Archiv der Kategorie: Fachlichkeit

Ethische Facetten des Ambient Assisted Living (AAL)

Vor einem Jahr habe ich eine erste Anmerkung zum Ambient Assisted Living (AAL) – also unterstützende Assistenz-Techniken – in diesem Blog veröffentlicht. Drei Dimensionen erscheinen mir bei der Diskussion um AAL wichtig: die technische (was ist möglich?), die diakonische (was bedeutet dies für das diakonische Selbstverständnis?) und die ethische (was und wie ist es sinnvoll?).

Der Ethiker Ulrich H.J. Körtner (Universität Wien) widmet sich in einem Vortrag zu assistiver Technik eben dieser Dimension.

„Als allgemeiner ethischer Grundsatz lässt sich formulieren, dass der Einsatz assistiver Technologien in Medizin und Pflege stets patientenzentriert erfolgen soll. (…) Aus ethischer Perspektive stellt sich sodann die Frage, wie sich beim Einsatz assistiver Technologien die Prinzipien der Selbstbestimmung und der Fürsorglichkeit bzw. Selbstverantwortung und Fremdverantwortung ins rechte Verhältnis setzen lassen.“ (Körtner: Lebensräume und Lebensträume aus ethischer Perpsektive, Zeitschrift Diakonie & Spiritualität, Neuendettelsau, Ausgabe 2/2011, 15-18, S.17).

Körtner führt in dem Vortrag durch die verschiedenen ethischen Facetten des Ambient Assisted Living.  Ethische Überlegungen bleiben dabei nicht bei individualethischen Fragen stehen (Was muss bei nicht zustimmungsfähigen Personen beachtet werden? Wie geht man mit mangelnder Compliance um? etc.), auch sozialethische Aspekte kommen in den Blick. So zum Beispiel vor dem Hintergrund sozialer Gerechtigkeit: Wer soll den Einsatz von AAL-Technologie eigentlich zahlen? Sollen Prinzipien der Verteilungs- oder der Tauchgerechtigkeit bestimmend sein, sollen also Solidar- oder Marktmechanismen den Einsatz von AAL regeln?

Es gibt weitere ethische Überlegungen, die durchaus Sprengkraft haben: „Wie weit haben zum Beispiel Dritte oder die Gesellschaft bzw. die Solidargemeinschaft das Recht, vom Individuum ein bestimmtes Gesundheitsverhalten und einen bestimmten Lebensstil zu verlangen oder gar zu erzwingen?“ (S. 17). Auch grundsätzliche Fragen des Alters und Alterns werden durch AAL-Technologie noch einmal ganz neu gestellt.

Ein Kriterium für ethische Abwägungen leitet Körtner aus der Leiblichkeit des Menschen ab:

„Wo die Leiblichkeit des Menschen, sein Bedürfnis nach Körperkontakt und leibhaftiger Zuwendung missachtet wird, droht der mit assistiven Technologien ausgestattete Lebensraum zum Albtraum zu werden. Wo aber der Mensch in seiner Leiblichkeit, seiner Bedürftigkeit und Verletzlichkeit geachtet wird, können assistive Technologien einen Gewinn an Freiheit und Lebensqualität bringen“ (S. 18).

Körtner schließt mit der Mahnung:

„Assistive Technologien werden ihrem Namen nur dann gerecht, wenn sie eben tatsächlich nur als Unterstützung, nicht aber als Ersatz für menschlichen Zuwendung und Hilfeleistung gedacht sind, als Förderung eines selbstbestimmten Lebens, aber nicht als Verstärkung von Vereinzelung und Vereinsamung.“ (S.18).

Kein Modell mehr

Der Vorstand der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel hat die Vision Bethels überarbeitet. Es ist eine kleine sprachliche Änderung, aber eine bedeutsame. In den bisherigen Versionen der Bethel-Vision gab es einen kleinen Abschnitt mit der Überschrift „Orte zum Leben gestalten“. Darin wurde beschrieben, dass Bethel als Modell verstanden wird. Mit dem Modell ist die geschützte Ortschaft gemeint. Dieser Satz ist nun gestrichen. Bethel ist kein Modell mehr.

In einem Artikel der Betheler Monatszeitschrift DER RING erklärt Vorstandsmitglied Günther Wienberg:

„In Zeiten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung könnten besondere Ortschaften als solche aber kein Modell mehr sein“ (DER RING, April 2011, S. 13).

Bethels Vision lautet: Gemeinschaft verwirklichen. Konkretisiert wird dies mit drei Aussagen, die ersten beiden lauten:

  • Qualifiziert helfen
  • Orientierung geben

Der dritte Punkt wurde in der aktuellen Version der Bethel-Vision umformuliert. Er lautet nun:

  • Orte zum Leben gestalten Lebensräume gestalten

Es gibt etliche diakonische Einrichtungen, die diesen Schritt längst vollzogen haben. Ich bin nun kein Freund von Parallelwelten und romantisch verklärter Dorfgemeinschaft, aber ich muss zugeben, das berührt mich schon ein bisschen.

Die Entwicklung – und die Streichung des Aussage „Bethel als Modell“ in der Vision – ist konsequent. Es gibt daran Gutes und auch nicht so Gutes. Jeder mag das selbst beurteilen. Dies ist aber – für jede diakonische Einrichtung, die diesen Weg geht – ein historischer Akt. Und das sollte man zur Kenntnis nehmen.

Diakonie als Ortschaft zu organisieren ist eine der ganz großen, bedeutenden Ideen in der Diakoniegeschichte. Dies ist Teil des Gründungsmythos der Inneren Mission. Und Bethel hat sich wie viele andere diakonische Einrichtungen, die bis in die Gründerzeit der Inneren Mission zurückreichen, immer als Modell verstanden. Dies war quasi Bestandteil der Bethel-DNA. Das wurde dann auch gerne mal theologisch überhöht, das „Reich Gottes“ lag da natürlich nahe. Manchmal fehlte dann auch ein bisschen die Demut, dass die Diakonie (bzw. die Innere Mission) nicht nur ein Zeichen für das Anbrechen des Reiches Gottes war, sondern eigentlich schon die Manifestation des Reiches Gottes auf Erden. So war halt die Frömmigkeit in der Inneren Mission.

