Was ist Diakonie? (#2)

Im Eurodiaconia-Newsletter #76 beschreibt Heather Roy zwei verschiedene Arten von Diakonie, die „Lückenfüller-Diakonie“ und die „Sozialdienstleistungsdiakonie“:

„Was mich vielleicht am meisten beschäftigt hat, war die Frage, ob wir in der Diakonie eine Art „Lückenfüller“ sind, also soziale Dienstleistungen für jene erbringen, die nicht von staatlichen Stellen unterstützt werden, oder, ob wir grundsätzlich Sozialdienstleistungsorganisationen sind, die eine Reihe von Dienstleistungen quer durch das soziale Spektrum erbringen. Offenkundig arbeiten einige unserer Mitglieder mit dem “Lückenfüller”-Ansatz, während andere eher allgemeine Dienstleistungserbringer sind. Keiner der beiden Ansätze ist falsch, beide sind notwendig, und welcher davon zur Anwendung kommt, hängt immer auch von dem Kontext ab, in dem die Mitglieder arbeiten. Das führt uns aber auch wieder zu den noch nicht abgeschlossenen Überlegungen zu den besonderen Merkmalen der Diakonie und wie diese heute zum Ausdruck kommen.“ (Heather Roy, Eurodiaconia-Newsletter #76).

Ja, was ist Diakonie denn nun? Es ist schon merkwürdig, dass über solch eine einfache Frage so gut wie kein Konsens besteht. Natürlich, die vermeintlich einfachen Fragen sind immer die schwierigsten. Die Unterscheidung zieht sich tief hinein ins Mark diakonischer Identitätssuche. Diakonie-Mitarbeiter der Lückenfüllerdiakonie arbeiten mit einem anderen Selbstverständnis als die Dienstleistunsgdiakonie-Mitarbeiter.

Heather Roy hat natürlich recht, dass dies kontextabhängig ist. Aber es drängt sich doch auch irgendwie die Frage auf, ob die Lückenfüller-Diakonie nicht die „eigentliche“, die „richtige“, die „ursprüngliche“ Diakonie ist? Dies kann man auch daran sehen, dass die Frage nach einem möglichen Alleinstellungsmerkmal ausschließlich eine Frage der „Sozialdienstleistungsorganisationen“ ist. Denn in der Lückenfüller-Diakonie ist die Lückenfüllung selbst bereits das Alleinstellungsmerkmal, die Frage stellt sich hier erst gar nicht. Während das Diakonische an der Lückenfüller-Diakonie also schlicht und einfach die Tatsache ist, dass es sie gibt, muss die Dienstleistungs-Diakonie viel stärker begründen, inwiefern sie diakonisch ist.

Allerdings darf man nicht zu dem Schluss kommen, dass die Unterscheidung zwischen Dienstleistungs- und Lückenfüller-Diakonie identisch sei mit der zwischen professionellen und nicht professionellen Arbeitsweisen. Vielmehr geht es hier um die Unterscheidung zwischen refinanzierten und nicht refinanzierten Arbeitsbereichen. Vor längerer Zeit habe  ich mal die Begriffe „Not 1. Klasse“ und „Not 2. Klasse“ gehört (leider habe ich vergessen, von wem das stammt). Das ist natürlich etwas zynisch, aber die Unterscheidung ist nicht falsch. Die „Not 1. Klasse“ ist die refinanzierte Not, also das, worauf diakonische Einrichtungen als „Sozialdienstleistungsorganisationen“ antworten. Für die „Not 2. Klasse“ gibt es dann die „Lückenfüller-Diakonie“.

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Lückenfüller-Diakonie bzw. der Dienstleistungs-Diakonie und den verschiedenen Organisationsformen der Diakonie (siehe meinen Beitrag Die sieben Diakonien)? Könnte man also einfach sagen, die „Not 1. Klasse“ wird von den Komplexeinrichtungen bearbeitet, die „Not 2. Klasse“ von diakonischen Gemeinden? Auf den ersten Blick mögen einem entsprechende Beispiele einfallen, auf den zweiten Blick merkt man aber schnell, dass diese Zuordnung nicht passt, dass das zu kurz gedacht ist. Allerdings rücken die diakonischen Social Business-Organisationen, wie ich sie als eine der sieben Diakonie-Typen beschrieben habe, noch einmal deutlicher ins Zentrum der Betrachtung. Sie setzen ja gerade bei der „Not 2. Klasse“ an.

