Sieben Leitfragen zur Profilierung diakonischer Gemeinden

Viele Kirchengemeinden sind diakonisch aktiv. Schön (und) anspruchsvoll. Daher tut es gut, immer einmal wieder innezuhalten und sich gemeinsam zu fragen: Wie und warum machen wir eigentlich das, was wir tun?

Mit den folgenden sieben Fragen lässt sich das diakonische Engagement in Kirchengemeinden gut reflektieren. Jede Frage zielt dabei auf eine wichtige Leitunterscheidung, um den Charakter des diakonischen Engagements zu klären und zu verdeutlichen. Es geht darum zu prüfen: Was verstehen wir eigentlich unter diakonischem Engagement, was wollen wir damit – und wie stellt es sich tatsächlich bei uns dar?

Diakonie als Ausdruck des Evangeliums oder als Abholer zum Evangelium? Als erstes die wohl klassischste aller Fragen in diesem Zusammenhang: Was ist das Christliche an dem diakonischen Engagement? Zeigt es sich gerade darin, dass es dieses diakonische Engagement gibt oder gibt es dieses diakonische Engagement, weil damit für den Glauben geworben werden soll?

Hilfsangebote machen oder Beteiligungsmöglichkeiten bieten? Geht es darum, konkrete Hilfen anzubieten (Tafel, Kleiderkammer, Besuchsdienst, Hausaufgabenhilfe etc.) oder sollen Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden (beispielsweise die Mitarbeit beim Tafelprojekt oder der Lektorendienst mit vorausgegangenem Sprechtraining)?

Armuts-Angebote oder „Armuts-Mainstreaming“? Eine ähnliche Frage wie die vorherige, aber etwas anders akzentuiert. Diakonie wird oft als „Aktion“ verstanden. Die Gemeinde macht dann Angebote für „die Armen“. Die entsprechende Grundfrage lautet aus dieser Perspektive: Welche Hilfen können wir für Bedürftige in unserer Gemeinde oder unserem Stadtteil anbieten? Diakonie kann aber auch als die Ermöglichung von Teilhabe verstanden werden. Dann geht es weniger um „Aktionen“ und es stehen nicht so sehr die einzelnen Hilfsangebote im Fokus. Ähnlich wie beim Gender-Mainstreaming müsste es dann so etwas wie ein „Armuts-Mainstreaming“ geben: Wie sehen unsere (bestehenden) Angebote in den Augen von Menschen mit wenig Geld aus? Wie müssen sie gestaltet werden, dass diese Menschen daran möglichst „barrierefrei“ teilnehmen können? (Zum Beispiel: Warum kostet das Stückchen Kuchen beim Gemeindefest eigentlich etwas, wenn der Kuchen doch von Gemeindemitgliedern gespendet worden ist?!)

Zielgruppenspezifische oder zielgruppenübergreifende Ansätze? Viele Angebote in der Kirchengemeinde richten sich an konkrete Zielgruppen. Das gilt beim diakonischen Engagement erst recht. Aber auch zielgruppenübergreifende Ansätze sind möglich. Ersteres ist oft besser zu managen (und manchmal auch wesentlich effektiver), aber leider auch schnell stigmatisierend. Letzters ist oft gewollt, aber schwieriger zu realisieren.

Sind die Hilfeempfänger bedürftige Menschen im Stadtteil oder Menschen in einem bedürftigen Stadtteil? Bei dieser Frage geht es darum, wie die „Nutzer“ von diakonischen Angeboten in der Gemeinde gesehen werden: Sind es die „Marginalisierten“ und „Mangelwesen“ des Stadtteils? Oder sind es Stadtteilbewohner, wie die anderen Gemeinedemitglieder auch (dies ist eine der wenigen, aber bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen den „Kerngemeinde-Mitgliedern“ und „den Anderen“!)?

Eigene Kenntnis der Not oder Konfrontation mit bisher nicht wahrgenommener Not? Wie kommt eine Kirchengemeinde zu ihrem diakonischen Engagement? In den meisten Fällen möchte sie Notlagen begegnen, mit denen sie konfrontiert wird (manchmal sind diese Notlagen nicht zu übersehen und liegen direkt vor der Tür, manchmal müssen sie auch erst bewusst gesucht werden). Ein anderer Ansatz geht von den eigenen Nöten in der Kirchenegemeinde aus, die dazu führen, dass die Kirchengemeinde sich diakonisch engagiert (zum Beispiel eine Depressions-Selbsthilfegruppe von Gemeindemitgliedern, ein bestehender Senioren-Besuchsdienst, der im Laufe der Zeit über die Grenzen der Gemeindemitglieder ausgeweitet wird etc.).

Engagement nach innen oder nach außen diakonisch? Abschließend noch eine Leitfrage, die in der Praxis diakonischer Kirchengemeinden wahrscheinlich eher unüblich ist: Ist mit Diakonie eine Außen- oder vielleicht auch eine Innendimension der Gemeinde gemeint? Grundsätzlich wird unter Diakonie immer das verstanden, was die Gemeinde nach „Außen“ hin tut. Ein anderes Verständnis geht davon aus, dass Diakonie das ist, wie sich eine Gemeinde in ihrem Inneren selbst verhält. Das erste ist nach außen gerichtete Aktivität, das zweite ist ein innergemeindliches Gestaltungsprinzip.

Die jeweiligen beschrieben Alternativen der sieben Fragen sind nicht „richtig“ oder „falsch“. Sie können aber – im ganz konkreten Kontext vor Ort – mal besser und mal schlechter sein. Dies gilt es herauszufinden. Und das ist sehr viel wert.

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