Archiv der Kategorie: Fachlichkeit

Handbuch „Gemeinde & Diakonie“

Es ist ein Dauerbrenner in der Diakonie-Praxis und -Wissenschaft: Wie kann Diakonie in der Gemeinde erlebt und gestaltet werden? Wie kann das Zusammenspiel von Kirchengemeinden und Einrichtungsdiakonie verbessert oder überhaupt erst begonnen werden?

Hans Höroldt, Diakoniepfarrer in Leverkusen, und Volker König, verantwortlich für diakonisches Profil im Diakonie-Landesverband Rheinland-Westfalen-Lippe, haben zu diesem Thema ein Handbuch herausgegeben: Gemeinde & Diakonie: erleben – verstehen – gestalten. Knapp zwanzig Texte hält der anprechend gestaltete Band bereit, von biblischen Grundlagen über praktische Anknüpfungsmöglichkeiten im Gemeindealltag bis hin zu strategischen Überlegungen.

Einige inhaltliche Stichpunkte möchte ich kurz benennen: Die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten setzen oft bei den Unterschiedlichkeiten von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen an, gerade dadurch können sich die jeweiligen Stärken entfalten. Auch stößt man in dem Handbuch immer wieder auf die Grundhaltung, dass Kirchengemeinden mit ihrem diakonischen Engagement nicht nur etwas für andere leisten, sondern auch für sich selbst: Das Erleben und das Gestalten von Diakonie bietet gute Ansatzmöglichkeiten für die Gemeindeentwicklung. Und schließlich zieht sich wie ein roter Faden der Gedanke durch die verschiedenen Texte des Handbuchs, dass Kirchengemeinden mit ihrem diakonischen Engagement ein Sozialraum-Akteur sind. Ihr Handeln bezieht sich damit auch immer auf den Ort, den Raum, das Viertel.

Das Handbuch richtet sich an Preysbyter und engagierte Gemeindemitglieder, wie auch an Mitarbeitende in den Einrichtungen der organisierten Diakonie. Das Buch ist theoretisch fundiert und hat gleichzeitig praktischen Nutzwert, ohne sich in der Beschreibung von Einzelprojekten zu verlieren. Begleitend zum Handbuch soll im Internet eine Material-Fundgrube aufgebaut werden, die die einzelnen Themen und Texte unterstützt (auf die drei Katgeorien erleben, verstehen und gestalten unter Bereichsmenü Dossiers klicken!).

Den Herausgebern ist ein fundiertes wie pragmatisches Handbuch gelungen, das man gern zur Hand nimmt. Das Handbuch kann beim Medienverband Rheinland bestellt werden – oder in jeder Buchhandlung. Es kostet 16,80€.

Diakonische Kompetenz

Oft ist in der Diakonie vom „diakonischen Handeln“ die Rede. Ich finde diesen Begriff missverständlich, weil er nämlich suggeriert, dass es neben sozialarbeiterischem, therapeutischem, pflegerischem oder pädagogischem Handeln auch ein spezifisches diakonisches Handeln gebe. Der Begriff „diakonische Kompetenz“ trifft es in meinen Augen viel besser. In dem Artikel „Was ist diakonische Kompetenz?“ habe ich meine Überlegungen zusammengefasst.

„Kompetenz meint die Fähigkeit, sich in offenen und dynamischen Situationen selbstorganisiert zurechtzufinden (Erpenbeck/von Rosenstiel). Diakonische Kompetenz bedeutet demnach, mündig und fundiert Diakonie zu gestalten und beizutragen, sie zu ermöglichen. Diakonische Kompetenz setzt beim Kern des Diakonischen an. Sie beschreibt den „Tiefengrund“ von Werten, Motivationen, Wissen und Fertigkeiten des Tätigseins in der Diakonie – und zwar grundsätzlich, also „fachlichkeitsübergreifend“. Die unterschiedlichen diakonierelevanten Fachlichkeiten stellen daher keine Alternative zur diakonischen Kompetenz dar, im Gegenteil: die Handelnden können ihr berufliches Handeln auf der Grundlage diakonischer Kompetenz ausüben.“ (Martin Horstmann: „Was ist diakonische Kompetenz?“ Ein Beitrag zu einem hoffentlich nützlichen Konstrukt, 2011, S. 5).

