Inklusionslust

Das Thema Inklusion ist nicht nur in der Diakonie seit einigen Jahren ein Dauerbrenner, es ist mittlerweile auch in der Kirche „in“. Man muss nur einen Blick in die praktisch-theologische Literatur werfen: Johannes Eurich und Andreas Lob-Hüdepohl geben seit 2011 die Reihe Behinderung – Theologie – Kirche bei Kohlhammer heraus, als erster Band erschien Inklusive Kirche. Die Pastoraltheologie hat im März 2012 ein Heft zur Inklusion veröffentlicht, ebenso die Praktische Theologie mit ihrer Ausgabe 03/2012. Jüngst hat Chrismon Rheinland das Themenheft Debatte veröffentlicht, sozusagen als „Futter“ für die rheinische Synode 2013, die hier ihren inhaltlichen Schwerpunkt setzt. Es gibt noch etliche weitere Beispiele, die genannt werden können.

Aber nicht nur Theologie und Kirchenleitung beschäftigen sich mit Inklusion. Auch in den Kirchengemeinden kommt die Inklusionsdebatte an. Ich hatte in letzter Zeit öfter Kontakt mit Menschen aus sehr verschiedenen Gemeinden und ich habe immer wieder gestaunt, dort auf dieses Thema angesprochen zu werden. Meine subjektiven Beobachungen sind zwar nicht verallgemeinerbar, aber allein dass das der Begriff „Inklusion“ überhaupt bekannt ist (man muss sich klar machen, dass es nach wie vor ein Fachwort ist) und es als wichtiges kirchliches Thema identifiziert wird, hat mich positiv überrascht. Denn man muss realistischer Weise bedenken, dass viele Debatten, von denen man meint, dass sie für Kirchengemeinden wichtig seien, nicht unbedingt bis dorthin vordringen. Vieles, was Kirchenleitung, akademische Theologie oder Sozialwissenschaften gerne in den Gemeinden diskutiert sehen würden, findet dort keinen Widerhall. Daher sollte man hier einfach einmal anerkennend feststellen: Inklusion ist ein Thema, das in irgendeiner Art und Weise in Gemeinden resonanzfähig ist.

Woran mag das liegen? Vor circa 30 Jahren hat der Theologe Ulrich Bach für diese Ideen gekämpft, damals noch nicht unter dem Begriff Inklusion und auch mit einem sehr deutlichen Fokus auf der Integration von Menschen mit Behinderung in das Gemeindeleben. Und traurig, aber wahr: Ulrich Bach ist damit gescheitert. Seine Ideen fielen bei Kirchenleitungen und in Kirchengemeinden nicht auf fruchtbaren Boden – auch wenn ihm immer wieder bestätigt wurde, wie recht er damit doch habe. Schaut man sich Bachs Veröffentlichungstitel an, merkt man, dass er zunehmend verbitterter wurde.

Nun ist das Thema nicht kleiner und konkreter geworden (und damit leichter zu packen und besser umzusetzen) – im Gegenteil, es ist umfassender und zum Teil auch diffuser geworden. Und trotzdem setzt auf einmal eine Inklusionslust ein.

Was ist passiert? Einige Jahrzehnte sind vergangen: Die Gesellschaft hat sich verändert, der Fachdiskurs ist weitergegangen, die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde veröffentlicht, und die Inklusionsidee konnte auf Vorläuferkonzepten aufbauen und diese weiterentwickeln. Ohne Normalisierungs- und Integrationsbestrebungen wäre die Inklusions-Idee vielleicht nicht da, wo sie jetzt ist. (Deshalb finde ich es auch immer sehr befremdlich, wenn auf vorausgehende pädagogische Konzepte draufgehauen wird, um so Inklusion im besseren Licht erscheinen zu lassen. Die aus heutiger Perspektive oft als defizitär erscheinenden Ansätze haben viel geleistet: nämlich den Boden beackert und das Feld bestellt. Wenn daher in der Anzeigenkampagne der Aktion Mensch Integration und Exklusion zu Illustrationszwecken auf dieselbe Stufe gestellt werden, um Inklusion von beidem abzuheben, dann finde ich das eine bodenlose Frechheit. Exkurs Ende).

Und was wohl auch zutrifft: Die Gesellschaft ist politisch korrekter geworden. Man kann einfach nicht gegen Inklusion sein. An dieser Stelle befremdet mich die Debatte um Inklusion aber auch immer wieder. Denn der Diskurs ist in meinen Augen äußerst euphemistisch angelegt, kritische Töne hört man selten. Die Angst, sich durch etwas Kritisches ins moralische Unrecht zu setzen, ist anscheinend groß.