Von dem frömmelnden Über- oder Unterbau hat man sich dann in den 70er Jahren befreit, die „fachliche Wende“ brach an. Und immer noch – oder gerade deshalb: Bethel war nicht nur irgendein Modell, Bethel war das Modell. Nach den Berichten älterer Kollegen zu urteilen (ich wurde zu der Zeit ja erst geboren) war das wirklich ein Aufbruch. Und im Grunde dachte jeder, der dabei war: Schaut her, das Reich Gottes ist mitten unter uns. Hier. Das Modell.

Dann kamen die End-80er und Mitt-90er Jahre. „Häuser“, diese in steingehauenen Identifikationspunkte, waren dann auf einmal keine „Häuser“ mehr, sondern „Einrichtungsverbünde“ oder dergleichen. Der Schritt war dann nicht weit, um zu Beginn der Nuller-Jahre die Ortschaften aufzulösen oder zumindest ausfransen zu lassen. Es wurde ambulantisiert und dezentralisiert in großem Stil. Einige Zeit später diskutierte man dann auch ein neues Fachkonzept: Inklusion.

Es gibt fortlaufend „Paradigemnwechsel“ in der sozialen Arbeit, nicht immer sind es wirklich welche. Dies ist einer. Denn der Selbstanspruch hat sich geändert: Bethel (ich könnte auch etwas anmaßend formulieren: die Diakonie) will nicht mehr Orte gestalten, sondern Lebensräume. Das ist in großen Teilen gut, wirklich gut. Aber auch geschützte Orte haben ihren Wert. Und so ist es ein einschneidender Schritt. Es mag sein, dass man in zehn, zwanzig Jahren wieder einen neuen Weg geht: zurück zu den Ortschaften. Es kann ebenso sein, dass man dann sagt: Gut, dass wir damals diesen Schritt gegangen sind, diesen Schnitt gemacht haben.

Mal schauen, was die Zehner-Jahre so bringen werden.

P.S.: Die Betheler Monatsschrift DER RING ist wirklich lesenswert, leider gibt es keine PDF-Ausgaben auf der Bethel-Homepage. Auch sind die ersten beiden Versionen der Bethel-Vision nicht mehr auf der Homepage zu finden (was schade ist), soeben wurde die dritte Version online gestellt.

Was ist Diakonie? (#4)

Welche Aufgaben oder Funktionen hat Diakonie? Im Konkreten ist das oft sehr einfach zu benennen (oder anders gesagt: Im Konkreten stellt sich diese Frage meist gar nicht). Will man dies aber etwas allgemeiner beschreiben, wird es schon schwieriger. Zumindest wenn man es nicht bei solch platten Aussagen wie „Diakonie ist christliche Zuwendung“ oder „Diakonie ist Helfen“ belassen will (die übrigens auch gar nicht so recht stimmen).

Oft hört man, Diakonie will konkrete Not lindern und die Ursachen der Not bekämpfen. Solch eine grundsätzlichere Bestimmung diakonischer Aufgaben geht in die richtige Richtung, trotzdem suche ich immer noch nach einer etwas umfassenderen Systematik. Erstaunlicher Weise gibt es recht wenig Ansätze, die in diesem Sinne etwas anzubieten haben.

Die Bratislava Declaration on Diaconia and Social Exclusion beschreibt fünf diakonische Aufgaben:

„Diaconia works to:

– serve people in their daily life as they face life crises and material or spiritual needs and to provide quality social and other services. Diaconia bases its work on the participation and empowerment of those it serves
– create a culture based on sharing, respect for diversity and participation
– build human community whilst respecting the human dignity of every person as made in the image of God
– take action in favour of justice and an end to oppression, with and on behalf of people in situations of economic, social injustice or otherwise in distress
– shape political and economic priorities and to create, with others, an active democracy which respects all dimensions of human rights“ (S. 2-3).

Diakonie hat demnach fünf Aufgaben: Diakonie bietet soziale Unterstützungsangebote, Diakonie gestaltet eine von Teilen, Vielfalt und Beteiligung geprägte Kultur, Diakonie schafft Gemeinscht, Diakonie greift ein/klagt an bei Ungerechtigkeit und Diakonie will Einfluss nehmen auf politische und wirtschaftliche Prozesse.

Um noch etwas grundsätzlicher zu werden: Aus diesen Aufgaben könnte man auch grundlegende Funktionen der Diakonie ableiten. Die Funktion der Diakonie wäre dann fünf-dimensional:

  • Dienstleistungsdimension
  • kulturelle Dimension
  • gemeinschaftliche/gemeinschaftsbildende Dimension
  • aktivierende/interessenvertretende Dimension (evtl. auch im Sinne von advocacy?)
  • (gesellschafts-) politische Dimension (evtl. auch im Sinne von lobbying?)

An den Begriffen kann man vielleicht noch etwas feilen, aber in meinen Augen ist dies eine wirklich differenzierte und auch recht umfassende Beschreibung, welche Funktion Diakonie hat. Eine einzelne diakonische Einrichtung muss nicht im gleichem Maße diese fünf Dimensionen abdecken, aber sie sollte sich zumindest daran orientieren.

Die Bratislava-Erklärung gibt es auch auf tschechisch, ungarisch, rumänisch und polnisch. In der Diaconia ist sie ebenfalls auf englisch abgedruckt. Und sie ist nicht zu verwechseln mit der Bratislava-Erklärung der Konferenz Europäischer Kirchen!

Was ist Diakonie? (#3)

Wieder ein kleiner Impuls zu der Frage: Was macht das Diakonische aus? Diesmal beziehe ich mich auf einen Aufsatz von Fritz Lienhard: „Armut und Diakonie im Lichte des Kreuzes“. Lienhard entfaltet Diakonie anhand drei zentraler Begriffe: Demut, Gemeinschaft, Sachlichkeit.

„Wir werden Diakonie hier nicht vorzüglich als Institution oder als konkretes Handeln verstehen, sondern als Haltung, die mit dem Umgang mit der Armut verbunden ist. Es geht um drei Kennzeichen, die ich biblisch bedenken will: angenommene Schwäche, gemeinschaftliche Dimension und Sachlichkeit“ (S. 205).

