Archiv der Kategorie: Diakonisches Profil

Diakonie als Übungsweg?

Der christliche Glaube ist in erster Linie eine Transformationspraxis. Und Praxis braucht Übung. Auch wenn Martin Luther betont hat, dass das Leben „nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung“ sei, ist der Protestantismus wohl auch nicht ganz unschuldig daran, dass christlichen Übungswegen oft wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das ändert sich in den letzten Jahren (Gott sei Dank!) wieder, gerade auch im evangelischen Bereich.

28WegeDie beiden Leiter der spirituellen Zentren St. Martin (München) und Eckstein (Nürnberg) in der Bayerischen Landeskirche, Andreas Ebert und Oliver Behrendt, haben ein schönes Büchlein herausgegeben, in dem sie einen Überblick christlicher Übungswege bieten: Christsein üben. 28 Wege spiritueller Praxis. Die Auswahl ist breit, jeder Übungsweg wird auf maximal fünf Seiten kurz skizziert. Man kann blättern und stöbern und entdeckt vielleicht etwas, das man vertiefen möchte. Das Inhaltsverzeichnis kann auch über die Nationalbibliothek eingesehen werden (PDF).

Fasten, Pilgern oder Herzensgebet sind fraglos Übungswege. Trifft das auf die Diakonie ebenso zu? Ja und Nein, ist mein Fazit. Diese Ambivalenz zeigt sich auch schon in dem Titel des Artikels, den der Diakonie-Präsident Bayerns, Michael Bammessel, beigesteuert hat: „Die spirituelle Dimension diakonischen Engagements“.

Michael Bammessel beginnt seine Ausführungen mit der Erzählung von Christopherus: Christopherus ist groß und stark und will einem mächtigen Herren dienen. Er trifft auf einen Einsiedler, der ihm rät, Gott zu dienen. Dazu wären zwei Übungswege erforderlich: Fasten und Gebet. Beides passt nicht so recht zu Christopherus und da schlägt der Einsiedler ihm vor, stattdessen doch Reisende durch eine große Furt zu tragen. Christopherus bekommt also quasi eine diakonische Aufgabe, die er annimmt. Einige Jahre später kommt es dann zu der legendären Christusbegegnung, als er auf einmal in einem Kind, das er auf dem Rücken über den Fluss trägt, Christus erkennt.

„Diese lebenswahre Geschichte hat einen seelsorgerlichen Zug: Nicht jeder spirituelle Übungsweg muss für jeden Menschen geeignet sein. Die überraschende Botschaft: Auch die ganz praktisch ausgeübte Nächstenliebe kann zu einer unvermutet intensiven Gotteserfahrung führen, und zwar gerade dann, wenn die Hilfe ohne weitergehende Absichten gegeben wurde und die religiöse Dimension gar nicht im Blick war“ (S. 44).

Gottes- und Nächstenliebe, spirituelle Übung und tätiges Engagement, sind miteinander verflochten. Darauf möchte Michael Bammessel hinaus, und da kann man natürlich nur zustimmen. Ich möchte an dieser Stelle zwei Arten der Beziehung unterscheiden:

  • Die Wechselwirkung von spiritueller Übung und diakonischem Engagement: Das Eine führt zum Anderen (nicht ganz, etwas besser gesagt: das Eine kann zum Anderen führen, muss es aber nicht zwingend).
  • Die Balance von spiritueller Übung und diakonischem Engagement: Das Eine braucht das Andere (jedenfalls dann, wenn das Eine in hoher Intensität ausgeführt wird).

Wenn man dies so sieht, dann wird man diakonisches Engagement nur schwer als spirituellen Übungsweg verstehen können. Denn dann ist „Diakonie“ die (Neben-)Bedingung oder die (Neben-)Wirkung eines anderen Übungsweges wie Gebet, Kontemplation, Meditation.

Man kann aber auch aus aus der Erkenntnis, dass sich in diakonischem Engagement eine Christusbegegnung einstellen kann (kann!), eine Übung machen. Selbst wenn ich diese Erfahrung nicht mache, kann ich so tun, als ob mir Christus gegenübersteht:

„In jedem Menschen, dem wir Beistand leisten, ist in geheimnisvoller Weise Christus selbst gegenwärtig. Er ist durch seine Passion, also seinen eigenen Leidensweg, eins geworden mit den Leidenden aller Zeiten. Dieses Wissen gibt jedem diakonischen Engagement eine spirituelle Tiefendimension. Wer es lernt, im anderen Menschen Christus selbst zu sehen, der handelt anders“ (S. 45).

Das wäre dann der diakonische Übungsweg. Absichtslos eine Aufgabe ausführen – ohne eine religiöse Aufladung, ohne die Erwartung, dass etwas „Spirituelles“ dabei passiert – aber in der Haltung, dass der Mensch mir gegenüber Christus ist.

Das Lesen dieses Artikels hatte für mich noch einen weiteren Nebeneffekt, nämlich die Figur des Christopherus stärker in mein diakonisches Blickfeld zu rücken. Ich muss zugeben, dass mir Christopherus als eine diakonische Leitfigur bisher gar nicht so im Sinn war. Leider. Denn es ist eine gute und vor allem sehr passende Geschichte: Auf der Suche sein, was man Sinnvolles tun kann (welchem Herren man dienen will). Eine konkrete Aufgabe ausführen und damit von Nutzen sein. Keine weiteren Absichten damit verbinden. Punkt. Und das Christliche daran? Nun, ob Christopherus religiös war oder nicht, spielt keine tragende Rolle und sein Fährmanndienst zu Fuß kann wohl kaum als religiöse Tat dargestellt werden. Eines Tages begegnet ihm im Anderen Christus, aber völlig unerwartet. All das trifft den Kern diakonischen Engagement (bzw. die Lebenswirklichkeit von Diakonie-Mitarbeitenden) doch wesentlich besser als das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Oder?