Anders gesagt: Dafür sein kostet mich erst einmal nichts und ich zeige außerdem noch, dass ich einer von den Guten bin. Das ist aber leider wenig hilfreich. Wenn man nach der Rolle von Kirchengemeinden fragt, ist es daher vielleicht ganz sinnvoll, drei Ebenen zu unterscheiden: Die Ebene der Inklusions-Idee, die Ebene der Inklusions-Praxis und die des Inklusions-Diskurses.

Was können Kirchengemeinden nun tun?

Gemeinden haben zweierlei zu bieten: Die Kirche kann das Evangelium und die Inklusions-Idee miteinander in Beziehung bringen. Das liegt zum einen natürlich nahe, zum anderen sind da sicherlich auch noch Entdeckungen zu erwarten. Und die Kirchengemeinden können bei der Inklusions-Praxis herum experimentieren. Sie sind zu nichts verpflichtet, sondern können aus ihrem eigenen Antrieb Dinge ausprobieren, etwas besser machen, Erfahrungen sammeln. Das muss nicht gleich flächendeckend sein und es müssen auch keine Leuchtturmprojekte sein. Sondern einfach hier und da eine Idee gut umsetzen.

Beides ist sehr viel wert. Sich in der Inklusions-Debatte zu verausgaben ist hingegen nicht nötig. Kirchliche Resolutionen oder Bekenntnisse zur Inklusion verändern nichts. Und hat irgendjemand überhaupt noch den Überblick, wozu oder wogegen sich die Kirche in den letzten 50 Jahren alles bekannt hat!?

Zurück zur Praxis. Was sollte man bedenken, wenn man das Thema anpacken will? Vier kurze Hinweise:

  • Die Inklusionsidee sollte nicht auf das Thema Behinderung begrenzt werden. In diakonischen Einrichtugen ist dies hingegen oft der Fall, Kirchengemeinden sollten sich meiner Meinung nach an einem weiten Inklusionsverständnis orientieren.
  • Man sollte sich den Tendenzen verwehren, einer political correctness anheim zu fallen. Sobald p.c. um sich greift, ist die gute Idee verloren. Denn dann setzen Denkverbote ein. Wenn beispielsweise Kirchengemeinden bei dem Thema unbehaglich zu Mute ist (warum auch immer), dann sollen sie das sagen dürfen. Vielleicht haben sie etwas Wichtiges mitzuteilen.
  • Inklusion ist etwas Strukturelles bzw. eine Haltung, eine Kultur. Inklusion bedeutet nicht, Hilfsangebote für andere zu machen. Die Wahrnehmung muss entdiakonisiert werden.
  • Und das bedeutet schließlich: Nichts für andere machen, sondern füreinander machen. Und das geht nur miteinander. Will sagen: Inklusion bedeutet, mit der Beteiligung ernst zu machen.

tl;dr
Die Inklusionsidee kommt in den Kirchengemeinden an und löst Resonanz aus. Jetzt sind gute Ideen gefragt, keine Resolutionen oder Denkverbote

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4 Kommentare zu „Inklusionslust“

  1. Ein interessanter Artikel. Mich hat vor allem der 3. der 4 Hinweise am Schluss aufmerksam gemacht. Bin dem Link zum Artikel aus dem Mai gefolgt („Die Wahrnehmung entdiakonisieren.“) und dort am Zitat von Ulf Liedke hängengeblieben:
    „Mein Plädoyer für die Entdiakonisierung der Wahrnehmung behinderter Menschen bedeutet deshalb nicht, die diakonische Dimension gemeindlichen Handelns zu verabschieden. Vielmehr geht es darum, nicht in die Wahrnehmungsfalle zu tappen, bei der ‘Behinderung’ beinahe zwangsläufig mit ‘Diakonie’ assoziiert wird. (…) Menschen mit Behinderung (…) sind Glieder und nicht Klienten der Gemeinde. Die ungeteilte Teilhabe am kirchengemeindlichen Leben ist keine Einbahnstraße, die nur für Hilfstransporte zugelassen wäre” (Ulf Liedke 2012: 82).“
    Wenn Inklusion in diesem Sinne also nicht bedeutet, anderen Hilfsangebote zu machen, stellt sich auf der anderen Seite die Frage, was diakonische Einrichtungen der Behindertenhilfe für die Umsetzung von Inklusion tun können (denn hier werden permanent Hilfsangebote gemacht)… und wie sich Kirche und Diakonie hierbei ergänzen können.
    Vielleicht sind trotz der unterstützenswerten „Inklusionlust“ ja auch an der ein oder anderen Stelle noch „Hilfsangebote“ im Sinne von Integration notwendig, damit sich Haltungen und Strukturen überhaupt verändern können?

