Erneuerbare Energien

Was kann Menschen trösten? Der Philosoph Wilhelm Schmid führt durch die unterschiedlichen Arten und Weisen des Trostes, in einem Radiobeitrag gestern auf NDR Kultur. Manuskript und Podcast zum Nachlesen und -hören gibt es auf der Seite des Senders (Danke, Susanne!).

Weinen und Lachen, Trostkost (was für ein schönes Wort!) und erotische Lüste, Schreiben oder Musizieren – und noch Vieles mehr bis hin zu den christlichen Kardinaltugenden Glaube, Liebe, Hoffnung: Schmid beschreibt die verschiedensten Arten des Trostes, nennt Beispiele, und ist gleich darauf schon beim nächsten Punkt. Zum Ende des Beitrags zieht Schmid dann das Fazit:

„Die Vielzahl der Trostmöglichkeiten zeigt: Im Grunde steht jedem Menschen in jeder Situation Trost in reichem Maße zur Verfügung. Die Frage ist nur, ob er das auch so wahrnimmt und die Anregungen Anderer dazu aufnimmt. Wenn nicht, kann Trostlosigkeit und Untröstlichkeit die Folge sein“ (S. 6).

Ein anregender Beitrag. Er ist trostvoll, weil es nicht ums Vertrösten geht. Trost hat bei Schmid nichts Infantiles, kein lappidares Es-wird-schon-wieder. Trost ist die Erfahrung, wieder in die eigene Kraft zu kommen, Trost ist Zufuhr von Energie.

„Was auch immer die Gründe im Einzelfall sein mögen, so sind es im Grunde wohl immer energetische Gründe, die das Bedürfnis nach Trost verursachen: Lebenskraft ist abhanden gekommen. Was geschehen ist, kostet Energie, und Trost bewirkt eine neuerliche Zufuhr von Energie, eine Entdeckung neuer Kraft. Wer Trost findet, gewinnt neues Vertrauen in sich und Andere, in das Leben und die Welt“ (S. 3).

Abhanden gekommene Lebenskraft – genau darum geht’s auch in der Diakonie. Das kommt vor allen Phänomenen der Marginalisierung, vor den ganzen Zuschreibungen aufgrund von Diagnostik oder Zielgruppen („für Arme“, „für Suchtkranke“, „für Behinderte“…).

Wenn man Schmids Trost-Arten zusammenzählt, kommt man auf über zwei Dutzend. Diakonie-Mitarbeitende müssten eigentlich Virtuosen des Trostes sein. Ich glaube, dass viele Mitarbeitende auch genau dies sind. Aber ich stelle mir nach der Lektüre des Manuskripts die Frage, ob man in Fortbildungen und Seminaren nicht stärker die Spur verfolgen sollte, dem nachzugehen, was einen selbst tröstet und energetisiert – und welchen Bezug dies zur eigenen Tätigkeit in der Diakonie hat. Diakonie-Mitarbeitende sollen nicht zu Trost-Professionals werden, aber zu trosterfahrenen Energetisierern. Wilhelm Schmid hat mit dem Text im Grunde schon den Ansatz für ein ganzes Curriculum geliefert…

PS: Anscheinend depubliziert der NDR nach 6 Monaten wieder. Nur so als Hinweis…

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