P.S.: Während ich dies tippe, sitze ich im Zug nach München, um an dem Symposium zum Herzensgebet (PDF) teilzunehmen, das von den beiden Herausgebern dieses lohnenden Büchleins veranstaltet wird.

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Diakonisches Engagement und spirituelle Übung sind eng miteinander verbunden. Diakonische Praxis und geistliche Übung brauchen einander. Man kann aus den Erfahrungen diakonischen Engagements auch eine christliche Übung ableiten: Christus im Anderen sehen (wollen).

Andreas Ebert/Oliver Behrendt (Hg.): Christsein üben. 28 Wege spiritueller Praxis, München 2012. 14,80 Euro. Darin: Michael Bammessel: Die spirituelle Dimension diakonischen Engagements, S. 44-48.

Diakonische Paradoxien

Wer sich mit professionellem sozialem Handeln beschäftigt, landet über kurz oder lang bei den Debatten um Professionstheorien und Professionalisierungsansätzen. Und dort gibt es ein Phänomen, das man „Paradoxien professionellen (sozialen) Handelns“ nennt. Klingt kompliziert, die Literatur dazu ist es in der Regel auch, aber der Grundgedanke ist einfach: Beim Handeln kommt man immer wieder an einen Punkt, wo man sich in Schwierigkeiten verfängt, die nicht nur „Probleme“ oder „Herausforderungen“ sind, sondern die letztlich unlösbar bleiben. Deshalb Paradoxien. Sie entstehen dadurch, dass zwei sich widersprechende normative Handlungsanweisungen gleichzeitig gültig sind.

Man kann solche Paradoxien nicht wegmachen, man kann sie sich nur klarmachen. Und dabei versuchen, mit ihnen klarzukommen. Wenn das gelingt, ist das viel wert. Ich finde dies ein wichtiges Thema und frage mich schon seit längerer Zeit, ob es nicht spezielle diakonische Paradoxien gibt – also Widersprüche, die gerade dadurch entstehen, dass sich das soziale Handeln in einem normativ-christlichen Kontext vollzieht.

Wichtig ist dabei noch eins: Es geht nicht darum, das Handeln komplizierter oder intellektueller zu machen (der Begriff „Paradoxie“ könnte dies suggierieren), sondern klarer. Ich habe drei solcher Paradoxien diakonischen Handelns gefunden. Hier sind sie.

„Diakonischer Imperativ“ versus „Rosinenpicken“

Klaus Dörner hat vor etlichen Jahren einen „Imperativ“ für das Handeln im sozialen Bereich vorgeschlagen: „Handle in deinem Verantwortungsbereich so, dass du mit dem Einsatz all deiner Ressourcen an Zeit, Kraft, Manpower, Aufmerksamkeit, Liebe immer beim jeweils Letzten beginnst, bei dem es sich am wenigsten lohnt“ (Diakonie-Jahrbuch 2003, S. 156). Dörner hat selbst darauf hingewiesen, dass dies keine dauerhaft durchzuhaltende Handlungsanweisung sein kann – aber gerade in der Diakonie ist es ein guter Impuls, damit „die Letzten (die Chancenlosesten) […] nicht als irrationaler Rest, als Konzentration der Unerträglichkeit übrig bleiben“.

Das Gegenteil ist das „Rosinenpicken“: Man steckt seine Energie dahinein, wo es sich am meisten lohnt, was am erfolgsversprechendsten ist. Auf der konkreten Handlungsebene bedeutet das, dass man vor allem mit Klienten arbeitet, bei denen man weiß, dass die Arbeit gut von der Hand geht und wo am Ende auch etwas „herauskommt“. Auch wenn diakonische Arbeit ein eher ambivalentes Verhältnis zum Thema „Erfolg“ hat, ist für die Mitarbeitenden eben genau das wichtig: zu erleben, erfolgreich zu sein. Sonst entwickelt sich in der diakonischen Arbeit ein depressives Syndrom. Deshalb sind Rosinen wichtig. Auf der Organisationsebene zeigt sich diese Paradoxie bei der Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs, vor allem vor dem Hintergrund der Refinanzierung.

„Diakonisch sehen lernen“ versus „Entdiakonisierung der Wahrnehmung“

Diakonische Arbeit setzt eine gute Wahrnehmung voraus. Nicht umsonst geht es in der Ausbildung im sozialen Bereich immer wieder darum, „sehen“ zu lernen: Bedarfe, Bedürftigkeiten, Nöte, Stigmatisierungen, Diskriminierungen. Es geht also darum, sich einen „diakonischen Blick“ anzutrainieren, diakonisch sehen zu lernen.