  2. Liebe doro44, danke für den Kommentar!
    „Angebote“ und „Haltung“ liegen natürlich oft nah beieinander bzw. gehen oft einher. Mir geht es aber einfach darum, in Kirchengemienden nicht so sehr von den Angeboten her zu denken. Wenn es zB in einer Gemeinde eine Gruppe mit/für/von Menschen mit Behinderungen gibt, ist das sicherlich gut. Aber es sollte nun nicht jede Gemeinde anfangen, solche Gruppen zu gründen – und darüber vergessen, wie man Gottesdienst, KU, Freizeiten etc. so gestalten kann, dass alle Menschen daran teilnehmen können. Letzteres finde ich persönlich wichtiger.
    Bei den diakonischen Einrichtungen ist es anders. Dort geht es ja gerade um Unterstützungs-Angebote. Aber genau das ist der Unterschied zwischen diak. EInrichtungen und Kirchengemeinden. Und nur wenn es diese Unterschiede gibt, macht es überhaupt Sinn, dass „Kirche“ und „Diakonie“ sich ergänzen..

    1. Vermutlich sind wir einer Meinung. :-) Mit meinem Kommentar wollte ich eigentlich deutlich machen, dass ich viel davon halte, wenn sich z.B. in Kirchengemeinden, die Haltung ändert, Strukturen angepasst werden, und die Wahrnehmung „entdiakonisiert“ wird! Das wäre wunderbar!
      Ich meine mit „Hilfsangeboten“ und Integration, die vielleicht noch nötig ist, auch nicht, dass sich nun wieder „extra“-Gruppen mit/für/von Menschen mit Behinderungen gründen sollten.
      Die Frage ist aber ja, WIE lassen sich Gottesdienst / KU / Freizeiten etc. ganz konkret so gestalten, dass alle Menschen daran teilnehmen können?… Das ist gar nicht so einfach… Und ich denke, im ganz konkreten, eben in der Gemeindegruppe für ALLE, bedarf es eben doch noch – im Kleinen & Konkreten – Hilfsangeboten und Unterstützung, damit es nicht nur ein „nebeneinander“ von Menschen mit und ohne Behinderung ist, sondern ein „miteinander“ und ein aktives Eingebunden sein von allen!
      Aber wenn man diese kleinen, aber notwendigen Hilsangebote beim Planen von Angeboten mitbedenkt (und sei es nur, dass man schwierige Wörter erklärt), dann hätte man ja schon die Struktur verändert…und die eigene Haltung auch.

      PS: Mir fällt noch etwas kritisches ein – und wenn ich die political correctness umgehe, kann ich das ja mal sagen. ;-) …
      Die Haltung kann ja noch so „inklusiv“ sein – ich finde, an gewissen Punkten hat Inklusion Grenzen und die muss man sich vielleicht auch eingestehen. Gibt es überhaupt einen Gottesdienst / KU / Freizeiten etc. der den Bedürfnissen ALLER gerecht wird?… Ich denke z.B. an Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten oder Doppeldiagnosen – zumindest sollte man sich darüber bewusst sein, WIEVIEL Strukturveränderung in der Realität tatsächlich notwendig ist und individuell gucken, ob ein „spezial“-Angebot den Bedürfnissen des Einzelnen nicht doch gerechter wird.
      Ob das jetzt zu „Inklusions-kritisch“ war? ;-)

      1. Konkrete Unterstützung finde ich natürlich sehr gut, und ich habe auch nichts gegen Unterstützunsgangebote! Mir geht es nur darum, dass eine Gemeinde, die überlegt etwas in puncto Inklusion zu tun, erfahrungsgemäß (=nach meiner Bobachtung) ganz schnell in einen „Angebotsmodus“ verfällt. Es wird dann nur noch in „Für“-Angeboten gedacht. Der entscheidende Punkt der Haltung (vor allem einer „Mit“-Haltung) fällt dann leicht hintenüber.

        Ich glaube auch, dass Inklusion Grenzen hat. Auch wenn die Inklusionsidee natürlich ein gewisses utopisches Potenzial hat (das macht ja auch gerden den Charme aus), sollte doch im Blick bleiben, was tatsächlich realistisch ist. Sonst ist gerät sie zu einer rein akademischen Idee – das wäre schade.

        Ich finde deine Anmerkung nicht zu kritisch. Ich denke, dass es genau um solche Fragen geht!

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