Drei Herausforderungen

Im letzen Frühjahr veranstaltete die Evangelische Akademie Loccum eine Tagung zur „Diakonie zwischen Anspruch und Systemzwängen“. Soeben ist die Dokumentation erschienen. Die verschiedenen Vorträge fragten in unterschiedlichen Facetten nach dem „diakonischen Mehrwert“ (diese Formulierung scheint den leidlichen Begriff des „diakonischen Profils“ abzulösen – dem gehe ich demnächst noch etwas genauer nach). Eine konkrete Beschreibung dieses Mehrwerts konnte ich dann aber nicht finden. Dies deckt sich anscheinend mit den Eindrücken der Tagungsteilnehmer: „Aber an dem Punkt, was der Markenkern sein könnte, was die Wertorientierung, das Alleinstellungsmerkmal für die Diakonie ist, sind wir nicht wirklich zu Ergebnissen gekommen“ (Ingo Dreyer/Johannes Goldenstein, S. 112).

Diese Aussage ist insofern erfreulich, da sie ehrlich ist. Die bloße Behauptung eines „diakonischen Profils“ ist intellektuell unterfordernder als das Eingeständnis, wie schwierig es ist, das „Eigentliche“ der diakonischen Einrichtungen konkret zu beschreiben und zu benennen. Und vor allem: Wenn das „diakonische Profil“ oder der „diakonische Mehrwert“ behauptet, aber nicht erlebt wird, hat dies bei den Mitarbeitenden verherrende Folgen. Dass es tatsächlich etwas „Diakonisches“ in der organisierten Diakonie gibt, wird von vielen Mitarbeitenden bereits nicht mehr geglaubt.

Was ich an den Diskussionsergebnissen in der besagten Dokumentation aber für beachtenswert halte – neben der Ehrlichkeit der Aussage – , ist die Formulierung von drei konkreten Herausforderungen. Diese sind nicht neu, aber sie bringen es genau auf den Punkt. Ich möchte jeweils einige Anregungen beisteuern.

  • Die erste Herausforderung ist die „authentische interdisziplinäre Selbstbeschreibung der christlichen Motive für diakonisches Handeln“ (S. 112).

Dies spricht mir aus dem Herzen. Gelingen kann dies eben nur interdisziplinär. Die Theologie hat hier einen wichtigen Beitrag zu leisten – aber eben auch nur einen Beitrag. Es wird zu recht darauf hingewiesen, dass es nicht darum gehen kann, einen theologischen Selbstvergewisswerungsdiskurs zu führen. Dies bedeutet zweierlei: Einmal muss sich die Thelogie in der Diakonie interdisziplinär anschlussfähig machen. Dies kann natürlich am besten durch theologisch qualifizierte Sozialarbeiter und sozialwissenschaftlich qualifizierte Theologen gelingen. Zum anderen muss sich die Theologie in die Diakonie aber auch tatsächlich einbringen. Dass kann sie nur, wenn sie relevant ist. Sie muss nützlich sein.

Mir ist ein weiterer Aspekt wichtig: Ich unterscheide zwischen der Motivation zum diakonischen Handeln und den diakonischen Motiven im Handeln. Zum Ersteren wird ständig etwas gesagt und ist eigentlich schon alles gesagt worden. Belassen wir es also dabei. Interessanter finde ich Letzteres: Gibt es innerhalb des sozialarbeiterischen, pflegerischen, pädagogischen Handeln bestimmte Motive (Essentials?, Prinzipien?), die man als „diakonisch“ bezeichnen kann? Oft wird an dieser Stelle von diakonischen oder christlichen Werten gespochen, aber das trifft es nicht ganz. Einen der wenigen Versuche, solchen „diakonischen Motiven“ auf die Spur zu kommen, bietet das Handbuch „Theologie und soziale Arbeit“. Und in meiner Dissertation versuche ich mich an einer ersten Skizze solcher „diakonischen Motive“ innerhalb der sozialberuflichen Fachlichkeit. Ich werde hieran weiterarbeiten und sie später einmal zur Diskussion stellen.

  • Die zweite Herausforderung: Das Bemühen um die spirituelle Dimension in der Diakonie (S. 113).

Das klingt recht vertraut. Aber dann kommt nicht – wie so oft, zu oft – der Hinweis auf „christliche Rituale“ oder „religiöse Angebote“. Die spirituelle Dimension meint hier – schlicht und einfach, aber äußerst wesentlich – das Gottesverständnis. Am Gottesverständnis entscheidet sich das Wirklichkeitsverständnis des Menschen. Und am Wirklichkeitsverständnis entscheidet sich das Gottesbild. Kurz: Hieran entscheidet sich alles Weitere. Und die Gottesfrage/ Wirklichkeitsverständnisfrage wird (meiner Beobachtung nach) in der Diakonie viel zu selten gestellt. Fragt die Mitarbeitenden ebenso wie die Betreuten nach ihren Gottesverständnissen! Und wie diese mit sozialer Arbeit, mit Fachlichkeit, mit Helfen, mit Geholfenwerden, mit Heilung, mit Verantwortung, mit Weltgestaltung zu tun haben. Das wären wohl die besten „religiösen Angebote“, die man machen kann.

  • Die dritte Herausforderung ist die „permanente Artikulation des gesellschaftlichspolitischen Gestaltungsanspruchs“ (S. 113).

Auch das gefällt mir. Und „Gestaltungsanspruch“ besagt doch, dass die organisierte Diakonie gestalten will. Und nicht bloß „versorgen“. Oder „passgenaue Dienstleistungen“ anbieten. Oder „assistieren“. Oder?

Die drei genannten Herausforderungen mögen vielleicht recht selbstverständlich erscheinen, aber sie treffen genau ins Schwarze. Und zudem stellen sie in meinen Augen drei gute Ansätze dar, den Identitätskern freizulegen.

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