Und genau das kann gleichzeitig ein grundlegendes Problem sein: Um so stärker Menschen als „Diakonie-Fälle“ betrachtet werden, desto stärker werden sie stigmatisiert. Ein einfaches Beispiel macht dies deutlich: In vielen engagierten Gemeinden kommen Menschen mit Marginalisierungserfahrungen ausschließlich als diakonisch Bedürftige vor. Tauchen diese Menschen in einer Gemeinde auf, wird ihnen sogleich „geholfen“ – eine größere Diskriminierung ist kaum vorstellbar. Ulf Liedke hat daher die Formulierung von der Entdiakonisierung der Wahrnehmung geprägt.

„absichtsloses Handeln“ versus „absichtsvolles Handeln“

Diakonisches Handeln ist zweckfrei. Diakonie ist „aufrichtige Uneigenützigkeit“ (Heinrich Pompey/Paul-Stefan Roß 1998). Die Versuchung der Diakonie besteht darin, neben dem Helfen noch weitere, eigene Intentionen zu verfolgen – und gerade nicht in ihrer Absichtslosigkeit (Paolo Ricca 1992). Neben der Zuwendung und Unterstützung sollte also keine weitere hidden agenda bestehen. Diakonie ist zum Beispiel nicht dazu da, eine Arena zu haben, um zu zeigen, wie wichtig Kirche ist (oder Ähnliches). Diakonie ist um derer Willen da, die sie in Anspruch nehmen. Punkt.

Und doch kommt diakonisches Handeln nicht aus, ohne selbst etwas zu wollen. Gerade wenn diakonisches Handeln als ein christliches Handeln verstanden werden will, hat es eine Absicht, die über die konkrete Aufgabe hinausgeht. Diakonie will – je nach Arbeitsfeld und Kontext – ermächtigen, heilen, befreien, versöhnen, verbinden. Ein Klient oder Kunde will vielleicht einfach nur eine gute Versorgung oder Beratung (das ist sein gutes Recht!), aber Diakonie wird dann zur Diakonie, wenn da mehr wirkt, als die bloße Leistungserbringung.

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Wenn zwei gegensätzliche, aber gleichzeitig wirksame Handlungsanweisungen aneinander stoßen, spricht man von Paradoxien. Es gibt Handlungsparadoxien, die auf den christlich-normativen Kontext der Diakonie zurückzuführen sind.

Diakonie operationalisieren

Welche Kriterien müssen eigentlich erfüllt sein, damit Diakonie Diakonie ist? Eine spannende Frage, hinter der sich eine noch grundsätzlichere Frage verbirgt: Kann man Diakonie überhaupt operationalisieren?

Um es kurz zu machen: nein, kann man nicht. Das liegt einfach daran, dass es keine „harte“ Diakonie-Theorie gibt, von der aus man deduzieren könnte. Trotzdem ist die Frage natürlich wichtig und berechtigt, unter welchen Voraussetzungen Diakonie nun auch „wirklich“ als „diakonisch“ gelten kann. Strukturell gesehen ist das noch recht einfach: Wenn eine Einrichtung Mitglied im entsprechenden Landesverband (oder auch im Bundesverband) ist, dann ist sie formaljuristisch „diakonisch“. Interessanter ist natürlich eine inhaltliche Antwort auf diese Frage. Mit einem etwas anderen Akzent – aber mit dem gleichen Grundanliegen – kann man auch fragen, wann eine Einrichtung „christlich“ ist. Und das gilt natürlich ebenso für die Caritas.

Vor zwei Jahren haben Diakonie und Caritas die „Rahmenbedingungen einer christlichen Unternehmenskultur in Caritas und Diakonie“ veröffentlicht. Darin werden die Qualitätsanforderungen zur „Herausstellung des christlichen Identitätsprofils eines Trägers und seiner Einrichtung“ beschrieben:

„Die Rahmenbedingungen einer christlichen Unternehmenskultur beschreiben das spezifisch christliche beziehungsweise kirchliche Profil eines Trägers und seiner Einrichtungen und unterstützen bei der Weiterentwicklung einer christlichen Unternehmenskultur.“ (Diakonie-Fachinformationsdienst vom 18.07.2011)

Der Leitfaden (PDF) und die Audit-Checkliste (PDF) können auf der Seite des Diakonie-Fachinformationsdienstes kostenlos heruntergeladen werden. Inhaltlich entsprechen sie sich natürlich, deshalb sollte man sich gleich der Checkliste zuwenden. Hier sind die einzelnen Qualitätsanforderungen als kurze Statements formuliert, inklusive Kästchen zum Ankreuzen in altbewährter ja-nein-vielleicht-Manier.

Ich mag solche Ansätze. Ich meine jetzt nicht Audits, sondern die Versuche, konkret auf den Punkt zu bringen, worum es inhaltlich geht. Um sich dann auch tatsächlich der schwierigen Frage auszusetzen, ob die Praxis dieser Anforderung standhält.

Wer sich mit der Frage nach dem diakonischen Profil schon einmal beschäftigt hat, wird in der Checkliste nichts aufregend Neues finden – aber darum geht es ja auch nicht. Viele wichtige Aspekte werden benannt, auch wenn das Ganze sprachlich schon recht hölzern daher kommt. Doch bei aller grundsätzlichen Zustimmung finde ich eine Sache etwas schwierig – oder vielleicht sollte ich eher sagen: etwas schade. Denn der konkreten inhaltlichen Frage, was denn nun „diakonisch“ ist oder nicht, kommen auch Leitfaden und Checkliste nicht wirklich viel näher.