Demut. Die diakonia meint nicht Wohltätigkeit als eine Tat, sondern beschreibt eine Haltung. In Lk 22, 24-27 wird „Wohltäter sein“ gar mit „herrschen“ in Beziehung gebracht. Dem gegenüber steht die Haltung der Demut. Es geht dabei nicht um pathologische Selbsterniedrigung und schon gar nicht um einen Demutswettbewerb, es geht um den Umgang mit der eigenen Schwäche. Ziel ist das Wahrnehmen der eigenen Menschlichkeit.

„Die wahre Demut besteht […] in dem Annehmen der eigenen Gebrechlichkeit, wie sie durch das Kreuz ermöglicht wird. Sie ist Bedingung für echte Diakonie“ (S. 206).

Gemeinschaft. Als zweites grundlegendes Motiv nennt Lienhard die Gemeinschaft. Gemeint ist wiederum die damit verbundene Haltung (und keine Organisationsform):

„Gemeinschaft in der Hilfe heißt, dass der Helfende nicht alleine dasteht, und das gemeinsam geholfen werden muss. Das gilt erst recht für die Ausgrenzung, die nicht auf dem Weg der Verwaltung überwunden werden kann, sondern nur durch Einführung in eine Gemeinschaft. Aber Gemeinschaft heißt auch Gegenseitigkeit der Hilfe. Würde führt dazu, dass von dem Bedürftigen auch ein Beitrag zum gemeinschaftlichen Leben erwartet wird“ (S. 207).

Sachlichkeit. Das dritte Kennzeichen zählt sicherlich nicht zu den gängigen Nennungen bei der Frage, was Diakonie ausmacht. Trotzdem ist es ein „klassisches“ Kennzeichen der Diakonie. Auch wenn die Zuwendung zu einem Menschen sicherlich sehr emotional sein kann, ist es doch in erster Linie ein sachliches Handelns. Die Begründung des Handelns liegt nicht in hoch aufgeladenen Religiosität, sondern wird schlicht durch die Not selbst geboten. In Bezug auf Jesu Rede vom Weltgericht (Mt. 25) führt Lienhard aus:

„Dem Text folgend haben die Auserwählten nicht hinsichtlich der Unglücklichen helfend gehandelt, weil sie wussten, dass Chrsitus der wahre Empfänger ihres Handelns war, sondern weil der andere Hilfe bedurfte. Es war ‚Dienst‘, ausschließlich ausgerichtet an der Not des anderen. ‚Dienen‘ ist also eine soteriologisch anspruchslose, sachliche Antwort auf die Bedürfnisse des Mitmenschen“ (S. 208).

Was ist Diakonie? Eine sachliche, gemeinschaftliche und von sich selbst absehende Haltung.

Fritz Lienhard: Armut und Diakonie im Lichte des Kreuzes, in: Eurich/Barth/Baumann/Wegner (Hg.): Kirchen aktiv gegen Armut und Ausgrenzung, Stuttgart 2010, 194-209.

Nicht können, nicht wollen, nicht gefragt sein

Wie kann gesellschaftliche Teilhabe gelingen? In dem man sich einbringt, mitmacht, dabei ist, engagiert ist… Soviel ist klar. Interessant ist es, die Frage umzudrehen: Warum beteiligen sich Menschen nicht? Eine bekannte (nicht mehr ganz neue) amerikanische Studie zur Frage politischer Partizipation bringt die mögliche Antwort gut auf den Punkt:

„We focus on three factors to account for political activity. We suggested earlier that one helpful way to understand the three factors is to invert the usual question and ask instead why people do not become political activists. Three answers come to mind: because they can’t; because they don’t want to; or because nobody asked. In other words, people may be inactive because they lack resources, beacause the lack psychological engagement with politics, or because they are outside of the recruitment networks that brings people into politics. Our analysis of the sources of political participation will focus on all three factors – resources, engagement, and recruitment – which we combine into what we label the Civic Voluntarism Model“ (Verba/Schlozman/Brady: Voice and Equality 1995: 269).

Warum engagieren sich Menschen nicht? Weil sie’s nicht können, weil sie’s nicht wollen, weil sie niemand gefragt hat. Wenn dies stimmt (und empirisch spricht Einiges dafür), liegt hier der Schlüssel zur Teilhabeförderung:

  • Menschen befähigen, partizipieren zu können (siehe hierzu auch ein Essay des Politikwissenschaftlers Frank Walter auf SPIEGELonline),
  • in Menschen die Idee wecken, dass Partizipation eine Bedeutung hat (für sie selbst, für ihr eigenes Leben)
  • und Menschen (schlicht und einfach) bitten, fragen oder bedrängen, sich zu beteiligen.

Das sind verhältnismäßig unaufregende Möglichkeiten, aber ich denke, sie treffen es sehr genau. Diese Gedanken habe ich kürzlich in einem Vortrag zum Thema „Sozialkapital“ aufgegriffen.

Mittlerweile bin ich im Blog von Brigitte Reiser auf ein Modell gestoßen, das fünf Dimensionen aufweist, die stark an die drei genannten Aspekte erinnern, nun aber aus der Sicht von Organisationen gesehen, die Beteiligungsmöglichkeiten bieten (möchten): das CLEAR-Modell von Pratchett/Durose/Lowndes.

Partizipation kann gelingen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Can do: Man muss fähig sein, partizipieren zu können
  • Like to: Man muss ein eigenes Anliegen haben, warum man partizipieren will
  • Enable to: Organisationen müssen Beteiligungsmöglichkeiten bieten
  • Asked to: Man muss aktiv um Beteiligung gebeten werden
  • Responded to: Die Beteiligungsmöglichkeiten bietende Organisation muss auch auf die Beteiligung reagieren.

