Archiv der Kategorie: Gemeinwesendiakonie

Lokale Ökonomie

„Local work for local people using local resources“ (James Robertson).

So kann man das Schlagwort „lokale Ökonomie“ wohl am prägnantesten zusammenfassen. Lokale Ökonomie ist ein Samelbegriff für unterschiedliche Ansätze wie Soziale Ökonomie, Nachbarschaftsökonomie, solidarische Ökonomie oder Gemeinwesenökonomie. Lokale Ökonomie will die lokalen Wirtschaftskreisläufe stärken, neue Arbeitsmöglichkeiten im Gemeinwesen schaffen und die Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs im Stadtviertel verbessern. Das Ganze soll gelingen, indem die Potenziale innerhalb des Gemeinwesens mobilisiert werden – also Vorrang der endogenen vor den exogenen Ressourcen. Genutzt werden insbesondere die „brachliegenden Fähigkeiten und Kenntnisse in der Bevölkerung – nicht zuletzt unter den Arbeitslosen oder aus sonstigen Gründen für überflüssig Erklärten“ (Karl Birkhölzer).

„Der Begriff Lokale Ökonomie ist die Übersetzung des englischen „local economy“ und meint zunächst die Gesamtheit ökonomischen Handelns innerhalb eines geographisch begrenzten Gebiets oder einer Gebietskörperschaft, wie z.B. Städte, Stadtbezirke, Gemeinden. „Lokal“ (lat. locus = Ort) betont in diesem Zusammenhang die Handlung vor Ort, wobei der Ort als Wirtschaftseinheit, als Reproduktionsmöglichkeit und als Ort der Existenzsicherung gesehen wird. Das Gemeinwesen, also ein überschaubarer Raum mit historisch gewachsener Struktur und kultureller Identität , wird nicht als beliebiger Standort gesehen. Das Gemeinwesen ist die „Keimzelle“ einer alternativen Wirtschaftsform im Sinne der Lokalen Ökonomie“ (Judith Knabe).

Eine allgemeine Definition gibt es bisher nicht. Die Diskussion begann in den 1980er Jahren in Großbritannien „und zwar im Zusammenhang der Entwicklung eigenständiger wirtschaftspolitischer Strategien auf kommunaler Ebene („local economic strategies“), getragen von den Stadträten („Metropolitan Councils“) englischer Großstädte (Greater London, Manchester, Merseyside, South and West Yorkshire, West Midlands) als Reaktion auf die zunehmende Arbeitslosigkeit, Verarmung und den Verfall der Innenstädte im Gefolge einer extrem neoliberalen bzw. marktradikalen Wirtschaftspolitik der Thatcher-Ära“ (Karl Birkhölzer). In Deutschland setzte die Diskussion erst später ein, gewinnt aber zunehmend an Fahrt. „Lokale Ökonomie“ erfährt nicht nur in den Ansätzen zur „Sozialen Stadt“ Beachtung, sondern auch grundsätzlich in der Sozialen Arbeit.

Die Redaktion der Internetseite stadtteilarbeit.de hat ihr Material rund um das Thema „lokale Ökonomie“ nun unter einer eigenen Domain zusammengestellt: lokale-oekonomie.de. Die Seite ist absolut empfehlenswert, die Artikel und Materialen sind interessant, instruktiv und inspirierend. Lokale Ökonomie kann der Gemeinwesendiakonie und dem Community Organizing noch einmal neue und kräftige Impulse geben. Besonders spannend finde ich die Verbindung von bürgerschaftlichem und unternehmerischem Handeln. Nun kann man sagen: „Alles nichts Neues, kennen wir doch schon“. Ja, viele Einzelaspekte sind sicherlich nicht neu. Aber manchmal bietet ein Begriff eine neue Blickrichtung. Und mit dieser „lokalen Ökonomie“ lassen sich viele Entdeckungen machen. Allein die Dursicht der verschiedenen Traditionsströme lokaler Ökonomien ist bereits äußerst anregend. Da geht noch was.

Wir sind da

Der ADAC wirbt um neue Mitglieder mit dem einfachen Satz: „Wir sind da“. Schön (und) schlicht.  Das könnte doch auch ein Diakonie-Motto sein (vielleicht sogar ein Mantra?). Es ist nicht aufdringlich und gleichzeitig genau auf den Punkt. Es stellt nicht das Tätigsein in den Vordergrund, sondern das Da-sein.

