Vier kleine Fragen zu einer großartigen Idee

„Weshalb die Netzwerk-Idee großartig ist (und wieso sie so häufig scheitert)“ – so lautet ein Artikel (auf Grund des Umfangs müsste man eigentlich von einem Artikelchen sprechen) von Hans-Christian Blunk in einer alten brand eins-Ausgabe:

„Die Idee des Netzwerkes ist eine großartige, vielleicht sogar die erfolgversprechendste, was die Zusammenarbeit von Menschen mit unterschiedlichen Talenten, Ideen, Kompetenzen betrifft. […] Leider haben Netzwerke einen kleinen Fehler: Sie funktionieren nur in den seltensten Fällen. Vieles, was sich Netzwerk nennt, ist bei Lichte betrachtet nichts anderes als Subunternehmertum oder verschleierte Akquisition; das meiste bricht früher oder später auseinander oder endet als leere Hülse.“

Als mir dieser Text nun nach Jahren wieder untergekommen ist, war ich überrascht, wie sehr Blunks Hinweise auch auf Vernetzungen in der Diakonie zutreffen zu scheinen. Ich fasse hier einmal die wichtigsten Aussagen von Blunk zusammen (sofern man bei diesem kurzen und knackigen Text überhaupt noch etwas zusammenfassen kann):

  • Oft vernetzen sich die Akteure aufgrund ihrer eigenen Defizitsituation. Man verbündet sich, um den eigenen Mangel zu kompensieren. Aber das reicht nicht. „Weil sich zwei Lahme zusammentun, wird daraus noch kein Fitnessstudio“.
  • Vernetzung muss die Arbeit der Partner transformieren, nicht bloß ergänzen. Durch die Vernetzung entsteht etwas Neues.
  • Vernetzung gelingt nur, wenn die verschiedenen Akteure ein eigenständiges und klares Profil haben. „Deswegen funktionieren Legosteine so wunderbar: Die haben alle ein klares Profil, und wenn man sie zusammensetzt, entsteht etwas ganz Neues daraus“.
  • Vernetzung setzt Respekt vor der Leistung des Anderen voraus – und nicht zu vergessen: auch vor der eigenen! Ansonsten kann es keine gleichberechtigte Partnerschaft geben. Eine ganz entscheidende Voraussetzung für die Arbeit in Netwzerken!
  • Vernetzung bedeutet auch immer, ein Stück der eigenen Souveränität abzugeben. Aber will man das wirklich? Vernetzung widerspricht damit in gewisser Weise einem Entrepreneur-Geist.

Für gemeinwesendiakonisches Engagement können die vier Reflexionsfragen von Hans-Christian Blunk hilfreich sein, mit denen er seinen Zwischenruf zur Netzwerk-Idee beschließt:

  • “ Wer bin ich? Was kann ich? (Mit anderen Worten: Bin ich ein Legostein?)
  • Wer sind die anderen? Was können sie?
  • Was wollen wir mit unserem Netzwerk erreichen? Reagieren wir nur auf Marktgegebenheiten, oder sind wir wirklich auf dem Weg zu etwas Neuem?
  • Was können wir zusammen erreichen? Addieren wir nur unsere Kompetenzen – oder generieren wir echten Mehrwert?“

Hans-Christian Blunk: Weshalb die Netzwerk-Idee großartig ist (und wieso sie so häufig scheitert), brand eins, Jg. 2003, Heft 3. Leider ist der Text nicht mehr im Volltextarchiv von brand eins aufgeführt, man muss also zur Printausgabe greifen.

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2 Kommentare zu „Vier kleine Fragen zu einer großartigen Idee“

  1. Zur Aussage von Blunk:„Weil sich zwei Lahme zusammentun, wird daraus noch kein Fitnessstudio“: Im Prinzip richtig, wenn jedoch einer der beiden den Weg ins Fitnessstudio gefunden hat, kann er dem anderen Lahmen davon erzählen.

  2. Jau, das stimmt natürlich. Und als ich deinen Kommentar gelesen habe, fiel mir dazu das Gedicht von Christian Fürchtegott Gellert ein: „Der Blinde und der Lahme“ (http://de.wikisource.org/wiki/Der_Blinde_und_der_Lahme – schönes Bild dazu hier: http://images.kirche-im-bistum-aachen.de/115124658667516_300.jpg ). Aber dabei wird mir noch einmal deutlich: Tue ich mich zusammen, weil ich meine Defizite ausgleichen will? Oder will ich aus meinen Stärken und den Stärken des anderen etwas ganz Neues machen? Das ist glaube ich der springende Punkt…

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