Das sollte man sich einmal an einem konkreten Beispiel anschauen: Im Abschnitt 2.1 wird gefragt: „Ist die Gestaltung der Räume, insbesondere der Wohnräume der Kund(inn)en, an den christlichen Werten orientiert und zielt darauf ab, ein wohnliches Ambiente und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen?“Ja, was heißt das denn nun? Würde es christlichen Werten entsprechen, wenn nur Naturmaterialen verwendet wurden (Bewahrung der Schöpfung, you know)? Wenn es viel Platz und Freiraum gibt – oder doch eher eine heimelig-enge Gemütlichkeit? Haben Kawohl-Poster eine höhere christliche Wertigkeit als ästhetisch ansprechende Bilder eines säkularen Verlages? Schwierige Fragen. Und ich meine diese Fragen wirklich ernst. Um welche „christlichen Werte“ geht es und wie schlagen sich diese konkret in der Ästhetik nieder? Ästhetik und Raumgestaltung sind in der Tat sehr wichtige Faktoren – gerade auch für christliches Profil! Nur wie beschreibe und operationalisiere ich dies angemessen? Hier helfen die „Rahmenbedingen“ dann doch nicht weiter. Und so ich habe den Verdacht, dass de facto wohl alles, was irgendwie ordentlich, freundlich, sauber und nett aussieht, als an christlichen Werten orientiert interpretiert werden kann.

Die Bezugnahme auf „christliche Werte“ taucht öfter auf. Doch so gängig dieser Begriff ist, er ist und bleibt unkonkret. In den „Rahmenbedingungen“ werden die „christlichen Werte“ gerade nicht expliziert, es gibt keine Aussagen dazu, was sie substanziell bedeuten. Die „Rahmenbedingungen“ bedienen sich stattdessen eines kleinen Tricks: Die Audit-Checkliste beginnt mit der Frage, ob im Leitbild der Einrichtung „christliche Grundsätze und Wertvorstellungen“ beschrieben werden. Wenn dann im Folgenden von christlichen Werten die Rede ist, geht es also immer um die Werte, die in dem jeweiligen Leitbild genannt sind. Die Einrichtung wird also an dem eigenen Maßstab gemessen – das ist natürlich gut! – aber damit kann im Grunde alles als „christlicher Wert“ gelten, wenn es der Träger in seinem Leitbild eben so definiert hat, von „missionarisch“ bis „humanistisch“ (um einmal zwei ideologische Schlagwörter zu gebrauchen).

Trotzdem finde ich es gut, der Profil-Frage nach zu gehen, in dem man nach konkreten Operationalisierungen sucht. Wohlwissend, dass es eine „richtige“ Operationalsierung des Diakonischen nicht gibt. Aber der Versuch, diakonische Essentials so konkret wie möglich zu formulieren, ist durchaus lohnend. Vor einigen Jahren haben Lars Charbonnier und ich eine Checkliste (oder genauer gesagt: einen „Test“) für den Einsatz in Seminaren entwickelt, mit dem Mitarbeitende ihre Arbeit beurteilen sollen – unter der Frage, ob auch Diakonie drin ist, wo Diakonie drauf steht.

Der Fokus ist ein ganz anderer als bei den „Rahmenbedingungen einer christlichen Unternehmenskultur“: Die Mitarbeitenden bewerten ihre eigene Arbeit aus subjektiver Sicht – und nicht ein Auditor eine Organisation. Und es gibt nachher auch kein „hop“ oder „top“ wie bei einer Zertifizierung, sondern es geht ausschließlich um den Bildungsgewinn, wenn man gemeinsam im Seminar über die Frage nach dem „Diakonischen“ streitet. Der „Test“ wurde in etlichen Semninaren eingesetzt und kam in der Regel gut an. Damit meine ich nicht, dass die inhaltlichen Aussagen, die unserem Vorschlag zugrunde liegen, durchweg positiv beurteilt wurden, sondern dass der „Test“ immer eine engagierte Diskussion ausgelöst hat. Gerade auch, weil wir mit den einzelnen Items ja durchblicken lassen, was wir unter „diakonisch“ verstehen – und wir nichts gegen Widerspruch oder Bessermachen haben!

Solche Operationalisierungen beruhen letztlich immer auf subjektivem Geschmack – davon können und wollen wir uns überhaupt nicht frei machen. Aber wir werfen einfach einen Vorschlag in den Ring, um zügig in die inhaltlich Diskussion einsteigen zu können. Für die Auswertung hat sich folgendes Verfahren bewährt: Jeder Teilnehmer kreuzt die entsprechende Zustimmung oder Ablehnung an. Dann

  • können Punkte vergeben (0 = trifft nicht zu, 1 = trifft eher nicht zu , 2 = trifft eher zu, 3 = trifft zu) und die Frage diskutiert werden, ob es einen „Mindest-Score“ geben muss, um „diakonisch“ zu sein;
  • kann diskutiert werden, welche Items wichtiger oder weniger wichtig sind;
  • können neue, eigene, bessere Items gesucht und ergänzt oder ausgetauscht werden.

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Eine Operationalisierung des inhaltlichen Kerns der Diakonie ist nicht möglich. Aber trotzdem ist es sinnvoll, sich der Anstrengung zu unterziehen, es zu versuchen. Das ist eine gute Klärungsarbeit, durchaus mit einem Bildungsgewinn.