Im Seminaren zur diakonischen Bildung mache ich gerne Übungen zum Verständnis der eigenen Fachlichkeit. Auf einer Liste mit hundert verschiedenen Umschreibungen für helfendes Handeln findet sich auch das „da sein“. Eine Teilnehmerin dieser Übung hatte „da sein“ als besonders wichtig für ihr eigenes Verständnis von Professionalität ausgewählt und anschließend gesagt: „Das ist ganz schön anstrengend, einfach da zu sein.“ Das ist es. Und meiner Meinung nach ist es auch eine besondere Qualität diakonischer Kompetenz. Also: Präsenz als Kompetenz. Dies führt dann zu der Frage, inwiefern „da sein“ Bestandteil sozialberuflicher Professionalität ist, ob es darüber hinaus geht oder dahinter zurückbleibt. Im Wichern drei-Band von Volker Herrmann und mir entfaltet Andries Baart einige grundlegenden Gedanken zur Präsenz. Ich finde präsenzorientierte Diakonieverständnisse sehr anregend. Die Passgenauedienstleistungsdiakonie ist eine andere Art von Diakonie.

Es gibt aber noch ein weiteres Verständnis von Präsenz, nämlich das der (evtl. flächendeckenden) Versorgungsstruktur. Also: Präsenz als Struktur. Auch diesen Aspekt finde ich bedenkenswert: Wer ist in Deutschland eigentlich flächendeckend „da“? Ich interessiere mich erst einmal für die sichtbaren und ortsgebundenen Strukturen (also die physischen, nicht die virtuellen): Wer ist vor Ort, am besten in allen Stadtteilen, tatsächlich präsent? Paul-Hermann Zellfelder hat den alten Sparkassen-Slogan „Keiner hat mehr: die meisten Filialen“ auf die Kirchengemeinden übertragen. Bleibt zu fragen, welche flächendeckenden Filialstrukturen es noch so gibt in Deutschland. Ich komme auf die folgenden „Wir-sind-da“-Strukturen:

  • Bäckereigeschäfte (45.000; baeckerhandwerk.de)
  • Büdchen, Trinkhallen und Wasserhäuschen (leider finde ich hierzu keine Zahlen, es werden aber wohl weniger als Bäckereien sein)
  • Sparkassen-Filialen (15.685; dsgv.de; allerdings werden hier auch SB-Geschäftsstellen mitgerechnet)
  • Kirchengemeinden (15.471; ekd.de/statistik)
  • Tankstellen (14.410; mwv.de)
  • Postfilialen (14.000; dp-dhl.com)
  • Kindergärten (keine Zahlen gefunden)
  • Grundschulen (keine Zahlen gefunden)

Diese „Versorgungssysteme“ haben einen  flächendeckenden Charakter. Und im Grunde sind sie alle, in ihrer Art und Weise, wichtig für diakonische Arbeit im Sozialraum. Wir sind dann mal da.

Wichern drei

Soeben erschienen: Wichern drei – gemeinwesendiakonische Impulse, herausgegeben von Volker Herrmann und mir, verlegt bei Neukirchener.

„Wichern drei“ – dieses Schlagwort von Theodor Strohm markiert eine neue Phase diakonischen Selbstverständnisses. Es spielt dabei auf einen Ausspruch von Eugen Gerstenmaier an: Mit „Wichern zwei“ bezeichnete Gerstenmaier das diakonische Programm des Evangelischen Hilfswerks in der Nachkriegszeit. Neben dem Wichernschen Gedanken der „rettenden Liebe“ (quasi „Wichern eins“) sollte mit „Wichern zwei“ die „gestaltende Liebe“ stärker in den Blick gerückt werden. 50 Jahre später skizziert Theodor Strohm die Idee von „Wichern drei“, ein Diakonieverständnis, das den Sozialraum in den Mittelpunkt der Reflexion rückt. Auch Wolfgang Huber hat den Begriff „Wichern III“ genutzt (mit einer etwas anderen Ausrichtung – und mit der „drei“ als römischer Ziffer).

Es geht dabei um die stärkere Berücksichtigung der lebensweltlichen Kontexte, den Einbezug von informellen Netzwerken, von Selbsthilfe und bürgerschaftlichem Engagement und die Suche nach neuen Kooperationspartnern, die auch über die Grenzen der kirchlichen und diakonischen Institutionen hinausreichen.

Solch ein diakonisches Grundverständnis stellt nun keine völlig neue Erfindung dar. Allerdings muss man zugestehen, dass die von Theodor Strohm Ende der 1990er Jahre beschriebene Kultur organisierter Diakonie sich de fato erst allmählich durchsetzt. Und so haben Volker Herrmann und ich zehn Jahre nach Theodor Strohms Aufsatz „Wichern drei – auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Sozialen“ (1998) in der diakoniewissenschaftlichen Literatur nach Ansätzen und Gedanken gesucht, die unserer Meinung nach genau die Essentials der Wichern drei-Idee beschreiben.

