Der Mythos vom Dritten Sektor (Teil 1)

In der Diakonie gibt es einen gern gepflegten Mythos, zu finden in zahlreichen Imagetexten der Diakonie. Er lautet: Die Diakonie ist eine (zivilgesellschaftliche) Dritt-Sektor-Organisation. Ich halte von dieser Behauptung nicht viel, denn sie trägt nicht viel aus.

Es ist meiner Meinung nach fraglich, ob diakonische Einrichtungen tatsächlich so eindeutig zum Dritten Sektor zählen, wie immer wieder gesagt wird. Der Dritte Sektor ist das Sammelbecken für all die klassischen NGOs und NPOs, die nicht zu den Sektoren Staat und Markt zählen, die sich eben jenseits von Markt und Staat bewegen. Doch diese Sektoren sind längst nicht so klar und eindeutig abzugrenzen, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und bei kaum einer Organisation wird dies so deutlich wie bei einer diakonischen Einrichtung.

Natürlich sind diakonische Organisationen nicht „der Staat“ und auch nicht „der Markt“, aber sie sind eben doch – durch und durch – staatlich und marktlich organisiert. Wenn diakonische Einrichtungen zu einem großen Teil aus Staatstransfers finanziert werden, bestimmte Gesetzesleistungen umsetzen und teilweise sogar einen Versorgungsauftrag haben, sind sie eben keine vom Staat unabhängigen Organisationen (genau dies ist aber Definitionsbestandteil des Dritten Sektors!). Und weiter: Diakonische Einrichtungen agieren auf dem Sozialmarkt, organisieren sich intern marktwirtschaftlich und treten in gegenseitigen Wettbewerb. Die Diakonie ist daher – in ihrer internen Handlunsglogik, in ihren Abhängigkeiten und sogar in ihrem Selbstverständnis – ein Stück Staat und ein Stück Markt. Sie davon ungeachtet als Organisationen jenseits von Markt und Staat dem Dritten Sektor zuzuordnen, ist schon ein gewagtes Unterfangen.

Es gibt einen Ansatz, der tragfähiger ist und vor allem ertragreichere Reflexionen zulässt. Dieser lässt eindeutige sektorale Zuordnungen hinter sich und geht von hybriden Organisationen aus, die verschiedenen Sphären gleichzeitig angehören. In den Sozialwissenschaften wird zunehmend vom Konzept des Hybrids gebraucht gemacht, Hybrid meint:

„Elemente, die ursprünglich mit einer je unterschiedlichen Sphäre assoziiert wurden, verbinden sich miteinander, und zwar innerhalb einer Organisationsform“ (Evers/Ewert 2010: 103).

Bekannt geworden ist der Begriff Hybrid vor allem im Zusammenhang mit Hybrid-Motoren, also bei Autos, die sowohl Verbrennungs- als auch Elektroantrieb besitzen und zwischen beiden, je nach Bedarf, umschalten können. Wenn man dieses Beispiel auf Organisationen im Sozialbereich überträgt bedeutet das: Es gibt Organisationen, die ein Hybrid aus marktlicher, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Handlungslogik darstellen – der Sektor spielt in dieser Perspektive keine große Rolle mehr.

Adalbert Evers, Professor für Dritt-Sektor- und Zivilgesellschaftsforschung an der Universität Gießen, nutzt diese Sichtwiese, um die Eigenarten des sozialen Bereichs zu beschreiben. Evers bezieht sich dabei nicht ausdrücklich auf diakonische Einrichtungen, für sie gilt dies aber meines Erachtens ganz besonders. Diakonie-Organisationen sind dann keine Dritt-Sektor-Organisationen jenseits von Staat und Markt, sondern hybride Gebilde mit sowohl marktlicher, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Handlungslogik.

Im zweiten Teil dieses Beitrags stelle ich zwei einfache Übungen vor, wie diese (neue?) Sichtweise für die Reflexion des diakonischen Selbstverständis genutzt werden kann. Denn leider beraubt sich die Diakonie der eigenen Reflexionsschärfe, wenn sie dem Mythos der Dritt-Sektor-Organisation zu sehr anhängt. Es ist allerdings ein gern gepflegter Mythos. Und so verstrickt sich die Diakonie auch immer mal wieder in einem Zwei-Fronten-Kampf: Auf der einen Seite kämpft sie gegen „den Staat“, auf der anderen Seite gegen „den Markt“. Die Diakonie hält wacker die Stellung dazwischen – mit all den anderen Guten, die weder Staat noch Markt sind – um so ihren Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Armer Krieger Diakonie.

Doch es macht wenig Sinn, die Diakonie immer a priori dem Dritten Sektor zuzuordnen bzw. sie grundsätzlich als zivilgesellschaftlich ausgerichtete Organisation zu sehen – das ist sie auch, aber eben nicht nur. Die Diakonie ist nicht Greenpeace oder Amnesty, die Diakonie besteht aus lauter marktlich-staatlich-zivilgesellschaftlichen Einrichtungen.

Hier noch ein Literaturhinweis: Adalbert Evers/Benjamn Ewert: Hybride Organisationen im Bereich sozialer Dienste. Ein Konzept, sein Hintergrund und seine Implikationen, in: Thomas Klatezki (Hg.): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen, Wiesbaden 2010, 103-128. Und wer lieber schnell Weiterlesen möchte, der sei auf einen einige Jahre älteren Artikel von Adalbert Evers verwiesen, in dem sich auch diese Überlegungen finden (auf englisch).

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