Anstalt reloaded

Vor zwei Jahren hatte ich hier etwas zur geänderten Ausrichtung von Bethel gebloggt: Die Zeit der Anstalt sei endgültig vorbei, Bethel sei kein Modell mehr für eine diakonische Ortschaft. Man wolle keine Orte mehr gestalten, sondern Lebensräume. Ich hatte mich damals schon gefragt, wann der Backlash kommt. Aber der ist längst da: Die Anstalt ist zurück. Und auch wenn es bisher nur Modellprojekte sind, die Idee einer „Anstalt reloaded“ wird uns in den kommenden Jahren wohl noch sehr intensiv beschäftigen.

Es geht um die Idee eines Demenz-Dorfes, das etliche Aspekte der diakonischen Anstalt mit ihrem Ortschaftscharakter wieder aufleben lässt. Auf das Modellprojekt des niederländischen Demenz-Dorfes Hogewey bin ich auf dem Alzheimerblog gestoßen (wer es nachlesen will, den empfehle ich in chronologischer  Reihenfolge die dortigen Blogartikel vom 16.09.2010, 15.03.2012 und 25.01.2013). Heute ist in der Onlineausgabe der westfälischen Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ ein Artikel erschienen, der zudem auf ein ähnliches Projekt in diakonischer Trägerschaft hinweist.

Aber der Reihe nach. Was verbirgt sich hinter dem Konzept eines Demenz-Dorfes? Die ZEIT und SPIEGELonline haben bereits vor einiger Zeit darüber berichtet:

„Am Rande der Kleinstadt Weesp im Süden Amsterdams wohnen 152 Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag selbstständig zu bewältigen. Doch wenn Henk de Rooy im Supermarkt einkauft, erscheint es ihm, als würde er genau dies noch immer schaffen. Um Pflegebedürftige nicht vollständig aus ihren gewohnten Lebensmustern herauszureißen, schafft man ihnen in Hogewey ein möglichst vertrautes Umfeld – und simuliert dafür auf mehr als 15.000 Quadratmetern rund um die Uhr den ganz normalen Alltag.[…] Gleich hinter dem Eingangsbereich Hogeweys beginnt heute eine beschauliche Parallelwelt, die dem Leben außerhalb des Pflegezentrums bis ins Detail nachempfunden ist.“ (ZEIT)

„Die insgesamt 152 Bewohner leben jeweils zu sechst in Häusern, die eine nach außen abgeschlossene Siedlung bilden. Sieben verschiedene Einrichtungsstile gibt es, sie entsprechen den Lebenswelten der Menschen in den Niederlanden, ermittelt hat sie ein Meinungsforschungsinstitut: rustikal, urban, christlich, wohlhabend, indonesisch, kulturell-versiert, häuslich. Hogewey ist eine geschrumpfte holländische Stadt.“ (SPIEGELonline)

Und auf YouTube findet man einige kurze Videos über Hogewey.

Das erste Projekt in Deutschland, das die Hogewey-Idee übernimmt, wird im rheinland-pfälzischen Alzey von dem Projektentwickler Bennewitz & Georgi geplant, nachzulesen in der Allgemeinen Zeitung, der Alzeyer Lokalzeitung (03.03.201226.04.2012, 27.04.2012, 27.06.2012). Fachlich ruft das Vorhaben durchaus Kritik hervor. Auf der Internetseite des Projektentwicklers findet man dazu einige Reaktionen.

Recherchiert man zu den Stichwörtern Hogewey oder Demenzdorf, stößt man immer wieder auf zwei Einwände, die sich auf die konkrete Gestaltung solcher Projekte beziehen: Wie steht es um die Fachkräftequote (siehe nochmal im Alzheimerblog!) und wie ist das Ganze finanzierbar, denn die niederländische Pflegeversicherung ist mit der deutschen nicht vergleichbar?

Daneben gibt es aber auch eine ganz grundsätzliche Kritik an Demenz-Dörfern. Für Alexander Künzel, dem Sprecher des SONG-Netzwerkes, ist das niederländische Demenz-Dorf

„zwar ein Fortschritt gegenüber traditionellen stationären Einrichtungen, aber hinsichtlich seiner ‚Käseglocken-Welt‘ doch auch wiederum hoch problematisch“ (CAREkonkret vom 23.03.2012, S. 2).

Ähnlich sieht es Reimer Gronemeyer, hier im Video von 3’24 bis 5’20:

Gerade unter diesen Gesichtpunkten ist es interessant, dass ein diakonischer Träger sich an dem niederländischen Vorbild orientiert. Laut dem erwähnten Bericht in „Unserer Kirche“ will die Graf-Recke-Stiftung eine Anlage in Hilden bei Düsseldorf bauen: „Auch die Düsseldorfer Graf-Recke-Stiftung, eine diakonische Einrichtung, plant in Hilden eine Siedlung nach dem Vorbild De Hogeweyk. Genehmigungsverfahren und Gespräche mit möglichen Investoren laufen noch“ (Unsere Kirche). Interessanter- oder merkwürdigerweise soll es sich dabei aber um eine geschlossene geronto-psychiatrische Einrichtung handeln, so die UK.

Ich muss zugeben, dass ich das Konzept eines solchen Demenz-Dorfes fachlich nicht beurteilen kann. Einem Ortschaftsgedanken stehe ich ja grundsätzlich positiv gegenüber. Das, was ich dann aber konkret in Erfahrung bringen konnte (Quellen siehe unten), macht mich sehr skeptisch. Es scheint weniger um eine eingebundene Ortschaft zu gehen, sondern um satelliten-ähnliche Gebilde, die Ähnlichkeiten mit dem aufweisen, wovon diakonische Träger sich in den letzten zehn Jahren vollmundig verbaschiedet haben: der Anstalt.

