Das Gesellschaftsbetriebssystem

Welche Auswirkungen hat das Internet auf die diakonische Arbeit? Hat es überhaupt welche? Und wenn ja, welcher Art? Mir geht es jetzt nicht um billige Marketingideen für diakonische Einrichtungen, mir geht es ganz grundsätzlich darum, wie sich durch Internet und Web 2.0 die Gesellschaft verändert – und wie sich dies dann in der Diakonie auswirkt.

Auf der re:publica 11, dem Blogger-Happening, hielt Gunter Dueck einen Vortrag zu genau diesem Thema: Was macht das Internet mit der Gesellschaft? Man kann zwar das Gefühl haben, dass dazu ständig etwas gesagt wird, aber Dueck bringt das Ganze gut und eindrücklich auf den Punkt, sowohl unprätentiös wie auch pathetisch. Gunter Dueck ist Chief Technology Officer bei IBM Deutschland, lesenswert ist seine Kolumne Daily Duecks auf seiner Internetseite SINNRAUM.

Gestern erschien in der Financial Times Deutschland ein Essay von Dueck, in dem er seine Kernthesen noch einmal zusammenfasst, die er auf der re:publica vorgetragen hat. Der dortige Vortrag hat seine Längen und einiges ist redundant, aber ich empfehle die Investition von einer dreiviertel Stunde Zeit und einem guten Glas Rotwein. Logischer Weise gibt es keinerlei diakonische Bezüge, zu denen komme ich dann gleich. Hier nun das Video des Vortrags (los geht’s ab 6:25):

Zu Duecks Grundgedanken: Das Internet ist zum Betriebssystem unserer Gesellschaft geworden. Das heißt: Unsere Vorstellungen von Gesellschaft können nicht mehr losgelöst von diesem Betriebssystem diskutiert werden. Und das heißt auch: Etliches, was früher einmal für einen Menschen wichtig zu wissen, zu erlernen und zu erlangen war, braucht man heute nicht mehr als Einzelner, weil es betriebssystembedingt bereits für alle verfügbar ist.

Das führt – unter anderem – zu Konsequenzen für die Bildung. Es geht in immer stärkerem Maße um Persönlichkeitsbildung. Sie ist das Entscheidende. Das, was man früher einmal „Beruf“ nannte, wird zunehmend unwichtiger, denn im und durch das Internet kann man sich eine ganze Menge selbst aneignen.

„So normale Amateurintelligenz brauchen wir nicht mehr. Das ist im Betriebssystem jetzt schon drin.“ (30’35).

„Was können Sie einem Menschen noch sagen, der zwei Stunden gesurft hat? Fragen Sie sich das mal ganz ernst!“ (24’28).

„Wir müssen dann überlegen, welche Berufe noch übrig bleiben. Das ist die spannende Frage der nächsten Zeit.“ (25’45).

Gesellschaftliche Teilhabe wird sich verändern. Weil sich die Gesellschaft verändert. Während es früher unterschiedliche Interessensgrupen gab – die Bauern, die Beamten, die Arbeiter usw. – gibt es heute nur noch eine grundlegende Unterscheidung: die zwischen „Professionals“ und „Unprofessionals“.

„Was passiert jetzt mit der Welt? Und ich wage mal eine Voraussage, dass die Welt sich scheidet in ‚Professionals‘ und ‚Unprofessionals'“ (28’43).

Die Ersteren sind diejenigen, die über ein adäquates Maß an Persönlichkeitsbildung verfügen und zwei-nullig partizipieren können, die Letzteren sind der übrig gebliebene Rest.

Sollte Dueck recht haben, fordert dies die Diakonie in zwei Punkten besonders heraus. Zum einen: Wenn sich die Art und Weise von gesellschaftlichen Teilhabeprozessen ändert, muss noch einmal sehr grundlegend und sehr radikal gefragt werden, welche substanzielle Aufgabe eigentlich die Diakonie hat. Und zum anderen: Wenn Duecks Unterscheidung von Professionals und Unprofessionals zutrifft (wofür einiges spricht), wird sie eine andere klassische Unterscheidung überlagern, die lange Zeit in der diakonischen Arbeit gegolten hat: die zwischen Helfenden und Geholfenen, zwischen Betreuenden und Betreuten. Denn die Unterteilung in Professioanls und Unprofessionals gilt für die „Klienten“ der Diakonie im gleichen Maße wie für die Mitarbeitenden, sie geht mitten durch beide hindurch. Man kann es bereits seit einiger Zeit beobachten.

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