Diakonisches Engagement

Nachdem ich das Dossier zum ehrenamtliches Engagement zusammengestellt habe, möchte ich jetzt noch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema „Engagement“ anbringen – ich beschränke mich dabei auf den diakonischen Kontext. Ein guter Ausgangspunkt ist dafür das folgende Zitat:

„Es wird in Zukunft nicht ausreichen, mehr Menschen für mehr ehrenamtliche Tätigkeiten zu gewinnen, sondern es geht um eine völlig neue Grundhaltung zum zivilgesellschaftlichen Engagement. Wir werden unsere Lebensqualität nur erhalten können, wenn wir Menschen aller Generationen, Kulturen und Milieus aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beteiligen. Wir müssen sie motivieren, Verantwortung für das Miteinander in Nachbarschaft und Wohnumfeld zu übernehmen“

So formuliert es die Imagebroschüre Miteinander anders Quartiere neu gestalten (PDF) des Evangelischen Zentrums für Quartierentwicklung, einem gemeinsamen Netzwerk der Diakonie RWL und der Evangelischen Erwachsenenbildung Nordrhein.

Ein guter Ansatz. Es geht dann in erster Linie gar nicht so sehr um die Perfektionierung von organisatorischen oder organisationalen Aspekten des Freiwilligenmanagements, sondern es geht um einen anderen Blick auf das, was wir „Engagement“ nennen. Engagement ist zuerst und vor allem ein Akt der Weltgestaltung. Engagement ist das Gestalten von Lebensverhältnissen – die eigenen und die anderer – um die Welt etwas lebenswerter zu machen.

Vor diesem Hintergrund bin ich überrascht, von welchem Engagementverständnis eine Expertengruppe des Diakonie-Bundesverbandes ausgeht, die sich mit der Weiterentwicklung des diakonischen Engagements beschäftigt hat. Soeben sind ihre „10 Thesen zur Weiterentwicklung von Freiwilligem Engagement“ veröffentlicht worden, in der die Konsequenzen aus der aktuellen Diakonie-Ehrenamtsstudie formuliert werden. Kurz gesagt sind es recht allgemeine Wohlfahtsverbands-Thesen, die den gegenwärtigen Stand der Engagementforschung wiedergeben. Das ist durchaus solide, aber da es ja um die Weiterentwicklung diakonischen Engagements gehen soll, erstaunt mich dann doch, wie „traditionell“ dort ehrenamtliches Engagement gedacht wird:

  • Freiwilliges Engagement wird in in dem Papier ausschließlich als ein Handeln für andere verstanden, für die „Nutzer“ diakonischer Dienste. Diakonisches Engagement meint also die klassische Fürsorge der Ehrenamtlichen, die denen helfen, die sich im Gesellschaftsranking weiter unten befinden.
  • Zudem bleibt freiwilliges Engagement in den „10 Thesen“ ausschließlich dem „Dienstleistungs-Paradigma“ verhaftet. Das ist zum Teil verständlich, da sich die zugrundeliegenden empirischen Erkenntnisse ja auf das Engagement in diakonischen Einrichtungen beziehen. Aber „Diakonie“ kann auch als Teil zivilgesellschaftlicher Bewegung verstanden werden. Daher sollte ein gesellschaftspolitisches Engagement zumindest Erwähnung finden. Und wie verhalten sich freie/private christliche Initiativen als eine wichtige diakonische Engagementform zur Verbands- und Einrichtungs-Diakonie? Ich bekomme den Eindruck, dass diakonisches Engagament jenseits diakonischer Organisationen nicht wirklich relevant sei.
  • Und drittens fehlt die Auseinandersetzung mit „engagementfernen“ Gruppen. In der 6. These ist lediglich zaghaft von „ferneren Zielgruppen“ die Rede. Doch für mich wäre dies ein Grundanliegen der Diakonie: das freiwillige Engagement aus der „Nische“ der bürgerlichen Mittelschicht herauszuholen. Das Potenzial dazu hätte die Diakonie durchaus – gerade auch im Unterschied zu Kirchengemeinden!

Alles in allem gewinne ich den Eindruck: In der Diakonie scheint es hauptsächlich eine Form des freiwilligen Engagements zu geben, nämlich unentgeltlich Fürsorge zu leisten. Das ist nicht schlecht (keinesfalls!), es ist aber eine Verengung von dem, was „Engagement“ bedeuten kann. Und es beschreibt halt den status quo diakonischen Engagements – nicht dessen Weiterentwicklung.