Andererseits: Wenn es stimmt, dass die Menschen dort glücklich sind, ist die Kritik dann nicht etwas zu akademisch? Ich weiß es nicht.

Quellen und weiterführende Hinweise

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Sie wird wiederkommen, die (diakonische) Anstalt – in veränderter Form, aber doch wiedererkennbar. Ob das gut oder schlecht ist, müssen wir diskutieren. Und das werden wir mit Sicherheit, denn die Frage nach angemessenen Wohn- und Unterbringungsformen wird eine der großen Debatten der kommenden Jahre in der Diakonie sein.

Eine Blaupause fürs diakonische Profil

Hoffnung_LebenVor kurzem ist die überarbeitete Neuauflage von Hoffnung leben – Evangelische Anstöße zur Qualitätsentwicklung erschienen. Herausgeber ist der evangelische Kita-Fachverband im Rheinland. Und bei den dort zu findenden Anstößen geht es logischer Weise um die Profilentwicklung in evangelischen Kindergärten.

Doch das Buch ist so gut, dass es nicht nur für Kita-Mitarbeiternde, -Leitungen und -Fachberater/innen interessant ist, sondern für alle, die sich mit diakonischem Profil beschäftigen. Man muss dann ein bisschen um die Ecke denken, aber das sollte ja eigentlich keine Schwierigkeit darstellen.

Das Buch beginnt mit einer biblisch-theologischen Grundorientierung. Es wird dargestellt, was die Bibel von Gott, vom Menschen, vom Zusammenleben und vom Sinn des Lebens erzählt. Dazu gibt es jeweils biblische Impulse, Anregungen zur Weiterarbeit und pädagogische Zuspitzungen. Das Ganze macht 30 Seiten aus und ist damit sowohl fundierter als auch konkreter als so manche andere diakonische Materialhilfe.

Der zweite Teil ist der Hauptteil des Buches, hier wird die konzeptionelle Grundlage für die Profilentwicklung gelegt. Diese besteht in „fünf Ebenen – vier Aspekten – acht Grundmerkmalen“. Auch wenn man jetzt noch nicht weiß, was sich dahinter genau verbirgt, wird zumindest schon klar: Hier wird sehr strukturiert vorgegangen. Um diese Struktur geht es mir, gleich mehr dazu.

Im dritten Kapitel bietet das Autoren-Team noch einen weiteren Reflexionsschritt. Religiöse Erziehung/Bildung kann sich in verschiedenen Gestaltformen zeigen. Kunst, Raum, Zeit, Beziehungen, Körper/Sinne, Feste/Rituale, Erzählen, Stille/Gebet werden hier genannt und noch einmal konkretisiert.

Zurück zum Hauptteil des Buches mit den Ebenen, Aspekten und Merkmalen. Folgendes ist damit gemeint:

  • Die Ebenen: Hier geht es um fünf verschiedene Handlungssebenen: (1) die der Kinder untereinander, (2) die der Kooperation mit den Eltern, (3) die Ebene der Mitarbeitenden untereienander, (4) die Träger-Ebene und schließlich (5) die Ebene der Gesellschaft.
  • Die Aspekte: Aspekte beschreiben den“Sitz im Leben“ des Inhaltlich-Religiösen: (1) die religiöse Dimension in der Erziehung, (2) die Begegnung mit christlichen Inhalten, (3) die Kooperation von Kirchenegmeinde und Kita und (4) das interreligiöse Miteinander.
  • Die Grundmerkmale: Grundmerkmale sind die theologischen Essentials, die in dem Arbeistfeld eine besondere Relevanz haben. Während die theologische Grundorientierung im ersten Kapitel biblisch-theologisch angelegt war, stellen die Grundmerkmale quasi den systematisch-theologischem Kern dar. Für das Arbeitsfeld der Kitas nennen die Autoren acht solcher Essentials/Grundmerkmale: (1) Grundvertrauen, (2) Selbständigkeit, (3) Verantwortungsbewusstsein, (4) Grenzen, Schuld, Vergebung, (5) Neugier, (6) Sinn für Geheimnisvolles, (7) Phantasie und Kreativität und (8) Hoffnung.

Und jetzt beginnt das mühsame, aber lohnende Geschäft. In der Handreichung wird nun Ebene für Ebene, Aspekt für Aspekt, Merkmal für Merkmal durchgegangen. Mitgerechnet? Richtig, 160 (5 x 4 x 8) „Qualitätsfragen“ werden formuliert und mit jeweils ein, zwei Beispielantworten ergänzt.