Kurz ein paar Eckpunkte, die mir wichtig sind:

  • Diakonische Kompetenz meint also nicht kon­krete liturgische, homiletische oder katechetische Tätigkeiten (wie Rituale gestal­ten, Andachten halten oder Glaubensinhalte kommunizieren), denn diese wären eben Bestandteil liturgischer, homiletischer oder katechetischer Kompetenz.
  • Diakonische Kompetenz leistet die Anschlussfähigkeit an sozialberufliche Diskurse. Sie kann sich auf die unterschiedlichen Verständnisse von Professionalität und Fachlichkeit beziehen, in erster Linie natürlich auf die ver­schiedenen Sozialberufe, letztlich aber auch darüber hinaus.
  • Diakonische Kompetenz stellt die Verbindung zwischen dem inhaltlichen Gehalt des Diakonischen und dem Handeln der diakonisch Tätigen her. Dadurch besteht die Chan­ce, dass die eher diffusen Beschreibungsversuche eines „diakonischen Profils“ überwunden werden können.

Die Aufgabe eines diakonischen Kompetenzmodells besteht also darin, zwischen dem in­haltlichen Gehalt des Diakonischen und dem konkreten Tätigsein im diakonischen All­tag zu vermitteln. Gleichzeitig soll diakonische Kompetenz eine Brücke schlagen zwischen individuellem Wissen, Können und Haltung des Diakoniemitarbeiters auf der einen Seite und den organisationalen Anforderungen diakonischer Einrichtungen auf der anderen Seite. Diakonische Kompetenz bezieht sich auf die grund­legende Struktur des Diakonischen und lässt sich eben nicht über einzelne „oberflächliche“ Profilelemente bestimmen.

Mögen diese konzeptionellen Überlegungen hilfreich sein. Vor zwei Jahren hatte ich eine erste Skizze zur diakonischen Kompetenz vorgelegt (Martin Horstmann: Diakonische Kompetenz, in: Volker Herrmann (Hg.): Soziales Leben gestalten. DWI-Jahrbuch 40, Heidelberg 2009, 245-261). Im Zuge meiner Dissertation habe ich nun einige Aspekte präzisiert. Das Modell hat sich nicht verändert, nur benenne ich jetzt keine konkreten Kompetenzelemente, sondern beschreibe einen Ansatz, wie man zu eben solchen Einzelkompetenzen gelangt.

Wirkungsdimensionen

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, hat mal ein deutscher Kanzler gesagt. Durchaus richtig (auch wenn ich dem Urheber dieses Zitats ansonsten wenig abgewinnen kann). Soziale Arbeit und Diakonie haben sich lange Zeit recht schwer damit getan, die Frage nach ihrer Wirkung ernsthaft zuzulassen. Nach dem zu fragen, was tatsächlich dabei herauskommt, war verpönt und rückte einen sogleich in die Schmuddelecke des Verwertbarkeits- und Funktionalitätsdenkens. Man sprach dem Prozess höhere Bedeutung zu als dem Ergebnis.

Nun ist man mittlerweile der Frage nach den Wirkungen der eigenen Maßnahmen wesentlich aufgeschlossener. Nach wie vor ist es aber eine heikle Frage, denn sie ist schwierig zu handhaben. Zum Beispiel: Wer beurteilt eigentlich die Wirkung? Und etwas deutlicher: Wer hat die Definitionsmacht, wenn sich Wirkungsurteile widersprechen? Oder: Wo sollen sich die Wirkungen überhaupt einstellen und an welchen Stellen wird nach den möglichen Wirkungen gesucht?

In der Zeitschrift SOZIALwirtschaft (5/2009, S. 6-8) habe ich einen Artikel von Bernd Halfar entdeckt, der für mich einiges Licht in das Dunkel der Wirkungssuche gebracht hat. Halfar bezieht sich auf ein Modell der International Group of Controlling und unterscheidet neben der klassischen Ergebnisgröße des output drei weiter Dimensionen, die sich auf die Wirkungen beziehen: effect, impact und outcome:

  • „Output: quantitative Leistungsmenge, die letztlich die Basis für qualitative Wirkungseffekte (Impact, Outcome, Effect) darstellt. Der Output ist das mengenmäßige Produktionsergebnis der Non-Profit-Organisation.“
  • „Effect: unmittelbare, objektiv ersichtliche und nachweisbare Wirkung (objektive Effektivität) für einzelne Stakeholder.“
  • „Impact: subjektiv erlebte Wirkung des Leistungsempfängers oder der Stakeholder (subjektive Effektivität).“
  • „Outcome: gesellschaftliche Wirkungen und Nutzen (objektive kollektive Effektivität).“ (alle Zitate S. 8).

Outputs sind die konkreten Leistungen des Anbieters, effects sind alle sich dadurch unmittelbar ergebenden Effekte, impacts sind die subjektiv erlebten Auswirkungen und der outcome ist der gesellschaftliche Nutzen.