Fureai Kippu

Ein kompliziert klingendes Wort für eine einfache Sache: Fureai Kippu ist ein japanisches Unterstützungssystem auf Tauschbasis. Menschen, die andere Menschen pflegen oder betreuen, bekommen eine Gutschrift über den Umfang dieser Betreuungsleistung, die sie dann später wieder in eine Betreuungsleistung zurücktauschen können. Die Idee hierzu hatte Anfang der 1990er Jahre Tsutomu Hotta, ein ehemaliger Minister und Staatsanwalt, vor dem Hintergrund der immer älter werdenden japanischen Gesellschaft.

„Das bestechend Einfache daran: Eine Stunde ist eine Stunde ist eine Stunde – ein völlig inflationssicheres Geld also. Interessant ist, dass die Japaner sich mittlerweile lieber für einen der freiwilligen „Stundenkräfte“ als für professionelle Dienstleister entscheiden, weil Erstere eine größere Motivation mitbringen.“ (Margrit Kennedy in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung)

Die Idee des Fureai Kippu kann man unter drei verschiedenen Perspektiven diskutieren: Als Beispiel für eine Komplementärwährung, als Beispiel für die Monetarisierung im Ehrenamt und als Beispiel für einen innovativen Ansatz bei der Erbringung sozialer Dienstleistungen:

  • Die Idee von Komplementärwährungen übt immer wieder eine Faszination aus. Im Unterschied zu den zahlreichen Regionalwährungen ist der Fureai Kippu hingegen eine Sektoralwährung.
  • Im Zusammenhang mit der steigenden Bedeutung von bürgerschaftlichem/ freiwilligem/ehrenamtlichem Engagement wird zunehmend – und äußerst kontrovers – diskutiert, ob solch ein Engagement finanziell vergolten werden sollte. Das Zentrum für Zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze) hat eine Studie zu den Monetarisierungstendenzen vorgelegt, in der fünf Monetarisierungsformen unterschieden werden, eben auch Zeitkonten (hier gibt es auf S. 7 eine hilfreiche Überblicksgrafik).
  • In den Debatten zur Zukunfts- und Leistungsfähigkeit des Sozialstaats wird immer wieder nach hoffnugsvollen „sozialen Innovationen“ gesucht. Gemeint sind weniger neue Geschäftsfelder als viel mehr innovative Ansätze, das Soziale neu zu denken. Hoffnungen werden auf die Zivilgesellschaft gesetzt – mal sind sie überzogen, mal ideologisch überfrachtet. Aber grundsätzlich liegt hier ein großes Potenzial.

Hier nun die Details zum Fureai Kippu-System, die im Netz verfügbar sind (und nicht auf japanisch):

  • Die Fureai Kippu-Gutschriften werden angespart und können zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingelöst werden. Die Gutschriften können aber auch verschenkt bzw. auf andere übertragen werden. Dies ist vor allem interessant, wenn Menschen entfernt lebenden Angehörigen diese Leistungen zugute kommen lassen wollen.
  • Träger dieses Systems sind mittlerweile knapp 400 NPOs, die sich dem System anschließen, es steht also keine Zentralorganisation im Mittelpunkt. Wohl aber gibt es zwei Rechnungstellen, die wie Banken funktionieren.
  • Währungseinheit ist eine Stunde Service. „There are different rates applied to different services (e.g. one hour of shopping or reading is credited with one Fureai Kippu, but help in body care is valued at two Fureai Kippu for each hour of service)“ (Lietaer/Hallsmith: Community Currency Guide, S. 3). Anscheinend können Gutschriften aber auch  zu einem bestimmten Kurs käuflich erworben werden.
  • Beim Fureai Kippu scheint es weniger darum zu gehen, staatliche oder professionelle Systeme zu ersetzen, sondern die Menschen stärker zu motivieren, einander zu helfen. Dafür spricht auch schon der Begriff selbst: „Fureai“ bedeutet wohl in etwa „gegenseitiger Kontakt“, Kontakt im Sinne von „Berührung“. („Kippu“ heißt übrigens Gutschrift.)
  • In der englischsprachigen Wikipedia finde ich noch die Information interessant, dass das Fureai Kippu-System auch in China eingeführt wird/werden soll (allerdings mit dem Hinweis, dass diese Aussage nicht belegt ist). Aus dem polnischen Wikipedia-Eintrag geht leider nicht hervor, ob es ein spezielles Interesse in Polen am Fureai Kippu gibt (Danke, Katrin).

Auf die Idee des Fureai Kippu-Systems hat mich Stefan Wiesbrock aufmerksam gemacht durch einen Beitrag im Forum der Fachhochschule der Diakonie (FHdD). Entdeckt hat er sie in einer 3sat-Reportage. Die Informationen habe ich neben den drei Wikipedia-Einträgern (deutsch, englisch, polnisch) von diesen drei Quellen: hier, hier (recht weit unten) und und hier (S. 3).

Welches Interesse könnte die Diakonie an solchen Modellen haben? Wenn sich die Diakonie als Vorantreiber sozialer Innovationen versteht (und nicht nur als Anbieter sozialer Dienstleistungen), sind hier spannende Gedankenexperimente möglich. Wie wäre es, wenn diakonische Träger eine Verrechnungseinheit schaffen, mit der bundesweit Dienstleistungen und Engagement erbracht und eingelöst werden können, von der Kita bis zum Altenheim? Der Aspekt der Komplementärwährung wäre hier bloß ein Nebeneffekt. Im Mittelpunkt stünde die Förderung einer Kultur der Gegenseitigkeit. Die Auswertung des Erfahrungswissen mit dem Fureai Kippu und ähnlichen Systemen kann daher Gold wert sein.

Abschließend nun die 3sat-Reportage (zum Fureai Kippu nur ganz kurz von 1’19“30 – 1’20“30). Hier geht es allerdings ausschließlich um die erste der drei genannten Diskussionsperspektiven, um die der Komplemantärwährungen.

Auf Augenhöhe

Während beim gestrigen Wahlabend in Baden-Württemberg „historisch“ das Wort der Stunde war (zu recht!), erobert nun ein weiterer Begriff den politischen Diskurs: „auf Augenhöhe“. Grüne und SPD wollen sich auf Augenhöhe begegnen und künftig das Ländle zusammen auf eben derselben führen.

