Von Gasthäusern und Herbergen und der Sache mit der Infrastruktur

„Kirche als Gasthaus“ – so lautete der Schwerpunkt der katholischen Fachzeitschrift Diakonia zu Beginn diesen Jahres. Es geht um die Bedeutung von Gastlichkeit und Gasthäusern für das Christentum. Und so habe ich mir diesen Blogbeitrag für das Jahresende aufgehoben, denn das Gasthaus (bzw. die Herberge) ist ja schließlich auch ein weihnachtsaffines Thema…

Ein Artikel hat es mir in der Zeitschrift besonders angetan: „Gasthäuser im Urchristentum. Eine Spurensuche im lukanischen Doppelwerk“ von Markus Lau. Wer – wie ich – noch nicht wusste, wie im Imperium Romanum das Herbergswesen organisiert war und wie die frühe Christenheit ihr eigenes Gastwesen gestaltete, erfährt es dort.

Gastlichkeit und Gastfreundlichkeit waren für das frühe Christentum essentiell. Und neben dieser Haltung, sozusagen der „Software“, war dazu auch ein Stück „Hardware“ ganz wichtig, nämlich Orte, wo man sich treffen und versammeln, essen und übernachten konnte. So organisierte die frühe Christenheit in weiten Teilen Europas ein Gastwesen, das für die Ausbreitung dieses neuen Glaubens wichtig war. Und dazu brauchte es eben zweierlei – das Üben von Gastfreundschaft und Gastlichkeit (also eine Haltung) und ein System von Privat- und Gemeindehäusern, Herbergen und Gasthäusern (also eine Infrastruktur).

Über die Bedeutung von Beidem – der Gastfreundlichkeit als Haltung und den Gasthäuser als Infrastruktur – lohnt es sich, noch einmal neu nachzudenken.

Die Revitalisierung der Gastfreundlichkeit als Gemeindekonzept hat der Niederländer Jan Hendriks vorgenommen mit seiner Idee der „Gemeinde als Herberge“. Das möchte ich hier nicht wiederholen. Nur so viel: Ich finde seinen Ansatz gleichermaßen visionär wie bodenständig, er widersetzt sich dem oft als Gegensatz formulierten Schema von „Versorgungskirche“ vs. „Beteiligungskirche“ und ist zudem gemeinwesendiakonisch gut anschlussfähig. Allerdings gibt es eine grundsätzliche Schwierigkeit bei solchen konzeptionellen Gemeindeentwürfen, nämlich den „Was-sollen-wir-denn-noch-alles-machen?“-Effekt.

Vielleicht kann es da eine Erleichterung sein, Kirchengemeinden erst einmal – ganz schlicht – als ein Stück Infrastruktur zu verstehen. Dieser Gedanke kam mir, als mir beim Lesen klar wurde, dass die frühe Christenheit neben dem “öffentlichen” bzw. “privatwirtschaftlichen” Gastwesen noch eine eigene Infratsruktur aufbaute. Wer über eigene Infrastruktur verfügt, ist unabhängig. Das gilt heute wie damals.

Die Kirche unterhält zwar keine Gasthäuser und Herbergen, aber mit ihren Gemeinden hält sie eines der dichtesten „Filial-Netze“ in Deutschland vor.  Sie ist in den besten Lagen präsent – und in den schlechtesten. Schlicht und ergreifend dadurch, dass sie in mehr oder weniger allen Stadtteilen physisch existent ist: mit Gebäuden und Räumen, mit Ausstattung und Equipment, mit Wasser- und Stromanschluss. Überall. Zumindest noch. Das ist doch mal was. Man könnte es auch so formulieren: „It’s the infrastructure, stupid!“

Doch kurioser Weise wird diese 1A-Infrastruktur gar nicht als solche verstanden – sondern im Gegenteil – als Problem. Der Gebäudebestand ist mittlerweile in vielen Gemeinden zu groß und muss in den Griff bekommen werden. Nervenaufreibende Prebyteriumssitzungen mit Entscheidungprozessen, die sich nicht selten über Jahre hinziehen. Kein gesamtkirchlicher Plan, keine Strategie. Raum- und Stadtplaner schlagen oft die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie mitbekommen, welche Filetstücke aufgegeben werden. Im Zuge der Gemeinwesendiakonie-Debatte bringt es Frank Düchting von der Akademie der Nordkirche auf den Punkt: Eine gesamtkirchliche Strategie zur Präsenz der Kirche in der Stadt ist „bei aller Liebe, eine Illusion“ (Die Stadt mitgestalten – Ein Beitrag der Nordkirche, S. 1).

Kirchengemeinden können letztlich machen, was sie wollen. Leider müssen sie auch machen, was sie wollen. Diese Art der Autonomie ist dem Protestantismus merkwürdigerweise heilig (ach, könnte man da oft nur seufzen…). Und so versteht man sich nicht als Steinchen im riesigen Infrastruktur-Mosaik, sondern als überforderte Gebäudemanager. Und bitte keinen Dreck machen! Das hat schon etwas Tragisches.

Ich glaube, dass in den nächsten zehn, zwanzig Jahren ganz neue (oder wieder ganz alte) Formen von Vergemeinschaftung in der Kirche probiert und etabliert werden. Das Konzept von „Gemeinde“ wird sich neu zurechtrütteln – wie genau, muss sich erst noch zeigen. Doch Gemeinde wird sich immer weniger parochial organisieren, da bin ich mir sicher. Aber – und das ist wichtig! – wir haben nun einmal diese parochiale Infrastruktur. Es wäre dumm, sie verkommen zu lasssen. Die Reform der Kirche muss man aufverschiedenen Ebenen führen. Eine davon ist die Frage nach künftigen Gemeinschafts- und Gemeindeformen, nach geistlichen und spirituellen Aufbrüchen. Aber eine ist eben auch, was mit der momentan vorhandenen Infrastruktur geschehen soll. Wozu kann sie mittel- und langfristig dienen? Ideen gibt es da genug.

tl;dr
Kirchengemeinden sind in nahezu jedem Stadtteil präsent – durch ihre physische Existenz. Diese Art von Infrastruktur gilt es zu schätzen und nicht leichtfertig zu verspielen. Welche Art von „Herbergen und Gasthäusern“ soll, kann, will Kirche langfristig sein?

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