Hinzu kommt ein Weiteres: Wichern drei entspricht inhaltlich in weiten Teilen der Idee der Gemeinwesendiakonie. Der Diakonie-Text Handlungsoption Gemeinwesendiakonie bezieht sich dann auch explizit hierauf (S. 26). Mit dem Buch „Wichern drei – gemeinwesendiakonische Impulse“ möchten wir nun diese beiden Linien in Beziehung setzen. Wichern drei verstehen wir dabei als diakoniewissenschaftliche Programmatik, die Gemeinwesendiakonie als diakoniepolitische Strategie. Wer sich gerne einen Überblick über die verschiedenen Artikel verschaffen möchte, kann hier das Inhaltsverzeichnis einsehen.

Ambient Assisted Living

Zum ersten Mal habe ich vom „Ambient Assisted Living“ (AAL) in einem Vortrag von Hanns-Stephan Haas gehört. Ich hatte nur eine vage Ahnung, mit dem Begriff selbst konnte ich zunächst nichts anfangen. Später flatterte dann ein Verteilmagazin zum AAL über meinen Schreibtisch:

„AAL steht für Ambient Assisted Living. Das klingt abstrakt, meint aber etwas sehr Konkretes: den Einsatz intelligenter Technik, die das Leben einfacher, sicherer und gesünder macht – und die dazu beiträgt, dass Menschen so lange und so selbstbestimmt wie möglich in ihrem vertrauten zu Hause leben können, besonders, wenn sie bereits auf Unterstützung oder Pflege angewiesen sind. Schon heute gibt es eine wachsende Zahl überzeugender AAL-Anwendungen.“

AAL kann vor allem bei älteren Menschen und bei Menschen mit Behinderung zum Einsatz kommen. Wenn man sich die quantitativ beeindruckende Liste der AAL-Anbieter anschaut, die mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung kooperieren, stellt man schnell fest, wie groß dieses Segment wohl ist.

Hanns-Stephan Haas sieht für die Zukunft der sozialen Dienste einen Dreier-Mix aus bürgerschaftlichem Engagement, Profi-Diensten und Techniklösungen (eben AAL). Er spricht von einem „neuen Technik-Bürger-Profi Mix“:

„Wo immer technische Innovationen möglich sind, müssen sie in die Lebensgestaltung einbezogen werden. Die aal-Technologie wird weiter enorme Sprünge erleben und gerade auch in strukturschwachen Regionen einen wesentlichen Beitrag liefern. Haushaltsnahe Dienstleistungen müssen intelligent vernetzt und möglichst effizient gesteuert werden. Ein standardisiertes Casemanagement muss für bestimmte Lebenssituationen entwickelt und ortsnah vorgehalten werden. Ziel muss dabei die Stärkung, Aufrechterhaltung und der Wiedererwerb der Selbsthilfepotenziale sein. So weit möglich und in ganz anderem Maße als bisher müssen Assistenzbedarfe durch bürgerschaftliche Netzwerke abgedeckt werden. Bürgertelefone, Nachbarschaftsassistenz, niederschwellige pflegerische und Versorgungsdienstleistungen sind nicht nur ‚billige Substitute’ der an sich wünschenswerteren professionellen Dienstleistung, sondern die angemessene ortsnahe Assistenz, die die Einbindung in den eigenen Sozialraum stärkt und soziale Entwurzelungsprozesse verhindert“  (Hanns-Stephan Haas: Kirchengemeinden und diakonische Unternehmen als Player in einem inklusionsorientierten Sozialraum – Perspektiven eines neuen Miteinanders von Kirche und Diakonie, epd-Dokumentation 29/2010, S. 16).

Meine bisherigere Vermutung war ja immer, dass in der Diakonie high tech-Trends eher kritisch gesehen werden. Man will schließlich in erster Linie viel high touch anbieten – zumindest vom Anspruch her. Daher ist es interessant zu fragen, wie das Thema innerhalb der Diakonie aufgegriffen wird. Ganz genau kann ich diesen „Trend“ noch nicht einordnen: Einerseits bringt eine Suchabfrage auf der Seite diakonie.de ganze null Treffer. Andererseits sind einige diakonische und caritative Unternehmen längst dabei, AAL voranzutreiben. Siehe hier oder hier.

AAL berührt nicht nur technische Fragen (was ja auf der Hand liegt), sondern auch ethische Fragen (was hoffentlicht nicht ausgeblendet wird). Und darüber hinaus trifft es die Frage nach dem Selbstverständnis der Diakonie im Mark. Hanns-Stephan Haas sieht die Rolle der Diakonie vor allem in der eines Service-Intermediärs und eines Sozialraum-Enablers (S. 16). Das hat mit den traditionellen Hilfeverständnissen der organisierten Diakonie nun wirklich gar nichts mehr zu tun. Gerade das ist spannend. Ich will mir darüber keine vorschnellen Urteile erlauben – ahne aber, dass es genau die richtige Debatte ist.