In den diakonischen Arbeitsfeldern ist „auf Augenhöhe“ bzw. „auf gleicher Augenhöhe“ längst eine gängige Vokabel. Die Begegnung zwischen Betreuenden und Betreuten auf Augenhöhe ist zu einem unverzichtbaren Standard(spruch) geworden. Kombiniert mit dem Stichwort „Diakonie“ ergeben beide Formulierungen zusammen etwa 150.000 Fundstellen bei Google. Die Idee einer Begegnung auf (gleicher) Augenhöhe ist gut, ist und wünschens- und lobenswert. Nur: Stimmt denn die Behauptung überhaupt, dass sich im Hilfeprozess Betreunde und Betreute auf Augenhöhe begegnen?

Die Rollen von Betreuten und Betreuenden unterscheiden sich, das Verhältnis beider Rolleninhaber zueinander ist ein asymmetrisches. Der überschuldete Familenvater und der Schuldnerberater, der Jugendliche mit Unterstützungsbedarf und der Sozialpädagoge, der Mitarbeiter einer Werkstatt für behinderte Menschen und der dort tätige Heilerziehungspfleger kommen in dem institutionellen Hilfesetting doch nur deshalb zusammen, weil es einen den Unterstützungsprozess konstituierenden Unterschied gibt. Sie begegnen sich eben nicht, weil sie beide in der selben Stadt leben, weil sie dieselbe Musik mögen oder weil irgendeine andere Symmetrie besteht, nein, sie kommen zusammen, weil ein Unterschied zwischen ihnen besteht. Professionelle Hilfesetting im sozialen Bereich (und nur um diese geht es mir hier) sind asymmetrische Hilfesettings. Natürlich gibt es auch symmetrische Unterstützungssettings, wie genossenschaftliche oder gewerkschaftliche, aber die sind gänzlich anders gelagert.

Aber wenn schon die Voraussetzungen asymmetrisch sind, sollte doch wenigsten der Unterstützungsprozess „auf gleicher Augenhöhe“ stattfinden, so die gängige Forderung. Gerade deshalb ist es doch wichtig, dass wenigstens die Begegnung augenhöhengleich stattfindet! Diesen Gedanken teile ich voll und ganz – und muss dann aber selbst eingestehen, dass ich nicht weiß, ob es sich hierbei eher um Romantik oder um Ideologie handelt (und welche Variante weniger schlimm ist). Wie gelingt denn eine Begegnung auf Augenhöhe, wenn man von der Voraussetzungen her nicht auf einer solchen ist? Ganz einfach: Man beugt sich herab, dann ist man auf der gleichen Höhe. Das Wesentliche beim Herstellen gleicher Augenhöhe ist ja gerade das Herabbeugen (oder Hochheben, was aufs Gleiche hinausläuft). Konstitutive Voraussetzung der Auf-Augenhöhe-Rhetorik ist doch gerade das, was vermieden werden soll. Der barmherzige Samariter hat sich herabgebeugt zu dem Überfallenen und ihn dann hochgehoben und auf den Esel gepackt. Asymmetrie at its best.

Mich macht es stutzig, dass eine Metapher Einzug in die Diakonie erhält (und das mit einem ziemlichen Drive!), die eigentlich gar nicht so recht passt, die eher verklärt als klärt. Der Auf-Augenhöhe-Gedanke ist gut. Aber dafür gibt es schon ein gutes Wort: Respekt.

Auch wenn die Begegnung nicht symmetrisch ist, auch wenn sie nicht gleichberechtigt ist, auch wenn sie von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgeht, die bestehen bleiben werden, auch wenn sie nie „wirklich“ auf Augenhöhe stattfinden wird – sie kann sich trotzdem mit Respekt vollziehen. Nein, sie kann es nicht nur, sie sollte es! Das ist die gleichermaßen professionelle wie menschliche Herausforderung.

Und Respekt kann es in allen Arten von Begegnungen und Beziehungen geben, in symmetrischen wie asymmetrischen.

Profil-Bild

Vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gibt’s ganz frisch ein Video zum Bildungspakat. Und, wir ahnen es natürlich schon, es soll die Politik des BMAS verkaufen: Schaut her, was wir für ein tolles Paket geschnürt haben. Aber bei dem Slogan am Ende des Videos kann ich einfach nur sagen: super, gut gemacht.

Mitmachen möglich machen

Das ist so ziemlich der beste Slogan, den ich in letzter Zeit gehört habe. Das ist der Teilhabegedanke in drei Worten. Hier ist das Video (bitte am Ende auf „mitmachen lassen“ klicken, um zum 2. Teil zu gelangen):

Das Video erinnert mich an den aktuellen Diakonie-Spot, die beiden Videos korrespondieren quasi miteinander. Man könnte fast meinen, dass der BMAS-Spot die Antwort auf den Diakonie-Spot ist. Hier das Diakonie-Video:

Hmmm. Schwieriges Video. Betroffenheitsschwelgerei im großen Stil. Auch hier gibt’s am Ende eine Botschaft: Menschlichkeit braucht Unterstützung. Das klingt ja erst einmal ganz nett, aber inhaltlich steht diese Botschaft diametral der BMAS-Botschaft gegenüber. Während es beim Mitmachen möglich machen um ein MIT-einander und um Aktivität geht (selber mitmachen), geht es bei Menschlichkeit braucht Unterstützung um ein FÜR-einander und um Passivität (es wird einem geholfen).

Ist das das leitende Bild der Diakonie?

Mitmachen möglich machen – das hat doch das Potenzial zu einem richtigen Diakonie-Mantra. Diakonie ist dazu da, Mitmachen möglich werden zu lassen – und nicht um zu helfen oder zu unterstützen. Helfen und Unterstützen sind nur die Methoden, die Wege, Diakonie zu „machen“. Helfen allein stellt noch kein leitendes Bild von Diakonie dar, ist noch nicht das „Eigentliche“.

Der christliche Glaube lebt von Bildern. Die Bibel ist voll davon, ein wahres Bilder-Buch. Darunter solch kräftige, die etwas auslösen, etwas bewirken, nach vorne ziehen, die die Wirklichkeit verändern. Die Antwort auf die ganzen Versuche, diakonisches Profil zu gestalten, liegt vielleicht einzig und allein im Suchen, Finden und Leben von kräftigen, handlungsleitenden Bildern. Bilder, die einen wirklich nach vorne ziehen können.