Engagement wird zu schnell als unentgeltliche Dienstleistung verstanden – und das ist leider eine konzeptionelle Sackgasse. Denn Engagement meint erst einmal schlicht und einfach den persönlichen Einsatz für etwas. Engagement ist die Art der Anstrengung, Lebensverhältnisse zu einem besseren zu kehren, die über den „normalen“beruflichen oder familiären Einsatz hinausgeht.

In meinen Augen sind vor allem zwei Aspekte wichtig:

  • Freiwilliges Engagement sollte nicht ausschließlich als unentgeltlicher Fürsorgedienst verstanden werden.
  • Freiwilliges Engagament muss viel stärker ein gesamtgesellschaftliches Phänomen werden, es geht also um die Ausdehnung auf zur Zeit noch „engagementferne“ Gruppen – damit sind diejenigen gemeint, die in einem traditionellen Verständnis nur als Engagement-Empfänger verstanden werden.

Gut gebrüllt, Löwe. Aber wie kann das gelingen? Drei Hinweise dazu:

Stichwort „Geben und Nehmen“: Rund um den Keywork-Ansatz stößt man immer wieder auf eine interessante Engagement-Kette: Ich für mich – Ich mit anderen für mich – Ich mit anderen für Andere – Andere für mich. Dieses Konzept unterschiedlicher Engagement-Phasen geht auf Sylvia Kade zurück. Die klinischen Grenzen zwischen Geben und Nehmen werden organischer. Ich halte dies für ein sehr fruchtbares Engagementverständnis.

Stichwort „engagementferne Gruppen“: Eine wichtige Gruppe für die Engagementförderung sind Menschen mit Migrationshintergrund. Mittlerweile gibt es vielfältige Ansätze, auf diese Menschen verstärkt zuzugehen und ihre Ressourcen zu nutzen – wie zum Beispiel das Konzept der Stadtteilmütter oder eigens entwickelte Fortbildungen für „Menschen aus aller Welt“, die sich gerne in ihrem Umfeld engagieren wollen, aber auf kulturelle Engagementhindernisse stoßen. Eine bislang völlig vernachlässigte Gruppe Engagierter sind Menschen mit Behinderungen. Allein das Wort „Behinderung“ scheint schon Engagement-Bedarf zu signalisieren – und eben nicht Engagement-Bereitschaft. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Projekt „selbstverständlich freiwillig“ der Diakonie Hamburg, das Menschen mit Behinderung unterstützt, selbst freiwillig tätig zu werden. Schwierig scheint es gegenwärtig vor allem zu sein, Menschen in prekären und marginalisierten Lebenssituationen für ein Engagement zu gewinnen. Wie können sie gestärkt werden, in dem sie sich selbst engagieren? Mir ist hierzu wenig bekannt.

Stichwort „Welt gestalten“: Wenn man freiwilliges Engagement in erster Linie als die Gestaltung der (eigenen und fremden) Lebensumstände versteht, kann man in der eingangs zitierte Broschüre „Miteinander anders Quartiere neu gestalten“ eine interessante Haltung entdecken. Das Evangelische Zentrum für Quartierentwicklung möchte in seinen Beratungen und Fortbildungen die Menschen ermutigen, selbst initiativ zu werden und ihre Gestaltungskraft zu entdecken. In der Imagebroschüre werden daher Impulse aus der Kunst aufgegriffen. Genannt werden Joseph Beuys mit seiner Idee der „sozialen Plastik“, die Schaffensweise von Pina Bausch und die Installation „Frühbeet der Ideen“ des Objektkünstlers Ilya Kabakov. Und warum? Wenn es darum geht, Welt zu gestalten, liegt es doch nahe, sich von Leuten inspirieren zu lassen, die in anderer Art und Weise gestalterisch tätig sind. Das wird alles nur ganz kurz angerissen, aber diese Haltung gefällt mir.

Sicherlich gibt es noch eine Menge mehr Stichworte, die man hier aufführen könnte. Aber so in diese Richtung könnte ich mir eine Weiterentwicklung diakonischen Engagements vorstellen.

tl;dr
Die Weiterentwicklung des freiwilligen diakonischen Engagements ist für die Diakonie ein zentrales Thema. Das braucht viel Engagement.

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Ein Gedanke zu „Diakonisches Engagement“

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