Und ein letzter Gedanke: Egal wer sich um Lückenfüller-Ansätze und -Angebote kümmert, wichtig ist, den Ressourcen-Einsatz gut im Blick zu haben. Ich meine jetzt weniger Finanzen und Mitarbeiter, ich meine eher Konzepte und Kräfte. Wenn die gesamte Energie absorbiert wird, ist aus der Lücke ein Schwarzes Loch geworden.

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2 Kommentare zu „Was ist Diakonie? (#2)“

  1. Lieber Herr Horstmann,
    wenn wir Diakonie biblisch betrachten, ist weder die „Lückenfüller“- noch die „Dienstleistungs-“ Diakonie Diakonie im Wortsinn; in den einschlägigen Bibelstellen geht es um Diakonia bei Gelegenheit (Barmherziger Samariter, Rede vom Weltgericht) bzw. um Entgrenzung (Einer trage des anderen Last oder Bergpredigt).
    Diakonie in den oben genannten Möglichkeiten entsteht, wenn aus den theologischen Redefiguren Organisationsformen werden: In Apg 6 wird „Denstleistungsdiakonie“ beschrieben!
    Ich denke, dass die Zuordnung der beiden Nöte vielleicht noch stimmen mag, nicht aber die Zuordnung zu den „sieben Diakonien“. Nach meinem Eindruck haben alle (selbst die diakonischen Gemeinschaften und die Hilfswerke) immer beides im Blick. Sicher haben Sie einen Schwerpunkt (am deutlichsten mag dies bei den Hilfswerken sein, die auf Spenden angewiesen sind) – immer aber wird die Arbeit auch geprägt von der Sehnsucht nach dem anderen.
    Viele Grüße
    Ihr Peter Nietzer

  2. Hallo Herr Nietzer,
    Ihre Formulierung von der Sehnsucht nach dem jeweils anderen gefällt mir. Wenn dies für diakonische Arbeit (immer, manchmal,…) zutrifft, ist das doch sehr begrüßenswert, es hält Diakonie (wie auch immer wir sie nun genau verstehen mögen) in einer konstruktiven Spannung.
    Ich habe aber gerade keine Zuordnung zu den unterschiedlichen Diakonie-Formen vorgenommen, wie gesagt: das wäre zu holzschnittartig.
    Man kann aber durchaus Tendenzen beobachten. Diakonische Gemeinden sind von ihrem eigenen Selbstverständnis her keine Sozialdienstleistungsorganisationen – aber man kann beobachten, dass es in vielen Gemeinden eine deutliche Tendenz gibt, auf den Finanzierungszug aufzuspringen (Stichwort: Familienzentren). Und umgekehrt gibt es bei den Komplexeinrichtungen, die sehr stark die refinanzierten Arbeistfelder besetzen, immer wieder „Lückenfüller-Ansätze“ – einerseits, weil sie wie keine andere Diakonie-Form die finanzielle Kraft dazu haben, andererseits, weil sie sich darüber auch neue Bereiche erschließen können, die durch ihr Engagement vielleicht in Zukunft refinanziert werden. Man findet wohl beide Selbstverständnisse – denn das sind die „Lückenfüller“- und die „Sozialdienstleistungsorganisation“-Diakonie ja – bei den unterschiedlichen Diakonie-Formen. Allerdings würde ich hier die Ausnahme machen, dass kommunitäre Basisgemeinschaften wohl so gut wie gar nicht an refinanzierten Bereichen teilhaben (oder?) und auch die diakonischen Social Business-Organisationen vorallem durch die „Not 2. Klasse“ auf den Plan gerufen werden (wie ja schon im Beitrag erwähnt). – Herzlichen Gruß .MH..

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