Und jetzt kommen wir zu dem Grund, warum Profilentwicklung in der Diakonie oft so schwierig ist: Sie bleibt stecken zwischen politisch korrekter Betroffenheit und betonter Selbstdarstellung. Das zieht nicht.

Handbuch „Gemeinde & Diakonie“

Es ist ein Dauerbrenner in der Diakonie-Praxis und -Wissenschaft: Wie kann Diakonie in der Gemeinde erlebt und gestaltet werden? Wie kann das Zusammenspiel von Kirchengemeinden und Einrichtungsdiakonie verbessert oder überhaupt erst begonnen werden?

Hans Höroldt, Diakoniepfarrer in Leverkusen, und Volker König, verantwortlich für diakonisches Profil im Diakonie-Landesverband Rheinland-Westfalen-Lippe, haben zu diesem Thema ein Handbuch herausgegeben: Gemeinde & Diakonie: erleben – verstehen – gestalten. Knapp zwanzig Texte hält der anprechend gestaltete Band bereit, von biblischen Grundlagen über praktische Anknüpfungsmöglichkeiten im Gemeindealltag bis hin zu strategischen Überlegungen.

Einige inhaltliche Stichpunkte möchte ich kurz benennen: Die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten setzen oft bei den Unterschiedlichkeiten von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen an, gerade dadurch können sich die jeweiligen Stärken entfalten. Auch stößt man in dem Handbuch immer wieder auf die Grundhaltung, dass Kirchengemeinden mit ihrem diakonischen Engagement nicht nur etwas für andere leisten, sondern auch für sich selbst: Das Erleben und das Gestalten von Diakonie bietet gute Ansatzmöglichkeiten für die Gemeindeentwicklung. Und schließlich zieht sich wie ein roter Faden der Gedanke durch die verschiedenen Texte des Handbuchs, dass Kirchengemeinden mit ihrem diakonischen Engagement ein Sozialraum-Akteur sind. Ihr Handeln bezieht sich damit auch immer auf den Ort, den Raum, das Viertel.

Das Handbuch richtet sich an Preysbyter und engagierte Gemeindemitglieder, wie auch an Mitarbeitende in den Einrichtungen der organisierten Diakonie. Das Buch ist theoretisch fundiert und hat gleichzeitig praktischen Nutzwert, ohne sich in der Beschreibung von Einzelprojekten zu verlieren. Begleitend zum Handbuch soll im Internet eine Material-Fundgrube aufgebaut werden, die die einzelnen Themen und Texte unterstützt (auf die drei Katgeorien erleben, verstehen und gestalten unter Bereichsmenü Dossiers klicken!).

Den Herausgebern ist ein fundiertes wie pragmatisches Handbuch gelungen, das man gern zur Hand nimmt. Das Handbuch kann beim Medienverband Rheinland bestellt werden – oder in jeder Buchhandlung. Es kostet 16,80€.

Diakonische Kompetenz

Oft ist in der Diakonie vom „diakonischen Handeln“ die Rede. Ich finde diesen Begriff missverständlich, weil er nämlich suggeriert, dass es neben sozialarbeiterischem, therapeutischem, pflegerischem oder pädagogischem Handeln auch ein spezifisches diakonisches Handeln gebe. Der Begriff „diakonische Kompetenz“ trifft es in meinen Augen viel besser. In dem Artikel „Was ist diakonische Kompetenz?“ habe ich meine Überlegungen zusammengefasst.

„Kompetenz meint die Fähigkeit, sich in offenen und dynamischen Situationen selbstorganisiert zurechtzufinden (Erpenbeck/von Rosenstiel). Diakonische Kompetenz bedeutet demnach, mündig und fundiert Diakonie zu gestalten und beizutragen, sie zu ermöglichen. Diakonische Kompetenz setzt beim Kern des Diakonischen an. Sie beschreibt den „Tiefengrund“ von Werten, Motivationen, Wissen und Fertigkeiten des Tätigseins in der Diakonie – und zwar grundsätzlich, also „fachlichkeitsübergreifend“. Die unterschiedlichen diakonierelevanten Fachlichkeiten stellen daher keine Alternative zur diakonischen Kompetenz dar, im Gegenteil: die Handelnden können ihr berufliches Handeln auf der Grundlage diakonischer Kompetenz ausüben.“ (Martin Horstmann: „Was ist diakonische Kompetenz?“ Ein Beitrag zu einem hoffentlich nützlichen Konstrukt, 2011, S. 5).

Kurz ein paar Eckpunkte, die mir wichtig sind:

  • Diakonische Kompetenz meint also nicht kon­krete liturgische, homiletische oder katechetische Tätigkeiten (wie Rituale gestal­ten, Andachten halten oder Glaubensinhalte kommunizieren), denn diese wären eben Bestandteil liturgischer, homiletischer oder katechetischer Kompetenz.
  • Diakonische Kompetenz leistet die Anschlussfähigkeit an sozialberufliche Diskurse. Sie kann sich auf die unterschiedlichen Verständnisse von Professionalität und Fachlichkeit beziehen, in erster Linie natürlich auf die ver­schiedenen Sozialberufe, letztlich aber auch darüber hinaus.
  • Diakonische Kompetenz stellt die Verbindung zwischen dem inhaltlichen Gehalt des Diakonischen und dem Handeln der diakonisch Tätigen her. Dadurch besteht die Chan­ce, dass die eher diffusen Beschreibungsversuche eines „diakonischen Profils“ überwunden werden können.

Die Aufgabe eines diakonischen Kompetenzmodells besteht also darin, zwischen dem in­haltlichen Gehalt des Diakonischen und dem konkreten Tätigsein im diakonischen All­tag zu vermitteln. Gleichzeitig soll diakonische Kompetenz eine Brücke schlagen zwischen individuellem Wissen, Können und Haltung des Diakoniemitarbeiters auf der einen Seite und den organisationalen Anforderungen diakonischer Einrichtungen auf der anderen Seite. Diakonische Kompetenz bezieht sich auf die grund­legende Struktur des Diakonischen und lässt sich eben nicht über einzelne „oberflächliche“ Profilelemente bestimmen.

