überblick ihrer GWD-Standorte. Das ist mir gleich eine eigene Rubrik wert. Ich habe munkeln hören, dass Ähnliches auch in anderen Landesverbänden geplant ist. Ich werde es dann ergänzen. Außerdem ist die Rubrik „Impulse“ neu. Hier geht es um Anregungen für die Rolle von Kirchengemeinden in gemeinwesendiakonischen Strategien: kleine Artikel, Powerpointpräsentationen, alles nur exemplarisch und zum Um-die-Ecke-denken. Ansonsten gibt es ein paar neue Texte und Materialien.

Guter Service

Vielleicht kennt der eine oder die andere die Internetseiten weihnachtsgottesdienste.de oder ostergottesdienste.de. Ein gemeinsames Angebot von evangelischer und katholischer Kirche, um Zeit und Ort von Gottesdiensten zu recherchieren. Ich habe die Seiten (zu den betreffenden Anlässen) immer gerne genutzt. Ein wirklich guter Service. Bisher fehlte allerdings ein Angebot für die restlichen Gottesdienste.

Das gibt es nun: wegweiser-gottesdienst.de, die „offizielle Gottesdienstsuche der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland“. Bundesweit und für das ganze Jahr kann man nach evangelisch-landeskirchlichen, katholischen und evangelisch-freikirchlichen („andere christliche Konfessionen“) Gottesdiensten suchen. Hervorragend!

Selbst für kirchliche „Insider“ ist die Vielfalt an Gottesdiensten, Gemeinden und kirchlichen Angeboten nicht immer leicht zu durchblicken: Wer bietet was an – und wo ist das bitteschön? Man kann jetzt nur hoffen, dass die einzelnen Kirchengemeinden den Wert dieser Internetseite zu schätzen wissen und ihre Gottesdienste auch wirklich eintragen und die Daten pflegen.

Eine Kleinigkeit könnte man noch optimieren: Warum braucht es in der URL den sperrigen Begriff „Wegweiser“? weihnachtsgottesdienste.de und ostergottesdienst.de kommen ja auch ohne solch einen Zusatz aus. In dieser Logik wäre schlicht und einfach gottesdienste.de eine selbsterklärende und besser zu merkende URL. Sie führt momentan zu einer nicht mehr existierenden Arbeitsstelle der EKD. Vielleicht wäre es ja möglich…

Ökofaire Beschaffung in Diakonie und Kirche

„Die beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Deutschland wollen die Einkäufe in ihren bundesweit rund 35.000 Einrichtungen komplett auf Ökoprodukte umstellen“, so eine Meldung auf evangelisch.de vor einem Jahr. Das klingt erst einmal gut. Caritas und Diakonie haben eine erhebliche Marktmacht: „An dem auf 60 MRD Euro geschätzten Gesamtvolumen kirchlicher Beschaffung in Deutschland haben mit ca. 80% Einrichtungen der Diakonie und Caritas den größten Anteil“ (Quelle: Zukunft einkaufen). Doch wie realistisch ist eine Umsetzung?

Der Evangelische Entwicklungsdienst (eed) und Brot für die Welt haben nun eine Untersuchung vorgelegt, die die gegenwärtige Beschaffungspraxis in diakonischen und kirchlichen Einrichtungen darstellen will. Es geht dabei nicht nur um öko, sondern auch um fair. Das Ergebnis lautet, kurz gesagt:

„Trotz diverser Beschlüsse ist ökofaire Beschaffung bisher kaum in der kirchlichen Praxis angekommen“ (S. 45).

Eine „systematische ökofaire Beschaffung [ist] nur bei einer sehr kleinen Anzahl dieser Einrichtungen präsent“ (S. 43).

„Evangelische Einrichtungen bleiben bei der Beschaffung heute noch weit hinter dem zurück, was sozial und ökologisch für Zukunftsfähigkeit und eine gerechte Weltwirtschaft notwendig ist. Ihre Möglichkeiten der ökofairen Beschaffung schöpfen sie nicht aus“ (S. 43).

Bei „ökofair“ kommt einem natürlich als erstes der Kaffee in den Sinn. Und das zeigt sich auch in der Studie:

„Der fair gehandelte Kaffee hält seine Vorreiterposition als ökofaires Konsumgut, spaltet jedoch gleichzeitig die Einrichtungen in die Extreme: Entweder der Kaffeeverbrauch ist nahezu vollständig auf ökofaire Produkte umgestellt oder gar nicht“ (S. 9).

Die Studie wirft aber nicht nur einen Blick auf den Klassiker Kaffee, sondern auf vier große Bereiche: Verpflegung, Energie, Bürobedarf und Mobilität. Der Untersuchung liegt eine schriftliche Befragung von ausgewählten Einrichtungen zugrunde. Dabei werden sieben verschiedene Arten von Einrichtungen befragt: Kirchengemeinden, KiTas, Verwaltungen, Ausbildungsstätten, Tagungshäuser, Einrichtungen der Kranken- und Altenhilfe und der Behinderten- und Jugendhilfe.

Das ist eine große Breite an äußerst unterschiedlichen Einrichtungstypen. Und alle sind von Ausmaß und logistischer Umsetzung der Beschaffung völlig unterschiedlich, so dass ich mich frage, ob man überhaupt zu aussagekräftigen Erkenntnissen ökofairer Beschaffungspraxis „in Kirche und Diakonie“ kommen kann. Der schriftichen Befragung liegt zudem nur eine äußerst geringe Anzahl diakonischer und kirchlicher Einrichtungen zugrunde, die sich an der Untersuchung beteiligt haben, bei derzeit 15.000 evangelischen Kirchengemeinden und 28.000 diakonischen Einrichtungen. Pauschale Forderungen wie diese werden bei so einer Vielzahl und Vielfalt an Organisationen dann auch wenig bewirken:

„Es muss der Anspruch aller kirchlichen Einrichtungen sein, die bestehenden Optionen der ökofairen Beschaffung schnellstmöglich und umfassend umzusetzen“ (S. 45)

Dem ist natürlich zuzustimmen. Aber ich glaube nicht, dass die nicht zufriedenstellende Beschaffungspraxis an mangelndem Willen von Diakonie und Kirche liegt. In der Öffentlichkeit wird dies natürlich gerne unterstellt, es ist ein wiederkehrendes Mem („Die beschließen viel, aber handeln selbst nicht danach!“). Vielleicht ist es hilfreicher, wenn man die einzelnen (und völlig unterschiedlichen) Schwierigkeiten benennt und konkrete Tipps mitliefert, wie man sie bewältigen kann.

Beim Durchblättern der Studie fand ich daher vor allem interessant, welche konkreten Hindernisse eine ökofaire Beschaffung erschweren. Zum Beispiel fehlt es zum Teil an Lieferanten mit ökofairen Angeboten, die den Anforderungen von Großeinrichtungen überhaupt gerecht werden können (S. 43). Bei Kirchengemeinden gibt es ganz andere Probleme. Dort kaufen nämlich viele verschiedene Leute ein und „im ungünstigsten Fall definiert jeder die Kriterien für den Einkauf und die bestmögliche Option selbst und anders“ (S. 37).

In diesem Sinne ist die Untersuchung eine anregende Lektüre. Und wer das Thema in Kirche und Diakonie vorantreiben will, findet noch eine beeindruckende Zusammenstellung der Beschlusslage in Kirche und Diakonie (eine Liste über 8 Seiten!) und Verweise auf nützliche Internetseiten. Einen Kurzbericht zur Studie gibt es hier.