Wer diese Begriffe mal googlet oder bingt, wird schnell merken, dass es keine einheitliche Definitionen gibt. Mal erscheint der eine Begriff als Oberbegriff der anderen, oft werden auch impact und outcome anders verwendet als es Halfar tut, usw… Wie dem auch sei, die Unterscheidung der vier Dimensionen in dieser Weise scheint mir doch sehr sinnvoll und nützlich zu sein.

Nun stellt sich natürlich die spannende Frage: wie messen? Das Repertoire ist groß: Klienten-Feedback, Expertenbefragungen, standardisierte Berichtssysteme, Katamnesen, Panel-Befragungen, Befragungen mit Kontrollgruppen usw. usw. Das alles ist nicht gerade unaufwendig. Aber die Unterscheidung der genannten Wirkungsdimensionen hat nicht erst dann einen Wert, wenn sie mit „harten Fakten“ unterlegt wird. Neben empirisch-evaluativen Untersuchungen haben auch rein konzeptionelle Überlegungen ihren Wert: Was wollen wir eigentlich mit wem auf welcher Ebene an Wirkung erzielen? Auch dafür ist die analytische Unterscheidung dieser Dimensionen hilfreich.

Dazu abschließend ein Gedanke aus dem Blog von Sean Stannard-Stockton: „I also like the phrase “It’s better to be vaguely right than precisely wrong” in this context; which means it’s better to have a proper attempt to measure the difficult, softer, intangible stuff (and be transparent about how you’ve gone about it), than ignore it altogether and be “correct”.“

Ein wirksames und wirkungsvolles Frohes Neues Jahr!

unverwechselbar, erkennbar, unterscheidbar

In der Diakonie wird gern die eigene Unverwechselbarkeit kundgetan. Aber sind die Dienstleistungen der organisierten Diakonie wirklich „unverwechselbar“? Verfügt die Diakonie tatsächlich über ein Alleinstellungsmerkmal?

Es gibt natürlich Alleinstellungsmerkmale bei diakonischen Diensten und Einrichtungen. In manchen Städten gibt es zum Beispiel nur eine Suchtberatungsstelle, und wenn diese dann in der Trägerschaft der Diakonie ist, ist dies eben das Alleinstellungsmerkmal dieser Einrichtung. Aber Alleinstellungsmerkmale dieser Art sind in der Regel gar nicht gemeint, wenn vom „Unverwechselbaren in der Diakonie“ gesprochen wird.

Gemeint ist natürlich die Frage nach dem „Eigentlichen“ der Diakonie, der diakonischen Identität. Doch die Betonung von Alleinstellungsmerkmalen führt meiner Beobachtung nach gerade nicht dazu, der eigenen Identität näher zu kommen. Wer nach der „Unverwechselbarkeit“ diakonischen Profils fragt, hat oft mehr Interesse an der Außendarstellung („Marketing“) als an der eigenen Substanz („Identität“).

Damit möchte ich aber nicht die Frage nach dem diakonischen Profil ad acta legen. Ich möchte nur den Ball etwas flacher halten und auf eine wichtige Unterscheidung hinweisen. Meine Idee: Das Wort „Unverwechselbarkeit“ streichen und dafür mehr mit den Begriffen „Unterscheidbarkeit“ und „Erkennbarkeit“ experimentieren.

Diakonie muss erlebbar, spürbar, erkennbar sein – eben als Diakonie. Ob sie sich damit gleich unverwechselbar macht, ist nicht wirklich relevant. Nun gibt es aber auch Situationen, in denen man „Diakonie“ nicht genau erkennen kann, aber man trotzdem merkt, dass sie sich irgendwie unterscheidet. Manchmal passt Erkennbarkeit besser, manchmal Unterscheidbarkeit. Den Begriff Unverwechselbarkeit stellen wir hingegen besser in den Floskelfolklore-Mottenschrank.