Mögen diese konzeptionellen Überlegungen hilfreich sein. Vor zwei Jahren hatte ich eine erste Skizze zur diakonischen Kompetenz vorgelegt (Martin Horstmann: Diakonische Kompetenz, in: Volker Herrmann (Hg.): Soziales Leben gestalten. DWI-Jahrbuch 40, Heidelberg 2009, 245-261). Im Zuge meiner Dissertation habe ich nun einige Aspekte präzisiert. Das Modell hat sich nicht verändert, nur benenne ich jetzt keine konkreten Kompetenzelemente, sondern beschreibe einen Ansatz, wie man zu eben solchen Einzelkompetenzen gelangt.

Wirkungsdimensionen

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, hat mal ein deutscher Kanzler gesagt. Durchaus richtig (auch wenn ich dem Urheber dieses Zitats ansonsten wenig abgewinnen kann). Soziale Arbeit und Diakonie haben sich lange Zeit recht schwer damit getan, die Frage nach ihrer Wirkung ernsthaft zuzulassen. Nach dem zu fragen, was tatsächlich dabei herauskommt, war verpönt und rückte einen sogleich in die Schmuddelecke des Verwertbarkeits- und Funktionalitätsdenkens. Man sprach dem Prozess höhere Bedeutung zu als dem Ergebnis.

Nun ist man mittlerweile der Frage nach den Wirkungen der eigenen Maßnahmen wesentlich aufgeschlossener. Nach wie vor ist es aber eine heikle Frage, denn sie ist schwierig zu handhaben. Zum Beispiel: Wer beurteilt eigentlich die Wirkung? Und etwas deutlicher: Wer hat die Definitionsmacht, wenn sich Wirkungsurteile widersprechen? Oder: Wo sollen sich die Wirkungen überhaupt einstellen und an welchen Stellen wird nach den möglichen Wirkungen gesucht?

In der Zeitschrift SOZIALwirtschaft (5/2009, S. 6-8) habe ich einen Artikel von Bernd Halfar entdeckt, der für mich einiges Licht in das Dunkel der Wirkungssuche gebracht hat. Halfar bezieht sich auf ein Modell der International Group of Controlling und unterscheidet neben der klassischen Ergebnisgröße des output drei weiter Dimensionen, die sich auf die Wirkungen beziehen: effect, impact und outcome:

  • „Output: quantitative Leistungsmenge, die letztlich die Basis für qualitative Wirkungseffekte (Impact, Outcome, Effect) darstellt. Der Output ist das mengenmäßige Produktionsergebnis der Non-Profit-Organisation.“
  • „Effect: unmittelbare, objektiv ersichtliche und nachweisbare Wirkung (objektive Effektivität) für einzelne Stakeholder.“
  • „Impact: subjektiv erlebte Wirkung des Leistungsempfängers oder der Stakeholder (subjektive Effektivität).“
  • „Outcome: gesellschaftliche Wirkungen und Nutzen (objektive kollektive Effektivität).“ (alle Zitate S. 8).

Outputs sind die konkreten Leistungen des Anbieters, effects sind alle sich dadurch unmittelbar ergebenden Effekte, impacts sind die subjektiv erlebten Auswirkungen und der outcome ist der gesellschaftliche Nutzen.

Wer diese Begriffe mal googlet oder bingt, wird schnell merken, dass es keine einheitliche Definitionen gibt. Mal erscheint der eine Begriff als Oberbegriff der anderen, oft werden auch impact und outcome anders verwendet als es Halfar tut, usw… Wie dem auch sei, die Unterscheidung der vier Dimensionen in dieser Weise scheint mir doch sehr sinnvoll und nützlich zu sein.

Nun stellt sich natürlich die spannende Frage: wie messen? Das Repertoire ist groß: Klienten-Feedback, Expertenbefragungen, standardisierte Berichtssysteme, Katamnesen, Panel-Befragungen, Befragungen mit Kontrollgruppen usw. usw. Das alles ist nicht gerade unaufwendig. Aber die Unterscheidung der genannten Wirkungsdimensionen hat nicht erst dann einen Wert, wenn sie mit „harten Fakten“ unterlegt wird. Neben empirisch-evaluativen Untersuchungen haben auch rein konzeptionelle Überlegungen ihren Wert: Was wollen wir eigentlich mit wem auf welcher Ebene an Wirkung erzielen? Auch dafür ist die analytische Unterscheidung dieser Dimensionen hilfreich.

Dazu abschließend ein Gedanke aus dem Blog von Sean Stannard-Stockton: „I also like the phrase “It’s better to be vaguely right than precisely wrong” in this context; which means it’s better to have a proper attempt to measure the difficult, softer, intangible stuff (and be transparent about how you’ve gone about it), than ignore it altogether and be “correct”.“

Ein wirksames und wirkungsvolles Frohes Neues Jahr!

unverwechselbar, erkennbar, unterscheidbar

In der Diakonie wird gern die eigene Unverwechselbarkeit kundgetan. Aber sind die Dienstleistungen der organisierten Diakonie wirklich „unverwechselbar“? Verfügt die Diakonie tatsächlich über ein Alleinstellungsmerkmal?

Es gibt natürlich Alleinstellungsmerkmale bei diakonischen Diensten und Einrichtungen. In manchen Städten gibt es zum Beispiel nur eine Suchtberatungsstelle, und wenn diese dann in der Trägerschaft der Diakonie ist, ist dies eben das Alleinstellungsmerkmal dieser Einrichtung. Aber Alleinstellungsmerkmale dieser Art sind in der Regel gar nicht gemeint, wenn vom „Unverwechselbaren in der Diakonie“ gesprochen wird.

Gemeint ist natürlich die Frage nach dem „Eigentlichen“ der Diakonie, der diakonischen Identität. Doch die Betonung von Alleinstellungsmerkmalen führt meiner Beobachtung nach gerade nicht dazu, der eigenen Identität näher zu kommen. Wer nach der „Unverwechselbarkeit“ diakonischen Profils fragt, hat oft mehr Interesse an der Außendarstellung („Marketing“) als an der eigenen Substanz („Identität“).

