sich dienen lassen

Vor Kurzem fuhr ich mit dem Zug zurück nach Hause, stieg am Benrather Bahnhof aus und wollte schnell zu meinem Fahrrad. Auf einem erhöhten Absatz seitlich der Bahnhofstreppe saß ein Obdachloser, der seine Dienste als Schuputzer anbot. So stand es auf dem Pappschild, das er neben seinen fein säuberlich geordneten Utensilien aufgestellt hatte (sechs verschiedene Schuhcremes mit jeweils einem Lappen und einem Pinsel). Kein Kunde.

Schuhputzer kenne ich in Deutschland eigentlich nur aus Erich-Kästner-Büchern, sie gehören für mich also zum 20er- und 30er-Jahre-Inventar. Arme Menschen, die um ihr täglich Brot bangen müssen. Schuheputzen teilt die Welt klar in „oben“ und „unten“ ein, man sieht es ja an dem knienden Schuputzer sehr deutlich.

Warum lasse ich mir nicht die Schuhe putzen? Die Antwort ist einfach : Mir ist das irgendwie zu doof. Hat das Schuheputzenlasssen nicht etwas total Herablassendes? Gerade weil „oben“ und „unten“ so offensichtlich wird? Müsste ich mich nicht viel eher dafür einsetzen, dass in Deutschland kein Obdachloser Schuheputzen muss? Und was denken bloß die vorübergehenden Passanten?

Weil beides zwar gegen das Schuheputzen spricht, mich aber nicht wirklich überzeugt hat, drehe ich um und lasse mir die Schuhe putzen.

Ich sitze tatsächlich „oben“ auf dem Schemel, der mir fast wie ein Thron vorkommt – und muss damit nun klarkommen. Der Schuhputzer hockt vor mir gebückt, rutscht auf den Knien hin und her und erledigt seine Dienstleistung. Er macht seine Arbeit professionell, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er das gerne tut. Mein Job dabei ist: sich bedienen lassen. Oder mit  spiritueller Konotation: sich dienen lassen.

Darum ging es also, das war das Unbehagen. Sich dienen lassen ist unbaheglich. Vor allem dann, wenn der nächste Regionalexpress gerade angekommen ist und knapp hundert Menschen an mir vorbei ziehen, alle ganz nah und alle, die gucken, gucken mich an, nicht den Schuhputzer. Der macht ja schließlich nur seinen Job. Aber wer ist denn der, der sich da seine Schuhe putzen lässt?

Das Gespräch mit dem Schuhputzer war interessant, die Schuhe so gut geputzt wie nie, der Schuhputzer hat etwas verdient ohne zu betteln – und ich musste noch lange über dieses merkwürdige Phänomen des sich dienen lassens nachdenken. Warum ist das so ein merkwürdiges Gefühl?

Ich könnte das Ganze jetzt spirituell überhöhen (ja, die eine oder andere Bibelstelle ist mir dazu tatsächlich in den Sinn gekommen), aber das lasse ich an dieser Stelle lieber. Da kann jeder seine eigene Erfahrungen machen. Aber eine Sache ist mir noch aufgefallen: Es gibt doch beim „diakonischen Lernen“ im Konfiunterricht oder in Einführungskursen für Freiwilligendienste oft diese „Erfahrungsübung“, sich in einen Rollstuhl zu setzen und durch die Stadt zu rollen um dann später die gemachten Erfahrungen im Ton tiefer Betroffenheit gemeinsam zu reflektieren. So gut gemeint die Idee dahinter ist, ich mag dieses Spielchen absolut nicht. Ich schlage eine andere Art von Perspektivwechsel vor: Liebe Leute, die ihr helfen wollt, lasst euch erstmal die Schuhe putzen.

tl;dr
Sich dienen lassen ist eine eher ungewohnte Erfahrung. Man kann sie durchaus beim Schuheputzenlassen machen.

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