Um der Frage nach dem Erkennbaren/Unterscheidbaren besser auf die Spur kommen zu können, ist zu überlegen, in welchen Dimensionen sich Unterscheidbares oder Erkennbares finden lässt. Ich schlage folgende Suchrichtungen vor:

  • Motivation: Gibt es bestimmte Motivationen in der Diakonie? Welche sind es?
  • Haltungen/Einstellungen: Gibt es bestimmte Haltungen in der diakonischen Arbeit? Welche – und wie zeigen sie sich?
  • Sinndeutungen/Reflexion: Gibt es eine bestimmte Art und Weise der Reflexion? Gibt es bestimmte Sinndeutungen, denen man besonders zuneigt?
  • Handlungskonzepte und Methodenwahl: Gibt es Vorlieben oder Abneigungen gegenüber bestimmten Handlungskonzepten und Methoden?
  • Institution: Welche besondere institutionelle bzw. strukturelle (Rahmen-)Bedingungen sind in der Diakonie bedeutsam?
  • Atmosphäre: Kann man von einer bestimmten Atmospähre in diakonischen Einrichtungen sprechen? Worin zeigt sie sich?
  • Auftrag/Ausrichtung: Gibt es – unabhängig von den in Leistungsverträgen bzw. Gesetzesleistungen genannten Zielen – einen besonderen Auftrag bzw. eine „tieferliegende“ Ausrichtung diakonischer Arbeit? Inwiefern?

Diese Dimensionen sollen als Zugänge zum Diakonischen verstanden werden. Ich sage damit nicht, dass es in allen diesen sieben Dimensionen immer zwingend etwas erkennbar/unterscheidbar Diakonisches geben muss. Es sind lediglich Suchrichtungen, dafür sind sie aber durchaus brauchbar.

Social-Spots

An dieser Stelle einmal alle (mir bekannten) Social-Spots von Diakonie und Caritas hintereinander. Pardon: untereinander. Ohne Kommentar – es kann sich ja jeder selbst ein Bild machen…

Armut trifft vor allem Kinder (DW-EKD) Benachteiligung durch Armut

Ein Wintermärchen (Diakonie Düsseldorf) Obdachlosigkeit

Krystina (DW-EKD) Menschenhandel und Zwangsprostitution

Et voilà… die Spots aus dem Hause Caritas

Sprechende Wohnung (Caritas Deutschland) Alte Menschen

Urwissen / Soziale Manieren (Caritas Deutschland) Obdachlosigkeit

Achten statt ächten (Caritas Deutschland) Jugendliche

Armut kann man abschaffen (Caritas Österreich) Armut

Kälte ist kein Kinderspiel (Caritas Österreich) Nothilfe Osteuropa

Interkulturelle Öffnung

Das Thema interkulturelle Öffnung beschäftigt die Diakonie zunehmend. Und zwar als grundlegendes diakonisches Querschnittthema, nicht nur als  Arbeitsfeld (wie z.B. in der Migrationsarbeit). Anfang des Jahres ist ein Diakonie-Text (02/2010) erschienen, der einen Überblick über die Vielzahl von Arbeitshilfen und Stellungnahmen zur interkulturellen Öffnung gibt. Ca. 75 Publikationen werden gut sortiert nach Arbeitsbereichen vorgestellt. Eine ordentliche Fleißarbeit. Und so kann man nur hoffen, dass von diesem Diakonie-Text reichlich Gebrauch gemacht wird.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch auf zwei weitere Diakonie-Texte zum Thema Interkulturelle Öffnung (in) der Diakonie hinweisen. In dem Papier Interkulturelle Öffnung in den Arbeitsfeldern der Diakonie (Diakonie-Text 13/2008) finden sich „12 Thesen zur interkulturellen Öffnung der Diakonie“ (S. 8). Die Thesen sind kurz und knackig, eigenen sich hervorragend zur Einführung in das Thema und regen zur Diskussion an. Daneben wird in dem Papier zwischen interkultureller Bildung, interkultureller Kompetenz und interkultureller Öffnung (S. 5-6) differenziert, was ich als Beitrag zur Begriffsklarheit hilfreich finde. Und die Prüfsteine (S. 9-10) bieten konkrete Fragen, mit denen der Stand der interkulturellen Öffnung in einer diakonischen Einrichtungen reflektiert werden kann; das Ganze in vier kleinen Abschnitten zu OE, PE, QM und PR.

Bei der theologischen Reflexion zur interkulturellen Öffnung wird oft das „Universalitäts-Argument“ angeführt: Der Auftrag der Diakonie bezieht sich auf alle Menschen, ist universalistisch. Diakonie ist kein rein christlicher Club. Eine  lesenswerte theologische Reflexion zum universalen Auftrag der Diakonie gibt es in einem weiteren Diakonie-Text (17/2007) (S. 6-8). Es handelt sich dabei um die „Rahmenkonzeption Migration, Integration und Flucht“. Hier steht also das Arbeitsfeld Migration im Vordergrund, nicht die interkulturelle Öffnung als Querschnittthema. Für die theologischen Überlegungen macht das natürlich keinen Unterschied.