Tafelfreude

Vor kurzem erzählte mir ein Jugendreferent, dass bei der Renovierung eines gemeindlichen Jugendzentrums überlegt wurde, den Hauptraum mit einer einzigen langen Tafel auszustatten. Durchgesetzt hatte sich dann schließlich die pragmatische Lösung mit kleinen Einzeltischen. Für ein Jugendzentrum ist solch eine funktionale Betischung (gibt es dieses Wort, oder gibt es nur die klassische „Bestuhlung“?) sicherlich auch angemessen. Bemerkenswert fand ich aber, dass die Tafel-Idee wirklich in der Diskussion war.

Und dann kamen im Gespräch immer mehr Tafel-Erlebnisse auf den Tisch: Bei einer „Nacht der Kirchen“ wurde in einer Kirche vom Altar bis weit hinaus auf die Straße eine Tafel aufgebaut, bei einem Stadtteilfest stand auf der gesperrten Hauptstraße einfach eine lange Tafel, und jeder konnte kommen und etwas mitbringen (das erinnert ja ein bisschen hieran). Tafel wirkt anscheinend.

Und eben das hat mich nachhaltig beschäftigt. Was wirkt? Ich denke, es hat wohl mit den folgenden beiden Aspekten zu tun.

Zunächst: Schon allein das Bild der Tafel hat etwas Faszinierendes. Die einfache Form, das Gemeinsame und – in den meisten Fällen – das Mahl. Ich frage mich, ob die Tafel eigentlich auch ein archetypisches Urbild ist? Es spricht meines Erachtens einiges dafür (aber ich kenne mich zu wenig mit der psychoanalytischen Tradition aus). Jesus hat mit seinen Jüngern wohl nicht an einer Tafel sondern eher in einem Hock-/Sitz-Kreis das letzte Mahl gefeiert, aber Leonardo da Vincis Vorstellung der Abendmahls-Tafel hat Einzug gehalten in unsere kollektive Bilderwelt – und regt immer wieder zur Auseinandersetzung an (wie zum Beispiel diese hier).

Durch die Erzählung des Jugendreferenten ist mir noch etwas Bedeutendes klar geworden: Eine Tafel stellt quasi eine räumliche Intervention dar. Hätte sich das Jugendzentrum tatsächlich für eine Tafel als einziges Möbelstück entschieden, wäre es ein anderes Jugendzentrum. (Innen-)Architektur verändert nicht nur den physischen Raum, auch den Sozialraum.

Vor einiger Zeit war ich in einem Berliner Hotel, in dessen Frühstücksraum eine sehr lange Tafel steht (siehe hier). Wer genau hinschaut, sieht, dass es auch noch Nischen gibt, um nicht gezwungen zu sein, an der Tafel Platz zu nehmen. Für das Hotel ist dies vielleicht einfach nur ein stylisher Akzent, aber mich hatte es trotzdem beeindruckt. Wie ich schon sagte: Tafel wirkt.

Siehe auch meinen Beitrag Diakonische Tische.

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