Was ist Diakonie? (#6)

„Was ist die Diakonie?“, so der Titel eines neuen Videos des Diakonie-Bundesverbands zum Selbstverständnis der Diakonie.

Ich gebe zu, dass ich nach dem pathosschwelgenden letzten Diakonie-Video, einem preisgekrönten Fernsehspot, etwas skeptisch war (mein Kommentar dazu hier). Aber dies ist ein gut gemachtes Video. Es kommt recht unaufgeregt daher, läuft nicht in die Falle der Betroffenheitsheischerei, die angedeuteten Hilfeverständnisse – wie begleiten, unterstützen, da sein – sind angemessen und die Menschen, die ihre Statements abgeben, kommen gut rüber. Etwas schade finde ich allerdings, dass zu Beginn des Beitrags die gesellschaftspolitische Dimension der Diakonie zwar genannt wird (auch die Ursachen der Not zu beheben), im Video dann aber gar nicht zu entdecken ist.

Aber zurück zum Titel der Videos: Was ist denn nun Diakonie? Der Beitrag bietet zwei programmatische Sätze zu eben dieser Frage.

Der eine lautet:

„Diakonie ist gelebte Nächstenliebe“ (Statement Stockmeier und Schlusssatz)

Und der andere:

„Diakonie ist die Soziale Arbeit der evangelischen Kirche“ (2’00)

Interessant ist, dass diese beiden Sätze auch programmatisch für die beiden historischen Strömungen der organisierten Diakonie in Deutschland stehen, nämlich der Inneren Mission und dem Evangelischen Hilfswerk (ganz, ganz kurz hier). Das Diakonieverständnis der Inneren Mission setzte bei theologischen Begründungen deutlich auf die Frömmigkeit (dazu passt „gelebte Nächstenliebe“), das Hilfswerk legitimierte sich theologisch über seine Kirchlichkeit. Ich weiß nicht, ob hier bewusst eine historische Anspielung liegen soll, ich vermute es aber eher nicht. Aber es ist trotzdem interessant, wie der Beitrag mit diesen beiden Programm-Aussagen umgeht: „Gelebte Nächstenliebe“ wird in den Vordergrund gestellt, „Soziale Arbeit der Kirche“ wird lediglich einmal genannt.

Das Problem diakonie-theologischer Begründungen via Nächstenliebe ist meines Erachtens, dass Nächstenliebe ohne weitere Einbettung, Abgrenzung und Zuspitzung letztlich ein Alles-und-Nichts-Begriff ist. Ich weiß nicht, ob er wirklich etwas (er)klärt. Ich frage mich auch, ob dies tatsächlich der Wirklichkeit diakonischer Einrichtungen entspricht (sprich: Ist Nächstenliebe wirklich der zentrale Beweggrund der gegenwärtigen Diakonie?), aber das ist Ansichtssache. Zudem: Es geht um das Selbstverständis der Diakonie, also um eine normative Zuspitzung, nicht um eine Selbstbeschreibung. Und ein dreiminütiges Video ist kein theologisches Seminar. Hier steht vielmehr eine positiv besetzte Botschaft im Vordergrund.

Das zweite Identitätsstatement „Diakonie ist die soziale Arbeit der Kirche“ klingt wesentlich nüchterner. Auch hier mag es kritische Stimmen geben, nämlich dass es nur eine funktionale Zuordnung beschreibt (= soziale Arbeit der Kirche) und keine inhaltliche Aussage trifft. Aber in meinen Augen ist der Satz gut, gerade weil er einfach ist. Es ist auch der Satz, der neuerdings immer wieder auf Plakaten und in Broschüren des Diakonie-Bundesverbandes genutzt wird, quasi als „Kurz-und-knapp-Definition“. Außerdem eröffnet er die Möglichkeit, genauer nachzufragen: Was ist denn eigentlich „sozial“, „evangelisch“ oder „Kirche“? Vor diesem Hintergrund ist es allerdings schade, dass dieser Satz im Beitrag genannt wird, Kirche aber faktisch nicht vorkommt.

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