Anstalt reloaded

Vor zwei Jahren hatte ich hier etwas zur geänderten Ausrichtung von Bethel gebloggt: Die Zeit der Anstalt sei endgültig vorbei, Bethel sei kein Modell mehr für eine diakonische Ortschaft. Man wolle keine Orte mehr gestalten, sondern Lebensräume. Ich hatte mich damals schon gefragt, wann der Backlash kommt. Aber der ist längst da: Die Anstalt ist zurück. Und auch wenn es bisher nur Modellprojekte sind, die Idee einer „Anstalt reloaded“ wird uns in den kommenden Jahren wohl noch sehr intensiv beschäftigen.

Es geht um die Idee eines Demenz-Dorfes, das etliche Aspekte der diakonischen Anstalt mit ihrem Ortschaftscharakter wieder aufleben lässt. Auf das Modellprojekt des niederländischen Demenz-Dorfes Hogewey bin ich auf dem Alzheimerblog gestoßen (wer es nachlesen will, den empfehle ich in chronologischer  Reihenfolge die dortigen Blogartikel vom 16.09.2010, 15.03.2012 und 25.01.2013). Heute ist in der Onlineausgabe der westfälischen Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ ein Artikel erschienen, der zudem auf ein ähnliches Projekt in diakonischer Trägerschaft hinweist.

Aber der Reihe nach. Was verbirgt sich hinter dem Konzept eines Demenz-Dorfes? Die ZEIT und SPIEGELonline haben bereits vor einiger Zeit darüber berichtet:

„Am Rande der Kleinstadt Weesp im Süden Amsterdams wohnen 152 Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag selbstständig zu bewältigen. Doch wenn Henk de Rooy im Supermarkt einkauft, erscheint es ihm, als würde er genau dies noch immer schaffen. Um Pflegebedürftige nicht vollständig aus ihren gewohnten Lebensmustern herauszureißen, schafft man ihnen in Hogewey ein möglichst vertrautes Umfeld – und simuliert dafür auf mehr als 15.000 Quadratmetern rund um die Uhr den ganz normalen Alltag.[…] Gleich hinter dem Eingangsbereich Hogeweys beginnt heute eine beschauliche Parallelwelt, die dem Leben außerhalb des Pflegezentrums bis ins Detail nachempfunden ist.“ (ZEIT)

„Die insgesamt 152 Bewohner leben jeweils zu sechst in Häusern, die eine nach außen abgeschlossene Siedlung bilden. Sieben verschiedene Einrichtungsstile gibt es, sie entsprechen den Lebenswelten der Menschen in den Niederlanden, ermittelt hat sie ein Meinungsforschungsinstitut: rustikal, urban, christlich, wohlhabend, indonesisch, kulturell-versiert, häuslich. Hogewey ist eine geschrumpfte holländische Stadt.“ (SPIEGELonline)

Und auf YouTube findet man einige kurze Videos über Hogewey.

Das erste Projekt in Deutschland, das die Hogewey-Idee übernimmt, wird im rheinland-pfälzischen Alzey von dem Projektentwickler Bennewitz & Georgi geplant, nachzulesen in der Allgemeinen Zeitung, der Alzeyer Lokalzeitung (03.03.201226.04.2012, 27.04.2012, 27.06.2012). Fachlich ruft das Vorhaben durchaus Kritik hervor. Auf der Internetseite des Projektentwicklers findet man dazu einige Reaktionen.

Recherchiert man zu den Stichwörtern Hogewey oder Demenzdorf, stößt man immer wieder auf zwei Einwände, die sich auf die konkrete Gestaltung solcher Projekte beziehen: Wie steht es um die Fachkräftequote (siehe nochmal im Alzheimerblog!) und wie ist das Ganze finanzierbar, denn die niederländische Pflegeversicherung ist mit der deutschen nicht vergleichbar?

Daneben gibt es aber auch eine ganz grundsätzliche Kritik an Demenz-Dörfern. Für Alexander Künzel, dem Sprecher des SONG-Netzwerkes, ist das niederländische Demenz-Dorf

„zwar ein Fortschritt gegenüber traditionellen stationären Einrichtungen, aber hinsichtlich seiner ‚Käseglocken-Welt‘ doch auch wiederum hoch problematisch“ (CAREkonkret vom 23.03.2012, S. 2).

Ähnlich sieht es Reimer Gronemeyer, hier im Video von 3’24 bis 5’20:

Gerade unter diesen Gesichtpunkten ist es interessant, dass ein diakonischer Träger sich an dem niederländischen Vorbild orientiert. Laut dem erwähnten Bericht in „Unserer Kirche“ will die Graf-Recke-Stiftung eine Anlage in Hilden bei Düsseldorf bauen: „Auch die Düsseldorfer Graf-Recke-Stiftung, eine diakonische Einrichtung, plant in Hilden eine Siedlung nach dem Vorbild De Hogeweyk. Genehmigungsverfahren und Gespräche mit möglichen Investoren laufen noch“ (Unsere Kirche). Interessanter- oder merkwürdigerweise soll es sich dabei aber um eine geschlossene geronto-psychiatrische Einrichtung handeln, so die UK.

Ich muss zugeben, dass ich das Konzept eines solchen Demenz-Dorfes fachlich nicht beurteilen kann. Einem Ortschaftsgedanken stehe ich ja grundsätzlich positiv gegenüber. Das, was ich dann aber konkret in Erfahrung bringen konnte (Quellen siehe unten), macht mich sehr skeptisch. Es scheint weniger um eine eingebundene Ortschaft zu gehen, sondern um satelliten-ähnliche Gebilde, die Ähnlichkeiten mit dem aufweisen, wovon diakonische Träger sich in den letzten zehn Jahren vollmundig verbaschiedet haben: der Anstalt.

Andererseits: Wenn es stimmt, dass die Menschen dort glücklich sind, ist die Kritik dann nicht etwas zu akademisch? Ich weiß es nicht.

Quellen und weiterführende Hinweise

tl;dr
Sie wird wiederkommen, die (diakonische) Anstalt – in veränderter Form, aber doch wiedererkennbar. Ob das gut oder schlecht ist, müssen wir diskutieren. Und das werden wir mit Sicherheit, denn die Frage nach angemessenen Wohn- und Unterbringungsformen wird eine der großen Debatten der kommenden Jahre in der Diakonie sein.

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