Genau dieses Vorgehen gefällt mir – und es ist auf andere diakonische Arbeitsfelder übertragbar. Diese Struktur kann daher durchaus als eine Profil-Blaupause für andere Handlungsfelder dienen – nicht in den Inhalten, aber in der Herangehensweise. Dreierlei muss dann geklärt werden (ich weiche etwas von den verwendeten Begrifflichkeiten ab):

  • Die verschiedenen Bezugsebenen des Handelns: Das geht recht schnell, weil diese sich in den einzelnen Arbeitsfeldern mehr oder weniger von selbst ergeben.
  • Die religiösen Anschlussstellen: Diese sind in den verschiedenen Handlungsfeldern sehr unterschiedlich. Hier muss man schon mehr Reflexionsanstrengung hineinstecken, vielleicht zeigt sich nachher auch, dass manche Aspekte eher schwierig oder auch nicht angemessen sind. An dieser Stelle muss man vielleicht auch einfach eingestehen, dass dies bei Kitas verhältnismäßig einfach ist.
  • Die spirituellen Grundthemen oder -dynamiken des Arbeitsfeldes: Auch das ist nicht ganz so leicht, hier bedarf es solider Erfahrungen des Feldes. Die Kunst – ich sage es immer und immer wieder! – liegt darin, dass diese Essentials gleichermaßen eine „theologische“ wie „fachliche“ Würde habe. Für die theologische Durchdringungen könnten die folgenden beiden Bücher hilfreich sein: Krockauer/Bohlen/Lehner (Hg.): Theologie und Soziale Arbeit, München 2006 (Teil C) und meine Dissertation (Abschnitt 10.3).

Nach dieser Vorarbeit setzt dann die eigentliche Arbeit ein: Alles gegenseitig aufeinander beziehen und sich immer fragen: Was leitet sich hieraus konkret für das diakonische (bzw. christliche) Profil des Handlungsfeldes ab? Für mich ist „Hoffnung leben“ die beste Handreichung, die ich kenne, um diakonisches Profil zu entwickeln. Uneingeschränkte Kaufempfehlung – unabhängig vom Handlungsfeld!

Rheinischer Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. (Hg.): Hoffnung leben. Evangelische Anstöße zur Qualitätsentwicklung, Moers 2013, 16,95€

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Auch wenn die konkreten Fragen und Beispiele nicht auf andere Handlungsfelder übertragbar sind, die Herangehensweise ist es: Die Handreichung „Hoffnung leben“ gehört daher auf jeden Profilentwickler-Schreibtisch.

 

Was ist Diakonie? (#11)

„Diakonie ist fad und langweilig.“ (11’45)

Dieser Satz ist aus einer Predigt von Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich. Und der Satz lässt natürlich aufhorchen. Um es vorweg zu nehmen: Michael Chalupka hat recht – mit dem, was er mit diesem Satz meint.

Im Grunde ist es ein ganz einfacher Gedanke: Diakonische Arbeitsfelder sind oft geprägt von Routinen, wiederkehrenden Abläufen und langweiligen Situationen. So ist das nun mal, eigentlich nicht der Rede wert.

Doch interessanter Weise kommt der Alltag diakonischen Handelns in den Reflexionen über diakonisches Profil kaum vor. Wenn man sich einen beliebigen Artikel vornimmt, der sich mit der Frage nach dem diakonischen Profil beschäftigt, findet man dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Aussagen dazu, dass das Profil der Diakonie vor allem darin liegt, wie dort mit den Grenzfälle des Lebens umgegangen wird. Mit Tod und Sterben. Mit ethischen Dilemma-Situationen, mit bioethischen Fragen. Und selbst wenn es nicht ganz so dramatisch ist, dann sind es doch immer die ganz besonderen existenziellen Lebensfragen, die in der Diakonie aufgegriffen und bearbeitet werden. Eben darin läge das diakonische Profil.

Natürlich soll die Diakonie hierzu Positionen haben. Aber besteht darin der Kern diakonischen Handelns? Sieht so der Alltag diakonischen Handelns aus? Geht es ständig um Existenzielles? Wohl kaum.

Und daher braucht, wer in der Diakonie arbeitet,  nicht nur Geduld und Langmut (die natürlich als here Tugenden gelten), sondern auch Langeweile-Resistenz, so Chalupka.

Michael Chalupka singt das Loblied der Langeweile. Und das mag ich, denn ich finde, dass auch ein diakonischer Alltag, der langweilig ist, zur Reflexion diakonischer Identität gehören darf. Gehören soll. Und man kann’s dann ja auch wieder positiv wenden: Langeweile ist auch heilsam und schöpferisch.

Hier noch das Video zu der Predigt (10’05 – 19’20).

Michael Chalupka ist auf Twitter unter @michaelchalupka unterwegs. Folgen lohnt!

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Diakonie ist langweilig. Nicht nur, aber durchaus in weiten Teilen. Das Nachdenken über diakonisches Profil sollte daher vor allem auch den Alltag diakonischen Handelns in den Blick nehmen.

Was ist Diakonie? (#10)

Im diakonischen Bereich wird oft erwähnt, dass die Diakonie zwei wichtige Funktionen erbringe, nämlich Dienstleistung und Anwaltschaft – also das Anbieten sozialer Dienstleistungen und das anwaltschaftliche Eintreten für die Rechte Marginalisierter. Doch beschreibt diese Doppelfunktion wirklich hinreichend das Spektrum diakonischen Handelns? Fehlt da nicht was?

Das Funktionen-Doppel von Dientsleistung und Anwaltschaft trifft es in meinen Augen nicht so richtig. Dabei geht es mir gar nicht darum, dass beide Funktionen gerne und oft kritisiert werden – das Erbringen diakonischer Dienstleistungen führt unweigerlich zu der Kritik, dass die Diakonie eh nur das tue, was sie bezahlt bekomme und der Anwaltschaftlichkeit wird vorgeworfen, dass sie vor allem Eigeninteressen des Trägers diene; zudem müsse man fragen, woher eigentlich das Mandat zum anwaltlichen Tätigsein komme, es handele sich viel eher um ein „angemaßtes Mandat“.