Damit möchte ich aber nicht die Frage nach dem diakonischen Profil ad acta legen. Ich möchte nur den Ball etwas flacher halten und auf eine wichtige Unterscheidung hinweisen. Meine Idee: Das Wort „Unverwechselbarkeit“ streichen und dafür mehr mit den Begriffen „Unterscheidbarkeit“ und „Erkennbarkeit“ experimentieren.

Diakonie muss erlebbar, spürbar, erkennbar sein – eben als Diakonie. Ob sie sich damit gleich unverwechselbar macht, ist nicht wirklich relevant. Nun gibt es aber auch Situationen, in denen man „Diakonie“ nicht genau erkennen kann, aber man trotzdem merkt, dass sie sich irgendwie unterscheidet. Manchmal passt Erkennbarkeit besser, manchmal Unterscheidbarkeit. Den Begriff Unverwechselbarkeit stellen wir hingegen besser in den Floskelfolklore-Mottenschrank.

Um der Frage nach dem Erkennbaren/Unterscheidbaren besser auf die Spur kommen zu können, ist zu überlegen, in welchen Dimensionen sich Unterscheidbares oder Erkennbares finden lässt. Ich schlage folgende Suchrichtungen vor:

  • Motivation: Gibt es bestimmte Motivationen in der Diakonie? Welche sind es?
  • Haltungen/Einstellungen: Gibt es bestimmte Haltungen in der diakonischen Arbeit? Welche – und wie zeigen sie sich?
  • Sinndeutungen/Reflexion: Gibt es eine bestimmte Art und Weise der Reflexion? Gibt es bestimmte Sinndeutungen, denen man besonders zuneigt?
  • Handlungskonzepte und Methodenwahl: Gibt es Vorlieben oder Abneigungen gegenüber bestimmten Handlungskonzepten und Methoden?
  • Institution: Welche besondere institutionelle bzw. strukturelle (Rahmen-)Bedingungen sind in der Diakonie bedeutsam?
  • Atmosphäre: Kann man von einer bestimmten Atmospähre in diakonischen Einrichtungen sprechen? Worin zeigt sie sich?
  • Auftrag/Ausrichtung: Gibt es – unabhängig von den in Leistungsverträgen bzw. Gesetzesleistungen genannten Zielen – einen besonderen Auftrag bzw. eine „tieferliegende“ Ausrichtung diakonischer Arbeit? Inwiefern?

Diese Dimensionen sollen als Zugänge zum Diakonischen verstanden werden. Ich sage damit nicht, dass es in allen diesen sieben Dimensionen immer zwingend etwas erkennbar/unterscheidbar Diakonisches geben muss. Es sind lediglich Suchrichtungen, dafür sind sie aber durchaus brauchbar.

Social-Spots

An dieser Stelle einmal alle (mir bekannten) Social-Spots von Diakonie und Caritas hintereinander. Pardon: untereinander. Ohne Kommentar – es kann sich ja jeder selbst ein Bild machen…

Armut trifft vor allem Kinder (DW-EKD) Benachteiligung durch Armut

Ein Wintermärchen (Diakonie Düsseldorf) Obdachlosigkeit

Krystina (DW-EKD) Menschenhandel und Zwangsprostitution

Et voilà… die Spots aus dem Hause Caritas

Sprechende Wohnung (Caritas Deutschland) Alte Menschen

Urwissen / Soziale Manieren (Caritas Deutschland) Obdachlosigkeit

Achten statt ächten (Caritas Deutschland) Jugendliche

Armut kann man abschaffen (Caritas Österreich) Armut

Kälte ist kein Kinderspiel (Caritas Österreich) Nothilfe Osteuropa

Interkulturelle Öffnung

Das Thema interkulturelle Öffnung beschäftigt die Diakonie zunehmend. Und zwar als grundlegendes diakonisches Querschnittthema, nicht nur als  Arbeitsfeld (wie z.B. in der Migrationsarbeit). Anfang des Jahres ist ein Diakonie-Text (02/2010) erschienen, der einen Überblick über die Vielzahl von Arbeitshilfen und Stellungnahmen zur interkulturellen Öffnung gibt. Ca. 75 Publikationen werden gut sortiert nach Arbeitsbereichen vorgestellt. Eine ordentliche Fleißarbeit. Und so kann man nur hoffen, dass von diesem Diakonie-Text reichlich Gebrauch gemacht wird.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch auf zwei weitere Diakonie-Texte zum Thema Interkulturelle Öffnung (in) der Diakonie hinweisen. In dem Papier Interkulturelle Öffnung in den Arbeitsfeldern der Diakonie (Diakonie-Text 13/2008) finden sich „12 Thesen zur interkulturellen Öffnung der Diakonie“ (S. 8). Die Thesen sind kurz und knackig, eigenen sich hervorragend zur Einführung in das Thema und regen zur Diskussion an. Daneben wird in dem Papier zwischen interkultureller Bildung, interkultureller Kompetenz und interkultureller Öffnung (S. 5-6) differenziert, was ich als Beitrag zur Begriffsklarheit hilfreich finde. Und die Prüfsteine (S. 9-10) bieten konkrete Fragen, mit denen der Stand der interkulturellen Öffnung in einer diakonischen Einrichtungen reflektiert werden kann; das Ganze in vier kleinen Abschnitten zu OE, PE, QM und PR.

Bei der theologischen Reflexion zur interkulturellen Öffnung wird oft das „Universalitäts-Argument“ angeführt: Der Auftrag der Diakonie bezieht sich auf alle Menschen, ist universalistisch. Diakonie ist kein rein christlicher Club. Eine  lesenswerte theologische Reflexion zum universalen Auftrag der Diakonie gibt es in einem weiteren Diakonie-Text (17/2007) (S. 6-8). Es handelt sich dabei um die „Rahmenkonzeption Migration, Integration und Flucht“. Hier steht also das Arbeitsfeld Migration im Vordergrund, nicht die interkulturelle Öffnung als Querschnittthema. Für die theologischen Überlegungen macht das natürlich keinen Unterschied.