Ich finde an dieser Doppelfunktion vor allem schwierig, dass sie de facto zu einem Dualismus wird: einerseits gibt es da die durchökonomisierte Dienstleistungserbringung, andererseits das gesellschaftspolitische „anwaltschaftliche“ Engagement der Diakonie, das gern als die „eigentliche“ diakonische Aufgabe angesehen wird. Die Anwaltsfunktion wird so zu einer Chiffre für all das Gute, Wahre und Schöne der Diakonie – bleibt damit allerdings auch diffus. Die (gesellschafts-)politische Funktion der Diakonie ist aber breiter und facettenreicher, als es der Begriff „Anwaltschaftlichkeit“ hergibt.

Anwaltschaftlichkeit muss daher meines Erachtens präzisiert werden. Zum einen spreche ich lieber von Interessenvertretung, das kommt mit etwas weniger Pathos daher. Und zum anderen braucht es über das Eintreten für die Interessen bestimmter Gruppen hinaus auch noch eine gesamtgesellschaftliche Funktion: das Bemühen um eine solidarische und gerechte Gesellschaft im Ganzen. Daher gefällt mir auch die Trias gut, die die Caritas immer wieder nutzt, um ihr Selbstverständnis zu beschreiben: Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter.

Die Solidaritätsstiftung explizit als dritte Funktion zu bennen, finde ich sehr einleuchtend. Zum einen schon allein deshalb, weil Dreiermodelle grundsätzlich mehr Eleganz haben als Zweiermodelle (bzw. de facto-Dualismen). Zum anderen aber auch, weil es eben einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Anwaltschaftlichkeit/Interessenvertretung und Solidaritätsstiftung gibt. Er liegt in dem, worauf sich diese beiden Funktionen beziehen: Bei Anwaltschaft/Interessenvertretung geht es immer um die Durchsetzung von Partikularinteressen, bei der Solidaritätsstiftung um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es sind zwei verschiedene Bezugspunkte.

Doch in meinen Augen fehlt da immer noch etwas. Es gibt es noch eine weitere, vierte Funktion, die bisher in der Reflexion über die Diakonie bisher kaum auftaucht: die Funktion des Gemeinschaftsbilders.

Der Begriff der Gemeinschaft ist manchmal etwas romantisch aufgeladen und gerade in kirchlichen und diakonischen Szenen hat er hin und wieder etwas merkwürdige Konnotationen – mir ist daher eigentlich der englische Begriff der Community etwas lieber, denn es geht um die ganze Breite dessen, was „Community“ sein kann: Gemeinschaften, Gemeinden, Gemeinwesen, aber auch Szenen oder Netze.

Die Funktion des Gemeinschaftsbilders / des Community-Buildings ist noch nicht durch die anderen drei Funktionen abgedeckt. Und in meinen Augen ist sie auch gerade für die Diakonie wesentlich. Die Diakonie hat eben auch die Funktion, zu verbinden und zu vernetzen, Sozialkapital aufzubauen und Zugehörigkeiten zu ermöglichen. Es geht um angemessene und gelingende Formen von Vergemeinschaftung, es geht darum, „Communities“ (mit) zu ermöglichen, (mit) zu pflegen, und (mit) zu entwickeln. Die Zugehörigkeiten zu „Communities“ und das Eingebundensein in ihnen ist eben nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern hat einen Wert in sich – sowohl für den Einzelnen, wie für die Gesellschaft im Ganzen.

Interessant finde ich, dass ich auf die Funktion des Communty-Buildungs ja bereits in der Bratislava-Erklärung gestoßen bin (…wenn ich es recht sehe, ist diese auf osteuropäischen Erfahrungen aufbauende Erklärung bei uns völlig unbekannt – was schade ist!). Und in einem Blogbeitrag von Brigitte Reiser habe ich den Hinweis auf eine etwas anders formulierte Funktionen-Trias von Nonprofitorganisationen gefunden, die ebenfalls die Community-Dimension als grundlegend ansieht. Auch in Reisers erweitertem Modell (sie führt Beteiligung/Partizipation als vierte Dimension ein), bleibt die Community-Funktion selbstverständlich bestehen.

Gerade für die Diakonie ist die Gemeinschaftsfunktion im Grunde nicht neu (man denke nur an die Anstalten, Häuser und Wohngruppen, an Kommunitäten, Basisgemeinschaften und diakonische Gemeinschaften, aber auch an das (zaghafte) Experimentieren mit Genossenschaften. Als das war schon immer nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein Grundanliegen der Diakonie, deshalb erstaunt es mich ein wenig, dass ein Community-Buildung bisher nicht als eigenständige Grundfunktion von Diakonie diskutiert wird.

Man könnte auch einmal darüber nachdenken, ob nicht gerade die konfessionellen Wohlfartsverbände ein besonderes Interesse an der Community-Funktion haben müssten. Zum einen ist das Christentum keine individuelle Erlösungsreligion, sondern eine auf Gemeinschaft angelegte Religion, und zum anderen ist die ganze Kirchen- und Diakoniegeschichte ja voll von Erfahrungen und Experimenten mit Sozialformen – erfolgreichen und gescheiterten.

tl;dr
Diakonie ist nicht nur Dienstleister, Anwalt und (nicht zu vergessen!) Solidaritätsstifter, sondern auch Gemeinschaftsbilder.